Bodhisattva-Gelübde 2.0

Stephen Batchelor spricht gern von Buddhismus 2.0, den es zu entwickeln gelte 1. Für ihn besteht der Hauptunterschied zu Buddhismus 1.0 darin, dass dieser auf Glaubenssätzen basiere, Buddhismus 2.0 dagegen auf Praxis. Dementsprechend seien die „Vier Edlen Wahrheiten“ nicht als Dogmen zu verstehen, sondern als Anregungen zum Handeln 2. In diesem Geist haben wir versucht, die altehrwürdigen Bodhisattva-Gelübde schlicht und alltagstauglich für unser Leben im 21. Jahrhundert neu zu formulieren, in einer Weise, die nicht mutlos macht angesichts der eigenen Unzulänglichkeit. Der Vortrag von Martine Batchelor, der im vorigen Beitrag vorgestellt wurde, war dabei anregend, vor allem ihre Hinweise, dass wir nicht alles an dem Text wortwörtlich nehmen, sondern ihn als Hilfe verstehen sollten, Offenheit und Mitgefühl in uns wach zu rufen.

  1. etwa in einem Artikel in „Buddhismus aktuell“, 2/2013
  2. s. die Seite „Was ist säkularer Buddhismus?“ auf dieser Website

3 Antworten auf „Bodhisattva-Gelübde 2.0“

  1. Das 21.Jh. stellt Bodhisattvas vor ein noch nie dagewesenes Problem: Man kann nicht mehr einfach „in der Masse untertauchen“ d.h. so tun, als ob man bloß ein lokales biologisches Phänomen ist. David Loy spricht von einer Krise des Buddhismus aufgrund der global-ökologischen Krise des Späten Homo Sapiens (Selbsgenozid durch Vernichtung der Lebensgrundlagen, z.B. Klimadestabilisierung).

    Nicht jede(r) Bodhisattva kann/muß ökologisch „gut“ leben. Z.B. seien dem Dalai Lama seine hohen Emissionsn von fossilem CO2 durch häufige Flugreisen gegönnt/erlaubt. Dies zu kompensieren bräucht es ein zeitgemäßes Sangha…

    David Loy’s „Krise des Buddhismus“ fasse ich in den „Zwei gegenseitig bedingten Hindernissen“ zusammen:
    1) Nicht CO2-negativ, kein Bodhisattva
    2) Nicht CO2-negativ, kein Sangha

    (Hieran muß der säkulare Buddhismus noch kauen, wenn er fit für diese Säkulum sein will. Wo ist unser Vihara?)

  2. Hallo, Martin,
    ich finde Deinen Ansatz sehr wichtig, und er wird noch wichtiger werden. Ich würde es aber noch deutlicher sagen:
    Jede(r) Bodhisattva sollte ökologisch „gut“ leben. Und mit dem Beispiel des Dalai Lama im Blick: Sie/er sollte sich in jedem Fall genau überlegen, ob und wofür sie/er erhöhte CO2 Emissionen etc. produziert, das wäre ein Anfang.
    Ja, das ist ein Thema, an dem wir in Zukunft von uns selbst und anderen gemessen werden werden. Und wenn es die in diesem Sinn zeitgemäße Sangha noch nicht gibt, müssen wir für ihr Wachstum sorgen.
    In diesem Sinne: kannst du ein wenig präzisieren, was du mit den zwei gegenseitig bedingten Hindernissen meist?
    Evamaria

    1. Liebe Evamaria,
      sorry für die folgende späte Reaktion… Ich will hier wirklich 1. nicht als drive-by commenter auftreten 2. Leute finden, die meine schon jahre alte Vision verstehen.

      Aber jetzt ist auch dieser Tag schon wieder vorbei und ich sollte was essen. Und vielleicht sollte ich mich erstmal vorstellen. Möglicherweise haben wir uns in Scheibbs bei den Batchelors schon gesehen.

      Ausserdem bin ich es nicht gewohnt, diese hardcore Sachen auf Deutsch zu erklären. Das übe ich aber demnächst öfter. Bin als typischer Bayer kein Sprachgenie aber neige trotzdem zu Wortgewalt. Ich komme aus dem selben Rupertiwinkel wie Ratzinger, Hitler, oder Th. Bernhard’s Grossvater – und was ich zu sagen habe klingt oft Grössenwahnsinnig und wissenschaftlich arrogant. Ich habe alles in kalter Abstraktion betrachtet und ersonnen – aber mit Erschütterung und Verängstigung beim Betrachten der Denkresultate. Also erstmal nur kurz zum Stand der Dinge in diesem Saeculum: CO2-neutral war gestern (20.Jh). Das ist nicht einfach nur „shallow ecology“ nach Arne Naess. Inzwischen (das Holozän ist mit den Stürmen des Winters 2015/16 offiziell beendet) müssen wir den CO2-Überschuss schnellstens wieder aus Atmosphäre und versauerndem Ozean ziehen. Und das geht technisch simpel durch Humusaufbau mit Holzkohle (Terra Preta ist inzwischen bei Avantgarde Bauern ein Begriff). Wohnt der Bodhisatt(v)a in der Wildnis am Lagerfeuer, braucht er nur die Glut regelmässig zu löschen und zu kompostieren (plus extra Stickstoff vom Urin dazu). Das müssten jetzt 500 Millionen Bodhisattvas machen, plus, auf Fortpflanzung verzichten – und unser Laden wäre rettbar… Es schwant einem hier ein revolutionäres neues Konzept von Bhikkhu/ni: Nicht mehr von der Zivilisation betteln, sondern von der Erde. (Und fleischliche Freuden würde ich erlauben, damit möglichst viele mitmachen.) Dr. Bodhisattva Frankenstein-Gisser hat auch schon Vorschläge zu Roben und Bestattung… (Dieses vielgliedrige Weltrettungsmonster ist ein Grund, warum ich den Buddhismus studiere. Er soll quasi das Gehirn des Monsters werden )

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