Ein persönlicher Exkurs
– von Evamaria Glatz

Ein Versuch, Buddhas Rat an die Kâlâmer zu beherzigen

Eine berühmte Lehrrede des Buddha1 an die Kâlâmer, Bürger der Stadt Kesaputta, enthält die folgenden Schlüsselsätze:

…Geht, Kâlâmer, nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach Tagesmeinungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, nicht nach bloßen Vernunftgründen und logischen Schlüssen, nicht nach erdachten Theorien und bevorzugten Meinungen, nicht nach dem Eindruck persönlicher Vorzüge, nicht nach der Autorität eines Meisters! Wenn ihr aber, Kâlâmer, selber erkennt: ‚diese Dinge sind heilsam, sind untadelig, werden von Verständigen gepriesen, und, wenn ausgeführt und unternommen, führen sie zu Segen und Wohl‘, dann, o Kâlâmer, möget ihr sie euch zu eigen machen…

Die Sutta, und vor allem diese Passage, wird in Kommentaren teils als wichtige „Charta der freien Meinungsbildung“ gewürdigt, teils stark relativiert:

Die Unterweisung der Kâlâmer ist mit Recht dafür berühmt, freies Nachforschen zu ermutigen; der Geist der Sutta kennzeichnet eine Lehre, die von Fanatismus, Bigotterie, Dogmatismus und Intoleranz befreit ist.2

Demgegenüber warnt Bhikku Bodhi vor

…jener unsäglichen alten Neigung, die Buddhalehre gemäß denjenigen Auffassungen zu deuten, die einem selbst genehm sind — oder denjenigen gefallen sollen, denen man predigt…3

Barbara O’Brians ausgewogene Zusammenfassung lautet:  

Das Kâlâma-Sutta ist keineswegs ein Freibrief, zu glauben, was man wolle und zu tun, was einem beliebe. Es liefert aber logische Argumente dafür, dass man Richtigkeit oder Falschheit von Handlungen  nach ihren Ergebnissen beurteilen könne und daran, ob sie Frieden und Glück oder Stress und Not mit sich bringen.4

Ohne die Rede und ihre Kommentare zu kennen, bin ich ihrer Empfehlung gefolgt, als ich vor etwa 17 Jahren begann, Meditation zu üben, Retreats zu besuchen und buddhistische Texte zu lesen. Mit diesem Bericht will ich ein Resümee meiner Erfahrungen auf dieser Reise versuchen, auch darüber, was mir die Lotsen, denen ich begegnet bin, präsentiert und was sie mir vorgelebt haben. Vieles habe ich angenommen, einiges für mich adaptiert, manches verworfen. Dieser Prozess hat mit der ersten Einführung in Meditation begonnen, mich durch all die Jahre begleitet und soll das weiterhin tun.

An einem entspannten, sonnigen Nachmittag am Meer hat mir eine vertraute Freundin erzählt, sie habe ein Buch über Meditation gelesen, das sie sehr beeindruckt hätte.5 Im Gespräch darüber wurde mir klar, wieviel an „informeller“ Meditation seit meiner Kindheit Teil meines Lebens war: beim Betrachten von Wolken oder Felsen, in Gesprächen wie dem, das wir gerade führten, beim Hören von Musik…

Ein Vers aus der „Bergpredigt“ im Neuen Testament der Bibel war uns – aus christlichen Familien stammend –  Anknüpfungspunkt an frühe Erlebnisse von Kontemplation:

Sehet die Lilien auf dem Felde: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst König Salomo in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen.

Kurz darauf einen Einführungskurs in Meditation zu besuchen, war keine logische, sondern eine emotionale Entscheidung, von viel Neugier begleitet.

Bei meinem ersten buddhistischen Lehrer ging ich in eine freundliche und strenge Schule. Er führte damals, 1995, schon seit vielen Jahren Zen-Kurse. Wir saßen in einer großen Gruppe, recht gedrängt, mit den Gesichtern zur Wand. Sehr viel Wert wurde auf die Körperhaltung gelegt; der Meister machte uns klar, dass wir – auch wenn das ein langer Weg sein könnte – das Sitzen im Lotussitz anstreben sollten. Über den Inhalt der Meditation lernte ich:

Du übst Zazen, und das ist alles. Jede einzelne Handlung ist als diese eine Handlung genau diese eine Handlung. Und das ist alles. Shikantaza (übersetzt: Nur sitzen, nichts als Sitzen) bedeutet, mit einem Eimer ohne Boden Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Deine Praxis des Shikantaza darf nicht oberflächlich sein. Du musst bis ans Ende gehen, alles ausschöpfen. Einfach sitzen, bedeutet nicht, einfach nur so herumzusitzen. Dein ganzes Leben muss davon abhängen, dass die Richtung deiner Praxis stimmt. Dein Zazen darf keine halbe Sache sein, kein Mittel zum Zweck. Zazen muss deine Welt sein. Wenn du den Weg bis ganz ans Ende gehst, kehrst du heim an diesen Ort, hier und jetzt, ganz du selbst. Zazen ist einfach nur Zazen. Zazen selbst ist das Ziel, das andere Ufer, Nirwana, der höchste Wert. Es geht nicht darum, zum Buddha zu werden.6

Fremd war mir das, und doch auch nicht. Vom ersten Tag an sprach mich die Atmosphäre zwecklosen Zur-Ruhe-Kommens an, die ich da spürte.

Im Widerspruch dazu standen die strengen Vorgaben bezüglich der Körperhaltung auf dem Kissen. Ungewohnt wie sie war, plagte ich mich damit sehr, und unser Meister war da anspruchsvoll.7 Ich fühlte – intendiert oder nicht – einiges von dem Druck zur Leistung, der mich von Kindheit an in vielen Lebensbereichen begleitete. In seinen schlichten, kurzen Ansprachen wiederum hörte ich Vieles, was mir zusagte: etwa die Selbstverständlichkeit, mit der er uns Laien zutraute, buddhistische Praxis im Alltag zu leben, und vor allem seine strikt agnostische Haltung: über das, was nach dem Tod geschehe, könne er nichts sagen, das habe er noch nicht erlebt. Das hat dazu geführt, dass ich ab diesem Zeitpunkt bis heute dem Thema „Wiedergeburt“ keine Aufmerksamkeit gewidmet habe.

In dem engen Raum, in dem wir dicht an dicht saßen, fühlte ich mich nicht wohl, und bald nach der Einführung blieb ich weg. Meditiert habe ich weiterhin fast täglich, einfach so. Daneben habe ich gelesen, aber nicht klassische, sondern neuere Texte, etwa Shunryu Suzuki’s „Zen-Geist – Anfängergeist“. Ich war Anfängerin und wollte das so lange wie möglich bleiben, die Idee vom frischen, unverfälschten Blick in dieser Phase sprach mich sehr an. Nachdem ich eine ganze Kindheit und Jugend lang Mitglied einer streng reglementierenden Kirche – der katholischen – gewesen war, hatte ich überhaupt keinen Bedarf, einer anderen kirchenähnlichen Organisation beizutreten. Dennoch beschäftigte mich die Frage, ob ich nach einem Lehrer oder einer Lehrerin suchen sollte, aber nicht vordringlich. Bei Suzuki las ich:

Wenn wir Zazen praktizieren, dann praktizieren wir es einfach…ob jemand unsere Praxis unterstützt oder nicht, auch wenn wir schläfrig sind und wir es satt haben.

Selbst wenn ihr Zazen allein ausübt, ohne einen Lehrer, werdet ihr, denke ich, eine Möglichkeit finden, herauszubekommen, ob Eure Praxis angemessen ist oder nicht. Wenn ihr des Sitzens müde seid oder wenn Euch Eure Praxis anekelt, dann solltet Ihr das als Warnzeichen betrachten. Ihr werdet von Eurer Praxis entmutigt, wenn sie idealistisch war…Wenn Eure Praxis recht begierig ist, dann werdet Ihr von ihr entmutigt…Unsere Praxis kann nicht vollkommen sein, aber ohne dadurch entmutigt zu sein, sollten wir sie weiterführen. Das ist das Geheimnis der Praxis.8

Sätze wie diese waren eine Art Anker für mich: so gesehen konnte meine Praxis nicht ganz falsch sein, solange ich daran geduldig festhielt. Die  Lebensnähe der Beispiele in Charlotte Joko Becks „Zen im Alltag“ stellte Verbindungen zwischen Meditationspraxis und meinem täglichen Leben her. Das Bild von dem harten Lager, auf dem man sich einrichten könne, bis der Körper sich dessen Konturen anpasse und es keine Trennung mehr gebe, sprach mich an.9

Gesessen bin ich viel, und – den Instruktionen meines ersten Lehrers folgend – in einer Position, die Muskel und Bänder stark forderte und immer wieder weh tat.

Ein nächstes Retreat habe ich in dem Buddhistischen Zentrum besucht, als dessen Sangha-Mitglied ich mich seitdem fühle. Bis dahin wusste ich noch fast gar nichts über die unterschiedlichen buddhistischen Traditionen, suchte wieder einen Zen-Lehrer aus, und der war noch anspruchsvoller als der erste. Auf die strenge Autorität, der ich mich da gegenübersah,  reagierte ich mit naiver Autoritätsgläubigkeit. In den paar Tagen des Sesshins sah ich mich gezwungen, vor allem den Schmerz zum Meditationsobjekt zu machen. Mein damaliger Lehrer beschreibt das so:

Wenn Schmerzen und Anstrengung an Intensität immer mehr zunehmen, dann verlieren die Gedanken über den Alltag allmählich ganz von alleine ihre Bedeutung. Dann schaffen wir es gar nicht mehr, an die Termine in der nächsten Woche zu denken…Irgendwann lernen wir, den Schmerz kommen und gehen zu lassen, ihn sich selbst zu überlassen…Worum es einzig geht, das ist: in dieser aufrechten Körperhaltung durch die Schmerzen hindurch und über die Schmerzen hinauszugehen.10

Damals habe ich – inmitten von erfahrenen SchülerInnen in „korrekter“ Haltung – immer wieder Minuten gezählt bis zum erlösenden Gongschlag.  Es war eine harte Schule. Empfehlen möchte ich sie nicht – aber es war eben meine.

Natürlich frage ich mich heute, warum ich mir das angetan habe. Eine Antwort ist sicher in meiner recht rigiden und stark leistungsorientierten Erziehung zu finden;  den christlichen Glauben hatte ich schon lange hinter mir gelassen, die Neigung, mich über meine Grenzen hinaus zu fordern, noch lange nicht. Erbarmen hatte ich, wenn überhaupt, mit anderen Menschen, nicht mit mir selber. Dennoch sehe ich diese Phase heute zwar als übertrieben, aber nicht als sinnlos an. Bei jeder Meditationseinheit wurde meine Aufmerksamkeit wieder darauf gestoßen, wie hart zu mir selbst zu sein ich verinnerlicht hatte, und damit auch auf die Frage, ob ich das beibehalten wollte.

Lockergelassen habe ich nicht, und ich lernte mit der Zeit mich mit meiner Haltung auf den Unterschied einzustellen, den es machte, für einen begrenzten Zeitraum zuhause oder bei einem Retreat viele Stunden täglich zu meditieren. Gleichzeitig gewöhnten sich Knie und Hüften durch die ständige Übung. Ich begann, mit der Körperhaltung zu experimentieren; ich versuchte, auf einem Sessel zu sitzen und stellte fest, dass ich auf die Erdung, die durch das Sitzen am Boden entsteht, nicht verzichten mochte. Je besser ich mit der Haltung zurechtkam, desto mehr traten andere Themen in den Vordergrund.

In Texten wie „Das Wunder der Achtsamkeit“  schreibt Thich Nhat Hanh über die beharrliche Übung von Präsenz in der Gegenwart gerade in ganz alltäglichen Lebenssituationen. Ich begann eine Ahnung davon zu entwickeln, was das bedeuten könnte.

Thich Nhat Hanh pflegt besonders Meditation im Gehen, und dazu fand ich eine gute Gelegenheit; im Buddhistischen Zentrum, als dessen Mitglied ich mich fühle, wurden und werden einwöchige Kurse angeboten: den größten Teil des Tages wird schweigend gewandert, morgens und abends gemeinsam gesessen, sprachliche Unterweisungen gibt es nicht. Seit über 10 Jahren nehme ich daran teil; wie spirituelle Praxis und Alltagsaktivitäten sich hier verknüpfen, ist mir recht.

Ich war Zeit meines Lebens politisch aktiv gewesen und wollte das auch bleiben. Die Bücher des US-Amerikaners Claude Anshin Thomas und des Vietnamesen Thich Nhat Hanh, beides Zenmönche, sprachen mich anfangs vor allem deswegen an, weil die beiden –  als Friedensaktivisten –  politische Themen nicht ausklammerten.

Sitzmeditation übte ich weiterhin, zuhause und bei Sesshins der Zen- und der Vipassana-Tradition; den tibetischen Buddhismus habe ich nicht näher kennengelernt. Das Thema Körperhaltung ging ich nun entspannter an, einer Lehrerin folgend, die ich in dieser Zeit kennenlernte:

Versuche eine Haltung mehrmals hintereinander auszuprobieren, statt jedesmal zu wechseln. Falls Du merkst, dass eine Haltung nicht gut für Dich ist, zum Beispiel, wenn du starke Schmerzen in den Knien hast, dann ist es doch nötig, sofort eine andere Position einzunehmen…

Es gibt keine Position, die besser ist als eine andere. Die beste Position ist diejenige, in der Du aufrecht sitzen, bewusst üben und für die Zeitdauer des Übens jeden Tag sitzen kannst…

In der Meditation üben wir, was es heißt, mit einer leisen Entschlossenheit zu sitzen. Wir üben im gegenwärtigen Moment da zu sein, zu merken wann wir es nicht sind und immer wieder zum jetzigen Augenblick zurückzukehren. Wir üben, freundlich mit uns selbst zu sein und unser eigener bester Freund zu sein.11

Persönliche Gespräche mit dieser Lehrerin verliefen unterschiedlich: sie hat mir gesagt, ich solle „den Schmerz umarmen“ – damit war nicht mehr nur körperlicher Schmerz gemeint und dies auch auf meine Nachfrage nicht weiter erklärt. Das hat schon gepasst, so musste ich selber dran arbeiten, und zwar ohne viele Worte. Die Antwort auf meine Frage, ob sie meine, dass buddhistische Praxis ohne LehrerIn möglich sei, hat sie ohne Begründung verweigert; das empfand ich als nicht hilfreich bei meiner Suche. Es hat aber nicht dazu geführt, dass ich – noch immer ohne persönliche/n LehrerIn – aufgegeben hätte.

Möglichkeiten zu Austausch und Feedback hatte ich bei den Sesshins, die ich besuchte. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte mir eine Teilnehmerin, die mir durch ihre zurückhaltende, gesammelte Freundlichkeit  aufgefallen war, dass sie schon mehrmals zu längeren Aufenthalten bei einem Vipassana-Meister in Myanmar gewesen sei; dieser Lehrer sei dafür bekannt, dass er SchülerInnen aus dem Westen schnell zu einem Zustand des Erwachtseins führen könne. Um dieses Thema haben meine Gedanken lange gekreist, ich habe mehrfach nachgefragt und zu verstehen versucht, was meine Kollegin, die für mich persönlich so überzeugend war, bei diesem Lehrer gesucht und gefunden hatte. Das Bild vom entschlossenen Erreichen eines Zieles in der Meditation schien mir ein Widerspruch in sich zu sein, und das hat sich nicht wirklich geändert. Meine Kollegin, die viele Monate im Retreat bei diesem Lehrer verbracht hatte, schilderte eindringlich die differenzierten Stufen des Erwachens, durch die sie von ihm geführt worden sei. Das hätte sie zur „stream entrance“ gebracht, sie hätte eine Art von Heimat gefunden, die sie nie mehr verlieren könne.

In den respektvollen Gesprächen, die wir führten, taten sich tiefe Unterschiede auf. Der Gedanke, eine Heimat endgültig zu finden, war mir fremd und ist es bis heute geblieben. Bei ihrer Erzählung entstand in mir das Bild von Hochleistungssport, zu dem sie – für einen begrenzten Zeitraum – von ihrem Lehrer motiviert und trainiert worden war. Ich stellte mir das persönliche Verhältnis zu einem solchen Lehrer vor, und fand im Internet eine Anleitung, wie eine Schülerin sich während eines „Interviews“ bei ihm verhalten solle.12 Daraus gewann ich den Eindruck, hier bestehe ein großes Autoritäts-Gefälle zwischen Lehrer und Schülerin, und das werde auch gutgeheißen und gefördert.

Die Gespräche halfen mir, meine eigene Einstellung zur Meditation zu klären: ich bleibe gerne Dilettantin.

An Austausch lag mir weiterhin viel. Regelmäßige Gespräche mit der Freundin, mit der zusammen ich den Weg zu buddhistischer Meditation gefunden hatte, halfen mir sehr. Trotz unterschiedlicher Wohnorte hielten wir das Gespräch über unsere Lektüre und unsere Praxis viele Jahre lang bis zu ihrem Tod aufrecht. Wir haben für uns die gemeinsame „Telefonmeditation“ erfunden: zu einem vereinbarten Zeitpunkt setzten wir uns nach einem kurzen Anruf beide auf unsere Kissen und beendeten die Sitzperiode wieder durch ein Telefonat.

Nach mehreren Jahren der Meditationspraxis absolvierte ich einen Ausbildungs-Lehrgang zur MBSR-Trainerin. Mindfulness Based Stress Reduction13, ist ein achtwöchiges Programm, bei dem verschiedene Formen von Meditation in der Gruppe und alleine geübt werden. Ich habe während dieser Ausbildung von kompetenten LehrerInnen viel gelernt, unter anderem über Praxis und Theorie von Stressreduktion, wozu regelmäßiges Sitzen ohne Zweifel beitragen kann.

Ich habe im Anschluss an die Ausbildung fünf oder sechs achtwöchige Kurse gehalten, an denen vorwiegend Frauen teilnahmen. Die Erfahrungen waren gut und manchmal sehr berührend. Ich erhielt positive Rückmeldungen; das Dilemma, das ich schon während der Ausbildung gespürt hatte, bestand aber auch in der konkreten Anwendung weiter: ich konnte mich auf Dauer nicht von der Vorstellung lösen, ich müsste bei den Teilnehmerinnen und mit ihnen gemeinsam bewirken, dass sie gelassener und stressresistenter würden. Der Absichtslosigkeit, die für mich ein Wesensmerkmal von Meditation war und ist, kam immer wieder tatsächlicher oder vermeintlicher Leistungsdruck in die Quere.

Dazu kam die Sache mit dem Geld. Schon in meiner Ausbildungsgruppe hatte ich mich unbeliebt gemacht, als ich davon sprach, ich wollte für meine Kurse nur einen sehr kleinen Betrag verlangen. Mir wurde gesagt, ich würde kollegiale Standards unterlaufen und mir so einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Das machte mich wirklich ratlos, denn genau das wollte ich vermeiden. Die Lehre ist unbezahlbar, dachte ich, eingedenk alter buddhistischer Tradition und einiger mir bekannter MeditationslehrerInnen, die nur um freiwillige Spenden baten.

Auch wenn ich es aufgegeben habe, MBSR-Kurse abzuhalten, habe ich viel aus der Ausbildung mitgenommen. Intensiviert hat sich mein Gefühl für den direkten Zusammenhang von Achtsamkeit und Mitgefühl. Präsenz in der Gegenwart zu kultivieren macht auch wacher für die Befindlichkeit von Mitmenschen, lernte ich. Meine Erfahrung beim gemeinsamen Sitzen bestätigte das; ich stellte fest, dass die Grenzen zwischen mir und anderen Personen ein wenig durchlässiger wurden.

Die Sangha im Buddhistischen Zentrum, das ich mehrmals jährlich besuche, war mir eine Art geistiger Heimat geworden, auch wenn die Menschen wechselten, mit denen ich dort zusammentraf. Das habe ich wohl auch gesucht: einer bestimmten buddhistischen Tradition habe ich mich nie formell angeschlossen.

Vor etwa sechs Jahren fiel mir dann ein Buch in die Hände: Stephen Batchelors „Buddhismus für Ungläubige“. Ich erinnere mich noch an meine Überraschung, dass da einer so unfromm dachte und schrieb, wie ich mich fühlte. Kurz darauf und noch mehrere Male seither konnte ich den Autor gemeinsam mit seiner Frau Martine Batchelor als Leiter eines Retreats erleben.

Dabei ist mir erst einmal zugewachsen, was schon lange fällig war: theoretische Auseinandersetzung mit Teilen von Buddhas Lehre, und zwar in der frühest zugänglichen Form, aus dem Pali-Kanon, eingebettet in Informationen über Voraussetzungen, historischen Hintergrund und spätere Veränderungen. Der kluge, kritische, weltliche Geist Stephen Batchelors, zusammen mit seinem umfangreichen Wissen über asiatische und auch europäische Geistesgeschichte machten das Zuhören und Aufnehmen zur Freude, dazu kamen die lebensnahen, undogmatischen Meditationsanleitungen Martine Batchelors; in ihren Vorträgen verband sie zwanglos Elemente aus verschiedenen buddhistischen Traditionen.

Am meisten spricht mich die Atmosphäre an, die während der Seminare mit den beiden immer wieder entsteht: Konzentriert, aber nicht angespannt. Das Tagesprogramm ist dicht, aber es bietet in gewissem Ausmaß auch die Möglichkeit, die Zeit selbst zu gestalten. Es wird geschwiegen, ohne dass darauf noch extra hingewiesen werden müsste. Beide strahlen sachliche und persönliche Autorität aus, die sie nicht betonen. Es herrscht unaufgeregte Freundlichkeit. Für mich wird hier gezeigt, wie ein „Mittlerer Weg“ aussehen könnte und wie man ihn geht.

Mir meinen eigenen Weg bahnend durch die Fülle buddhistischer Theorie und Praxis habe ich herausgefunden: Ich verstehe mich als Buddhistin, die keiner Schule angehört. Die Lehre des Buddha will ich in der Form näher kennenlernen, wie Stephen Batchelor und andere sachkundige Menschen sie lehren und aus den historischen Umständen ihrer Entstehungszeit erklären. Meine Lehrer wechseln, der Austausch mit Peers und eigene Lektüre sind mir so wichtig wie formelle Anleitung. Die Gewohnheit, täglich in gesammelter und entspannter Haltung zu meditieren, will ich beibehalten und nicht viel über meine Motive dafür nachdenken. Schwerpunkt meiner Praxis ist Zazen. Erleuchtung strebe ich nicht an, metaphysische Fragen wie die nach der Wiedergeburt beschäftigen mich nicht.

Mit dem, was schmerzt, zu leben, möchte ich immer besser lernen. Freundlichkeit mit mir selbst und anderen Menschen möchte ich pflegen.

  1. Kalama – Sutta, s: http://www.palikanon.de/angutt/a03_062-066.html#a_iii66
  2. Aus: Soma Thera: http://www.accesstoinsight.org/lib/authors/soma/wheel008.html, Übersetzung E.G.
  3. s.: http://home.arcor.de/einsicht/bps-essay_09.html
  4. http://buddhism.about.com/od/thetripitaka/a/kalamasutta.htm – Übersetzung E.G.
  5. Es war Charlotte Joko Becks: Zen im Alltag.
  6. Dieser Lehrer unterrichtet bis heute; das Zitat stammt aus einer neuen Rede, nachlesbar unter: http://www.zendowien5.org/
  7. Er ist das heute viel weniger, wie sich auf der oben zitierten Website nachlesen lässt; das mag damit zu tun haben, dass er selbst nach vielen Jahren des Zazen schweren Schaden an seinen Knien genommen hat.
  8. Shunryu Suzuki: Zen-Geist – Anfängergeist, S 75f.
  9. Beck zitiert dies aus: Hubert Benoit, Die Hohe Lehre.
  10. Fumon Nakagawa: Zen- weil wir Menschen sind, S 68f.
  11. http://www.linda-lehrhaupt.com/begleitete-meditationen/sitzmeditation/
  12. Abrufbar als PDF unter: U Pandita Retreat Guidelines
  13. MBSR wurde von dem US-amerikanischen Neurobiologen Jon Kabat-Zinn entwickelt, ursprünglich für chronisch kranke Personen. Näheres unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Achtsamkeitsbasierte_Stressreduktion

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