Blog

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

leider muss ich Euch davon informieren, dass Evamaria einen Schlaganfall erlitten hat. Die Aorta-Dissektion, die diesen verursacht hat, und die Notoperation zum Austausch des betroffenen Stückes der Aorta hat sie mit viel Glück überlebt. Jetzt befindet sie sich schon wieder am Weg der Besserung, ist aber in der Beweglichkeit ihrer linken Körperseite und ihrem Sprechen noch sehr eingeschränkt. Zwar versteht sie quasi alles, tut sich aber noch schwer, die von ihr so geliebten Wörter zu finden. Obwohl es täglich besser wird, fällt sie doch als Hauptautorin dieses Blogs eine Weile lang aus.

Für uns in der Wiener Gruppe ist das eine heftige Erinnerung daran, wie sehr unser Leben permanent auf des Messers Schneide steht. Aber auch eine Inspiration und Ermunterung zur Praxis: Als Evamaria und ich über ihre Erfahrung gesprochen haben, hat sie diese ohne jegliche Mühe beim Sprechen als „unheimlich interessant“ bezeichnet. Das war für mich ein sehr bewegender Moment, das ist gelebtes „Dukkha-Umarmen“!

Auch auf diesem Weg wünsche ich Evamaria schnelle und vollständige Genesung, und fühle mich an der Nase genommen, ihre Online-Abwesenheit durch mehr Beiträge meinerseits ein kleines Bisschen auszugleichen.

Liebe Grüße,
Bernd

Mit.Gefühl beim Essen II
Nichts hindert uns daran, klüger zu werden

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel über Essen gepostet und mich darin für einen moderaten Flexitarismus ausgesprochen, also für eine ausgewogene Mischkost, zu der auch mäßiger Fleischkonsum gehört.

Ich habe meine Meinung geändert und bin zur Veganerin geworden. Mein 14jähriger Enkelsohn Josef hat mich da besonders angeregt. Er hat sich recht umfassend über diverse Pro-und Kontra-Argumente informiert, isst seit etwa einem halben Jahr vegan und arbeitet mit großem Nachdruck daran, sein Umfeld zuhause und in der Schule zu motivieren, seinem Beispiel zu folgen. Für seine skeptischen Eltern hat er Argumente gesammelt, warum das auch in seinem Alter unschädlich sei und er mit einer ausgewogenen Kost auf Pflanzenbasis alle Nährstoffe bekomme, die sein Körper für das Wachstum braucht. Er sucht solide Quellen dafür und bemüht sich um ein möglichst unabhängiges Bild, das auch seine eigenen Erfahrungen einbezieht. Nach seiner Meinung werden in drei Dokumentarfilmen aus den letzten Jahren die Hauptargumente für ein veganes Leben präsentiert.

earthlingsDa ist einmal Earthlings, ein Film von Joaquin Phoenix 1. Dabei geht es darum, dass wir Menschen und alle Tiere, die wir essen, als unterschiedliche, aber gleichberechtigte Wesen die Erde bewohnen und nichts uns das Recht gibt, sie für unsere Zwecke so unbeschreiblich brutal zu behandeln, wie in dem Film an vielen Beispielen gezeigt wird.

Der Film „Forks over Knives“photo2, in dem für eine ausschließlich auf Pflanzen basierende Ernährung eingetreten wird, setzt sich ausführlich mit den gesundheitlichen Auswirkungen der im Westen üblichen „Mischkost“ und deren wahrscheinlichen Auswirkungen auf die Verbreitung zahlreicher Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Arthrose, und einiger Krebsarten auseinander.

Und schließlich der ebenfalls US-amerikanische Dokumentarfilm „Cowspiracy“ 3. Hier geht es ummv5bmtu5nzaymzk1mf5bml5banbnxkftztgwode3njqynte-_v1_ux182_cr00182268_al_ die Belastung der Umwelt durch Massentierhaltung für den menschlichen Verzehr. Es wird argumentiert, dass der Ausstoß von Methangas durch Rinder weit massiver und daher umweltschädlicher sei als jener durch CO2, dass diese Information aber von klassischen Umweltschutzorganisationen möglichst unterdrückt werde, um das Spendenaufkommen für ihre Kampagnen nicht zu gefährden.

Die Argumente dieser drei Filme zusammen haben mich überzeugt. Schaut rein, bildet Euch Eure eigene Meinung!

Evamaria

 

 

 

 

  1. zugänglich in deutscher Sprache auf youtube unter www.earthlings.de
  2. US- amerikanische Website: http://www.forksoverknives.com/ mit näheren Angaben. Der Film ist in der amerikanischen Originalfassung auf netflix zugänglich. Auszüge der deutschen Version „Gabel statt Skalpell“ gibt es auf Youtube, z.B. unter: https://www.youtube.com/watch?v=zHW7nLSOiNI
  3.   http://www.cowspiracy.com/ . Auch diesen Film gibt es in deutscher Sprache auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=HeBM8BcoYgw

Wie alle Wesen verbunden sind

index…du wirst deutlich sehen, dass in diesem Blatt Papier eine Wolke schwebt. Ohne Wolke gibt es keinen Regen; ohne Regen können die Bäume nicht wachsen, und ohne Bäume können wir kein Papier machen. Für das Papier ist die Wolke unverzichtbar. Wenn die Wolke nicht da ist, kann auch das Blatt Papier nicht da sein… Wenn wir in das Blatt Papier noch tiefer hineinsehen, können wir den Sonnenschein darin sehen. Wenn es keinen Sonnenschein gibt, kann der Baum nicht wachsen. Tatsächlich kann dann nichts wachsen. Auch wir können ohne Sonnenschein nicht wachsen. Wir wissen also, dass auch in diesem Blatt Papier Sonnenschein ist. Das Papier und der Sonnenschein sind untrennbar. Und wenn wir weiter schauen, können wir den Holzarbeiter sehen, der den Baum umgeschnitten und ihn zum Sägewerk gebracht hat, damit er in Papier verwandelt wird. Und wir sehen den Weizen. Der Holzarbeiter kann ohne sein tägliches Brot nicht leben, und daher ist der Weizen, der zu seinem Brot geworden ist, auch in diesem Blatt Papier. Und Vater und Mutter des Holzarbeiters sind auch darin… Du kannst kein einziges Ding herausnehmen, das nicht drinnen ist – Zeit, Raum, die Erde, der Regen, die Minerale in der Erde, der Sonnenschein, die Wolke, der Fluss, die Hitze. Alles ko-existiert mit diesem Blatt Papier…So dünn dieses Blatt Papier ist, es enthält alles, was im Universum ist.

aus: Thich Nhat Hanh: The Heart of Understanding

übersetzt von E.G.

Die Piazza von Cres

Cres_Main_PiazzaHier, auf der kroatischen Insel in der nördlichen Adria, kann man trefflich gar nichts tun, und darin übe ich mich gerade wieder. Vormittags und abends sind viele Menschen unterwegs. Fußgänger, Radlerinnen und die Fahrer der kleinen Elektrokarren, mit denen Waren geliefert werden, verständigen sich ohne Verkehrszeichen, indem sie einfach aufpassen und langsamer werden. Aus den vielen Stunden, die ich hier schon müßig bei Kaffee oder Eis gesessen bin, kann ich mich an freundliche kurze Grüße, laute Diskussionen oder auch längere, intensive Gespräche erinnern, an Kinder, die den Erwachsenen zwischen den Beinen herumlaufen oder mit Rädern im Kreis fahren, an viel Gelächter, aber an keinen einzigen Streit. Einmal habe ich die Aufführung einer Commedia dell’arte  hier  miterlebt. Gesprochen wird kroatisch, italienisch, deutsch, englisch und was weiß ich noch alles. Ein paar der vielen Cafes und Restaurants werden vorwiegend von Einheimischen besucht, und in einem Bereich treffen sich Frauen aus der Stadt, von den vielleicht die eine oder andere vorher an den Yogaübungen auf der Hafenmole teilgenommen hat. Es ist ein Wohnzimmer für alle. Was die Menschen tun oder vorhaben, ist leicht zu verstehen: Gemüse, Honig und Olivenöl  kaufen oder verkaufen, den Fischfang des Tages ausladen, das Baby spazierenführen, Marktstände fotografieren, mit dem Fahrrad den Einkauf heimbringen, mit der Aktenmappe ins Rathaus gehen oder mit dem Rucksack in die Schule…hastig sind sie nicht, die Leute hier.

Bevor ich ganz ins Schwärmen gerate, höre ich jetzt auf. Ich mag auch nicht ergründen, warum es hier bei aller Lebendigkeit so ruhig und freundlich zugeht – schließlich bin ich auf Urlaub. Ein paar Tage werde ich die Piazza von Cres noch genießen, und ausdrücken möchte ich: im Grund braucht es nicht so viel für ein gutes Leben miteinander.

Evamaria

 

Wieder mal ein Peer-Retreat

Zum dritten Mal möchten wir ein paar Tage gemeinsam meditieren und über unseren säkular-buddhistischen Weg nachdenken. Gäste sind sehr herzlich willkommen!

Das Retreat findet von 27.- 30. 10. im Buddhistischen Zentrum im niederösterreichischen Scheibbs statt. Anmeldungen bitte über die dortige Website: www.bzs.at

Wir würden uns freuen, die eine Leserin oder den anderen Leser dort persönlich zu treffen!

Evamaria

Wie man sein Karma lenkt
von David Loy

David LoyWas sollen wir mit Karma anfangen1?

Es hat keinen Sinn vorzutäuschen, dass Karma für den Buddhismus unserer Zeit nicht zu einem Problem geworden ist. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind: die meisten von uns wissen nicht recht, wie wir es verstehen sollen. Zusammen mit seinem Zwilling, der Wiedergeburt, war Karma immer ein wesentlicher Teil der buddhistischen Lehre, doch wissen wir nicht, wie buchstabengetreu sie interpretiert werden sollten. Karma wird oft als ein unpersönliches und deterministisches „moralisches Gesetz“ des Universums verstanden und wurde dafür benutzt, Rassismus, Kastenwesen, ökonomische Unterdrückung, angeborene Behinderungen und alles mögliche andere zu rationalisieren. So verstanden rechtfertigt Karma die Autorität politischer Eliten, die ihren Reichtum und ihre Macht also verdient haben müssen, und die Unterordnung derer, die beides nicht haben.

In der Kalama Sutta, die manchmal „die buddhistische Charta freien Forschens“ genannt wird, unterstrich der Buddha die Wichtigkeit intelligenten, prüfenden Zweifels. Er sagte, wir sollten an keine Sache glauben, bevor wir ihre Wahrheit für uns selbst bestätigt hätten. Das legt nahe, dass das buchstabengetreue Akzeptieren von Karma und Wiedergeburt ohne die Frage, was mit ihnen wirklich gemeint sei, bedeuten könnte, sich vom Besten der Tradition zu distanzieren. Das bedeutet nicht, buddhistische Lehren darüber herabzusetzen oder zu verwerfen. Es unterstreicht nur die Notwendigkeit für den modernen Buddhismus, diese Lehren zu hinterfragen.

Eines der grundlegendsten Prinzipien des Buddhismus ist gegenseitige Abhängigkeit, aber ich frage mich, ob uns klar ist, was das im Zusammenhang mit den ursprünglichen Lehren des Buddha bedeutet. Gegenseitige Abhängigkeit bedeutet, dass nichts irgendeine Form von „Selbst-Existenz“ hat, weil es von anderen Dingen abhängt, und so weiter. Alle Dinge entstehen und vergehen entsprechend von Ursachen und Bedingungen. Doch der Buddhismus, so meinen wir, ist der unvermittelten Erfahrung des Shakyamuni Buddha entsprungen, der ein „Erwachter“ wurde, als er unter dem Bodhibaum Nirvana erlangte.

Obwohl wir den hier erwähnten Bericht als gegeben ansehen, gibt es ein Problem damit. Diese Geschichte von der Erleuchtung, wie sie normalerweise erzählt wird, läuft auf einen Mythos von Selbst-Erschaffung hinaus – etwas, was der Buddhismus ablehnt! Wenn die gegenseitige Abhängigkeit aller Dinge für alle Dinge zutrifft, kann die Wahrheit des Buddhismus nicht unabhängig von all den anderen spirituellen Vorstellungen in Zeit und Raum des Buddha (das heißt, dem Indien zur Eisenzeit) ohne jede Beziehung zu ihnen entstanden sein. Statt dessen müssen die Lehren des Shakyamuni als Antwort auf diese Auffassungen verstanden werden, und zwar als eine Antwort, die unvermeidlich viele der spirituellen Vorstellungen, die in dieser Kultur gängig waren, zur Voraussetzung hatte – zum Beispiel die allgemeinen Annahmen über Karma und Wiedergeburt, die sich zu dieser Zeit weithin verbreiteten.

Eine andere grundlegende Lehre des Buddhismus ist die von der Unbeständigkeit, was uns in diesem Kontext daran erinnert, dass hinduistische und buddhistische Auffassungen eine Geschichte haben, dass sie sich mit der Zeit entwickelt haben. In früheren brahmanischen Lehren gab es eine Tendenz, Karma mechanisch und rituell zu verstehen. Ein Opfer auf die richtige Art durchzuführen, sollte ausnahmslos zu den erwünschten Folgen führen. Wenn diese nicht eintraten, wurde entweder ein Irrtum in der Durchführung angenommen oder eine Verzögerung der kausalen Konsequenzen, vielleicht bis in ein kommendes Leben (hier ist Wiedergeburt impliziert). In seiner spirituellen Revolution formte der Buddha diese rituelle Einstellung, die vom Leben das Gewünschte erhalten will, in ein moralisches Prinzip um, indem er den Akzent auf cetana, „Motive“, „Absichten“ richtete. Cetana ist der Schlüssel zum Verständnis des ethischen Zugang zu Karma, den er eröffnete.

Einige Texte des Pali Kanon stützen eine weitgehend deterministische Sichtweise. Zum Beispiel wird in der Culakammavibhanga Sutra (Majjhima Nikaya 135) Karma verwendet, um diverse Unterschiede zwischen Menschen zu erklären, einschließlich körperlicher Erscheinung und ökonomischer Ungleichheit. Es gibt aber auch andere Texte, zum Beispiel die Tittha Sutra (Anguttara Nikaya 3.61), in denen der Buddha darlegt, dass eine solche Sichtweise die Möglichkeit, einem spirituellen Pfad zu folgen, leugnet:

Es gibt Priester und Praktizierende, die an dieser Lehre, dieser Sichtweise festhalten: „Was immer einer Person auch widerfährt – angenehm, schmerzhaft oder weder angenehm noch schmerzhaft – alles ist durch Taten in der Vergangenheit verursacht.“  Ich sagte  zu ihnen: „Wenn das so ist, ist eine Person ein Mörder lebendiger Wesen aufgrund dessen, was in der Vergangenheit getan wurde. Eine Person ist ein Dieb… ein Unkeuscher… ein Lügner… einer, der durch seine Rede Uneinigkeit stiftet… einer, der barsch spricht… ein nutzloser Schwätzer… gierig… bösartig… einer, der an falschen Ansichten festhält, aufgrund dessen, was in der Vergangenheit getan wurde.“ Wenn jemand auf die Sichtweise zurückfällt: was in der Vergangenheit getan wurde, sei wesentlich, Bhikkhus, dann gibt es keinen Wunsch, kein Bemühen [bei dem Gedanken]: „Dieses sollte getan werden. Dieses sollte nicht getan werden.“ Wenn man das, was getan und nicht getan werden sollte, nicht als Wahrheit oder Wirklichkeit bestimmen kann, bleibt man verwirrt und ungeschützt. Man kann sich [dann] selbst nicht mit Recht als einen Praktizierenden bezeichnen.

karmaDer originale Begriff Karma (kamma in Pali) bedeutet im Sanskrit buchstäblich „Handlung“, während vipaka das karmische Ergebnis einer Handlung ist (auch bekannt als ihre phala, „Frucht“). Das weist darauf hin, dass das Wesentliche ist, dass unsere Taten Folgen haben – genauer gesagt, dass unsere moralisch relevanten Taten Folgen haben, die über ihre unmittelbaren Effekte hinausgehen. In den meisten der gängigen Interpretationen ist das Gesetz von Karma und Wiedergeburt eine Möglichkeit, in den Griff zu bekommen, wie die Welt in der Zukunft auf uns einwirken wird, was unmittelbar mit einschließt, dass wir unsere eigene Verantwortung für alles, was uns geschieht, als Folge unserer früheren Taten akzeptieren müssen. „Wenn ich blind geboren bin, nun, das muss meine eigene Schuld sein.“ Das verfehlt die revolutionäre Bedeutung von Buddhas Neuinterpretation.

Man versteht Karma besser als den Schlüssel zu spiritueller Entwicklung: wie unsere Lebenssituation verändert werden kann, indem wir die Motive für unsere Handlungen genau jetzt verändern. Wenn wir die buddhistische Lehre über Nicht-Selbst hinzufügen – modern ausgedrückt, dass die Selbst-Empfindung eines Menschen ein geistiges Konstrukt ist – können wir sehen, dass Karma nicht etwas ist, was das Selbst hat, es ist das, was die Selbst-Empfindung ist, und etwas, was die Selbst-Empfindung entsprechend der bewussten Wahl, die jemand trifft, verändert. „Ich“ (re)konstruiere mich selbst durch das, was „ich“ absichtlich tue, denn „meine“ Selbst-Empfindung ist der Niederschlag gewohnheitsmäßiger Formen des Denkens, Fühlens und Handelns. Genauso wie mein Körper aus der Nahrung zusammengesetzt ist, die ich esse, ist mein Charakter aus bewussten Entscheidungen zusammengesetzt, denn „ich“ bin aus meinen stetig wiederholten geistigen Haltungen aufgebaut. Menschen werden nicht für das „bestraft“ oder „belohnt“, was sie getan haben, sondern für das, was sie geworden sind, und was wir mit Absicht tun, macht uns zu dem, was wir sind. Ein anonymer Vers drückt das gut aus:

Säe einen Gedanken und ernte eine Tat,
säe eine Tat und ernte eine Gewohnheit,
säe eine Gewohnheit und ernte einen Charakter,
säe einen Charakter und ernte ein Schicksal

Was ich tue, ist durch das motiviert, was ich denke. Gezielte Taten, immer wieder wiederholt, werden zu Gewohnheiten. Gewohnheitsmäßige Wege des Denkens, Fühlens, Handelns und Reagierens bauen meine Selbst-Empfindung auf und setzen sie zusammen: die Art von Mensch, der ich bin. Die Art von Mensch, der ich bin, bestimmt nicht vollständig, was mir geschieht, aber sie hat starken Einfluss darauf und auf meine Reaktionen.

Wie der Philosoph Spinoza es im letzten Lehrsatz seiner Ethik ausdrückte: Glück ist nicht die Belohnung für Tugend; Glück ist die Tugend selbst. Wir werden nicht für unsere „Sünden“ bestraft, sondern durch sie.

Eine andere Art Mensch zu werden bedeutet, die Welt auf andere Art zu erfahren. Wenn dein Geist sich ändert, ändert sich die Welt. Und wenn wir anders auf die Welt reagieren, reagiert die Welt anders auf uns. Je mehr ich durch Gier, Übelwollen und Verblendung motiviert bin, desto mehr muss ich die Welt manipulieren, um zu bekommen, was ich will, und infolgedessen fühle ich mich zunehmend entfremdet und andere fühlen sich zunehmend von mir entfremdet, wenn sie sehen, dass sie manipuliert worden sind. Dieses gegenseitige Misstrauen regt beide Seiten zu mehr Manipulation an. Andererseits: je mehr meine Taten durch Großzügigkeit, liebende Güte und die Weisheit der gegenseitigen Abhängigkeit motiviert sind, desto mehr kann ich mich entspannen und der Welt öffnen. Je mehr ich mich als Teil der Welt und wirklich mit anderen verbunden fühle, desto weniger werde ich dazu neigen, andere zu benutzen, und somit werden sie dazu neigen, mir zu vertrauen und sich mir zu öffnen. Wenn ich also meine eigenen Motive verändere, verändert das nicht nur mein eigenes Leben; es betrifft auch die Menschen rund um mich, denn das, was ich bin, ist nicht getrennt von dem, was sie sind.

Karma als Wie-ich-meine-Lebenslage-verändere-indem-ich-meine-Motive-verändere ist keine fatalistische Lehre. Ganz im Gegenteil: eine anregendere spirituelle Lehre ist schwer vorstellbar. Es wird uns nicht gesagt, wir sollten die problematischen Umstände in unserem Leben passiv hinnehmen. Vielmehr werden wir ermutigt, unser spirituelles Leben und unsere Situation in der Welt zu verbessern, indem wir uns diesen Umständen mit Großzügigkeit, liebender Güte und nicht-dualer Weisheit zuwenden.

 

  1. Bei diesem Text handelt es sich um die gekürzte Übersetzung des Kapitels „How to drive your Karma“ aus David Loys Buch: Money Sex War Karma, das 2008  veröffentlicht wurde. Eine deutsche Fassung wird demnächst in der edition steinrich erscheinen. Der vorliegende Text ist noch nicht endredigiert; wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Für die Übersetzung: Evamaria Glatz

Unsere Projekte

In unserer Wiener säkular-buddhistischen Sangha, die langsam, aber stetig wächst, hat sich in den letzten Monaten ein Rhythmus entwickelt, der sich zu bewähren scheint. Wir treffen uns jede Woche zu gemeinsamer Meditation, die die meisten von uns nur ungern versäumen, wenn sie verhindert sind. Danach sprechen wir im Sinn von Jason Siffs Recollective Awareness über unsere Erfahrungen während des Sitzens und versuchen dabei, unsere Fragen an uns selbst und aneinander laufend zu verfeinern. Ein Fragenkatalog, auf den wir vor kurzem aufmerksam gemacht worden sind, soll uns dabei helfen. Er kann auf der Seite „Meditation“ unter „Recollectice Awareness in der Praxis“ nachgelesen werden.
Wir haben begonnen, uns mit Praktizierenden aus anderen Ländern via Skype auszutauschen.
Jede zweite Woche lesen wir Texte, die wir reihum nach eigenem Interesse und Gutdünken auswählen; es kommt auch vor, dass Themen dafür im Gespräch auftauchen. Einiges kommt aus dem Pali-Kanon, aber auch aus anderen buddhistischen oder nicht-buddhistischen Quellen; darüber sprechen wir dann in der Gruppe. Diese Texte veröffentlichen wir hier laufend auf der Seite „Was wir lesen“.

sangha

Wir versuchen, ein entspanntes und dabei konzentriertes Verhältnis zu Lehrerinnen und Lehrern zu pflegen. Lernen ist uns wichtiger als jemandem zu folgen. Laien sind wir alle, und außerdem Dilettantinnen oder auch Amateure  im wörtlichen Sinn – die Freude an der gemeinsamen Sache trägt uns.

Evamaria

 

Über Lernen und Wachsen

Vor kurzem habe ich Toni Innauer im Radio zugehört, einem erfolgreichen ehemaligen österreichischen Skispringer und Trainer:

Ich glaube, dass das im Menschen drinnen liegt, sich entwickeln zu wollen, dazulernen zu wollen, zu wachsen, sich zu verfeinern, sich zu verbessern, nicht nur bankkontomäßig, sondern als wahrnehmendes Wesen, das das Leben bewundert, das Dinge differenzierter zu sehen lernt – das ist ja quasi unlimited.toni innauer

Er setzt heute als Autor und Berater auch auf die Kraft der Meditation.

 

Dinge differenzierter sehen zu lernen –  ist das nicht eine vereinfachte Kurzformel, eine Art Überschrift für das, worum es in der Satipatthana Sutta geht1?

In unserer Wiener Sangha stützen wir uns schon seit geraumer Zeit beim Meditieren auf „Recollective Awareness“2 als wirkungsvolles Hilfsmittel bei der meditativen Übung, die Dinge differenzierter sehen zu lernen. Wir haben es mit und ohne Jason Siffs Unterstützung angewandt3. Ein Thema, das dabei immer wieder auftaucht und vor allem mich beschäftigt, seit ich zu meditieren begonnen habe, ist: brauchen wir für diesen Prozess innerer Verfeinerung einen Lehrer, eine Lehrerin? Geprägt von Erfahrungen mit hochgestellten Personen, die uns in religiösen Fragen erklärten, wo es langgeht, und die wir oft auch noch als persönlich wenig überzeugend erlebten, sind viele von uns gebrannte Kinder.

Gautama hat uns als drei Juwelen für unsere Zuflucht sich selbst, den Dharma und die Sangha ans Herz gelegt – von anderen Lehrern ist da nicht die Rede. Und da fällt mir auch gleich wieder die Kalama Sutta ein mit ihrem klaren Bekenntnis zum Vertrauen auf die Kraft des eigenen Urteils, das höher einzuschätzen sei als die Lehren aller Weisen.

meditationskissenErfahrungen bei der schriftlichen und mündlichen Auseinandersetzung mit Meditationsinhalten und vor allem im Austausch darüber haben mich in den letzten Jahren in der Praxis bestärkt, vor allem von und in unserer Sangha und von mir selbst zu lernen und mir Anregungen durch Lesen und den Besuch von Retreats zu holen, ohne mich der Führung durch eine Person anzuvertrauen. Das ist fast zu einer Überzeugung geworden, die ich nicht selten mir selbst und anderen präsentiert habe.

Na ja, mit Überzeugungen ist es so eine Sache, wie wir mittlerweile wissen. Gespräche mit einer Dharmafreundin haben mich zum Nachdenken gebracht. Gerade jetzt nimmt sie an einem Retreat teil, das von einem bekannten Schüler des noch bekannteren Lehrers der Theravadaschule, U Pandita, geleitet wird.

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Mit U Pandita und seiner Arbeitsweise habe ich mich in meinem recht kompromisslosen Streben nach Unabhängigkeit schon vor Jahren beschäftigt4. Mehrere Gespräche mit einer anderen Dharmafreundin, die monatelang durch seine strenge Schule gegangen ist, boten mir die Möglichkeit dazu. Er – der vor kurzem verstorben ist – stand im Ruf, in dem von ihm geleiteten Kloster in Myanmar vor allem Praktizierende aus dem Westen schnell zu Erfahrungen des Erwachens zu führen. Das hat mich zu Widerspruch gereizt, weil ich mir sagte, dass mein Ziel nicht darin bestünde, sondern in der Verfeinerung aller Aspekte meiner Wahrnehmungen im Alltag. Es gibt im Internet einen Text zur Anleitung für Übende, wie sie sich beim Interview mit diesem Lehrer verhalten sollten5.  Für mich spricht daraus viel Erfahrung und echtes Engagement. Ich möchte ihn hier als Beispiel für die Frage, die mich umtreibt, zitieren, und zwar eine Schlüsselstelle, über die ich nicht nur einmal  gestolpert bin:

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Ich würde heute immer noch sagen: das steht im Gegensatz zu Jason Siffs Ansatz der Recollective Awareness. Jason würde vielleicht sagen: wenn du während der Meditation mit dir selbst zufrieden bist, nimm das in allen Aspekten wahr, und wenn du faul bist, ebenso. Halt es fest, wenn möglich schriftlich, und geh ihm bis in die Einzelheiten deiner Empfindungen nach. Vielleicht bringt dich das nicht schnell zu Erlebnissen des Erwachens, aber möglicherweise lernst du dich auf diese Weise besser kennen.

Das ist also so etwas wie eine Überzeugung – da bin ich wieder bei meinem alten Thema. Die Freundin, die sich gerade einem Retreat mit derart strengen Richtlinien stellt, hat mir den Satz hinterlassen: What you resist will persist. Wer sich nicht führen lassen will, muss sich lang und ausführlich mit dem Thema Führung auseinandersetzen.

Also tue ich das. Ich bin auf die Erinnerungen der bekannten Vipassana-Lehrerin und Autorin Sharon Salzberg gestoßen, die auch U Panditas Schülerin war6. Sie beschreibt, wie sie, detailliert vorbereitet über ihre Erfahrungen bei der Sitz- und Gehmeditation, zum Interview mit dem Meister gekommen sei. Der hätte gesagt: Lass das weg und erzähl mir, was du wahrgenommen hast, als du deine Schuhe angezogen hast. Sie hatte keine Ahnung. Beim nächsten Mal wusste sie es, aber er fragte nach den Erfahrungen beim Waschen ihres Gesichts. Und so ging es weiter – bei jedem Interview überraschte er sie mit anderen Fragen. Sie begann also, Achtsamkeit in all ihren Aktivitäten zu üben und entdeckte, dass sich ihr in dem Moment, da sie ihren Widerstand gegen diese Kontinuität von Achtsamkeit aufgab, ein tiefes und neues Verständnis von Meditation erschloss. U Panditas Präzision und Intensität hätten ihren Einsatz auf eine völlig neue Ebene gehoben, schreibt sie.

Da hat wohl ein Lehrer eine Schülerin geführt, und es hat sie weitergebracht; langsam fange ich an, meine „Überzeugung“ zu relativieren und darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen es passen könnte, sich einer Lehrerin oder einem Lehrer anzuvertrauen. Für Menschen, die mit der Meditation beginnen, wird es ohne Anleitung und Struktur kaum gehen. In der zeitlich begrenzten Situation eines Retreats lässt sich ausprobieren, was es mit einem macht, sich auf einen Lehrer oder eine Lehrerin einzulassen – wieviel frau oder man stillschweigend annehmen kann, ohne mit dem eigenen wachen Geist in Konflikt zu geraten. Da kann tragfähiges Vertrauen entstehen.

Meine große Vorsicht in diesem Punkt hat wohl auch damit zu tun, dass ich denke: es gibt nicht so viele gute Lehrer, sowohl in der buddhistischen Welt als auch überhaupt. Dazu braucht es wegen der großen Wirkung des persönlichen Vorbilds ein hohes Maß an Integrität und die uneigennützige Haltung, Menschen beim Lernen und Wachsen zu unterstützen. Sokrates hat das mit der Kunst von Hebammen verglichen: Neuem auf den Weg zu verhelfen, das bereits in Menschen gewachsen ist und ans Tageslicht geholt werden kann.

Evamaria

 

 

  1. Mit dieser grundlegenden Lehrrede des Buddha zur Meditation haben wir uns in den letzten Monaten ausführlich beschäftigt – s. die Zusammenfassung auf der Seite „Was wir lesen“ und Winton Higgins Text: Was hat Recollective Awareness mit der Satipatthana Sutta zu tun? in diesem Blog
  2. „nachvollziehendes Bewusstmachen“ wäre vielleicht die treffendste Übersetzung
  3. Wie hier schon mehrfach vorgestellt, liegt der Kern dieses von Jason Siff entwickelten Zugangs zur Meditation darin, ohne alle Vorgaben einfach zu beobachten, was innerlich geschieht und es sich währenddessen oder danach bewusst zu machen – s. den Beitrag „Das Meditieren entlernen“ unter „Meditation“
  4. ein Interview mit ihm, in dem er über seine Arbeitsweise spricht, findet sich unter: http://www.frankzechner.at/menu/download/texte_pdf/interviews/00_interview_zechner_u_pandita.pdf
  5. http://www.mlausa.org/docs/pandita_retreat_guidelines.pdf
  6. http://www.sharonsalzberg.com/influences/

Der rechte Einsatz in Theorie und Praxis
Retreat mit Martine und Stephen Batchelor

Martine und Stephen Batchelor sind auch heuer für ein säkular-buddhistisches Retreat ins Buddhistische Zentrum nach Scheibbs gekommen, und dazu etwa 25 Frauen und Männer, die ihnen zuhören, miteinander meditieren, sprechen und schweigen wollen.

Am Anfang kam die Frage, an welchen Themen uns Teilnehmerinnen und Teilnehmern gelegen sei. Beide haben den Begriff  „right effort“ aufgegriffen, der rechte Einsatz 1, ein Teil des „achtfachen Pfades“,  den zu gehen Buddha uns nahelegt.

Martine, von der immer die praxisnahen Anleitungen für die Meditation kommen, empfiehlt uns, „effort“ nicht mit „effect“ zu verknüpfen. Beim Einsatz solle nicht sein Effekt im Vordergrund stehen, sondern – wie bei jeder Übung von Achtsamkeit in der Meditation oder außerhalb – gehe es um das Kultivieren dessen, was heilsam ist und uns gut tut; das könne auch sehr entspannend und freudvoll sein. Ohne Vergleiche anzustellen, können wir uns den Einsatz anderer Menschen und unseren eigenen Einsatz durch Mudita, Mitfreude, bewusster machen und ihn so kultivieren. Der Maßstab für unsere Praxis sei jedenfalls einzig, ob sie uns helfe, in unserem Alltag gut zu leben.

Auch Stephen spricht über den rechten Einsatz. Er erinnert uns daran, dass der Begriff „effort“ landläufig mit heftiger Anstrengung bei zusammengebissenen Zähnen assoziiert werde. Für unsere Zwecke gehe es aber darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Weisheit und Mitgefühl natürlich entstehen und wachsen können.
Buddha spricht von vier Formen von Einsatz:

Fördere in dir den Wunsch, nicht entstandene reaktive Zustände zu vermeiden.
Fördere den Wunsch, entstandene reaktive Zustände loszulassen.
Fördere den Wunsch, heilsame Zustände, die noch nicht da sind, entstehen zu lassen.
Fördere den Wunsch, heilsame Zustände, die schon da sind, aufrechtzuerhalten und auszudehnen.

Dabei sollten wir nichts unterdrücken, sondern uns Bedingungen  schaffen, in denen reaktives Verhalten 2 unwahrscheinlicher wird. Reaktives Verhalten loszulassen könne in vielen Fällen einfach darin bestehen, gar nichts zu tun 3.

Das klinge einleuchtend, sagt Stephen, aber immer noch recht abstrakt. Um es konkreter zu machen, zitiert er ausführlich den indischen Mönch Shantideva, der im 7. und 8. Jahrhundert u. Z. gelebt hat. Dessen „Führer für das Leben eines Bodhisattva“ hat Stephen vor vielen Jahren aus dem Tibetischen ins Englische übersetzt 4. In einem Kapitel geht es auch hier um den rechten Einsatz. Stephen spricht dabei lieber von „enthusiasm“ als von „effort“. Es geht ihm hier wie Shantideva vor allem um eines: was uns Freude macht, strengt uns nicht an, und das sollten wir kultivieren.

Shantideva erinnert seine Leser an ihre Sterblichkeit. Unter diesem Aspekt sei die einzig wichtige Frage, worum es uns im Leben wirklich gehe. Sie sei Voraussetzung dafür, Enthusiasmus für das zu entwickeln, wozu wir uns berufen fühlten – und das habe dann nichts mit zusammengebissenen Zähnen zu tun, ergänzt Stephen. Wenn uns das gelinge, käme alles weitere von selbst: das Selbstbewusstsein, das aus der übernommenen Aufgabe entsteht, die Freude daran und schließlich auch das Wissen darüber, wann es notwendig sei, auszuruhen 5. Shantideva schreibt: wir sollten praktizieren wie Kinder, die zum Spielen nach draußen gehen.

spielende Kinder

Stephen zieht Parallelen zwischen den oben beschriebenen vier Formen von Einsatz und den vier Aufgaben, vor die Buddha uns stellt:

  1. Bedingungen herzustellen, unter denen reaktives Verhalten nicht entsteht, korrespondiere mit dem Umarmen von dukkha, der conditio humana
  2. um das Loslassen reaktiver Zustände gehe es hier wie dort
  3. Bedingungen zu schaffen, unter denen heilsame Zustände entstehen können, entspreche der Erfahrung dessen, dass Reaktivität aufhört
  4. heilsame Zustände aufrechtzuerhalten entspreche dem Kultivieren des Pfades

In diesem Zusammenhang spricht Stephen ausführlich über Nirvana. Obwohl es in anderer Bedeutung in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen sei, sei es nach seiner Interpretation ein Zustand, den wir alle kennen.
Er zitiert aus einem Gespräch zwischen Buddha und dem Wandermönch Sivaka, der ihm die Frage stellt: Was meinst du damit, der Dharma sei hier und jetzt sichtbar, zeitlos, einladend, sachdienlich und für weise Menschen umsetzbar? Buddha antwortet mit einer Gegenfrage: Erkennst du in dir Gier, Hass, Verblendung, wenn sie auftreten? Erkennst du auch Zustände, wenn Gier, Hass, Verblendung nicht vorhanden sind? Sivaka beantwortet alle Fragen mit Ja6. Diese freien und offenen Zustände, in denen wir nicht von etwas getrieben sind, was wir dringend zu brauchen meinen, nennt Stephen Nirvana.

Nun, in diesem Sinn haben wir beim Retreat versucht, die heilsamen Bedingungen in uns und um uns zu fördern und die anderen zu reduzieren. Zur Pflege des einladenden Hauses beizutragen, uns an die Regeln zu halten, die es uns leichter machen sollen, auf begrenztem Raum gut zusammenzuleben, freundlich zu sein und einander nicht zu stören, auch wenn uns eine oder einer durch irgendetwas auf die Nerven geht, und uns beim Anstellen um das gute Essen nicht auf einen vorderen Platz zu drängeln. Das ist manchmal besser, manchmal weniger gut gelungen.
In diesen Tagen hat es einige Momente für mich gegeben, in denen es einfach gepasst hat.
mit Dank an Martine und Stephen,
an Mathias und alle, die in und an diesem Hauses arbeiten
und an unsere Sangha, in der ich zuhause war
Evamaria

 

 

 

 

  1. Diese Übersetzung von „sammā vāyāma“, engl. „right effort“ finde ich besser als Anstrengung“, „Bemühen“, oder auch „Streben“
  2. mit „reaktivem Verhalten“  ist einfach gemeint: sich in schwierigen Situationen ohne nachzudenken blindlings in Reaktionen nach eingefahrenen Mustern zu stürzen
  3. Samyutta Nikaya, Maggasamyutta 8
  4. s.: http://server.dream-fusion.net/jamchen/files/PDF%20Files/19361420-A-Guide-to-the-Bodhisattvas-Way-of-Life.pdf.  Zum Nachlesen auf deutsch: Der Weg des Lebens zur Erleuchtung: Das Bodhicaryavatara von Shantideva, übersetzt von Ernst Steinkellner, erschienen in Diederichs Gelber Reihe. Eine andere – allerdings unvollständige – Übersetzung findet sich im Internet auf: www.berzinarchives.com/
  5. eine etwas genauere Darstellung von Shantidevas Worten dazu findet sich in unserem früheren Blog-Eintrag mit dem Titel: Stephen Batchelor über Shantidevas „Weg des Bodhisattva“
  6. Sanditthika Sutta, AN 6.47, http://www.accesstoinsight.org/tipitaka/an/an06/an06.047.than.html

„Erwachen“ – Hat das etwas mit mir zu tun?
Über Richard P. Boyles Buch: Realizing Awakened Consciousness

Als ich im Internet auf dieses relativ neue Buch gestoßen bin 1, war ich mehr als skeptisch. Da lassen sich Dharmalehrerinnen und -lehrer über ihre Erwachenserlebnisse interviewen? Traditiongemäß sind das doch Erfahrungen, die frau oder man für sich behält, wenn sie  stattgefunden haben – darüber spricht man unter Buddhistinnen und Buddhisten nicht, zu groß scheint die Gefahr, sich ihrer zu rühmen, oder auch, den Eindruck zu erzeugen, es wäre nun ein endgültiger Zustand von Heiligmäßigkeit erreicht.
Dann hat doch meine Neugier die Oberhand gewonnen, vor allem angesichts der Menge an prominenten Interviewparterinnen und -partnern des buch boyle.jpgAutors, und ich habe das Buch gelesen.

 
Richard Boyle war kognitiver Sozialwissenschafter und praktiziert seit 40 Jahren Zen. Für sein durch eigene Praxis genährtes Projekt, sich dem Wesen von „Erwachen“ aus wissenschaftlicher  Sicht anzunähern, suchte er nach bekannten Lehrerinnen und Lehrern, möglichst aus verschiedenen buddhistischen Schulen, die bereit waren, über ihren persönlichen Weg im Buddhismus detailliert Auskunft zu geben. Er hat schließlich elf Personen interviewt, die Liste liest sich wie ein Who is Who von prominenten Dharmalehrerinnen und -lehrern der Gegenwart: Shinzen Young, John Tarrant, Ken McLeod, Ajahn Amaro, Martine Batchelor, Shaila Catherine, Gil Fronsdal, Stephen Batchelor, Pat Enkyo O’Hara, Bernie Glassman, Joseph Goldstein. Alle Gesprächspartner haben sich tief in die eigene Geschichte zurückversetzt und versucht, nachvollziehbar darüber zu erzählen. Mich hat dabei besonders beeindruckt, wie Lebenswege im praktischen und im übertragenen Sinn durch „Zufälligkeiten“ beschritten und weitergeführt worden sind: Ob eine Zen-Nonne oder ein anderer Vipassana-Praktizierender wurde, und wie sie dabei in Richtung streng klösterlichen Lebens oder großer Weltoffenheit geprägt wurden, war nicht immer bewusste eigene Wahl sondern Ergebnis dessen, wohin es sie „verschlagen“ hat (Martine Batchelor berichtet zum Beispiel, dass sie durch den Irrtum einer Airline nicht nach Japan, sondern nach Korea flog – in dem Kloster, wo sie dann ankam, blieb sie zehn Jahre lang).

Beim Lesen ist meine Skepsis, ob man über „Erwachen“ reden solle und könne, bald verstummt. Nicht eine der interviewten Personen hat ein einziges, alles veränderndes Erleuchtungserlebnis präsentiert und herausgestrichen. Alle erzählen in ihren persönlichen Worten von Situationen der Klarheit, Auflösung des Selbst und Einsseins mit der Welt; das tun sie immer sehr zurückhaltend und mehrmals kommt der Hinweis, dass das nicht überschätzt werden sollte und danach das Leben einfach weitergehe.Richard P. Boyle

Richard Boyle ist ohne Zweifel ein sehr einfühlsamer Interviewer, aber beim Aufschreiben dieser Erzählungen hat er es nicht bewenden lassen. In mehreren zusammenfassenden und allgemein interpretierenden Kapiteln hat er versucht, so etwas wie einen gemeinsamen Nenner von „Awakened Consciousness“ zu finden. Eine seiner Schlußfolgerungen definiert drei deutlich wahrnehmbare Qualitäten, durch die sich erwachtes Bewusstsein vom Alltagsbewusstsein unterscheide:

  1. Keine Trennung von der Umgebung. Erwachtes Bewusstsein entsteht aus einer Perspektive, in der die Umgebung ein ganzes System ist, an dem wir als mehr oder weniger gleichgestelltes Mitglied teilhaben, und nicht aus der üblichen Perspektive mit dem Selbst als zentralem Fokus und Protagonisten, der entfernt von dem agiert, was ihn umgibt.
  2. Kein emotionales Anhaften an das Selbst oder an die soziale Realität. Wir können beobachten, was in der Welt vor sich geht und dementsprechend handeln, aber die emotionalen Verbindungen mit den selbst gemachten Geschichten, die üblicherweise diese Aktivität lenken, sind gekappt und wir folgen dem Fluß des Geschehens in Freiheit und Gleichmut.
  3. Achtsamkeit entsteht gleichzeitig mit Handeln in einem Prozess gegenseitiger Abhängigkeit. Das, was wir uns bewusst machen und das, womit wir uns in jedem Moment beschäftigen – beide Themen ergeben sich spontan und gleichzeitig aus unserer Interaktion mit der Umgebung.

Dies soll nur ein kleines Beispiel sein für Boyles Fähigkeit, bei aller Genauigkeit im Umgang mit den sehr verschiedenen Narrativen seiner Gesprächsparterinnen und -partner Gemeinsamkeiten aufzuspüren und zwar so, dass die „Durchschnittsbuddhistin“ und der „Duchschnittsbuddhist“ angeregt werden, sich dem Begriff des Erwachens anzunähern, ohne ihn zu dramatisieren, und vielleicht auch eigenen derartigen Erlebnissen Platz und Stellenwert in der persönlichen Geschichte zu geben, als inspirierenden Augenblicken von Klarheit, Einssein und „Flow“, ohne zu vergessen, dass das Leben danach wieder unspektakulär weitergeht.

Evamaria

 

 

 

  1. Richard P. Boyle, Realizing Awakened Consciousness, Interviews with Buddhist teachers and a new perspective on the mind, 2015. Auch als e-book erhältlich; es gibt bisher keine Übersetzung ins Deutsche.