Wir sind nur Gast auf Erden…

Ich bin ein Gast auf Erden (Psalm 119, 19a) – damit bekenne
ich, daß ich hier nicht bleiben kann, daß meine Zeit kurz
bemessen ist. Auch habe ich hier kein Anrecht auf Besitz und
Haus. Alles Gute, das mir widerfährt, muß ich dankbar empfangen,
Unrecht und Gewalttat aber muß ich leiden, ohne daß einer
für mich eintritt. Einen festen Halt habe ich weder an
Menschen noch an Dingen. Als Gast bin ich den Gesetzen
meiner Herberge unterworfen. Die Erde, die mich ernährt, hat
ein Recht auf meine Arbeit und meine Kraft. Es kommt mir
nicht zu, die Erde, auf der ich mein Leben habe, zu verachten.
Treue und Dank bin ich ihr schuldig….

Dietrich Bonhoeffer
Dietrich Bonhoeffer | Diskographie | Discogs

(geb. in Breslau 1909 -gest. 1945 im KZ Flossenbürg ) war ein lutherische Theologe, profilierter Vertreter der bekennende Kirche und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt.


Sich dem Leben zugehörig fühlen

Ruhig bleiben in dem Chaos, in dessen Mitte wir leben

ein Interview von Douglas Beasley mit Joanna Macy im Sommer 2012

Es ist kein Geheimnis, dass unsere Welt in eine schwierige Lage geraten ist. Die kritischen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind – politische, wirtschaftliche und ökologische – können schon beim Nachdenken überwältigend sein. Joanna Macy glaubt jedoch, dass wir uns in einem Moment befinden, den sie „The Great Turning“ nennt: einen Übergang von einer hauptsächlich durch industrielles Wachstum geprägten Gesellschaft zu einer lebenserhaltenden Gesellschaft. In ihren Workshops ermutigt Macy – eine Buddhistin, die allgemeine Systemtheorie studiert und gelehrt hat und das Konzept der Tiefenökologie mitentwickelt hat – die Menschen, an diesem kollektiven Übergang teilzunehmen, indem sie sich nicht vor ihrem Schmerz über die Welt verstecken, sondern ihn annehmen. In Anerkennung unserer Verzweiflung, sagt Macy, entdecken wir unsere Liebe zur Welt.

In ihrem neuen Buch Active Hope, das gemeinsam mit Chris Johnstone geschrieben wurde, legt Macy dar, dass wir uns auf das konzentrieren sollten, was wir gerne tun würden. Wir sollten unseren Teil dazu beitragen, denn wir können nie sicher sein, wie sich die Zukunft entwickeln wird in die Welt, die wir uns vorstellen. In diesem telefonisch geführten Interview haben wir darüber gesprochen, wie das Erkennen unserer Trauer es uns ermöglicht, Treue zum Leben zu entwickeln.

Frage: Über den Zustand der Erde mache ich mir die größten Sorgen. Was ist der erste Schritt, den ich tun kann?

Antwort: In dem Wissen, dass du über das Schicksal der Erde so besorgt ist, hast du bereits den wesentlichen ersten Schritt getan. Und dieser erste Schritt steht meiner Meinung nach in direktem Zusammenhang mit der ersten edlen Wahrheit, die der Buddha lehrte: die Wirklichkeit des Leidens.

Es ist seltsam, eine große religiöse Tradition zu beginnen, indem man sagt, dass es Leid gibt–aber genau das tat der Buddha. Und es hilft uns, vollkommen präsent zu sein für das, was ist, nicht für das, was wir gerne hätten, nicht für etwas, das wir gutheißen würden, sondern präsent zu sein, wie die Dinge jetzt sind. Die Augen und den Geist auf das Hier und Jetzt einzustellen, ist eine sehr wirksame Methode.

Frage:Was ist der nächste Schritt?

Antwort: Ich würde sagen, schau mal woher das kommt. Schau dir an, was du fühlst. Vielleicht du fühlst dich traurig, vielleicht fühlst du Empörung, vielleicht fühlst du Angst und Furcht, vielleicht fühlst du dich machtlos. Aber was auch du fühlst, schau woher es kommt. Es kommt nicht von einer Haltung von „Wie komme ich als Einzelperson voran?“ sondern eher aus einer Sorge um das Leben selbst. Diese Gefühle von Trauer, Verzweiflung oder Panik entstehen nicht deswegen, weil wir uns in etwas verrannt haben, sondern aus unserer Sorge um das Leben. Und diese Fürsorge wiederum entspringt einem Zugehörigkeitsgefühl. Es ist uns wichtig, was mit dieser Erde passiert, denn von dort kommen wir, sie ist unser größerer Körper. Wir brauchen die Luft zum Atmen, wir brauchen saubere Erde, um Nahrung anzubauen. Wir sind nicht körperlos da draußen im Weltraum.

Beunruhigung über Zerstörungen unserer Erde kann uns zu einer tiefen geistigen Gesundheit führen und uns daran erinnern, wer wir sind und was wir brauchen. Es kann uns daran erinnern, dass wir zu diesem größeren Körper gehören und uns um ihn kümmern. Unsere Kraft zu handeln, unsere Kraft, an der Heilung unsere Welt mitzuwirken, unsere Kraft, die Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen, haben den selben Ausgangspunkt wie diese Verwüstungen. Unser Schmerz über die Welt und unsere Kraft, an der Heilung unserer Welt teilzunehmen, kommen beide aus derselben Quelle.

Auch wenn wir geistig gesund und bei Sinnen sind: mit diesem Schmerz in Kontakt zu treten, ist oft eine sehr schmerzhafte und betäubende Erfahrung. Es scheint, dass es nicht die Wut oder die Angst sind, die betäuben, sondern unsere Reaktion darauf. Wir wollen den Schmerz nicht spüren, also pflastern wir ihn zu. Wir wenden uns ab, wir lenken uns ab, wir haben alle möglichen Strategien, um ihn nicht zu spüren. Aber es ist das, was wir mit diesen Gefühlen machen, was die Betäubung verursacht? Es ist nicht der Schmerz, der die Betäubung verursacht, sondern unser Versuch, den Schmerz zu betäuben.

Frage:Wenn wir uns unserem Schmerz stellen, verwandelt er sich dann in etwas anderes?

Antwort: Ja, denn wenn du den Schmerz als das, verstehst, was er ist, verwandelt er sich in etwas anderes, weil du dich um ihn kümmerst. Diese Fürsorge kommt von unserer Zugehörigkeit. Das ist die Kraft, die aus unserer gegenseitigen Abhängigkeit kommt. Vieles davon stammt aus den Lehren des Buddha. Er war sehr an sozialem Wandel interessiert, auch wenn unsere Anthologien der Schriften des Buddha dies nicht besonders hervorheben.

Frage: Ein Großteil der buddhistischen Tradition scheint Distanz zu betonen: dass Samsara ein elender Zustand sei, aus dem wir herauskommen müssen. Die Aspekte des Buddhismus, die Sie in Ihrem Ansatz verwenden, betonen jedoch die Verbindung. Sind diese Ansichten widersprüchlich?

Antwort: Das ist der Ruf, den der Buddhismus erworben hat. Aber der Buddha hat uns nie gebeten, nicht an die Welt gebunden zu sein. Er hat uns nur gebeten, nicht an das Ego gebunden zu sein. Er lädt uns ein, unsere eigenen egoistischen Wünsche mit Distanz zu betrachten. Aber er fordert uns nie auf, von der Welt selbst losgelöst zu sein. Es ist unser Anhaften, das wir loslassen müssen. Er möchte, dass die Dinge ihren eigenen Weg gehen, und er bittet uns, sie freizugeben.

Schau dir die Lehren über den Bodhisattva an. Der Bodhisattva ist die heroische Figur, die dem Buddha nachempfunden wurde, jemand, der wirklich versteht, wie miteinander verbunden wir alle sind, wie Zellen in einem größeren Körper. Wenn dann etwas auf diesen größeren Körper einwirkt und andere Menschen leiden, ist der Bodhisattva derjenige, von dem beschrieben wird, dass er ein grenzenloses Herz hat, ein riesiges Herz – ein mitfühlender Mensch, der das Leiden nicht nur von sich selbst, sondern von anderen spürt. Der Bodhisattva erfährt also eine Identitätsverschiebung oder eine Erweiterung in ein größeres Selbst.

Frage: Ich bin fasziniert von dem, was Sie über das sich erweiternde Selbstgefühl schreiben. Ist ein sich erweiterndes Selbstgefühl mit der buddhistischen Idee des „Nicht-Selbst“ vereinbar?

Antwort: Für mich ist es ehrlich gesagt das Gleiche. Zuallererst hat der Buddha nie gesagt, dass es kein Selbst gibt. Er sagte nur, du kannst nicht beweisen, dass es ein Selbst gibt. Und er lud uns immer wieder ein, unsere Wahrnehmungen zu erweitern, um zu sehen, wie wir mit allen Wesen verbunden sind. Er lädt uns ein, über den eigenen Erfolg hinauszugehen. „Wie war ich?“ „Habe ich bei dieser Begegnung gewonnen?“ Du könntest dich von diesem Wettbewerbsgefühl lösen, in deinen Augen die Nummer eins sein zu müssen und die Zustimmung aller zu brauchen, um zu einer viel größeren Identität zu gelangen, in der du dich über das Wohlergehen anderer freust. Du könntest Freude daran haben, dass die Leute eine gute Zeit haben.

Frage: Zwei Ihrer Haupteinflüsse sind die buddhistische Idee der abhängigen Entstehung und die allgemeine Systemtheorie. Beide Ansätze zeigen uns unterschiedliche Sichtweisen auf die Kausalität. Normalerweise gehen wir Probleme linear und analytisch an. Ihr Ansatz betont die gegenseitige Kausalität. Wie unterscheiden sich diese?

Antwort: Lineare Kausalität bedeutet, dass sich jede wichtige Veränderung in einer linearen Kette von A nach B über C nach D bewegt. Das übersetzt sich sozial und politisch in einen Machtbegriff von oben nach unten.

Ein Beispiel wäre der Umgang mit Menschen, die die Dinge anders sehen als du. In der linearen Sicht der Kausalität, die eigentlich eine lineare Sicht des Einflusses ist, würden wir sagen, dass A die Meinung von B ändern möchte. Ich möchte einer anderen Person Informationen aufzwingen – das ist eine Einbahnstraße. Bei vielen sozialen Umweltaktivisten ist es so, dass sie predigen und einem sagen, was richtig ist und wie schlimm jenes ist, und man soll alles schlucken.

Wir müssen einen Weg finden, in einem Feld der Unsicherheit in gegenseitigem Respekt zu leben.

Betrachten wir also die gegenseitige Kausalität. Zum einen ist die Einflussrichtung eine Einbahnstraße. Wenn ich, Person A, die Meinung von Person B ändern möchte – das geht nicht. Ich erkenne, dass ich den anderen einladen kann, bestimmte Fragen zu stellen. Ich kann die andere Person zu einem Gespräch einladen. Ich kann Fragen stellen, die der andere beantworten kann.

In diesem Ansatz steckt grundsätzlich mehr Respekt und Demut. Es geht mit einer Ansicht einher, die viele buddhistische Lehrer vertreten und die sie „Anfänger-Geist“ nennen, wie Suzuki Roshi es ausdrückte. Ich habe nicht alle Antworten, aber gemeinsam können wir sie im Gespräch herausfinden. Sobald du versuchst, einer anderen Person deine Meinung aufzuzwingen, wird sie nur ja sagen, weil sie Angst vor dir hat oder weil sich mit dir langweilt und möchte, dass du weggehst. Das ist nur ein Beispiel, und Buddha selbst war sehr stark darin, das seinen Schülern zu sagen. Er sagte: „Pass auf, dass du nicht denkst, dass es ein richtiges Dogma gibt.“ Das gibt es nicht. Stattdessen müssen wir einen Weg finden, in einem Feld der Unsicherheit in gegenseitigem Respekt zu leben. Wir müssen uns davon befreien, die Antwort haben zu müssen. Wir können dies tun, indem wir einander die Hände reichen.

Frage: Wie können Sie Zweifel annehmen und Ihre Überzeugungen über wichtige Dinge bewahren?

Antwort: Ich verstehe dein Argument. Aber dann könnten wir zur ersten erkennbaren – wie auch edlen – Wahrheit zurückkehren. du könnest wissen, dass der grönländische Eisschild schmilzt. Du könnest wissen, dass der Ozean saurer wird. Was du loslassen könnest, ist zu wissen, was andere tun sollen. Du könnest wissen, dass wir auf eine anhaltende Emission von CO 2 -Methan und anderen Treibhausgasen zusteuern – die Wissenschaft sagt, dass sie uns zu einem Temperaturanstieg von über zwei Grad Celsius führen. Und Du könnest wissen, dass dies zu Überschwemmungen und Dürreperioden führen wird. Du könnest sich das also ansehen und eine Art Solidarität oder Verbundenheit mit anderen Menschen spüren und sagen: „Mensch, sieh dir das an.“ Wie werden wir darauf reagieren? Du sagst es den Leuten nicht unbedingt, du schreibst ihnen nicht vor, was sie tun sollen. Aber du bittest sie, nachzusehen. Aber du kannst wissen, dass du willst, dass das Leben weitergeht. Dieses Wissen ist grundlegend für deine Existenz.

Die Einstellung eines fragenden Geistes gilt nur manchmal. Ich denke, das gilt für die Taktik. Es erstreckt sich auf unsere Selbstgerechtigkeit, zu denken, dass ich die Antwort darauf habe, was jeder tun sollte. Aber das ist ein sehr guter Punkt. Die Einstellung ein fragenden Geistes erstreckt sich nicht auf unsere Treue zum Leben.

Übersetzt von Eva-Maria Glatz

Unser Erbe

was Hildegard von Bingen, Alexander von Humboldt und Henry David Thoreau zu sagen haben

eine Auswahl von Zitaten, zusammengestellt von Eva-Maria Glatz

Hildegard von Bingen

Die Seele liebt in allen Dingen das diskrete Maß.
Deshalb soll sich der Mensch in allen Dingen
selbst das rechte Maß auferlegen.

Sei stark und gerüstet auf jedem Gebiet und pflege das Leben, wo du es antriffst. Bekümmere dich um die Deinen und halte dich selber aufrecht, auf dass dein Herz erleuchtet werde in der Sonne. Gib die Sorge für die dir Anvertrauten nicht auf.

Die Liebe ist ein nie verlöschendes Feuer.

Trage Vorsorge für deinen Garten, den Gottes Gabe gepflanzt, und sei auf der Hut, dass seine Gewürzkräuter nicht verdorren. Schneide vielmehr das Faule von ihnen ab, wirf es weg – denn es erstickt das Wachstum – und bringe es so zum Blühen.

Der Weltenball wird von Feuer, Wind und Luft in Bewegung gehalten, und jedwede Kreatur ist in ihm geborgen.

Pflege das Leben, wo du es triffst.

Die ganze Natur soll dem Menschen zur Verfügung stehen, auf dass er mit ihr wirke, weil ja der Mensch ohne sie weder leben noch bestehen kann.

Tragt Sorge zu unserer Erde, seid zu ihr zärtlich und lieb.

Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden, und jedes Wesen wird durch ein anderes gehalten.

Kein Mensch würde seine Zither so schlagen, dass ihre Saiten springen.

Wenn die Geizhälse nicht das kriegen, was sie wollen, fallen sie in eine Traurigkeit, aus der sie sich nicht leicht erheben können.

Werde, was du bist – Mensch, werde Mensch!

Hildegard von Bingen – Wikipedia

Hildegard von Bingen war Benediktinerin, Äbtissin, Dichterin, Komponistin und eine bedeutende natur- und heilkundige Universalgelehrte. In der römisch-katholischen Kirche wird sie als Heilige und Kirchenlehrerin verehrt. Sie lebte im zwölften Jahrhundert.

Alexander von Humboldt

Kühner, als das Unbekannte zu erforschen, kann es sein, das Bekannte zu bezweifeln.

Der gemeine Eigennutz, der mit den Pflichten der Menschlichkeit, Nationalehre und den Gesetzen des Vaterlandes im Streite liegt, lässt sich durch nichts in seinen Spekulationen stören.

Das Resultat der Erziehung hängt ganz und gar von der Kraft ab, mit der der Mensch sich auf Veranlassung oder durch Einfluss derselben selbst bearbeitet.

Grausamkeit gegen Tiere kann weder bei wahrer Bildung noch wahrer Gelehrsamkeit bestehen. Sie ist eines der kennzeichnendsten Laster eines niederen und unedlen Volkes.

Wo ein Jäger lebt, können zehn Hirten leben, hundert Ackerbauer und tausend Gärtner.

Man muss die Zukunft abwarten und die Gegenwart genießen oder ertragen.

Die Natur muss gefühlt werden.

Das Goldsuchen ist eine europäische Krankheit, welche an Raserei grenzt.

das ganze Leben ist der größte Unsinn. Wenn man 80 Jahre strebt und forscht, so muss man sich doch endlich eingestehen, dass man nichts erstrebt und nichts erforscht hat. wüssten wir wenigstens, warum wir auf dieser Welt sind. Aber alles ist und bleibt dem Denker rätselhaft, und das größte Glück ist doch das, als Flachkopf geboren zu sein.

Aber es ist nicht genug zu klagen, sondern man muss arbeiten, den Klagen abzuhelfen.

Das Klima der Kontinente ab von den Veränderungen welche der Mensch durch die Entwicklung großer Dampf- und Gasmassen an den Mittelpunkten der Industrie hervorbringt.

die Indios geht es wie den Afrikanern: werden sie nicht gerade totgeschlagen, heißt es, es gehe es gehe ihnen gut.

Fällt die Bäume, welche Gipfel und Abhänge der Gebirge bedecken, so schafft man in allen Klimazonen kommenden Geschlechtern ein zweifaches Ungemach: Mangel an Brennholz und Wasser. Die Bäume sind vermöge des Wesens ihrerTranspiration und der Ausstrahlung der Blätter gegen einen wolkenlosen Himmel fortwährend mit einer kühlen, durstigen Lufthülle umgeben.

Alexander von Humboldt – Wikipedia

Friedrich Wilhelm Heinrich Alexander von Humboldt war ein deutscher Forschungsreisender mit einem weit über Europa hinausreichenden Wirkungsfeld. Er lebte im achtzehnten Jahrhundert.

Henry David Thoreau

Am reichsten ist der Mensch, dessen Vergnügungen am billigsten sind. Aus jedem Tag das Beste zu machen, das ist die höchste Kunst.

Es gibt kein Mittel gegen die Liebe, als noch mehr zu lieben.

Mag dein Leben noch so armselig sein, nimm es auf dich und lebe es; verkaufe deine Kleider und behalte deine Gedanken. Mit überflüssigem Reichtum kann man nur Überflüssiges kaufen. Um den Erfordernissen der Seele gerecht zu werden, braucht man kein Geld.

Dichtung und Mythologie des Altertums deuten darauf hin, dass die Landwirtschaft einst als eine heilige Kunst geübt wurde. Bei uns aber wird sie mit einer unbekümmerten, nachlässigen Hast betrieben, die auf nichts anderes bedacht ist, als möglichst große Farmen zu besitzen und möglichst große Ernten einzubringen.… Geiz, Selbstsucht und die würdelose Angewohnheit, den Boden als Eigentum oder hauptsächlich als Mittel zum Erwerb von Eigentum zu betrachten, von der niemand unter uns sich ganz freisprechen kann, haben unsere Landschaft entstellt und unsere Landwirtschaft degradiert. Unser Farmer führt das denkbar niedrigste Leben. Er kennt die Natur nur als ihr Ausbeuter.

Wenn ein Mann die Hälfte eines Tages in den Wäldern aus Liebe zu ihnen umhergeht, so ist er in Gefahr, als Bummler angesehen zu werden; aber wenn er seinen ganzen Tag als Spekulant ausnützt, jene Wälder abschert und die Erde vor der Zeit kahl macht, so wird er als fleißiger und unternehmender Bürger geschätzt. Als wenn eine Gemeinde kein anderes Interesse an ihren Wäldern hätte, als sie abzuhauen!

Henry David Thoreau – Wikipedia

Henry David Thoreau war ein amerikanischer Schriftsteller und Philosoph. Er lebte im neunzehnten Jahrhundert.

Die Worte Buddhas sind nicht in Stein gemeißelt

Überlegungen von Mike Slott

Der Autor spricht von Leitlinien, die hilfreich sein könnten:

Eine einzige, korrekte Interpretation Gotamas von Lehren gibt es nicht

Sowohl traditionelle als auch säkulare Versionen haben nicht alle Antworten

basierend auf meinen eigenen Erfahrungen, Werten und Perspektiven gibt es ein paar Schlüsselbereiche von denen ich glaube, dass die Einsichten Gotamas vervollständigt, ergänzt, und/oder durch andere Perspektiven umgestaltet werden müssen:

  • Während Gotama’s Einsichten über der Zusammenhang von Geist und Herz die Basis einer buddhistischen achtsambasierten Psychologie bilden, fehlt doch eine Tiefenpsychologie, die aufzeigt, wie unbewusste Aspekte des Geistes eine Schlüsselrolle in der psychologischen Entwicklung von Stress und dessen Behandlung spielen
  • Buddhistische Lehren machen richtigerweise deutlich, wie die drei Gifte Gier, Hass und Verblendung einen negativen sozialen Einfluss auf Individuen haben, aber der Buddhismus berücksichtigt nicht, dass ausbeuterische und repressive soziale Strukturen nicht einfach die Resultate der unangemessenen Gedanken und Taten sind, sondern relativ autonome Quellen von Dukkha. Es gibt wechselseitige Interaktionen oder auch dialektische Verbindungen zwischen individuellem und sozialem Dukkha, genauso wie es individuelle und soziale Transformation von menschlichem Gedeihen gibt
  • Während Gotama’s Lehren und die der frühesten Sanghas durch Abkehr von traditionellen Vorstellungen von sozialer Kaste und Geschlecht gekennzeichnet sind, war und ist Buddhismus dennoch geprägt durch tendenzielle Frauenfeindlichkeit und Lehrer-Zentriertheit, was den Werten von Gleichheit, Inklusion, Demokratie und Diversität widerspricht
    • Gotama hat die Fallstricke von Anhaften und Gier ganz richtig verstanden; dennoch hat die Empfehlung zur Askese zu einer Tendenz geführt, den Wert des Körpers und sinnlicher Erfahrungen zu leugnen

übersetzt und gekürzt von Eva-Maria Glatz

Mike Slott lehrt über die Geschichte der Arbeit in der Rutgers Universität inNew Jersey, USA. Er ist seit langem politisch aktiv und meditiert seit 2020.

Engaged Buddhists Need Radical Social Theory - Buddhist Peace Fellowship

Sommer

…. gib mir Bücher, französischen Wein, Früchte, gutes Wetter und von draußen ein wenig Musik von jemanden, den ich nicht kenne.

John Keats (1795-1821),

englischer Dichter

NEW POEM FOR JOHN KEATS ON HIS 200TH ANNIVERSARY - The Black Spring Press  Group

Ein Wort über die Seele

Eine Seele hat man.
Keiner hat sie unentwegt
und für immer.

Tag für Tag,
Jahr für Jahr
kann ohne sie vergehen.

Manchmal nur nistet sie sich
in den Entzückungen und Ängsten der Kindheit
für länger ein.
Manchmal nur im Staunen darüber,
daß wir alt sind.

Sie assistiert uns selten
bei mühsamen Tätigkeiten,
wie Möbelrücken,
Kofferschleppen
oder beim Fußmarsch in engen Schuhen.

Beim Ausfüllen von Fragebogen
und beim Fleischhacken
hat sie in der Regel frei.

Von unseren tausend Gesprächen
beteiligt sie sich an einem,
und auch das nicht unbedingt,
lieber schweigt sie.

Wenn unser Körper zu schmerzen beginnt,
macht sie sich heimlich davon.

Sie ist wählerisch:
Ungern sieht sie uns in der Masse,
unser Kampf um Überlegenheit und der Lärm der Interessen
widern sie an.

Freude und Trauer
sind ihr nicht verschiedene Gefühle.
Nur in ihrer Verbindung
ist sie zugegen.

Wir können auf sie zählen,
wenn wir ganz unsicher sind,
und neugierig auf alles.

Unter den materiellen Dingen
mag sie Pendeluhren
und Spiegel, die emsig arbeiten,
selbst wenn niemand zusieht.

Sie sagt nicht, woher sie kommt
und wann sie uns wieder entschwindet,
doch ausdrücklich erwartet sie solche Fragen.

Es sieht so aus,
daß so, wie wir sie,
auch sie uns zu irgend etwas braucht.

Wisława Szymborska

polnische Schriftstellerin und Philosophin

Zitate von Wisława Szymborska (92 Zitate) | Zitate berühmter Personen

Säkulare BuddhistInnen und die Politik

von Winton Hinggins

dieser Text ist eine Zusammenfassung des Buches revamp, das im letzten Beitrag vorgestellt wurde.

Vor zweieinhalb Jahrtausenden lebte ein Mann namens Gotama in einem Teil Indiens, der vor kurzem aufgeblüht war, obwohl kriegerische Auseinandersetzungen der Mächtigen das Leben gefährlich gemacht hatte. Er sah sich mit den unausweichlichen Wechselfällen des Lebens konfrontiert, die wir als menschliche Wesen alle erfahren: Geburt, Tod, Altern, Krankheiten, Trennungen, unangenehme Erfahrungen, und alles zusammen unsere psycho-physiologische Anfälligkeit. Er hat eine Praxis entwickelt, mit diesen Schwierigkeiten in kreativer Weise umzugehen, sodass dadurch letztlich volles menschliches Gedeihen entstehen kann. Diese Praxis beruht auf einer Ethik von Sorgfalt und Fürsorge und einer Haltung erforschender Meditation. Gotama hat ein Grundgerüst von Ideen (den „Dharma“) ausgearbeitet, den die Menschen nutzen konnten, um ihre eigenen Lebenserfahrungen und ihr Innenleben zu analysieren und zu verändern. Auf diese Weise zog der eine vielfältige Anhängerschaft an, die ihn „Buddha“nannte, und begründete die Tradition der Dharma-Praxis.

Bis zum heutigen Tag ist dies eine lebendige Tradition geblieben, die niemals unterbrochen wurde. Seit seinem Tod hat sich diese Tradition in eine institutionalisierte Religion gewandelt, die später mit dem Titel Buddhismus bezeichnet wurde – mit allen Merkmalen, die darin impliziert sind.

Metaphysische Glaubenssätze entstellten das Grundgerüst der Ideen: die Praxis wurde ritualisiert und reglementiert, Anhänger wurden nach Geschlecht, sozialem Status als Laien oder Mönche und nach dem Rang eingeteilt, und religiöse Würdenträger mit symbiotischen Beziehungen zur weltlichen Macht hielten Einzug. Diese Faktoren in dämpften die Effektivität, mit der sich das innere Leben entfalten konnte, sodass es hauptsächlich als konservative Basis für sozialen Zusammenhalt und als politische Legitimation fungierte.

Die Wendung ins Religiöse hätte die lebende Tradition ersticken können, hätten nicht in jeder Generation Andersdenkende Einfluss genommen, und so breitete sich das Eigentliche des Dharma auf andere Kulturen und Gesellschaften aus. Jeder dieser Auftritte wurde zur Gelegenheit für einen neuen Blick auf den originalen Dharma. Es war immer ein Vorspiel für die kreative Arbeit, ihn in eine neue Sprache, kulturelle Referenzpunkte und historische Gegebenheiten zu übersetzen. Der Dharma wurde immer dann besonders kräftig reanimiert, wenn in der Kultur des Landes, das er erreichte, die Macht der Institutionen der nationalen Religionen eine eher kleine Rolle spielte.

In unserer Zeit hat sich die Dharma-Praxis auf alle bewohnten Kontinente ausgebreitet, inklusive der westlichen Länder, wo die Autorität institutioneller Religionen in letzter Zeit geschwunden ist und dabei auf der Suche nach „Bedeutung“ eine Leerstelle hinterlassen hat. Buddhismus wurde einer von den vielen Anwärtern, die diese Leerstelle auszufüllen versuchten. Ursprünglich kam er in traditionellen Formen mit asiatischen Einwanderergemeinden an, dann drang er als teilweise laisierter „Buddhistischer Modernismus“ ab den 1960 Jahren in westliche Gesellschaften vor. Als eine hybride Form hat der buddhistische Modernismus zu viele Elemente der traditionellen asiatischen religiösen Schulen bewahrt, um in den spätmodernen westlichen Kulturen Fuß zu fassen. Im Bestreben, diese Begrenzung zu überwinden, hat sich während der ersten Dekade dieses Jahrhunderts der säkularer Buddhismus herauskristallisiert.

Säkular bezieht sich hier auf zeitliche Dimension– auf die Tatsache, dass wir selbst und jedermann und alles, was unsere Lebenswelt ausmacht, beginnt, eine Weile andauert und dann zu seiner Zeit endet. Säkularität meidet Offenbarungen und Glaubenssätze über Objekte und Formen von Existenz außerhalb der Zeit. So wie Buddha selbst hat säkularer Buddhismus nichts am Hut mit metaphysischen Glaubensansprüchen. Säkularität besteht darauf, dass Gedanken und Praxis sich mit bestimmten Zeitpunkten und Umständen befassen sollten. Wie ihre Vorläufer in anderen neuen Wirtsgesellschaften kehren säkulare Buddhisten zu den originalen Lehren auf ein einige der immer wiederkehrenden Fragen zurück: wie soll ich leben? Welche Art von Mensch soll ich werden? Dazu kommen noch die neu entstandenen Fragen durch die Möglichkeiten und Gefahren, mit denen wir jetzt konfrontiert sind.

Wie Buddha selbst durchleben wir im Westen eine Periode großer Umbrüche. Wir können die Ethik der Sorgfalt und Fürsorge des Dharma kultivieren, indem wir die seit langem etablierten religiösen, sozialen und politischen Sicherheiten über den Haufen werfen und immer wieder die Gelegenheiten ergreifen, die schreienden Ungerechtigkeiten von Patriarchat, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Frage zu stellen. Aber wir selbst, unsere Zivilisation und die ganze Biosphäre stehen nun unter der enormen existenziellen Bedrohung des Klimawandels.

Um das Beste aus unserer Dharma-Praxis zu machen, müssen wir tief in unsere eigene Geschichte und Kultur eintauchen. Indem wir die westlichen Wesensverwandtschaften mit dem Dharma identifizieren, können wir sein Potenzial erkennen, unsere Leben zu bereichern und es in das Erbe der Menschheit einzugliedern. Dadurch können wir uns selbst in der Geschichte unserer eigenen Gesellschaften verorten und können dann dafür Verständnis entwickeln, wie unsere gegenwärtigen Gefahren und Möglichkeiten entstanden sind und wie wir in Übereinstimmung mit unserer Ethik der Sorgfalt und Fürsorge am besten angemessen reagieren können.

Wir leben jetzt in einer vernetzten Welt, einer Katastrophe vor Augen, die wir Menschen heraufbeschworen haben. Wir müssen uns von der alten Idee verabschieden, dass nette BuddhistInnen sich von weltlichen Angelegenheiten fernhalten, besonders von der Politik– wir müssen unsere ethische und spirituelle Praxis genau auf diese Bereiche ausdehnen. Wir finden die unmittelbaren Einflussfaktoren in einem globalen kapitalistischen System und in der regressiven Politik des Neoliberalismus, das uns an den Rand des Abgrunds bringt. Mit großen Kosten für die sozialen und natürlichen Welten hat das gegenwärtige sozioökonomisches System eine progressive Rolle in der entstehenden Wissenschaft und Industrie gespielt. In seiner Fähigkeit, zum menschlichen Wohlbefinden beizutragen, hat es sich aber jetzt überlebt und nur seine barbarische Destruktivität ist übergeblieben.

Um die Ethik von Sorgfalt und Fürsorge anzuerkennen, können säkulare BuddhistInnen mithelfen, die Verantwortung für die Umwelt, soziale Kontrolle über produktive Ressourcen, sozialen Zusammenhalt und Fairness wiederherzustellen. Dieses Projekt erfordert einen schrittweise Übergang zu einem neuen sozioökonomischen System – dem demokratischen Sozialismus.

Die Prozesse, die das aufbauen können, sind schon im Laufen.

In diesen vier Bereichen können auch Sie die Umwelt schützen

übersetzt von Eva-Maria Glatz

Das Buch kann über https://www.tuwhiri.nz/store bezogen werden.

revamp -Umgestaltung

Texte über säkularen Buddhismus

Revamp banner.jpg

von Winton Higgins

In diesem Buch zeichnet der Autor die Entstehung des säkularen Buddhismus nach. Dabei legt er besonderen Fokus auf den heutigen Klimanotstand und die steigende soziale Ungerechtigkeit, die nach radikaler sozioökonomischer und politischer Veränderung schreit. Er schlägt vor, unsere kreative Praxis des Dharma durch die Ethik von Sorgfalt und Fürsorge zu stärken. Wir sind aufgerufen, unser Üben auf diese dringenden Aufgaben einzustellen.

Stephen Batchelor, der Autor of After Buddhism, schreibt daüber:

Dieses Buch, geschrieben mit großer Klugheit, Sorgfalt und Witz ist die umfassendste Darstellung von säkularen Buddhismus, die zur Zeit verfügbar ist. Es reicht von der inneren Erfahrung von Achtsamkeit bis zu den sozialen und politischen Herausforderungen einer Bürgerin, die den Dharma praktiziert. Winton Higgins webt viele verschiedene Fäden von der heutigen buddhistischen Praxis zu einem überzeugenden Ganzen. Revamp ist ein inspirierendes Beispiel von kritischem und kreativem Denken über die drängendsten Fragen, mit denen die Menschheit in unserer Zeit zu tun hat.

Übersetzung aus dem Englischen von Eva-Maria Glatz

Das Buch kann über https://www.tuwhiri.nz/store bezogen werden.

Am Mittwoch, dem 19. Mai um 10:00 Uhr MESZ, stellt Winton das Buch auch online vor, organisiert von unseren neuseeländischen Dharma-Freund:innen. Anmeldung hier: https://lu.ma/qbaod2xl

sei Dir selbst eine Insel

Suche keine andere Zuflucht, keine andere Insel.

mit dem Dharma als Zuflucht suche keine andere Zuflucht.

Wie ist man eine Insel für sich selber?

+ Wenn man bei der Betrachtung des Körpers beim Körper weilt, ernsthaft, wissensklar und achtsam, nachdem man Verlangen und Kummer bezüglich der Welt überwunden hat,

+ Wenn man bei der Betrachtung der Gefühle Verlangen und Kummer bezüglich der Welt überwunden hat,

+ Wenn man bei der Betrachtung des Geistes und der Geistesobjekte Verlangen und Kummer bezüglich der Welt überwunden hat,

dann ist man wahrlich eine Insel für sich selbst.

Diejenigen werden die höchsten Resultate erzielen, die den Wunsch zum Lernen haben. Bemüht euch fleißig und ernsthaft.

Das waren die letzten Worte des Buddha.

Wie buddhistische Nonne Ayya Khema das im einzelnen kommentiert, könnt ihr auf YouTube nachlesen: