Hinschauen, handeln

Wir kennen die Bilder, die Zeitungsmeldungen, die Dokus und Kommentare zur politischen Situation in Europa und den angrenzenden Kontinenten Asien und Afrika. Die Meldungen werden im Tagesrhythmus verstörender und beängstigender. Die Regierenden Europas haben keinen gemeinsamen Plan für den Umgang mit der Tatsache, dass auf einmal nicht mehr nur das Geld frei fließt, sondern auch Menschen mobil geworden sind, weil sie ihre Lebensumstände in Krieg und Zerstörung, wegen Landraubs oder klimatischer Veränderungen nicht mehr ertragen können.

FlüchtlingeWir Durchschnittsbürgerinnen und -bürger nehmen all das wahr und haben auch keinen Plan. Wenn ich mir selber zusehe und nachspüre: da ist Mitgefühl mit durchnässten, erschöpften Frauen, Männern und Kindern in Schlauchbooten und gleichzeitig mit den Menschen auf Lampedusa oder Lesbos, die, viele von ihnen selber arm, in jeder Hinsicht überfordert sind. Ich sehe mir Bilder von Kriegsschauplätzen in Syrien und Afghanistan an, Dokumentarfilme über Flüchtlingslager oder über Landraub, der den Menschen ihre Lebensgrundlagen entzieht. Dazu fühle ich mich einerseits „verpflichtet“, andererseits verstärkt es mein Gefühl, hilflos zu sein. Und Angst ist auch in mir: um die eingespielten Strukturen des geordneten alten Europa, wo ich mein bisheriges Leben abgesichert verbracht habe, und natürlich davor, dass mangels eines Plans der ganze Kontinent mit wachsender Beschleunigung den Bach runtergehen könnte. Vielleicht tut er das – die Wahrscheinlichkeit wächst, wie ich meine.

Was können wir in naher Zukunft erwarten? Flüchtlinge werden weiterhin Wege nach Europa finden, sie werden nehmen, was sie kriegen können, viele von ihnen, traumatisiert, arm und ohne Ausbildung, auch mit Gewalt. Die Regierenden Europas werden in absehbarer Zeit nicht angemessen und vor allem nicht einheitlich reagieren können. Unser Kontinent wird instabiler werden; die Angst davor wird viele seiner Einwohner in Radikalität treiben. Bevor die Lage besser wird, wird sie wohl noch viel unübersichtlicher, polarisierter, bedrohlicher werden.

Beim Nachdenken bin ich wieder auf die große alte Buddhistin, politische Denkerin und Umweltaktivistin  Joanna Macy gestoßen 1. Unverblümt und direkt sagt sie uns mit ihren 86 Jahren noch immer: schaut hin. Die Welt ist wirklich in schlimmem Zustand, und sie ist das, weil Menschen so oft außerstande sind, sich dem zu stellen, was weh tut. Sie schreibt:

Die lebenserhaltenden Systeme für menschliche wie für nichtmenschliche Wesen werden zerstört. Die Angst, mit der viele Menschen darauf reagieren, macht sie unzugänglich. Wir glauben, so zerbrechlich und klein zu sein, dass es uns in Stücke reißt, wenn wir es uns erlauben, unsere Gefühle über den Zustand der Welt anzuschauen. Wir fürchten eine tiefe Depression oder Lähmung. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir es aussprechen, merken wir, dass wir nicht isoliert sind, sondern dass dieser Schmerz weit hinausgeht über das kleine Ego und Konsequenzen hat, die jenseits unserer individuellen Bedürfnisse liegen.

Da sind wir Buddhistinnen und Buddhisten – säkular oder nicht – wieder beim Thema „Selbst“. Wenn wir ernst nehmen, dass jede Abgrenzung zwischen dir und mir eine Fiktion ist, weil wir gemeinsam Teile derselben sich laufend verändernden Welt sind, dann können wir nicht einfach nur hinnehmen, dass Politiker, von Angst getrieben, unseren Kontinent einzäunen.

Gute Bekannte von mir wohnen in einem Eigenheim am Land. Sie haben, wie sie schon länger geplant hatten, ihr Auto verkauft und in ihrer Dorfgemeinschaft ein Car-Sharing-Projekt ins Leben gerufen. Ihre Garage haben sie zu einer kleinen Wohnung umgebaut, und dort ist vor ein paar Tagen eine vierköpfige Familie aus Afghanistan eingezogen. Keiner von ihnen spricht ein Wort deutsch, die Kinder im Volksschulalter werden gerade eingeschult. Es gab und gibt Ängste, wie das Zusammenleben laufen kann – es entwickelt sich gerade erst.

Schmerz umarmen. Wenn wir Buddhas Wort ernst nehmen, bleibt uns nichts anderes übrig, als hinzuschauen, und zwar genau, und zu handeln, wo und wie es uns möglich ist.

Evamaria

 

  1. Über sie und ihre Arbeit gibt es zwei frühere Blog-Einträge auf dieser Website. Ein recht neues, sehr ermutigendes Video findet sich unter: https://www.youtube.com/watch?v=mrCPVtf0bWA.

Ein fallender Baum macht Krach – der Wald wächst lautlos
Joanna Macy II

Was macht unsere Angst aus?
Darüber spricht Joanna Macy in einem ausführlichen Interview mit dem deutschen Journalisten und Buchautor Geseko von Lüpke: 1

Wir erleben die letzten Jahre eines industriellen Wirtschaftssystems, das enorme Auswirkungen auf den gesamten Planeten hat. Es basiert auf ständiger Ausbeutung der Rohstoffe und Erzeugung von immer mehr Abfall. Die lebenserhaltenden Systeme für menschliche wie für nichtmenschliche Wesen werden zerstört. Die Angst, mit der viele Menschen darauf reagieren, macht sie unzugänglich. Wir glauben, so zerbrechlich und klein zu sein, dass es uns in Stücke reißt, wenn wir es uns erlauben, unsere Gefühle über den Zustand der Welt anzuschauen. Wir fürchten eine tiefe Depression oder Lähmung. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir es aussprechen, merken wir, dass wir nicht isoliert sind, sondern dass dieser Schmerz weit hinausgeht über das kleine Ego und Konsequenzen hat, die jenseits unserer individuellen Bedürfnisse und Wünsche liegen.
Ich glaube, dass von allen Gefahren, die uns drohen, – sei es der Militarismus, die Umweltverschmutzung, die Überbevölkerung oder das Artensterben – keine Gefahr so groß ist wie unsere Verdrängung.
Die moderne westliche Welt hat jedem ihrer Bewohner durch Erziehung, Schule und Alltagserfahrung in einer konkurrenzbetonten Welt die Überzeugung mit  auf den Weg gegeben, ein abgetrenntes und isoliertes Individuum zu sein. Die Menschen leben in der Wahrnehmung, sich als allein stehende Einzelwesen behaupten zu müssen, stärker sein zu müssen als andere, Macht erringen und ausüben zu müssen und sich gegenüber der Macht und der Aggression anderer schützen und verteidigen zu müssen. Der Systemtheoretiker Gregory Bateson nannte dies den erkenntnistheoretischen Irrtum der westlichen Zivilisation. Die Krise unseres Planeten hat ihre Wurzeln in einem dysfunktionalen und pathologischen Selbstbild, einem Missverständnis über den Platz des Menschen in der Ordnung der Dinge.

Nun geschieht aber in unserer Welt gerade etwas Wichtiges, worüber man nicht in den Zeitungen liest: ich nenne es den großen Wandel. Das Selbst, das metaphorische Konstrukt unserer Identität, wird auf vielen Ebenen unterminiert und durch weiter gefasste Begriffe ersetzt. Immer mehr Menschen stellen sich dem Schmerz angesichts von Hungersnöten, Umweltkatastrophen, Kriegen und Flüchtlingselend und empfinden eine Bedrohung, die über die Sorge um die eigene Haut hinausgeht. Streben nach Veränderung entsteht dann nicht aus der guten Absicht, altruistisch zu sein, sondern einfach daraus, den eigenen Schmerz ernst zu nehmen. Ein Gefühl tiefer Verbundenheit mit allem Leben kann Stärke und Freude mit sich bringen. Es entsteht etwas, das ich das ökologische Selbst nenne. Auch das ist ein metaphorisches Konstrukt, doch es ist dynamisch und situationsabhängig. Menschen beginnen, sich mit den Lebewesen ihrer Umwelt zu identifizieren – die sind dann nicht mehr außenstehende, beliebig nutzbare Objekte, sondern werden zu Teilen der eigenen Identität. Es geht dann nicht mehr darum, etwa den Regenwald vor Eingriffen zu schützen, sondern sich eins zu fühlen mit dem Regenwald, der sich selbst schützt.

Kybernetik und Systemtheorie zeichnen ein neues, prozesshaftes Bild des Selbst als untrennbar von dem Netz an Beziehungen, das es erhält. Es gibt keine logische oder wissenschaftliche Basis dafür, einen Teil der Welt als „Ich“ und einen anderen als „der/die/das Andere“ zu definieren. Da wir Menschen offene, sich selbst organisierende Systeme sind, entsteht all unser Atmen, Handeln und Denken in Interaktion mit unserer Umwelt mittels Materie, Energie und Information, die durch uns durchgehen und uns aufrecht erhalten. Im Netz dieser Beziehungen gibt es keine Demarkationslinie.
Eine solche Sichtweise führt nicht zu Identitätsverlust – sie verlangt und erzeugt Unterschiedlichkeiten. Das größere Ganze besteht aus vielen ungleichen Teilen.
Unsere Stellung in der Welt verändert sich grundlegend, wenn wir sie als lebendiges System verstehen und uns selbst als einen Teil eines im weitesten Sinne lebendigen Erdkörpers definieren. Diese für immer mehr Menschen selbstverständliche Perspektive hat dramatische Folgen für die Art unserer Beziehung zur Welt. Statt der Objekte oder Individuen treten nun die Beziehungen in der Vordergrund, die wir aktiv mitgestalten. Wenn unser Bewusstsein und Wissen wächst, erweitern sich auch Bewusstsein und Wissen des Netzes. Dieser Perspektivenwechsel bewirkt einen Wandel vom Gefühl der Isolation und Angst hin zu Vertrauen. Statt das ganze System zu dominieren, um mühsam die Kontrolle zu behalten, kommen wir in dieser Wahrnehmung dazu, wirklich am Ganzen teilzunehmen.

Diese Sichtweise ist eng verwandt mit buddhistischem Gedankengut. Buddha hat Wege gezeigt, die Fehleinschätzung des Selbst zu überwinden. Entsprechend seiner Lehre vom bedingten Entstehen aller Phänomene und Wesen kann es kein separiertes, beständiges Selbst geben. Alles, was wir mit dem Selbst tun müssen, ist: hindurchsehen. Es ist nur eine Konvention, eine bequeme Konvention. Wenn du sie zu ernst nimmst, wenn du glaubst, sie ist etwas Dauerhaftes, das du verteidigen und fördern musst, dann wird sie zur Grundlage von Verblendung, dem Motiv hinter unseren Süchten und Aversionen. Es ist etwas Besonderes, sich klar zu machen: ich bin nichts anderes als das, was ich erfahre. Ich bin dieser Atemzug, ich bin dieser Moment und seine stetige Veränderung. Ich muss nicht dauernd mein Selbst schützen oder steigern – ich kann diesem Teufelskreis entgehen. Meditation hilft dabei. Ein solcher Weg schafft Freiraum für Handeln in der Welt. Wir alle können Boddhisattvas werden.

Ausgehend von solchen Gefühlen und Gedanken haben Joanna Macy und andere, etwa der norwegische Philosoph Arne Naess, die Tiefenökologie entwickelt. Tiefenökologie unterscheidet sich von der traditionellen Ökologie dadurch, dass sie über den Anthropozentrismus hinausgeht, der alle ökologischen Probleme immer zum Nutzen, zum Vorteil oder zum Profit des Menschen reparieren will. Es geht darum, der Natur selbst als lebendigem, selbstregulierendem System, mit Respekt vor ihrer Schönheit und Würde ihren inneren Wert zuzuerkennen.

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Seit mehreren Jahrzehnten hält Joanna Workshops an vielen Orten der Erde. Sie setzt bei den ökologischen, politischen und persönlichen Problemen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, wie in dem Beispiel des Workshops aus der Umgebung Tschernobyls 2. Dabei geht sie davon aus, dass Werte und Ziele der modernen Industriegesellschaft, vor allem „Wachstum um jeden Preis“ sich in unserer Gegenwart überlebt haben. Sie ermutigt die Menschen, sich für die Lösung ihrer Probleme ihrer eigenen Richtlinien zusammenzustellen, und dankbar dafür zu sein, in einer Zeit zu leben, in der sie so sehr zu Veränderung aufgerufen sind. Sie ruft dazu auf, Fragen zu stellen, sich Durchblick zu verschaffen und sich in einem weit verstandenen Sinn politisch zu engagieren.
Sie spricht davon, dass Gefühle es seien, die die Menschen zum Handeln bringen. Sie scheut sich in ihrer „Arbeit, die wieder verbindet“ nicht, Gefühle hochkommen zu lassen und die Menschen dabei zu unterstützen, sich ihrer bewusst zu werden. Elemente dabei sind:

  • Dankbarkeit für das, was uns gut tut
  • Zulassen von Schmerz als Quelle des Mutes
  • die Dinge mit neuen Augen sehen
  • Handeln

Rituale vor allem indigener Völker, Tänze, Gedichte spielen eine wichtige Rolle auf dem Weg, sich all das wieder zu eigen zu machen.
In Österreich und in Deutschland gibt es wie in anderen Ländern Initiativen auf den Spuren Joanna Macys. Wer sich näher informieren will, findet auf diesen beiden Websites vielfältiges Material: www.tiefenökologie.at und http://www.tiefenoekologie.de/. Von Joannas zahlreichen Veröffentlichungen ist als Einführung: Geliebte Erde, gereiftes Selbst, im englischen Original: World as Lover, world as Self, 2007) zu empfehlen.

Evamaria

 

  1. im vollen Wortlaut nachzulesen auf der Website der deutschen Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie: http://www.tiefenoekologie.de/de/buecher-und-texte/politik-des-herzens/joanna-macy.html
  2. s. der Beitrag „den Schmerz umarmen – Joanna Macy I“ auf diesem Blog

Den Schmerz umarmen
Joanna Macy I

Joanna Macy

Die US-Amerikanerin Joanna Macy geboren 1929, ist Öko-Philosophin und Buddhistin, Systemtheoretikerin und Aktivistin der Bewegung für Tiefenökologie. Seit mehr als 40 Jahren schreibt und handelt sie in zahlreichen Büchern und Workshops für Frieden, Gerechtigkeit und nachhaltige Ökologie.

Mehrere Jahre nach der Reaktorkatastrophe von 1986 in Tschernobyl leitete sie mit ihrem Ehemann und russischen Freunden einen Workshop in Nowosybkow, einer Stadt von 40.000 Einwohner unweit des Unglücksortes, wo die Folgen des massiven Austritts von Radioaktivität bis heute massiv sind. Es gibt zahlreiche Fehlgeburten, Missbildungen bei Säuglingen und Krebsfälle unter Erwachsenen und Kindern. In der Wohnung der Familie, bei der Joanna untergebracht war, war eine Zimmerwand mit der Fototapete eines dichten Waldes geschmückt. Der Familienvater zeigte ihr seinen Geigerzähler und erklärte, dass der Wald, der unmittelbar hinter dem Stadtgebiet läge, so kontaminiert sei, dass weder er selbst noch seine Enkelkinder ihn zu ihren Lebzeiten je betreten würden können. So müssten sie sich mit der Tapete begnügen.
An dem Workshop nahmen 50 Menschen teil. Im Gegensatz zu Personen in weniger betroffenen Gebieten, die detailliert über ihre chronische Erschöpfung, die gehäuften Infektionen und die vielen Krebsfälle erzählt hatten, schwiegen die Menschen in Nowosybkow über das Elend, in dem sie den Rest ihres Lebens verbringen würden müssen. Sie erzählten von ihrem Familienleben und teilten Erinnerungen aus den Jahren vor der Atomkatastrophe. Vom Horror des Jahres 1986 wollten sie nicht sprechen, bis es schließlich doch aus ihnen heraus brach: der heiße Südwestwind in jenem furchtbaren Frühling, die weiße Asche, die vom klaren Himmel fiel, die Kinder, die darin spielten, der dichte Regen, der folgte, die Gerüchte, die Angst. Beim Erzählen flossen viele Tränen, gleichzeitig kam auch die Frage an Joanna und ihre Freunde: warum tut ihr uns das an, wenn ihr uns nicht befreien könnt von dem, was hier immer noch geschieht?
Joanna, selbst betroffen und ratlos, antwortete mit der Schilderung des nach dem Krieg zerstörten Deutschland, als die Menschen alles darangesetzt hätten, das Land so schnell wie möglich wieder aufzubauen und ihren Kindern das Leid zu ersparen, das sie erlebt hatten. Sie hätten ihnen im Wirtschaftswunderland alles für ein Leben in Wohlstand und Sicherheit geboten, aber eines hätten sie ihnen vorenthalten: ihren Schmerz. Das hätten ihnen die Kinder nicht verziehen.
MIt dieser Erzählung berührte sie die Menschen in Nowosybkow; einige sprachen davon, dass es jetzt zwar erneut weh täte, aber dass sich das richtig anfühle, und sie hörten ihr zu, als sie von Gruppen und Initiativen auf der ganzen Welt sprach, die sich dafür einsetzten, dass derartige Katastrophen sich nicht wieder ereigneten. Denen wollte sie von ihnen – mit denen sie sich jetzt eng verbunden fühlte – erzählen. Das hat sie auch getan. 1
In einem anderen Zusammenhang sagt Joanna Macy:
Es herrscht riesige Angst, und das ist keine individuelle Angelegenheit. Wir sind  in der Seele krank. Wir haben Schmerz pathologisiert, wir haben ihn zu etwas Falschem gemacht, zu einem Fehler, anstatt zur Kenntnis zu nehmen, dass wir Schmerz nötig haben, um uns wach zu machen für das, was Aufmerksamkeit braucht. Aber wir behandeln ihn wie einen Feind…
Es gibt Schmerz. Und wenn du irgendwo hinkommen willst, meine Liebe, wenn du wachsen, wenn du dein Leben öffnen willst, wenn du erleuchtet werden willst oder wie immer du den Zustand beschreibst, den du suchst, musst du dich dem stellen. Wie in dem Gedicht von Mary Oliver: Erzähl mir von deiner Verzweiflung, und ich erzähl dir von meiner. Das erlaubt der Welt, lebendiger zu werden – wenn wir den Mut und die Stärke haben, von unserer Verzweiflung zu sprechen. Wenn wir darüber reden, bleiben wir nicht darin stecken. Verzweiflung ist die Hülle um unsere Liebe zur Welt, und wenn wir darüber sprechen, brechen wir sie auf, sodass die Liebe handeln kann. Der Schlüssel liegt darin, keine Angst zu haben vor unserem Schmerz und vor dem Leiden in der Welt. Und wenn du keine Angst davor hast, kann nichts dich aufhalten. 2

Evamaria

  1. die Geschichte entstammt dem Buch: Macy, Joanna und Gahbler, Norbert: Pass it on. Five Stories that can change the world, Berkeley 2010
  2. gekürzte Übersetzung aus: Joanna Macy, Embracing Pain: www.youtube.com/watch?v=7fnEUhZIirw

Wie ändern wir die Welt?
über Erich Fromms „Haben oder Sein“

Im Jahr 1968, als in Westeuropa so viele junge Leute den Aufstand probten, war ich 20 Jahre alt und bald mittendrin im politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Geschehen, in dem und durch das wir alle Werte auf den Kopf zu stellen meinten. Wir waren voller Widerspruchsgeist gegenüber überkommenen Strukturen in Kindererziehung, Studium, Gesellschaft und Politik, voller Energie davon überzeugt, dass es uns gelingen würde, den zutiefst ungerechten, nur an Profit orientierten  Kapitalismus über den Haufen zu rennen und basisdemokratische, solidarische Gemeinwesen an seiner Stelle zu schaffen.

Heute erinnere ich mich, wie wenig wir damals über unser eigenes Verwurzeltsein in den autoritären Strukturen nachdachten, aus denen wir gekommen waren. Bei allem Enthusiasmus gingen wir grob, unaufmerksam und oft gewaltsam mit uns selbst und miteinander um. Wir urteilten schnell und hart, und meinten immer genau zu wissen, wer richtige und wer falsche Meinungen vertrat.

Unter den linken Klassikern und Gegenwartsautoren, die wir lasen, nahm Erich Fromm eine Sonderstellung ein. Er polarisierte nicht, sondern schuf positive Utopien, von denen wir träumen konnten. Als ich vor kurzem wieder begann, mich mit seinen Texten zu beschäftigen, konnte ich daran anknüpfen; ich möchte durch diesen Beitrag deutlich machen, was er mit säkularem Buddhismus zu tun hat.

erich fromm

Fromm kam im Jahr 1900 als Sohn einer orthodox jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin zur Welt. Er studierte Rechtswissenschaften und Soziologie und wurde Mitarbeiter am renommierten Institut für Sozialforschung. Als junger Mann studierte er den Talmud, später absolvierte er eine Psychoanalyse und ließ sich zum Analytiker ausbilden. Die praktische Ausübung seiner Religion stellte er ein, nachdem er nähere Bekanntschaft mit den Schriften Sigmund Freuds und Karl Marx‘ gemacht hatte. Er emigrierte im Jahr 1934 in die USA und wurde später US-amerikanischer Staatsbürger. Ab 1950 lehrte er an der Universität von Mexiko und engagierte sich politisch in der amerikanischen Friedensbewegung. In den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts kehrte er nach Europa zurück und lebte in der Schweiz, wo er sich vor allem seiner schriftstellerischen Arbeit widmete. Er starb kurz vor seinem 80. Geburtstag. Fromm hat zahlreiche Bücher verfasst, die international ein breites Publikum fanden, vor allem unter jungen Linken 1.

Erich Fromm dachte mit seinem eigenen Kopf, und er hat vor allem in jüngeren Jahren Konflikte nicht gescheut. Vom „Institut für Sozialforschung“, zu dessen wichtigsten Mitarbeitern er gezählt hatte, trennte er sich im Jahr 1939 wegen inhaltlicher Differenzen. Sigmund Freud, mit dem er sich intensiv auseinandergesetzt hat, kritisierte er u.a. wegen seines Kulturpessimismus und der Prädominanz der Sexualität in seinen Schriften; das führte dazu, dass Fromm unter Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern, die eng mit Freud verbunden waren, ein Außenseiter blieb.

Der Erforschung der jüdischen und christlichen Geisteswelt auf unorthodoxe Weise widmete er  viel Aufmerksamkeit. Sein Weltbild und seine Lebenseinstellung erarbeitete er sich aus Teilen jüdischer und christlicher Tradition, Elementen der Frühschriften von Karl Marx, den theoretischen Erkenntnissen und der praktischen Anwendung von empirischer Sozialforschung und Psychoanalyse, aus buddhistischem Gedankengut und meditativer Praxis. Er hat lebenslang einen demokratischen, sozialistischen Humanismus vertreten.

Ein erstes Mal intensiv mit dem Buddhismus auseinandergesetzt hat sich Erich Fromm in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts 2. In seiner Theoriebildung und seiner persönlichen Praxis haben später seine Begegnungen mit Nyanaponika deutliche Spuren hinterlassen.

Nyanaponika, 1901 in Deutschland unter dem Namen Siegmund Feniger geboren, war 57 Jahre lang buddhistischer Mönch und verbrachte einen großen Teil seines Lebens in einer Einsiedelei auf Sri Lanka. Er verfasste zahlreiche Schriften über Buddhismus der Theravada-Schule, am bekanntesten wurde sein Buch „Geistestraining durch Achtsamkeit“. 3 Erich Fromm, der Nyanaponika während dessen Reisen in die Schweiz mehrmals getroffen hat, schätzte dieses Buch und seinen Autor sehr und hat bei ihm Anleitung für eigene Meditationspraxis gefunden. Er sagte  von ihm, er sei …ein Gelehrter, ein Lehrer, ein Helfer – kein Guru, kein Führer und kein Verführer, …der eine Lebensform lehrte und praktizierte, die an die besten Kräfte des heutigen ernüchterten, kritischen und dennoch sehnsüchtigen Menschen appelliert: an Rationalität, Unabhängigkeit, das Aufgeben von Illusionen, Verzicht auf Autoritäten, denen man sich unterwirft, und…das Sehen der Dinge entsprechend ihrer Realität 4.

Etwa zur selben Zeit, als Fromm diese Würdigung verfasste, erschien: Haben oder Sein. 5. Als ich es vor kurzem wieder gelesen habe, war ich berührt von seiner Aktualität nach fast 40 Jahren. Mit dieser so prägnanten wie umfassenden Formulierung präsentiert Fromm hier seine Sicht der Menschen und der Gesellschaft, ihres Bedarfs nach und ihrer Möglichkeiten für tief greifende Veränderungen. Buddhistisches Gedankengut ist in keinem seiner Werke so präsent wie in diesem.

Das Buch beginnt mit nüchterner Analyse: Das Industriezeitalter habe seine Versprechen nicht eingelöst. Glück entstehe nicht aus der Befriedigung aller Wünsche. Unsere Gedanken und Gefühle würden durch Massenmedien beherrscht. Wirtschaftlicher Fortschritt bleibe auf reiche Nationen beschränkt, technischer Fortschritt bringe unabsehbare ökologische Gefahren und die Bedrohung durch einen Atomkrieg. Eroberungsdrang und Feindseligkeit hätten die Menschen blind gemacht für die Tatsache, dass die Welt endlich sei, und zum ersten Mal in der Geschichte hänge nun das physische Überleben der Menschheit von einer radikalen seelischen Veränderung der Menschen ab. Er schreibt: Wir sind eine Gesellschaft notorisch unglücklicher Menschen: einsam, von Ängsten gequält, deprimiert, destruktiv, abhängig – jene Menschen, die froh sind, wenn es ihnen gelingt, jene Zeit „totzuschlagen“, die sie ständig einzusparen versuchen.

Im weiteren Verlauf des Buches geht es um die detaillierte Auseinandersetzung mit den beiden, wie Fromm schreibt, grundlegend verschiedenen Formen menschlichen Erlebens, des Habens und des Seins. Dem Zustand des Habens entspräche Konsumieren in allen Lebensbereichen, das vermindere vordergründig menschliche Angst, zwinge aber auch dazu, immer mehr zu konsumieren, weil die Befriedigung durch materielle Güter bald nachlasse. Haben bedeute das Festhalten an Dingen, wozu wir durch eine marketing-orientierte  Umgebung, in der es um den vordergründigen schönen Schein gehe, erzogen würden. Psychologisch gesehen bedeute die Orientierung am „Markt“, dass es nicht um das eigene Selbst gehe – also um die tatsächlichen Fähigkeiten, Gefühle und Gedanken, sondern um das, was sich verkaufen lasse, was ankomme. Sein aber bedeute, das wirkliche Bild vom Selbst, von anderen Menschen und der Umwelt wahrzunehmen, gelten zu lassen und zu pflegen. Dieses Bild ändere sich laufend, und Erlebnisse von Angst, Schwäche und Leid wären Teil davon.

Die Vorstellung eines „Ich“, das man auf Dauer besitzen könne, beruhe auf der Illusion einer unvergänglichen, unzerstörbaren Substanz, die Menschen aufrecht erhalten wollten, weil der Gedanke ständigen Wandels schwer zu akzeptieren sei. Diese Illusion werde durch eine Kultur der Besitzorientierung, durch den Primat des Privateigentums in der gegenwärtigen Gesellschaft gestützt und genährt. Haben beziehe sich nicht nur auf Gegenstände, sondern ebenso auf Werte, Wissen und Überzeugungen. Eigen-tum entstehe dann nicht durch Entfaltung der eigenen Person, sondern durch unverarbeitete Aneignung äußerer Einflüsse; das Haben-Wollen trete an die Stelle des Sein-Wollens. Seine Grundaussagen belegt der umfassend gebildete Autor mit Zitaten aus vielen Quellen quer durch die Geistesgeschichte.

Angesichts drohender psychischer, ökonomischer und ökologischer Katastrophen hofft er auf tief greifende charakterologische Veränderungen. Fromm schreibt: Ich bin überzeugt, dass sich der menschliche Charakter in der Tat ändern kann, wenn die folgenden Voraussetzungen gegeben sind:

  • Wir leiden und sind uns dessen bewusst
  • Wir haben die Ursache unseres Leidens erkannt
  • Wir sehen eine Möglichkeit, unser Leiden zu überwinden
  • Wir sehen ein, dass wir uns bestimmte Verhaltensnormen zu eigen machen und unsere gegenwärtige Lebenspraxis ändern müssen, um unser Leiden zu überwinden.

Diese vier Punkte entsprechen den Vier Edlen Wahrheiten, die den Kern der Lehre Buddhas über die allgemeinen menschlichen Existenzbedingungen bilden…

Der Autor hat diesen Text wie alle seine anderen Bücher als ein politischer Denker geschrieben; als einer, der zeitlebens tief greifende gesellschaftliche Veränderungen für notwendig gehalten und erhofft hat. Niemals hat er sich dabei auf die Seite einer politischen Partei gestellt. Aus dem obigen Zitat wird deutlich, wo er ansetzt: bei der persönlichen Veränderung jedes Einzelnen, und möglichst Vieler gemeinsam.

Erich Fromm war weder ein Wissenschaftler in traditionellem Sinn, noch war er ein Träumer. Seine Stärke lag darin, dass es ihm – der seine eigene Person auch als Produkt einer deformierten und deformierenden Gesellschaft wahrnahm –  lebenslang um Selbsterkenntnis und persönliche Reifung ging. Lösungsvorschläge, die er stets im Auge hatte, suchte er in der Kunst des Lebens. Die war für ihn gekennzeichnet durch Liebesfähigkeit, Autonomie, Selbstreflexion und die Fähigkeit, sich selbst und die Wirklichkeit in aller Ambivalenz anzunehmen. 6

Dass die Welt sich ändern soll und muss, darin waren wir Jungen uns mit Erich Fromm schon in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts einig. Dass das nur geschehen wird, wenn wir selber uns ändern, war schwerer zu verstehen.

Evamaria, 11. 4. 2013

 

 

 

  1. Besonders bekannt wurden:  Die Kunst des Liebens, Psychoanalyse und Ethik und Anatomie der menschlichen Destruktivität. Eine vollständige Liste seiner Publikationen findet sich auf: http://www.erich-fromm.de, der offiziellen Website des Erich-Fromm-Dokumentationszentrums in Tübingen
  2. Dies geschah anlässlich einer Tagung, die er als Professor für Psychoanalyse in Mexiko organisierte; daraus entstand das Buch: Fromm, Erich, Suzuki, Daisetz Teitaro und Martino, Richard de: Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, Übersetzung aus dem  amerikanischen Englisch, München 1963
  3. Der Text ist im Internet frei zugänglich unter: http://www.palikanon.com/diverses/satipatthana/satipattana.html.
  4. Aus: „Des Geistes Gleichmaß“, Festschrift zu Nyanaponikas 75. Geburtstag aus dem Jahr 1976, in der auch Erich Fromm einen Beitrag verfasste, zitiert nach einem Artikel von Ludger Lütkehaus in der Neuen Zürcher Zeitung vom 21. 7. 2001
  5. Fromm, Erich: To have or to Be, Erstausgabe in amerikanischem Englisch 1976, deutsch: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, München 1976
  6. Funk, Rainer, Meyer, Gerd und Johach, Helmut (Hrsg.): Erich Fromm heute – Zur Aktualität seines Denkens, München 2000. In diesem Sammelband setzt sich Funk, sein langjähriger Assistent und Nachlassverwalter, neben den inhaltlichen auch mit Aspekten der Persönlichkeit Fromms auseinander.

Wir und das Geld

Wenn man die Website von Karl-Heinz Brodbeck auch nur überfliegt, schwirrt einem der Kopf. Er ist ausgebildeter Elektroingenieur, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Kreativitätsforscher und Philosoph, hat zahlreiche Bücher verfasst oder herausgegeben, noch mehr Artikel  geschrieben und ist Mitglied diverser Stiftungen und wissenschaftlicher Vereinigungen. Brodbeck praktiziert in der Schule des tibetischen Dzogchen und versteht sich als engagierter Buddhist.

In der frühen Blütezeit des Buddhismus seien dessen Lehrer gleichzeitig auf dem höchsten Stand des Wissens in anderen Disziplinen gewesen und hätten dieses weitergegeben; an diese Tradition schließe er mit seiner Verknüpfung des Dharma mit Nationalökonomie an. So leitete er einen Vortrag zum Thema: Wirtschaften mit ethischen Maßstäben?!  im April 2013  ein 1.

Brodbeck beginnt mit einem Beispiel aus dem Werk Nagarjunas, des großen indischen Philosophen aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., durch das er Buddhas Lehre von der Abhängigkeit aller Wesen, gleichzeitig auch aller Phänomene – seien sie materiell, sinnlich oder geistig – demonstriert: Mutter und Kind könnten nicht unabhängig voneinander gedacht werden; erst das Kind mache die Mutter zur Mutter und umgekehrt. Beide hätten keine unabhängige Selbst-Natur, keine eigenständige Substanz. Die Bestimmung nur in gegenseitiger Abhängigkeit zu finden, sei mit dem Grundprinzip der „Leere“ gemeint.

Weiters bekennt er sich zu Buddhas Satz „Den Dingen geht der Geist voran“, mit dem gesagt sei, dass die Welt vom Bewusstsein gelenkt werde, dass hier auch die Kraft liege, die Welt zum Guten oder zum Schlechten zu gestalten. Da es keine unveränderbare Menschennatur gebe, könne nahezu jeder „Charakterzug“ durch Motivation und daraus folgende Bewusstseinsprozesse und Handlungen beeinflusst und verändert werden. Philosophen hätten immer wieder versucht, diesen Satz auf den Kopf zu stellen wie Karl Marx mit seinem Diktum vom Sein, das das Bewusstsein bestimme.

Menschen seien unter den unausweichlichen Bedingungen ständigen Wandels auf der Suche nach Sicherheiten; das führe dazu, dass wir immer wieder unsere Erfahrungen in Begriffe übersetzten. So würden wir über Gebühr das Wort „ich“ gebrauchen, und in Verbindung damit gleich den Begriff „mein“, als könnte die Abgrenzung von anderen Menschen und  das Abstecken eines individuellen Territoriums Verunsicherung reduzieren. Das sei mit dem Gift der Unwissenheit oder auch Verblendung gemeint.

Zum Thema „Geld“ stellt er fest, dass trotz dessen dauernder Präsenz seit Jahrhunderten sein Wesen kaum erfasst worden sei. Brodbeck sagt: Geld ist kein Ding, es ist eine fiktive Größe, es ist leer. Wert wird ihm nur zugesprochen, weil alle sich so verhalten, als hätte es Wert, weil wir darauf vertrauen, dass das so sei. Daraus resultiere kollektive Verblendung; wir alle reproduzierten laufend die Macht des Geldes, und obwohl das Geld uns alle verbinde, glaubten wir paradoxerweise, unser eigenes Geld hätte einen speziellen Charakter. Und so versuchten Menschen durch bloße Vermehrung der eigene Geldmenge auf Kosten anderer Sicherheit zu gewinnen: hier kämen die beiden anderen Gifte Gier und Hass ins Spiel. Dass Geldwerte fiktiv seien, dass das Streben nach mehr Geld einer globalen Illusion folge und diese gleichzeitig erzeuge, ließe sich in der Gegenwart an Hand der Blasen an den Börsen und Finanzmärkten unmittelbar nachvollziehen. Ökonomisches Kalkül hätte mehr und mehr  die Übermacht über andere Denkformen gewonnen und die im Geld liegende Illusion zu einer Gewohnheit gemacht. Dies führe nach buddhistischer Analyse auf vielfältige Weise zu Leiden, wie sich an den Finanzkrisen des Kapitalismus zeige, die in den letzten Jahren neue, immer gefährlichere Ausmaße angenommen hätten.

Krisenbekämpfung kann nach Brodbecks Einschätzung nicht einfach durch äußere Begrenzung von Geldgier gelingen. Der irrationalen Gewohnheit des Strebens nach mehr Geld sollten wir das Aufdecken seiner Schein-Natur entgegensetzen. Wir müssten verstärkt Bewusstsein dafür schaffen, dass in einer Welt gegenseitiger Abhängigkeit aller Wesen und Dinge die einzigen gerechtfertigten und gleichzeitig sinnvollen Handlungsmotive Gewaltlosigkeit, Toleranz, Mitgefühl, Fairness und Vertrauen seien. Der Glaube an fiktive Geldwerte, Gier und Aggression im wirtschaftlichen Wettbewerb verhinderten systematisch die Erkenntnis, dass Glück eine erlernbare Bewusstseinsform von Schlichtheit und Freundlichkeit sei.

Evamaria, 6.4.2013

 

  1. Der Anlaß dafür war ein Symposium der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft in Wien. Die Hauptgedanken von Brodbecks Rede können auf seiner Website: http://www.khbrodbeck.homepage.t-online.de/ unter dem Titel Grundlagen der buddhistischen Wirtschaftsethik nachgelesen werden

Menschen sind nicht illegal II

Die Männer, die über zwei Monate lang in den Wiener Votivkirche kampierend auf die prekäre Lage von Asylwerberinnen und Asylwerbern in Österreich hingewiesen haben, sind in ein anderes Quartier umgezogen; ihre „Fälle“ sollen im einzelnen geprüft und entschieden werden, wie es heißt.

Sie und die Menschen, die sie unterstützt haben, haben einiges erreicht. Der öffentliche Diskurs ist vorsichtiger und differenzierter geworden: Flüchtlinge sind oft menschenunwürdig untergebracht, und es ist ihnen faktisch unmöglich, durch eigene Arbeit Geld zu verdienen; diese und andere Schwachstellen in der österreichischen Rechtslage wurden sachlicher als bisher diskutiert. Manche Politiker hätten bei einzelnen Problemen im Umgang mit den Fremden nicht wie Automaten, sondern wie Menschen agiert, und sie sollten weiterhin dazu stehen, schreibt eine Zeitung. In Veröffentlichungen des Instituts für Menschenrechte wird der Protest zum Anlass für eine differenzierte, kritische Auseinandersetzung mit dem österreichischen Fremdenrecht genommen. 1

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollten einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen. Die ersten Sätze der UNO-Menschenrechtskonvention stimmen mit buddhistischen Werten überein, ob saekular oder nicht. Buddha ermutigt uns, in Achtsamkeit und Freundlichkeit den „achtfachen Pfad“ zu gehen und so gedeihliches Zusammenleben aller Lebewesen zu fördern. Buddhistinnen und Buddhisten in aller Welt arbeiten daran, u.a. im International Network of Engaged Buddhists, das sich seit dem Jahr 1989 für sozial engagierten Buddhismus einsetzt und versucht, die Praxis von Weisheit und Mitgefühl mit konkreten sozialen Aktionen in Bereichen wie Friedensarbeit, Umwelt und eben auch Menschenrechte zu verbinden. 2

Als engagierte Buddhistinnen und Buddhisten grüßen wir die knapp fünfzig Pakistanis, die nun von einem Wiener Kloster aus über ihre eigene Zukunft und die von Schicksalsgenossinnen und -genossen verhandeln und wünschen ihnen und ihren Gesprächspartnern guten Mut und gute Ergebnisse.

Evamaria, 12.3.2013

Menschen sind nicht illegal

Menschen sind nicht illegal

Warum äußern sich Buddhisten kaum jemals zu gesellschaftspolitischen Themen?  wurde der Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft kürzlich in einem Interview gefragt.

Gute Frage, dachte ich mir, als ich heute demonstrieren ging. Seit bald zwei Monaten sitzen in der großen, kalten Wiener Votivkirche knapp 50 Flüchtlinge und Asylwerber, viele von ihnen im Hungerstreik. Es geht ihnen für sich selbst und für Menschen in ähnlichen Situationen darum, vor Abschiebung sicher zu sein, besser untergebracht zu werden als bisher und mehr Zugang zum Arbeitsmarkt zu bekommen. Für all das gibt es Gesetze in Österreich, die allerdings von Betroffenen und vielen Fachleuten kritisiert werden. Politiker aller Couleurs bis zum Bundespräsidenten haben die Männer in der Kirche unter Hinweis auf die Gesetzeslage mit unterschiedlichem Nachdruck wissen lassen, ihre Aktion sei sinnlos und wirkungslos. Jedenfalls hat sie fürs erste dazu geführt, dass die Anliegen von Flüchtlingen und Asylwerberinnen in der Öffentlichkeit stärker präsent sind und mehr diskutiert werden.

Die paar tausend friedlichen Demonstrantinnen und Demonstranten aller Altersgruppen und Hautfarben, mit denen ich heute unter Slogans wie no border – no nation – no deportation  und kein Mensch ist illegal durch Wien gezogen bin, vertreten die Meinung, dass neue Gesetze gemacht und  alte geändert werden können. De facto geschieht das in den verschiedensten Bereichen laufend in Österreich, in Europa, in allen Ländern; es hängt nur von der Stärke der Gruppe ab, die sich dafür einsetzt. Und dabei geht es nach dem berühmten Satz von Margaret Mead nicht in erster Linie um ihre Größe:

Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world. Indeed, it is the only thing that ever has.

Wir könnten einfach die Anliegen der Männer in der Votivkirche, die für zehntausende Menschen in ähnlichen Situationen sprechen oder schweigen, zu den unseren machen.

16.2.2013, Evamaria