Carpe Diem

horaz

Tu ne quaesieris, scire nefas, quem mihi, quem tibi,
finem di dederint, Leuconoe, nec Babylonios
temptaris numeros. ut melius, quidquid erit, pati.
seu pluris hiemes seu tribuit Juppiter ultimam,
quae nunc oppositis debilitat pumicibus mare
Tyrrhenum: sapias, vina liques, et spatio brevi
spem longam reseces. dum loquimur, fugerit invida
aetas: carpe diem quam minimum credula postero.

Horaz1

Welches Ende das Schicksal dir und mir bringen wird,

sollst du nicht erforschen, und nicht Orakel darüber befragen.

Das zu wissen steht dir nicht zu.

Besser ist es, hinzunehmen, was immer auch kommen wird,

sei es, dass uns noch mehr Winter zugeteilt sind,

sei es, dass dieser als unser letzter das Meer an die Felsen stürmen lässt:

Lebe bewusst, kläre den Wein,

und beschränk‘ deine auf Dauer gerichtete Hoffnung auf eine kurze Frist.

Leider schwindet Lebenszeit, noch während wir sprechen:

Nutze den Tag und verlass‘ dich so wenig wie möglich auf den nächsten.

 frei übersetzt von Evamaria Glatz

  1. der römische Dichter Quintus Horatius Flaccus lebte im 1. Jahrhundert v.u.Z, dieses berühmte Gedicht steht im ersten Buch seiner Oden

Wo Liebe ist und Weisheit… ein Plan fürs Neue Jahr


Francesco von Assisi

Wo Liebe ist und Weisheit,
da ist weder Furcht noch Ungewissheit.

Wo Geduld und Demut,
weder Zorn noch Aufregung.

Wo Armut und Freude,
nicht Habsucht und Geiz.

Wo Ruhe und Besinnung,
nicht Zerstreuung noch Haltlosigkeit.

Franziskus-Giotto_Basilica d'Assisi


Dove è amore e sapienza
ivi non è timore né ignoranza

Dove è pazienza e umiltà
ivi non è ira né turbamento

Dove è povertà e letizia
ivi non è cupidigia né avarizia

Dove è quiete e meditazione
ivi non è affanno né dissipazione.

Das Unglück und das Glück

Wenn Ihr die Schmerzen nicht haben wollt, spricht das Leben, sollt ihr auch die Lust nicht haben. Richtet ihr euch auf mich ein, so verfehlt ihr zum vornherein die Richtung. Es begegnen mir da zu viele Gerechte, die wollen mich alle meistern. Wenn ich sie aber einfach nicht beachte?…Da kommen sie mir nun alle mit ihrer Lebenskunst und haben bloß die Kunst, aber nicht mich. Nur in mir würden sie die Kunst finden können, aber wenn sie sie fänden, würden sie sie gar nicht mehr so nennen. Ich soll sie nicht mehr unglücklich machen dürfen, aber wie können sie dann je glücklich werden, wie können sie dann je fühlen, was Glück ist, da doch Glück vom Unglück so wenig zu trennen ist wie Licht vom Schatten, die einander bedingen. Sie wollen nicht mehr Schlechtes und Gutes, bloß noch das Gute, aber dieser Eigensinn ist unerfüllbar.

Robert Walser

Gemeinsam

Vergesset nicht
Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge
pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht
es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen läßt
die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen

Rose Ausländer

Über das Loslassen
Ergänzung zu Martine Batchelors Text

Zu dem schönen Text von Martine Batchelor passt, so glaube ich, sehr gut ein Gedicht der amerikanischen Kabarettsängerin, Schauspielerin und Autorin Portia Nelson. Das Gedicht aus ihrem Buch „There’s a Hole in My Sidewalk: The Romance of Self-Discovery“ wurde in der Selbsthilfebewegung populär und ist auch in Sogyal Rinpoche´s „Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ abgedruckt.

AUTOBIOGRAFIE IN FÜNF KAPITELN

Ich gehe die Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren … Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein … aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine Schuld.
Ich komme sofort heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

Ich gehe eine andere Straße.

Monika Strobl

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

Viele kennen das alte Märchen, das die Brüder Grimm aufgezeichnet haben, aber wenige seinen Schluss.

Der Frosch ist wieder zum Prinzen geworden, das junge Paar fährt in achtspänniger Kutsche in eine glückliche Zukunft.
Hinten am Wagen steht der treue Diener Heinrich, der im wechselvollen Schicksal seines Herrn, den eine böse Hexe verwünscht hatte, immer an dessen Seite geblieben war. Er hatte sich eiserne Ringe ums Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit um den Prinzen zerspränge.
Plötzlich kracht es dreimal hintereinander. Der Prinz dreht sich um und ruft: Heinrich, der Wagen bricht! Der antwortet: Nein, Herr, der Wagen nicht. Es sind die Bande an meinem Herzen.

In Sorge und Angst kann es vorkommen, dass wir uns einengen und verhärten. Das muss nicht so bleiben.

Evamaria

 

Die Herrlichkeit des Lebens

Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie beim richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie.

Franz Kafka

Ithaka

Brichst du auf gen Ithaka,
wünsch’ dir eine lange Fahrt,
voller Abenteuer und Erkenntnisse.
Die Lästrygonen und Zyklopen,
den zornigen Poseidon fürchte nicht,
solcherlei wirst du auf deiner Fahrt nie finden,
wenn dein Denken hochgespannt, wenn edle
Regung deinen Geist und Körper anrührt.
Den Lästrygonen und Zyklopen,
dem wütenden Poseidon wirst du nicht begegnen,
falls du sie nicht in deiner Seele mit dir trägst,
falls deine Seele sie nicht vor dir aufbaut.

Wünsch dir eine lange Fahrt.
Der Sommer Morgen möchten viele sein,
da du, mit welcher Freude und Zufriedenheit!
in nie zuvor gesehene Häfen einfährst;
halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier
und erwirb die schönen Waren,
Perlmutt und Korallen, Bernstein, Ebenholz
und erregende Essenzen aller Art,
so reichlich du vermagst, erregende Essenzen;
besuche viele Städte in Ägypten,
damit du von den Eingeborenen lernst und wieder lernst.

Immer halte Ithaka im Sinn.
Dort anzukommen, ist dir vorbestimmt.
Doch beeile nur nicht deine Reise.
Besser ist, sie dauere viele Jahre;
und alt geworden lege auf der Insel an,
reich an dem, was du auf deiner Fahrt gewannst,
und hoffe nicht, dass Ithaka dir Reichtum gäbe.

Ithaka gab dir die schöne Reise.
Du wärest ohne es nicht auf Fahrt gegangen.
Nun hat es dir nicht mehr zu geben.

Auch wenn es sich dir ärmlich zeigt, Ithaka betrog dich nicht.
So weise, wie du wurdest, und in solchem Maß erfahren,
wirst du ohnedies verstanden haben, was die Ithakas bedeuten.

Konstantinos Kavafis (1863-1933)
übersetzt von Wolfgang Josing und Doris Gundert

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Ich habe dieses Gedicht einmal gelesen bei der Suche nach etwas Besonderem für jemanden, der Geburtstag hatte, und ich habe eine Antwort gefunden auf die Frage, warum ich mich immer wieder an den Lästrygonen und Zyklopen gestoßen habe: weil ich sie in mir trage, weil ich sie gegen mich stelle. Dann dachte ich zu meiner Verwunderung, dass ich vielleicht nicht versuchen hätte sollen, sie zu vermeiden, da sie sowieso immer mit mir sind. Ich hätte was anderes machen sollen…vielleicht sie treffen, wie Odysseus schließlich, und Niemand werden (meine Vorstellung von mir abbauen). Der Weg ist lang; inzwischen habe ich den Eindruck, in einige nie zuvor gesehene Häfen eingefahren zu sein und einiges an Perlmutt und Korallen erworben zu haben.

Cristina