Das Ende der Menschheit?

Dalai Lama: Frieden oder Ende der Menschheit

Der Dalai Lama richtet mit seinem neuen Büchlein einen flammenden Appell an die Welt, vor allem an die Jugend. „Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert des Friedens sein – oder das Ende der Menschheit bringen.“

Die jetzt jungen Leute hätten die „grenzenlose Kraft der Zukunft“ in sich, mit der es möglich sei, „mit der Finsternis der Vergangenheit aufzuräumen“. Der Lama setzt enorme Hoffnungen in diese Generation. Er schreibt: „Reißt zu Beginn des 21. Jahrhunderts nun auch die letzten Mauern der Schande ein.“

Den ab 2000 geborenen Menschen wohne die Kraft des Friedens inne, zeigt sich der 82-jährige „ozeangleiche Lehrer“, wie Dalai Lama übersetzt heißt, überzeugt. Und er fühlt sich trotz seines Alters mit der Jugend auf einer Altersstufe, wenn es darum geht, für den Frieden einzutreten. Denn „wir sind alle in der Phase des Neubeginns“.

Dalai Lama

Der 14. Dalai Lama richtet einen Appell an die jungen Menschen, die Welt zum Besseren zu verändern

„Revolution des Mitgefühls“

Mit seinem unbedingten Festhalten an der Gewaltlosigkeit fordert er die Jugend auf, sich nicht von den aktuellen Kriegen, Krisenherden und von Terror entmutigen zu lassen. Gewaltlosigkeit erfordere zwar viel mehr Geduld und Willensstärke, sei aber letztlich erfolgreicher. „Die Geschichte lehrt uns, dass militärische Siege und Niederlagen nie von langer Dauer sind.“

Und: „Gewaltlosigkeit ist die pragmatische Lösung für die Konflikte unserer Zeit.“ Es sei die Zeit gekommen für eine Revolution, die noch nie da gewesen sei: eine Revolution des Mitgefühls. In diesem Zusammenhang beschwört er auch den Mut der Frauen, Führungsämter zu übernehmen. Das entsprechende Kapitel heißt „Mein Traum: Frauen werden Staatschefs“.

„Rebellische Geister brauchen wir“

Das Buch ist zugleich ein Einblick in den persönlichen Werdegang des Lamas. Tenzin Gyatso schreibt über seine Flucht aus Tibet, das, was er von seiner Mutter mitbekommen hat und über sein Lernen über die Maximen der Französischen Revolution. Die Werte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, sieht er im Buddhismus genauso verankert. Er beschreibt auch sein Miterleben von Vorgängen in der Welt, selbst, wenn er nicht physisch dabei war, wie etwa beim Fall der Berliner Mauer.

Cover von "Der neue Appell des Dalai Lama an die Welt"

Buchhinweis

Dalai Lama: Der neue Appell des Dalai Lama an die Welt, 88 Seiten, Benevento Verlag, 2018, 7 Euro.

 

Während andere buddhistische Gelehrte sich hauptsächlich in Gelassenheit üben, betont der Autor die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit historischen Ereignissen und den menschlichen Entwicklungen. Für ihn stellt die Gelassenheit nur einen von mehreren Aspekten der buddhistischen Grundlagen dar.

Weiterbestand der Erde nicht gesichert

Besonders problematisch sieht der Dalai Lama die Klimakatastrophe. Denn der heutigen Jugend sei nicht garantiert, gesund erwachsen zu werden. Aber auch hier sieht er Abhilfe: „Denn wenn wir imstande waren, all diese Probleme zu schaffen, dann ist es nur logisch, dass wir auch über Möglichkeiten verfügen, sie zu lösen.“

Aus der Sicht des Lamas braucht es dazu vor allem kollektive Intelligenz und Mitgefühl. Denn eine einzelne Plastikflasche erscheine nicht schlimm, jeden Tag würden aber Millionen Kilo Plastik in die Meere gekippt, schreibt der Dalai Lama und appelliert an das Bewusstsein für das eigene Handeln.

Der Buddhismus und die Physik

Tenzin Gyatso begründet seine Forderungen nach Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut mit Erkenntnissen der Quantenphysik. Die Zellen von Lebewesen vibrieren demzufolge im Einklang mit dem Universum. Er mahnt alle Menschen – nicht nur die Jugend – ihre universelle Verantwortung wahrzunehmen. So wie Gedanken, Handlungen und Worte eine Wirkung auf quasi das ganze System haben, könne jede und jeder als winziger Teil der sieben Milliarden Erdbewohner ihren oder seinen Beitrag leisten.

 

 

 

Nina Goldmann, religion.ORF.at                                                               gefunden von evamaria

Wieder ein Peer-Retreat

Zum fünften Mal haben wir säkularen Buddhistinnen und Buddhisten ein Retreat organisiert. Ursprünglich hatte unser Freund Winton Higgins aus Australien uns vorgewarnt: Ein Retreat ohne Lehrerin/Lehrer  wäre so ähnlich  wie Katzen zu hüten, aber das können wir nicht bestätigen.

Es gab diesmal keine Vorträge; das Programm war trotzdem  vielfältig: Es gab einige Meditationensitzungen täglich, an die wir uns nach Jason Siffs Methode „Recollective Awareness“ zu erinnen versuchten; außerdem achtsames Arbeiten und ein gemeinsamer Spaziergang täglich, dazu Yoga und Feldenkraisübungen, für die, die das gemeinsam machen wollten. Wir haben die ganze Zeit im Schweigen verbracht.

Es  war eine spannende Erfahrung für mich. Es ändert den Blickwinkel entscheidend, wenn man die ganze Organisation selber macht und auch dafür verantwortlich ist. Autorität vermittelt Sicherheit. Macht man die Dinge selber, wird man zwar manchmal unsicherer, aber gleichzeitig unabhängiger.

Unser goldener Okober

Es ist warm, und die Sonne scheint. Meine Freude darüber ist nicht ungetrübt angesichts der Tatsache, dass es viel zu warm ist.

Es hat lange gedauert, bis nun auch der Präsident der USA den Klimawandel nicht mehr für ausgeschlossen hält.

Dieses Inserat, das ich diese Woche gefunden habe, spricht für sich:

Die Erkenntnis, dass ständiges Wachstum nicht unvermeidlich sei, ist noch nicht in den Köpfen den meisten Menschen  angekommen.

Die buddhistische Weisheit: was wächst, wird wieder vergehen, muss erst noch länger reifen und hoffentlich nicht durch immer wiederkehrende Naturkatastrophen bestätigt werden. Wird sich das während unserer Lebenszeit noch ausgehen?

Evamaria

Ich bin wieder da

Liebe Freundinnen und Freunde,

nach langer Zeit melde ich mich wieder. Ich habe in der Zwischenzeit viel zu tun gehabt, wie ihr von Bernd erfahren habt. Ich habe ich eine schwere Krankheit überstanden, und eine Halbseitenlähmung ist zurückgeblieben. Das Gehen und auch das Sprechen habe ich mühsam wieder gelernt. Und ich möchte gerne den Blog wieder aufnehmen. Erwartet bitte nicht, daß ich so viel schreiben werde wie früher, aber ich kann das Schreiben einfach nicht lassen und ich will das auch nicht. Wir werden sehen, wie das geht.

Während der Zeit meiner Krankheit hat mein Hirn nicht besonders gut funktioniert, und die Beschäftigung mit dem Dharma und Buddhas Lehren ist in den Hintergrund getreten. Wer mich aber treu begleitet hat und immer noch begleitet, ist unsere Sangha in Wien, dafür danke ich meinen Freundinnen und Freunden sehr, mit denen ich schon seit längerer Zeit wieder gemeinsam meditiere.

Geblieben ist mir die unglaubliche Freude, noch am Leben zu sein, und dass man ein Glas immer als halbvoll oder halbleer sehen kann.

Evamaria

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

leider muss ich Euch davon informieren, dass Evamaria einen Schlaganfall erlitten hat. Die Aorta-Dissektion, die diesen verursacht hat, und die Notoperation zum Austausch des betroffenen Stückes der Aorta hat sie mit viel Glück überlebt. Jetzt befindet sie sich schon wieder am Weg der Besserung, ist aber in der Beweglichkeit ihrer linken Körperseite und ihrem Sprechen noch sehr eingeschränkt. Zwar versteht sie quasi alles, tut sich aber noch schwer, die von ihr so geliebten Wörter zu finden. Obwohl es täglich besser wird, fällt sie doch als Hauptautorin dieses Blogs eine Weile lang aus.

Für uns in der Wiener Gruppe ist das eine heftige Erinnerung daran, wie sehr unser Leben permanent auf des Messers Schneide steht. Aber auch eine Inspiration und Ermunterung zur Praxis: Als Evamaria und ich über ihre Erfahrung gesprochen haben, hat sie diese ohne jegliche Mühe beim Sprechen als „unheimlich interessant“ bezeichnet. Das war für mich ein sehr bewegender Moment, das ist gelebtes „Dukkha-Umarmen“!

Auch auf diesem Weg wünsche ich Evamaria schnelle und vollständige Genesung, und fühle mich an der Nase genommen, ihre Online-Abwesenheit durch mehr Beiträge meinerseits ein kleines Bisschen auszugleichen.

Liebe Grüße,
Bernd

Mit.Gefühl beim Essen II
Nichts hindert uns daran, klüger zu werden

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel über Essen gepostet und mich darin für einen moderaten Flexitarismus ausgesprochen, also für eine ausgewogene Mischkost, zu der auch mäßiger Fleischkonsum gehört.

Ich habe meine Meinung geändert und bin zur Veganerin geworden. Mein 14jähriger Enkelsohn Josef hat mich da besonders angeregt. Er hat sich recht umfassend über diverse Pro-und Kontra-Argumente informiert, isst seit etwa einem halben Jahr vegan und arbeitet mit großem Nachdruck daran, sein Umfeld zuhause und in der Schule zu motivieren, seinem Beispiel zu folgen. Für seine skeptischen Eltern hat er Argumente gesammelt, warum das auch in seinem Alter unschädlich sei und er mit einer ausgewogenen Kost auf Pflanzenbasis alle Nährstoffe bekomme, die sein Körper für das Wachstum braucht. Er sucht solide Quellen dafür und bemüht sich um ein möglichst unabhängiges Bild, das auch seine eigenen Erfahrungen einbezieht. Nach seiner Meinung werden in drei Dokumentarfilmen aus den letzten Jahren die Hauptargumente für ein veganes Leben präsentiert.

earthlingsDa ist einmal Earthlings, ein Film von Joaquin Phoenix 1. Dabei geht es darum, dass wir Menschen und alle Tiere, die wir essen, als unterschiedliche, aber gleichberechtigte Wesen die Erde bewohnen und nichts uns das Recht gibt, sie für unsere Zwecke so unbeschreiblich brutal zu behandeln, wie in dem Film an vielen Beispielen gezeigt wird.

Der Film „Forks over Knives“photo2, in dem für eine ausschließlich auf Pflanzen basierende Ernährung eingetreten wird, setzt sich ausführlich mit den gesundheitlichen Auswirkungen der im Westen üblichen „Mischkost“ und deren wahrscheinlichen Auswirkungen auf die Verbreitung zahlreicher Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Arthrose, und einiger Krebsarten auseinander.

Und schließlich der ebenfalls US-amerikanische Dokumentarfilm „Cowspiracy“ 3. Hier geht es ummv5bmtu5nzaymzk1mf5bml5banbnxkftztgwode3njqynte-_v1_ux182_cr00182268_al_ die Belastung der Umwelt durch Massentierhaltung für den menschlichen Verzehr. Es wird argumentiert, dass der Ausstoß von Methangas durch Rinder weit massiver und daher umweltschädlicher sei als jener durch CO2, dass diese Information aber von klassischen Umweltschutzorganisationen möglichst unterdrückt werde, um das Spendenaufkommen für ihre Kampagnen nicht zu gefährden.

Die Argumente dieser drei Filme zusammen haben mich überzeugt. Schaut rein, bildet Euch Eure eigene Meinung!

Evamaria

 

 

 

 

  1. zugänglich in deutscher Sprache auf youtube unter www.earthlings.de
  2. US- amerikanische Website: http://www.forksoverknives.com/ mit näheren Angaben. Der Film ist in der amerikanischen Originalfassung auf netflix zugänglich. Auszüge der deutschen Version „Gabel statt Skalpell“ gibt es auf Youtube, z.B. unter: https://www.youtube.com/watch?v=zHW7nLSOiNI
  3.   http://www.cowspiracy.com/ . Auch diesen Film gibt es in deutscher Sprache auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=HeBM8BcoYgw

Wie alle Wesen verbunden sind

index…du wirst deutlich sehen, dass in diesem Blatt Papier eine Wolke schwebt. Ohne Wolke gibt es keinen Regen; ohne Regen können die Bäume nicht wachsen, und ohne Bäume können wir kein Papier machen. Für das Papier ist die Wolke unverzichtbar. Wenn die Wolke nicht da ist, kann auch das Blatt Papier nicht da sein… Wenn wir in das Blatt Papier noch tiefer hineinsehen, können wir den Sonnenschein darin sehen. Wenn es keinen Sonnenschein gibt, kann der Baum nicht wachsen. Tatsächlich kann dann nichts wachsen. Auch wir können ohne Sonnenschein nicht wachsen. Wir wissen also, dass auch in diesem Blatt Papier Sonnenschein ist. Das Papier und der Sonnenschein sind untrennbar. Und wenn wir weiter schauen, können wir den Holzarbeiter sehen, der den Baum umgeschnitten und ihn zum Sägewerk gebracht hat, damit er in Papier verwandelt wird. Und wir sehen den Weizen. Der Holzarbeiter kann ohne sein tägliches Brot nicht leben, und daher ist der Weizen, der zu seinem Brot geworden ist, auch in diesem Blatt Papier. Und Vater und Mutter des Holzarbeiters sind auch darin… Du kannst kein einziges Ding herausnehmen, das nicht drinnen ist – Zeit, Raum, die Erde, der Regen, die Minerale in der Erde, der Sonnenschein, die Wolke, der Fluss, die Hitze. Alles ko-existiert mit diesem Blatt Papier…So dünn dieses Blatt Papier ist, es enthält alles, was im Universum ist.

aus: Thich Nhat Hanh: The Heart of Understanding

übersetzt von E.G.

Die Piazza von Cres

Cres_Main_PiazzaHier, auf der kroatischen Insel in der nördlichen Adria, kann man trefflich gar nichts tun, und darin übe ich mich gerade wieder. Vormittags und abends sind viele Menschen unterwegs. Fußgänger, Radlerinnen und die Fahrer der kleinen Elektrokarren, mit denen Waren geliefert werden, verständigen sich ohne Verkehrszeichen, indem sie einfach aufpassen und langsamer werden. Aus den vielen Stunden, die ich hier schon müßig bei Kaffee oder Eis gesessen bin, kann ich mich an freundliche kurze Grüße, laute Diskussionen oder auch längere, intensive Gespräche erinnern, an Kinder, die den Erwachsenen zwischen den Beinen herumlaufen oder mit Rädern im Kreis fahren, an viel Gelächter, aber an keinen einzigen Streit. Einmal habe ich die Aufführung einer Commedia dell’arte  hier  miterlebt. Gesprochen wird kroatisch, italienisch, deutsch, englisch und was weiß ich noch alles. Ein paar der vielen Cafes und Restaurants werden vorwiegend von Einheimischen besucht, und in einem Bereich treffen sich Frauen aus der Stadt, von den vielleicht die eine oder andere vorher an den Yogaübungen auf der Hafenmole teilgenommen hat. Es ist ein Wohnzimmer für alle. Was die Menschen tun oder vorhaben, ist leicht zu verstehen: Gemüse, Honig und Olivenöl  kaufen oder verkaufen, den Fischfang des Tages ausladen, das Baby spazierenführen, Marktstände fotografieren, mit dem Fahrrad den Einkauf heimbringen, mit der Aktenmappe ins Rathaus gehen oder mit dem Rucksack in die Schule…hastig sind sie nicht, die Leute hier.

Bevor ich ganz ins Schwärmen gerate, höre ich jetzt auf. Ich mag auch nicht ergründen, warum es hier bei aller Lebendigkeit so ruhig und freundlich zugeht – schließlich bin ich auf Urlaub. Ein paar Tage werde ich die Piazza von Cres noch genießen, und ausdrücken möchte ich: im Grund braucht es nicht so viel für ein gutes Leben miteinander.

Evamaria

 

Wieder mal ein Peer-Retreat

Zum dritten Mal möchten wir ein paar Tage gemeinsam meditieren und über unseren säkular-buddhistischen Weg nachdenken. Gäste sind sehr herzlich willkommen!

Das Retreat findet von 27.- 30. 10. im Buddhistischen Zentrum im niederösterreichischen Scheibbs statt. Anmeldungen bitte über die dortige Website: www.bzs.at

Wir würden uns freuen, die eine Leserin oder den anderen Leser dort persönlich zu treffen!

Evamaria

Wie man sein Karma lenkt
von David Loy

David LoyWas sollen wir mit Karma anfangen1?

Es hat keinen Sinn vorzutäuschen, dass Karma für den Buddhismus unserer Zeit nicht zu einem Problem geworden ist. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind: die meisten von uns wissen nicht recht, wie wir es verstehen sollen. Zusammen mit seinem Zwilling, der Wiedergeburt, war Karma immer ein wesentlicher Teil der buddhistischen Lehre, doch wissen wir nicht, wie buchstabengetreu sie interpretiert werden sollten. Karma wird oft als ein unpersönliches und deterministisches „moralisches Gesetz“ des Universums verstanden und wurde dafür benutzt, Rassismus, Kastenwesen, ökonomische Unterdrückung, angeborene Behinderungen und alles mögliche andere zu rationalisieren. So verstanden rechtfertigt Karma die Autorität politischer Eliten, die ihren Reichtum und ihre Macht also verdient haben müssen, und die Unterordnung derer, die beides nicht haben.

In der Kalama Sutta, die manchmal „die buddhistische Charta freien Forschens“ genannt wird, unterstrich der Buddha die Wichtigkeit intelligenten, prüfenden Zweifels. Er sagte, wir sollten an keine Sache glauben, bevor wir ihre Wahrheit für uns selbst bestätigt hätten. Das legt nahe, dass das buchstabengetreue Akzeptieren von Karma und Wiedergeburt ohne die Frage, was mit ihnen wirklich gemeint sei, bedeuten könnte, sich vom Besten der Tradition zu distanzieren. Das bedeutet nicht, buddhistische Lehren darüber herabzusetzen oder zu verwerfen. Es unterstreicht nur die Notwendigkeit für den modernen Buddhismus, diese Lehren zu hinterfragen.

Eines der grundlegendsten Prinzipien des Buddhismus ist gegenseitige Abhängigkeit, aber ich frage mich, ob uns klar ist, was das im Zusammenhang mit den ursprünglichen Lehren des Buddha bedeutet. Gegenseitige Abhängigkeit bedeutet, dass nichts irgendeine Form von „Selbst-Existenz“ hat, weil es von anderen Dingen abhängt, und so weiter. Alle Dinge entstehen und vergehen entsprechend von Ursachen und Bedingungen. Doch der Buddhismus, so meinen wir, ist der unvermittelten Erfahrung des Shakyamuni Buddha entsprungen, der ein „Erwachter“ wurde, als er unter dem Bodhibaum Nirvana erlangte.

Obwohl wir den hier erwähnten Bericht als gegeben ansehen, gibt es ein Problem damit. Diese Geschichte von der Erleuchtung, wie sie normalerweise erzählt wird, läuft auf einen Mythos von Selbst-Erschaffung hinaus – etwas, was der Buddhismus ablehnt! Wenn die gegenseitige Abhängigkeit aller Dinge für alle Dinge zutrifft, kann die Wahrheit des Buddhismus nicht unabhängig von all den anderen spirituellen Vorstellungen in Zeit und Raum des Buddha (das heißt, dem Indien zur Eisenzeit) ohne jede Beziehung zu ihnen entstanden sein. Statt dessen müssen die Lehren des Shakyamuni als Antwort auf diese Auffassungen verstanden werden, und zwar als eine Antwort, die unvermeidlich viele der spirituellen Vorstellungen, die in dieser Kultur gängig waren, zur Voraussetzung hatte – zum Beispiel die allgemeinen Annahmen über Karma und Wiedergeburt, die sich zu dieser Zeit weithin verbreiteten.

Eine andere grundlegende Lehre des Buddhismus ist die von der Unbeständigkeit, was uns in diesem Kontext daran erinnert, dass hinduistische und buddhistische Auffassungen eine Geschichte haben, dass sie sich mit der Zeit entwickelt haben. In früheren brahmanischen Lehren gab es eine Tendenz, Karma mechanisch und rituell zu verstehen. Ein Opfer auf die richtige Art durchzuführen, sollte ausnahmslos zu den erwünschten Folgen führen. Wenn diese nicht eintraten, wurde entweder ein Irrtum in der Durchführung angenommen oder eine Verzögerung der kausalen Konsequenzen, vielleicht bis in ein kommendes Leben (hier ist Wiedergeburt impliziert). In seiner spirituellen Revolution formte der Buddha diese rituelle Einstellung, die vom Leben das Gewünschte erhalten will, in ein moralisches Prinzip um, indem er den Akzent auf cetana, „Motive“, „Absichten“ richtete. Cetana ist der Schlüssel zum Verständnis des ethischen Zugang zu Karma, den er eröffnete.

Einige Texte des Pali Kanon stützen eine weitgehend deterministische Sichtweise. Zum Beispiel wird in der Culakammavibhanga Sutra (Majjhima Nikaya 135) Karma verwendet, um diverse Unterschiede zwischen Menschen zu erklären, einschließlich körperlicher Erscheinung und ökonomischer Ungleichheit. Es gibt aber auch andere Texte, zum Beispiel die Tittha Sutra (Anguttara Nikaya 3.61), in denen der Buddha darlegt, dass eine solche Sichtweise die Möglichkeit, einem spirituellen Pfad zu folgen, leugnet:

Es gibt Priester und Praktizierende, die an dieser Lehre, dieser Sichtweise festhalten: „Was immer einer Person auch widerfährt – angenehm, schmerzhaft oder weder angenehm noch schmerzhaft – alles ist durch Taten in der Vergangenheit verursacht.“  Ich sagte  zu ihnen: „Wenn das so ist, ist eine Person ein Mörder lebendiger Wesen aufgrund dessen, was in der Vergangenheit getan wurde. Eine Person ist ein Dieb… ein Unkeuscher… ein Lügner… einer, der durch seine Rede Uneinigkeit stiftet… einer, der barsch spricht… ein nutzloser Schwätzer… gierig… bösartig… einer, der an falschen Ansichten festhält, aufgrund dessen, was in der Vergangenheit getan wurde.“ Wenn jemand auf die Sichtweise zurückfällt: was in der Vergangenheit getan wurde, sei wesentlich, Bhikkhus, dann gibt es keinen Wunsch, kein Bemühen [bei dem Gedanken]: „Dieses sollte getan werden. Dieses sollte nicht getan werden.“ Wenn man das, was getan und nicht getan werden sollte, nicht als Wahrheit oder Wirklichkeit bestimmen kann, bleibt man verwirrt und ungeschützt. Man kann sich [dann] selbst nicht mit Recht als einen Praktizierenden bezeichnen.

karmaDer originale Begriff Karma (kamma in Pali) bedeutet im Sanskrit buchstäblich „Handlung“, während vipaka das karmische Ergebnis einer Handlung ist (auch bekannt als ihre phala, „Frucht“). Das weist darauf hin, dass das Wesentliche ist, dass unsere Taten Folgen haben – genauer gesagt, dass unsere moralisch relevanten Taten Folgen haben, die über ihre unmittelbaren Effekte hinausgehen. In den meisten der gängigen Interpretationen ist das Gesetz von Karma und Wiedergeburt eine Möglichkeit, in den Griff zu bekommen, wie die Welt in der Zukunft auf uns einwirken wird, was unmittelbar mit einschließt, dass wir unsere eigene Verantwortung für alles, was uns geschieht, als Folge unserer früheren Taten akzeptieren müssen. „Wenn ich blind geboren bin, nun, das muss meine eigene Schuld sein.“ Das verfehlt die revolutionäre Bedeutung von Buddhas Neuinterpretation.

Man versteht Karma besser als den Schlüssel zu spiritueller Entwicklung: wie unsere Lebenssituation verändert werden kann, indem wir die Motive für unsere Handlungen genau jetzt verändern. Wenn wir die buddhistische Lehre über Nicht-Selbst hinzufügen – modern ausgedrückt, dass die Selbst-Empfindung eines Menschen ein geistiges Konstrukt ist – können wir sehen, dass Karma nicht etwas ist, was das Selbst hat, es ist das, was die Selbst-Empfindung ist, und etwas, was die Selbst-Empfindung entsprechend der bewussten Wahl, die jemand trifft, verändert. „Ich“ (re)konstruiere mich selbst durch das, was „ich“ absichtlich tue, denn „meine“ Selbst-Empfindung ist der Niederschlag gewohnheitsmäßiger Formen des Denkens, Fühlens und Handelns. Genauso wie mein Körper aus der Nahrung zusammengesetzt ist, die ich esse, ist mein Charakter aus bewussten Entscheidungen zusammengesetzt, denn „ich“ bin aus meinen stetig wiederholten geistigen Haltungen aufgebaut. Menschen werden nicht für das „bestraft“ oder „belohnt“, was sie getan haben, sondern für das, was sie geworden sind, und was wir mit Absicht tun, macht uns zu dem, was wir sind. Ein anonymer Vers drückt das gut aus:

Säe einen Gedanken und ernte eine Tat,
säe eine Tat und ernte eine Gewohnheit,
säe eine Gewohnheit und ernte einen Charakter,
säe einen Charakter und ernte ein Schicksal

Was ich tue, ist durch das motiviert, was ich denke. Gezielte Taten, immer wieder wiederholt, werden zu Gewohnheiten. Gewohnheitsmäßige Wege des Denkens, Fühlens, Handelns und Reagierens bauen meine Selbst-Empfindung auf und setzen sie zusammen: die Art von Mensch, der ich bin. Die Art von Mensch, der ich bin, bestimmt nicht vollständig, was mir geschieht, aber sie hat starken Einfluss darauf und auf meine Reaktionen.

Wie der Philosoph Spinoza es im letzten Lehrsatz seiner Ethik ausdrückte: Glück ist nicht die Belohnung für Tugend; Glück ist die Tugend selbst. Wir werden nicht für unsere „Sünden“ bestraft, sondern durch sie.

Eine andere Art Mensch zu werden bedeutet, die Welt auf andere Art zu erfahren. Wenn dein Geist sich ändert, ändert sich die Welt. Und wenn wir anders auf die Welt reagieren, reagiert die Welt anders auf uns. Je mehr ich durch Gier, Übelwollen und Verblendung motiviert bin, desto mehr muss ich die Welt manipulieren, um zu bekommen, was ich will, und infolgedessen fühle ich mich zunehmend entfremdet und andere fühlen sich zunehmend von mir entfremdet, wenn sie sehen, dass sie manipuliert worden sind. Dieses gegenseitige Misstrauen regt beide Seiten zu mehr Manipulation an. Andererseits: je mehr meine Taten durch Großzügigkeit, liebende Güte und die Weisheit der gegenseitigen Abhängigkeit motiviert sind, desto mehr kann ich mich entspannen und der Welt öffnen. Je mehr ich mich als Teil der Welt und wirklich mit anderen verbunden fühle, desto weniger werde ich dazu neigen, andere zu benutzen, und somit werden sie dazu neigen, mir zu vertrauen und sich mir zu öffnen. Wenn ich also meine eigenen Motive verändere, verändert das nicht nur mein eigenes Leben; es betrifft auch die Menschen rund um mich, denn das, was ich bin, ist nicht getrennt von dem, was sie sind.

Karma als Wie-ich-meine-Lebenslage-verändere-indem-ich-meine-Motive-verändere ist keine fatalistische Lehre. Ganz im Gegenteil: eine anregendere spirituelle Lehre ist schwer vorstellbar. Es wird uns nicht gesagt, wir sollten die problematischen Umstände in unserem Leben passiv hinnehmen. Vielmehr werden wir ermutigt, unser spirituelles Leben und unsere Situation in der Welt zu verbessern, indem wir uns diesen Umständen mit Großzügigkeit, liebender Güte und nicht-dualer Weisheit zuwenden.

 

  1. Bei diesem Text handelt es sich um die gekürzte Übersetzung des Kapitels „How to drive your Karma“ aus David Loys Buch: Money Sex War Karma, das 2008  veröffentlicht wurde. Eine deutsche Fassung wird demnächst in der edition steinrich erscheinen. Der vorliegende Text ist noch nicht endredigiert; wir veröffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Für die Übersetzung: Evamaria Glatz