Wie man sterben kann

Als wir im Frühjahr 2012 nach dem Seminar von Martine und Stephen Batchelor im österreichischen Scheibbs beschlossen, eine deutschsprachige Website über saekularen Buddhismus ins Leben zu rufen, waren wir fünf. Vier von uns haben sich hier vorgestellt; die fünfte, Herta, die mir mehr als 30 Jahre lang eine Herzensfreundin war, konnte nicht mehr aktiv mitarbeiten, sie ist im vergangenen Herbst gestorben. Auch in ihren letzten Wochen waren wir einander nahe; ich möchte ein wenig erzählen, wie sie in dieser Zeit  gelebt hat.

Sie litt an Brustkrebs in einer sehr aggressiven Form, der dreieinhalb Jahre vorher ausgebrochen war. Sie hatte sich der Krankheit gefügt und gleichzeitig alles ausgeschöpft, was ihr an schul- und alternativmedizinischen Maßnahmen zugänglich war. Ihren 60. Geburtstag – ein Jahr vor ihrem Tod – hat sie gemeinsam mit ihren vielen Gästen zu einem Freudenfest gestaltet.
Im Sommer 2012 traten Metastasen im Rückenmark auf, Herta konnte nur mehr mit Mühe gehen, sie wurde bald pflegebedürftig. Die letzten zehn Wochen ihres Lebens verbrachte sie im Krankenhaus und  in einem Sanatorium; dort habe ich jede Woche einen Tag mit ihr verbracht.

Sie führte ein gutes, freundliches Leben. Sie telefonierte, freute sich sehr über Besuche und hatte einen Kalender dafür, wen aus Familie und Freundeskreis sie zu welchem Zeitpunkt begrüßen konnte und wollte. Sie legte Wert auf ihr Äußeres, auf gemeinsame Mahlzeiten, und sie gestaltete ihr Umfeld im Krankenzimmer mit Blumen, Fotos und den vielen kleinen Geschenken, die sie bekam. Musik hören wollte sie nicht; da hatte sie wohl Angst, die Fassung, die sie aufrecht hielt, zu verlieren. Ärzte und Pflegepersonal mochten sie sehr und taten für sie, was sie konnten; viel Aufmerksamkeit war der medikamentösen Einstellung gewidmet worden, sodass sie keine Schmerzen hatte. Als sie nicht mehr gehen konnte, liebte sie kleine Ausflüge im Rollstuhl in den Garten. Sie schlief viel, las ein wenig und genoss es, mit ihren Töchtern Karten zu spielen. Sie interessierte sich wie vorher für die Themen, die ihre Freundinnen bewegten, sie dachte über unsere Arbeit an der Website nach und hatte auch noch kleine Hinweise zu deren Aufbau für uns. Sie gab uns Besucherinnen und Besuchern das Gefühl, Zeit zu haben, und sie klagte nie. Sie verhielt sich, als wäre ihr Zustand nichts Besonderes.

Einiges hat sehr geholfen: Familienangehörige und Freunde haben sie mit viel Wärme und Umsicht begleitet. Sie wurde von sehr guten Ärztinnen, Ärzten und Pflegepersonen betreut, zu denen sie in den letzten Wochen noch vertrauensvolle Beziehungen entwickeln konnte – sie hat sich gut aufgehoben gefühlt. Ihre Krankheit hat sich so rapide entwickelt, dass niemand sie noch  mit „heroischen“ Therapien behelligt hat, dabei war ihr Geist fast bis zum Ende klar. Bei alldem, nicht zu unterschätzen:  es gab keine finanziellen Einschränkungen, und die kompetente Unterstützung von Fachleuten in ihrem Freundeskreis erleichterte Vieles.

Auf meine Frage, warum sie so gut mit ihrer Lage umgehen könne, antwortete sie, das hätte wohl mit ihrer Persönlichkeit zu tun, auch damit, dass sie sich seit dem Ausbruch der Krankheit intensiv mit deren möglichen Folgen beschäftigt hätte, und mit ihrer jahrelangen Meditationspraxis. Einmal sagte sie mir, sie hätte ein gutes Leben gehabt. Sie wusste ohne Zweifel, dass ihr der Tod nahe bevorstand, aber sie sprach darüber nicht. Ich habe das anfangs nicht verstanden, später dachte ich mir, sie wollte dem Ende nicht Raum geben, bevor es da war. Sie lebte. Als sie schließlich immer weniger selbst tun konnte und bewegungsunfähig wurde, hat sie sich nicht gewehrt, sondern einfach losgelassen. In den letzten Tagen sagte sie ein paar mal, sie wolle jetzt heimgehen.

Als sie starb, waren eine Pflegerin und ein Pfleger bei ihr. Beide erzählten, dass Herta in den letzten Stunden heiter gewirkt habe, kurz vor ihrem Tod hätte sie sich aufgerichtet, ihr Gesicht habe gestrahlt, als ob sie in ein helles Licht schauen würde. Als ich wenige Minuten später kam, lag sie lächelnd da, ihre Hände waren noch warm.

Evamaria

 

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