Martine Batchelor über die Gelübde des Bodhisattva

 

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Die Bodhisattva-Gelübde, von denen im vorigen Blog-Beitrag über Stephen Batchelors Shantideva-Übersetzung die Rede war, sind Thema eines Vortrags von Martine Batchelor 1:

Die Zahl der Wesen ist unendlich; ich gelobe, sie alle zu erlösen
Gier, Hass und Unwissenheit entstehen unaufhörlich; ich gelobe, sie zu überwinden
Die Tore des Dharma sind zahllos; ich gelobe, sie alle kennenzulernen
Der Weg des Buddha ist unvergleichlich; ich gelobe, ihn zu verwirklichen

Das sind die „Vier Großen Gelübde“, eine Basis buddhistischer Praxis. Es sind nicht Erwartungen, sondern Bestrebungen; den Unterschied sollten wir uns klar machen.

Das erste Gelübde: Die Zahl der Wesen ist unendlich; ich gelobe, sie alle zu erlösenwie fühlt sich das an? Es gibt uns im allgemeinen Energie, öffnet uns, andere Menschen zu sehen, auf die Welt in kreativer und mitfühlender Weise zu reagieren, ohne dass es um einen speziellen Plan gehen muss. Wir dürfen es nicht buchstabengetreu lesen, das würde nur Spannung erzeugen und das Gefühl, nicht genug zu tun. Machen wir uns klar: wir selbst sind eines der Wesen in der unendlichen Zahl. Es geht nicht um andere Leute, sondern um mich und andere Leute. Wir suchen Erlösung für uns selbst, wenn wir sie für andere suchen. Das Gelübde legt uns nahe, über mich und das Meinige, mit dem ich mich wohl fühle, hinauszugehen, und mich für alle Wesen zu öffnen. Das ist oft nicht einfach; etwa mit einer schwierigen Person umzugehen. Aber wie viel Zeit verbringst du mit einem solchen Menschen? Nicht viel, aber er oder sie muss immer mit sich selber leben.
Bei Meditation geht es nicht darum, sich selbst zu verbessern; es geht darum, die Ichbezogenheit aufzulösen, sodass ein Mittlerer Weg möglich wird zwischen der Sorge für sich selbst und für andere. Man könnte in dem Gelübde das Wort „erlösen“ durch den Ausdruck „nützlich sein“ ersetzen. Darum geht es hier: sich selbst verfügbar zu machen für andere. Das erfordert, zuzuhören. Hörmeditation ist ein wichtiger Zugang zu diesem Gelübde. Durch Zuhören erfährst du, was jemand anderes braucht und auch, wo deine Grenzen sind. Die Frage: kann ich helfen oder nicht? gehört zu kreativem Mitgefühl.
Was noch dazu gehört, ist Gleichmut. Mitgefühl ist mit Traurigkeit verwandt; das Leid anderer Menschen zu spüren, kann schmerzhaft sein. Gleichmut können wir durch Meditation üben, und das bedeutet nicht Indifferenz. Es bedeutet, Stabilität und Balance zu entwickeln, sodass es uns nicht aus der Bahn wirft, wenn wir Schmerz begegnen. Auch schwierigen Emotionen kann man in Ruhe Raum geben.

Das zweite Gelübde: Gier, Hass und Unwissenheit entstehen unaufhörlich; ich gelobe, sie zu überwinden. Das wörtlich zu nehmen, kann entmutigen. Aber es weist einfach darauf hin, dass wir viele Facetten und Perspektiven haben. Ich sehe das mehr als Herausforderung zur Erkundung unserer schwierigen Verhaltensmuster und Gewohnheiten. Sich nicht wie ihr Sklave zu verhalten, ist ein wesentlicher Teil der Praxis und nichts anderes als Arbeit mit dem Erwachen: zu sehen, ich bin nicht immer so. Wie fühlt es sich an, wenn ich in einem Verhaltensmuster gefangen bin, und wie fühlt es sich an, wenn ich frei davon bin? Wir können nicht immer frei davon sein, aber hier geht es ums Bewusstmachen. Kreative Achtsamkeit kann uns gleichermaßen unsere positiven Qualitäten wie die schwierigen bewusst machen.
Wenn wir uns mit negativen Verhaltensmustern beschäftigen, sind sie meistens intensiv. Aber dann ist es zu spät. Es ist einfacher, sich ihnen zu widmen, wenn sie nur leicht auftreten. Wie etwa fühlt sich leichter Ärger an – etwa in der Schlange an der Supermarktkassa? Das ist eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Meditation. Oder: wenn du dazu neigst, Streit anzufangen, wenn du irritiert bist, ist es besser dich zu fragen: wie fühlt sich die Irritation an? Oft ist es einfach Müdigkeit, und dann ist es besser, sich auszuruhen als jemanden anzuschreien. Wenn ich mich mit Verhaltensmustern beschäftige, wenn sie nicht sehr stark sind, gerate ich nicht so leicht in Selbstvorwürfe wie: Ich bin eine schreckliche Person, und daran kann ich nichts ändern.
In diesem Gelübde geht es um Bewusstmachen, und um Übung. Wir brauchen Übung in ethischem Verhalten, in Meditation und in Weisheit.
Wenn wir Lehrern zusehen, neigen wir dazu, sie durch eine rosarote Brille zu betrachten, und dann tun sie einmal Dinge, die unethisch oder eigenartig sind. Das erinnert uns daran, dass auch Lehrer ihre negativen Verhaltensmuster haben. Mein Test für „erleuchtete“ Menschen ist: setz’ sie in ein Auto, das geht kaputt, das Handy ist ausgefallen, es ist mitten in der Nacht und es regnet in Strömen: dann schauen wir mal.

Das dritte Gelübde: Die Tore des Dharma sind zahllos; ich gelobe, sie alle kennenzulernen. Man kann interpretieren, dass damit die verschiedenen buddhistischen Traditionen gemeint seien. Ich halte es für interessanter, es aus der Sicht des täglichen Lebens zu betrachten. Wenn ich ein Retreat besuche, ist das einem Fahrkurs vergleichbar. Wenn du ihn verlässt, fährst du mit allen anderen Leuten unter nicht perfekten Bedingungen. Und da gibt es unzählige Gelegenheiten zu praktizieren. Wenn du vom Retreat zurückkommst mit dem Vorsatz, täglich um fünf aufzustehen und zwei Stunden zu meditieren – das hält meist nur für drei Tage an. Fang klein an und stell dich darauf ein, dass es nicht wie beim Retreat sein wird; dennoch ist es wertvoll, zu versuchen, achtsam zu sein und sich zu sammeln. Man sollte Meditation aber nicht darauf reduzieren. Es gibt so viele Tore des Dharma – so viele Möglichkeiten, im Alltag informell zu praktizieren: beim Kochen, bei der Gartenarbeit...
Hören
ist eine der guten Gelegenheiten zur Praxis im täglichen Leben. Wie hören wir zu? Oft hören wir zwar zu, denken aber gleichzeitig an das, was wir sagen wollen, was viel interessanter ist, und warten nur darauf, dass die andere Person aufhört, damit wir unseres sagen können, und konzentrieren uns die ganze Zeit darauf, es nicht zu vergessen, bis wir sprechen können. Das nenne ich nicht Zuhören. Wir haben so viele Gelegenheiten während des Tages, meditativ zuzuhören. Wenn wir dann sprechen, ist es oft viel weiser und mitfühlender als wir gedacht hätten.
Ein anderes Tor des Dharma ist, den Atem zu beobachten als eine Möglichkeit, uns zu beruhigen. Und wir sollten die Tore des Dharma nicht auf Buddhistisches reduzieren. Es geht um Fördern, Gedeihen und Kultivieren. Umgang mit Kindern, Beratung, Computertraining – es kann so viele Tore des Dharma geben.

Und schließlich das vierte Gelübde: Der Weg des Buddha ist unvergleichlich; ich gelobe, ihn zu verwirklichen. Das bedeutet nicht, dass es nur einen Weg des Buddha gibt, sondern dass der Weg des Erwachens unvergleichlich ist und von großem Wert. Das Gelübde meint: ich kann das; ich habe die Fähigkeit und das kreative Potential dazu, aber ich muss es aktivieren. Du kannst nicht einfach dasitzen und auf Erleuchtung warten, du musst handeln, etwas zum Gedeihen bringen. Und je mehr du etwas kultivierst, desto mehr wirst du fähig dazu. Der Weg des Buddha bedeutet nicht, alle Sutren auswendig zu lernen, sondern sich die Frage zu stellen: was ist das Beste, was ich in diesem Augenblick sein kann? Was ist jetzt mein Potential? Wie kann ich heute ein Buddha sein?

Die Gelübde haben die Kraft, uns eine Richtung zu geben. Sie erinnern uns, wohin wir gehen wollen. Sie haben die Kraft der Bestätigung: ich kann das erreichen, und schließlich die Kraft von Bedeutung: sie geben unserem Leben Wert. Es geht vor allem darum, Weisheit und Mitgefühl zu kultivieren. Das kann ich auf viele verschiedenen Arten tun.

 

  1. im Internet zu hören unter:  http://dharmaseed.org/teacher/119/talk/16033/html., mit Zustimmung der Autorin frei übersetzt und gekürzt von Evamaria Glatz

Eine Antwort auf „Martine Batchelor über die Gelübde des Bodhisattva“

  1. Hallo, von Willigis Jäger habe ich übernommen, ich als Welle gelobe (spreche nicht zum Ocean (Wahres Selbst), sondern Ocean spricht zur Welle). Es gibt auch noch ein Sutra im Vajrajama: Und ich nehme auf mich die Last aller Leiden………ein umfassenderes Bodhisatva Gelübde. Falls Interesse daran besteht, bitte melden.
    Herzliche Grüße Burkhard

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