Heimatland Erde

von Edgar Morin

Die Natur beherrschen? Der Mensch ist noch nicht einmal dazu in der Lage, seine eigene Natur unter Kontrolle zu haben, deren Narrheit ihn dazu treibt, die Natur beherrschen zu wollen und dabei die Beherrschung seiner selbst zu verlieren. Die Welt beherrschen? Der Mensch ist doch nicht mehr als eine Mikrobe im gigantischen und rätselhaften Kosmos. Das Leben beherrschen? Selbst wenn es dem Menschen des Tages möglich wäre eine Bakterie zu erzeugen – er wäre ein Kopist, der eine Organisation reproduziert, die er sich niemals hätte vorstellen können. Und kann er eine Schwalbe, einen Büffel oder eine Ohrenrobbe schaffen? Er ist in der Lage, Milliarden von Bakterien zu vernichten, kann jedoch die resistenten Bakterien nicht daran hindern, sich zu vermehren. Er kann Viren vernichten, doch ist neuen Viren gegenüber machtlos, sie widerstehen seinen Zerstörungsversuchen, verwandeln und erneuern sich … Selbst bezüglich der Bakterien und Viren muss er mit dem Leben und mit der Natur verhandeln und wird es auch weiterhin müssen.

Der Mensch hat die Erde umgewandelt, er hat ihre pflanzlichen Oberflächen nutzbar gemacht und die Tiere domestiziert, doch ist er nicht der Herr der Welt und nicht einmal Herr der Erde.

Zigeuner des Kosmos, Vagabunden durch unbekannte Abenteuer – das ist das anthropologische Schicksal, das sich in der planetarischen Ära offenbart, nach Jahrtausenden des Gefangenseins im repetitiven Zyklus der traditionellen Zivilisationen, im Glauben an die Ewigkeit und an die übernatürlichen Mythen: der Mensch, in das Dasein auf dieser Erde geschleudert, ohne vorgezeichneten Weg umherirrend, der Mensch mit Sorgen und Ängsten, aber auch mit Elan, Poesie und Ekstase. Es ist das der Homo Sapiens Demens, eine unglaubliche Schimäre…eine Monstrosität… Subjekt des Widerspruchs, Genie… Richter über alles und dummer Erdenwurm… Hüter der Wahrheit… Kloake aus Ungewissheit und Irrtümern… Ruhm und Abschaum des Universums, wie Pascal beschrieb, das ist der Mensch, den schon Heraklit, Aischylos, später Shakespeare und viele andere in anderen Kulturen erkannten und durchschauten.

Dieser Mensch muss die irdische Endlichkeit wieder erlernen und auf die falsche Unendlichkeit der Allmacht der Technik, der Allmacht des Geistes sowie seines eigenen Strebens nach Allmacht verzichten, um vor dem wahren Unendlichen, das unbenennbar und ungreifbar ist, Ehrfurcht zu zeigen und sich selbst entdecken zu können. Seine technischen Fähigkeiten, sein Denken und sein Wissen sollten künftig nicht dazu eingesetzt werden, um zu beherrschen, sondern um zu planen und einzurichten, um zu verbessern und zu verstehen.

Wir müssen lernen da zu sein auf dem Planeten. Lernen bedeutet lernen zu leben, teilzuhaben, zu kommunizieren, ein Gefühl der Gemeinsamkeit entwickeln; es ist das, was man in den in sich abgeschlossenen Kulturen gelernt hat. Jetzt müssen wir die Rolle als Menschen des Planeten Erde lernen: zu leben, teilzunehmen, zu kommunizieren und ein Gefühl von Gemeinsamkeit zu entwickeln – nicht nur einer Kultur anzugehören, sondern der Erde.

Ein Planet als Heimat? Ja, denn solcherart sind wir im Kosmos verwurzelt. Wir wissen jetzt, dass dieser kleine, verlorene Planet mehr ist als nur ein gemeinsamer Ort für alle Menschen, er ist unser Haus, unsere Heimat, unser Mutter- und Vaterland, unser Heimatland Erde. Wir haben gelernt, dass wir in den Sonnen zu Rauch würden oder im Weltraum für immer eingefroren würden. Gewiss könnten wir die Erde verlassen, reisen, mit anderen Welten kommunizieren. Doch sind diese entweder zu heiß oder zu kalt, sie kennen kein Leben. Hier bei uns haben wir unsere Pflanzen, unsere Tiere, unsere Toten, unser Leben, unsere Kinder. Wir müssen unser Heimatland Erde bewahren, wir müssen es retten.

Das Bewusstwerden der irdischen Schicksalsgemeinschaft muss das Schlüsselereignis der planetaren Ära werden: wir sind mit diesen mit dem Planeten solidarisch, unser Leben ist an sein Leben gebunden. Wir müssen ihn in einem funktionsfähigen Zustand erhalten, oder wir müssen vorzeitig sterben.

Wir dürfen die menschliche Solidarität nicht auf ein illusorisches irdisches Heil, sondern müssen sie auf das Bewusstsein unseres Verlorenseins gründen, auf das Bewusstsein unserer Zugehörigkeit zum gemeinsamen Komplex der der planetaren Ära, auf das Bewusstsein unserer gemeinsamen Probleme von Leben und Tod, auf das Bewusstsein der Agonie unserer Jahrtausendwende.

Das eherne planetare Zeitalter hinter sich lassen, die Menschheit retten, die Biosphäre mitsteuern, die Erde zivilisieren – das sind vier Begriffe, die in rückläufigen Scheifen miteinander verbunden sind, wobei jede für sich für die anderen eine Notwendigkeit darstellt. Die planetarische Agonie wäre dann die Trägerin einer neuen Geburt: wir könnten den Schritt von Menschengeschlecht zum zur Menschheit tun. Die Politik könnte einen neuen Gründungstag setzen. Der Kampf gegen der Tod der menschlichen Gattung und der Kampf für die Geburt der Menschheit sind ein und dasselbe.

Edgar Morin ist ein französischer Philosoph

die Auszüge aus dem Buch Heimatland Erde, veröffentlicht im Promedia Verlag, wurden zusammengestellt von Eva-Maria Glatz

Edgar Morin, el joven pensador francés de 95 años de edad - París América

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