Sich dem Leben zugehörig fühlen

Ruhig bleiben in dem Chaos, in dessen Mitte wir leben

ein Interview von Douglas Beasley mit Joanna Macy im Sommer 2012

Es ist kein Geheimnis, dass unsere Welt in eine schwierige Lage geraten ist. Die kritischen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind – politische, wirtschaftliche und ökologische – können schon beim Nachdenken überwältigend sein. Joanna Macy glaubt jedoch, dass wir uns in einem Moment befinden, den sie „The Great Turning“ nennt: einen Übergang von einer hauptsächlich durch industrielles Wachstum geprägten Gesellschaft zu einer lebenserhaltenden Gesellschaft. In ihren Workshops ermutigt Macy – eine Buddhistin, die allgemeine Systemtheorie studiert und gelehrt hat und das Konzept der Tiefenökologie mitentwickelt hat – die Menschen, an diesem kollektiven Übergang teilzunehmen, indem sie sich nicht vor ihrem Schmerz über die Welt verstecken, sondern ihn annehmen. In Anerkennung unserer Verzweiflung, sagt Macy, entdecken wir unsere Liebe zur Welt.

In ihrem neuen Buch Active Hope, das gemeinsam mit Chris Johnstone geschrieben wurde, legt Macy dar, dass wir uns auf das konzentrieren sollten, was wir gerne tun würden. Wir sollten unseren Teil dazu beitragen, denn wir können nie sicher sein, wie sich die Zukunft entwickeln wird in die Welt, die wir uns vorstellen. In diesem telefonisch geführten Interview haben wir darüber gesprochen, wie das Erkennen unserer Trauer es uns ermöglicht, Treue zum Leben zu entwickeln.

Frage: Über den Zustand der Erde mache ich mir die größten Sorgen. Was ist der erste Schritt, den ich tun kann?

Antwort: In dem Wissen, dass du über das Schicksal der Erde so besorgt ist, hast du bereits den wesentlichen ersten Schritt getan. Und dieser erste Schritt steht meiner Meinung nach in direktem Zusammenhang mit der ersten edlen Wahrheit, die der Buddha lehrte: die Wirklichkeit des Leidens.

Es ist seltsam, eine große religiöse Tradition zu beginnen, indem man sagt, dass es Leid gibt–aber genau das tat der Buddha. Und es hilft uns, vollkommen präsent zu sein für das, was ist, nicht für das, was wir gerne hätten, nicht für etwas, das wir gutheißen würden, sondern präsent zu sein, wie die Dinge jetzt sind. Die Augen und den Geist auf das Hier und Jetzt einzustellen, ist eine sehr wirksame Methode.

Frage:Was ist der nächste Schritt?

Antwort: Ich würde sagen, schau mal woher das kommt. Schau dir an, was du fühlst. Vielleicht du fühlst dich traurig, vielleicht fühlst du Empörung, vielleicht fühlst du Angst und Furcht, vielleicht fühlst du dich machtlos. Aber was auch du fühlst, schau woher es kommt. Es kommt nicht von einer Haltung von „Wie komme ich als Einzelperson voran?“ sondern eher aus einer Sorge um das Leben selbst. Diese Gefühle von Trauer, Verzweiflung oder Panik entstehen nicht deswegen, weil wir uns in etwas verrannt haben, sondern aus unserer Sorge um das Leben. Und diese Fürsorge wiederum entspringt einem Zugehörigkeitsgefühl. Es ist uns wichtig, was mit dieser Erde passiert, denn von dort kommen wir, sie ist unser größerer Körper. Wir brauchen die Luft zum Atmen, wir brauchen saubere Erde, um Nahrung anzubauen. Wir sind nicht körperlos da draußen im Weltraum.

Beunruhigung über Zerstörungen unserer Erde kann uns zu einer tiefen geistigen Gesundheit führen und uns daran erinnern, wer wir sind und was wir brauchen. Es kann uns daran erinnern, dass wir zu diesem größeren Körper gehören und uns um ihn kümmern. Unsere Kraft zu handeln, unsere Kraft, an der Heilung unsere Welt mitzuwirken, unsere Kraft, die Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen, haben den selben Ausgangspunkt wie diese Verwüstungen. Unser Schmerz über die Welt und unsere Kraft, an der Heilung unserer Welt teilzunehmen, kommen beide aus derselben Quelle.

Auch wenn wir geistig gesund und bei Sinnen sind: mit diesem Schmerz in Kontakt zu treten, ist oft eine sehr schmerzhafte und betäubende Erfahrung. Es scheint, dass es nicht die Wut oder die Angst sind, die betäuben, sondern unsere Reaktion darauf. Wir wollen den Schmerz nicht spüren, also pflastern wir ihn zu. Wir wenden uns ab, wir lenken uns ab, wir haben alle möglichen Strategien, um ihn nicht zu spüren. Aber es ist das, was wir mit diesen Gefühlen machen, was die Betäubung verursacht? Es ist nicht der Schmerz, der die Betäubung verursacht, sondern unser Versuch, den Schmerz zu betäuben.

Frage:Wenn wir uns unserem Schmerz stellen, verwandelt er sich dann in etwas anderes?

Antwort: Ja, denn wenn du den Schmerz als das, verstehst, was er ist, verwandelt er sich in etwas anderes, weil du dich um ihn kümmerst. Diese Fürsorge kommt von unserer Zugehörigkeit. Das ist die Kraft, die aus unserer gegenseitigen Abhängigkeit kommt. Vieles davon stammt aus den Lehren des Buddha. Er war sehr an sozialem Wandel interessiert, auch wenn unsere Anthologien der Schriften des Buddha dies nicht besonders hervorheben.

Frage: Ein Großteil der buddhistischen Tradition scheint Distanz zu betonen: dass Samsara ein elender Zustand sei, aus dem wir herauskommen müssen. Die Aspekte des Buddhismus, die Sie in Ihrem Ansatz verwenden, betonen jedoch die Verbindung. Sind diese Ansichten widersprüchlich?

Antwort: Das ist der Ruf, den der Buddhismus erworben hat. Aber der Buddha hat uns nie gebeten, nicht an die Welt gebunden zu sein. Er hat uns nur gebeten, nicht an das Ego gebunden zu sein. Er lädt uns ein, unsere eigenen egoistischen Wünsche mit Distanz zu betrachten. Aber er fordert uns nie auf, von der Welt selbst losgelöst zu sein. Es ist unser Anhaften, das wir loslassen müssen. Er möchte, dass die Dinge ihren eigenen Weg gehen, und er bittet uns, sie freizugeben.

Schau dir die Lehren über den Bodhisattva an. Der Bodhisattva ist die heroische Figur, die dem Buddha nachempfunden wurde, jemand, der wirklich versteht, wie miteinander verbunden wir alle sind, wie Zellen in einem größeren Körper. Wenn dann etwas auf diesen größeren Körper einwirkt und andere Menschen leiden, ist der Bodhisattva derjenige, von dem beschrieben wird, dass er ein grenzenloses Herz hat, ein riesiges Herz – ein mitfühlender Mensch, der das Leiden nicht nur von sich selbst, sondern von anderen spürt. Der Bodhisattva erfährt also eine Identitätsverschiebung oder eine Erweiterung in ein größeres Selbst.

Frage: Ich bin fasziniert von dem, was Sie über das sich erweiternde Selbstgefühl schreiben. Ist ein sich erweiterndes Selbstgefühl mit der buddhistischen Idee des „Nicht-Selbst“ vereinbar?

Antwort: Für mich ist es ehrlich gesagt das Gleiche. Zuallererst hat der Buddha nie gesagt, dass es kein Selbst gibt. Er sagte nur, du kannst nicht beweisen, dass es ein Selbst gibt. Und er lud uns immer wieder ein, unsere Wahrnehmungen zu erweitern, um zu sehen, wie wir mit allen Wesen verbunden sind. Er lädt uns ein, über den eigenen Erfolg hinauszugehen. „Wie war ich?“ „Habe ich bei dieser Begegnung gewonnen?“ Du könntest dich von diesem Wettbewerbsgefühl lösen, in deinen Augen die Nummer eins sein zu müssen und die Zustimmung aller zu brauchen, um zu einer viel größeren Identität zu gelangen, in der du dich über das Wohlergehen anderer freust. Du könntest Freude daran haben, dass die Leute eine gute Zeit haben.

Frage: Zwei Ihrer Haupteinflüsse sind die buddhistische Idee der abhängigen Entstehung und die allgemeine Systemtheorie. Beide Ansätze zeigen uns unterschiedliche Sichtweisen auf die Kausalität. Normalerweise gehen wir Probleme linear und analytisch an. Ihr Ansatz betont die gegenseitige Kausalität. Wie unterscheiden sich diese?

Antwort: Lineare Kausalität bedeutet, dass sich jede wichtige Veränderung in einer linearen Kette von A nach B über C nach D bewegt. Das übersetzt sich sozial und politisch in einen Machtbegriff von oben nach unten.

Ein Beispiel wäre der Umgang mit Menschen, die die Dinge anders sehen als du. In der linearen Sicht der Kausalität, die eigentlich eine lineare Sicht des Einflusses ist, würden wir sagen, dass A die Meinung von B ändern möchte. Ich möchte einer anderen Person Informationen aufzwingen – das ist eine Einbahnstraße. Bei vielen sozialen Umweltaktivisten ist es so, dass sie predigen und einem sagen, was richtig ist und wie schlimm jenes ist, und man soll alles schlucken.

Wir müssen einen Weg finden, in einem Feld der Unsicherheit in gegenseitigem Respekt zu leben.

Betrachten wir also die gegenseitige Kausalität. Zum einen ist die Einflussrichtung eine Einbahnstraße. Wenn ich, Person A, die Meinung von Person B ändern möchte – das geht nicht. Ich erkenne, dass ich den anderen einladen kann, bestimmte Fragen zu stellen. Ich kann die andere Person zu einem Gespräch einladen. Ich kann Fragen stellen, die der andere beantworten kann.

In diesem Ansatz steckt grundsätzlich mehr Respekt und Demut. Es geht mit einer Ansicht einher, die viele buddhistische Lehrer vertreten und die sie „Anfänger-Geist“ nennen, wie Suzuki Roshi es ausdrückte. Ich habe nicht alle Antworten, aber gemeinsam können wir sie im Gespräch herausfinden. Sobald du versuchst, einer anderen Person deine Meinung aufzuzwingen, wird sie nur ja sagen, weil sie Angst vor dir hat oder weil sich mit dir langweilt und möchte, dass du weggehst. Das ist nur ein Beispiel, und Buddha selbst war sehr stark darin, das seinen Schülern zu sagen. Er sagte: „Pass auf, dass du nicht denkst, dass es ein richtiges Dogma gibt.“ Das gibt es nicht. Stattdessen müssen wir einen Weg finden, in einem Feld der Unsicherheit in gegenseitigem Respekt zu leben. Wir müssen uns davon befreien, die Antwort haben zu müssen. Wir können dies tun, indem wir einander die Hände reichen.

Frage: Wie können Sie Zweifel annehmen und Ihre Überzeugungen über wichtige Dinge bewahren?

Antwort: Ich verstehe dein Argument. Aber dann könnten wir zur ersten erkennbaren – wie auch edlen – Wahrheit zurückkehren. du könnest wissen, dass der grönländische Eisschild schmilzt. Du könnest wissen, dass der Ozean saurer wird. Was du loslassen könnest, ist zu wissen, was andere tun sollen. Du könnest wissen, dass wir auf eine anhaltende Emission von CO 2 -Methan und anderen Treibhausgasen zusteuern – die Wissenschaft sagt, dass sie uns zu einem Temperaturanstieg von über zwei Grad Celsius führen. Und Du könnest wissen, dass dies zu Überschwemmungen und Dürreperioden führen wird. Du könnest sich das also ansehen und eine Art Solidarität oder Verbundenheit mit anderen Menschen spüren und sagen: „Mensch, sieh dir das an.“ Wie werden wir darauf reagieren? Du sagst es den Leuten nicht unbedingt, du schreibst ihnen nicht vor, was sie tun sollen. Aber du bittest sie, nachzusehen. Aber du kannst wissen, dass du willst, dass das Leben weitergeht. Dieses Wissen ist grundlegend für deine Existenz.

Die Einstellung eines fragenden Geistes gilt nur manchmal. Ich denke, das gilt für die Taktik. Es erstreckt sich auf unsere Selbstgerechtigkeit, zu denken, dass ich die Antwort darauf habe, was jeder tun sollte. Aber das ist ein sehr guter Punkt. Die Einstellung ein fragenden Geistes erstreckt sich nicht auf unsere Treue zum Leben.

Übersetzt von Eva-Maria Glatz

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