Der rechte Einsatz in Theorie und Praxis
Retreat mit Martine und Stephen Batchelor

Martine und Stephen Batchelor sind auch heuer für ein säkular-buddhistisches Retreat ins Buddhistische Zentrum nach Scheibbs gekommen, und dazu etwa 25 Frauen und Männer, die ihnen zuhören, miteinander meditieren, sprechen und schweigen wollen.

Am Anfang kam die Frage, an welchen Themen uns Teilnehmerinnen und Teilnehmern gelegen sei. Beide haben den Begriff  „right effort“ aufgegriffen, der rechte Einsatz 1, ein Teil des „achtfachen Pfades“,  den zu gehen Buddha uns nahelegt.

Martine, von der immer die praxisnahen Anleitungen für die Meditation kommen, empfiehlt uns, „effort“ nicht mit „effect“ zu verknüpfen. Beim Einsatz solle nicht sein Effekt im Vordergrund stehen, sondern – wie bei jeder Übung von Achtsamkeit in der Meditation oder außerhalb – gehe es um das Kultivieren dessen, was heilsam ist und uns gut tut; das könne auch sehr entspannend und freudvoll sein. Ohne Vergleiche anzustellen, können wir uns den Einsatz anderer Menschen und unseren eigenen Einsatz durch Mudita, Mitfreude, bewusster machen und ihn so kultivieren. Der Maßstab für unsere Praxis sei jedenfalls einzig, ob sie uns helfe, in unserem Alltag gut zu leben.

Auch Stephen spricht über den rechten Einsatz. Er erinnert uns daran, dass der Begriff „effort“ landläufig mit heftiger Anstrengung bei zusammengebissenen Zähnen assoziiert werde. Für unsere Zwecke gehe es aber darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen Weisheit und Mitgefühl natürlich entstehen und wachsen können.
Buddha spricht von vier Formen von Einsatz:

Fördere in dir den Wunsch, nicht entstandene reaktive Zustände zu vermeiden.
Fördere den Wunsch, entstandene reaktive Zustände loszulassen.
Fördere den Wunsch, heilsame Zustände, die noch nicht da sind, entstehen zu lassen.
Fördere den Wunsch, heilsame Zustände, die schon da sind, aufrechtzuerhalten und auszudehnen.

Dabei sollten wir nichts unterdrücken, sondern uns Bedingungen  schaffen, in denen reaktives Verhalten 2 unwahrscheinlicher wird. Reaktives Verhalten loszulassen könne in vielen Fällen einfach darin bestehen, gar nichts zu tun 3.

Das klinge einleuchtend, sagt Stephen, aber immer noch recht abstrakt. Um es konkreter zu machen, zitiert er ausführlich den indischen Mönch Shantideva, der im 7. und 8. Jahrhundert u. Z. gelebt hat. Dessen „Führer für das Leben eines Bodhisattva“ hat Stephen vor vielen Jahren aus dem Tibetischen ins Englische übersetzt 4. In einem Kapitel geht es auch hier um den rechten Einsatz. Stephen spricht dabei lieber von „enthusiasm“ als von „effort“. Es geht ihm hier wie Shantideva vor allem um eines: was uns Freude macht, strengt uns nicht an, und das sollten wir kultivieren.

Shantideva erinnert seine Leser an ihre Sterblichkeit. Unter diesem Aspekt sei die einzig wichtige Frage, worum es uns im Leben wirklich gehe. Sie sei Voraussetzung dafür, Enthusiasmus für das zu entwickeln, wozu wir uns berufen fühlten – und das habe dann nichts mit zusammengebissenen Zähnen zu tun, ergänzt Stephen. Wenn uns das gelinge, käme alles weitere von selbst: das Selbstbewusstsein, das aus der übernommenen Aufgabe entsteht, die Freude daran und schließlich auch das Wissen darüber, wann es notwendig sei, auszuruhen 5. Shantideva schreibt: wir sollten praktizieren wie Kinder, die zum Spielen nach draußen gehen.

spielende Kinder

Stephen zieht Parallelen zwischen den oben beschriebenen vier Formen von Einsatz und den vier Aufgaben, vor die Buddha uns stellt:

  1. Bedingungen herzustellen, unter denen reaktives Verhalten nicht entsteht, korrespondiere mit dem Umarmen von dukkha, der conditio humana
  2. um das Loslassen reaktiver Zustände gehe es hier wie dort
  3. Bedingungen zu schaffen, unter denen heilsame Zustände entstehen können, entspreche der Erfahrung dessen, dass Reaktivität aufhört
  4. heilsame Zustände aufrechtzuerhalten entspreche dem Kultivieren des Pfades

In diesem Zusammenhang spricht Stephen ausführlich über Nirvana. Obwohl es in anderer Bedeutung in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen sei, sei es nach seiner Interpretation ein Zustand, den wir alle kennen.
Er zitiert aus einem Gespräch zwischen Buddha und dem Wandermönch Sivaka, der ihm die Frage stellt: Was meinst du damit, der Dharma sei hier und jetzt sichtbar, zeitlos, einladend, sachdienlich und für weise Menschen umsetzbar? Buddha antwortet mit einer Gegenfrage: Erkennst du in dir Gier, Hass, Verblendung, wenn sie auftreten? Erkennst du auch Zustände, wenn Gier, Hass, Verblendung nicht vorhanden sind? Sivaka beantwortet alle Fragen mit Ja6. Diese freien und offenen Zustände, in denen wir nicht von etwas getrieben sind, was wir dringend zu brauchen meinen, nennt Stephen Nirvana.

Nun, in diesem Sinn haben wir beim Retreat versucht, die heilsamen Bedingungen in uns und um uns zu fördern und die anderen zu reduzieren. Zur Pflege des einladenden Hauses beizutragen, uns an die Regeln zu halten, die es uns leichter machen sollen, auf begrenztem Raum gut zusammenzuleben, freundlich zu sein und einander nicht zu stören, auch wenn uns eine oder einer durch irgendetwas auf die Nerven geht, und uns beim Anstellen um das gute Essen nicht auf einen vorderen Platz zu drängeln. Das ist manchmal besser, manchmal weniger gut gelungen.
In diesen Tagen hat es einige Momente für mich gegeben, in denen es einfach gepasst hat.
mit Dank an Martine und Stephen,
an Mathias und alle, die in und an diesem Hauses arbeiten
und an unsere Sangha, in der ich zuhause war
Evamaria

 

 

 

 

  1. Diese Übersetzung von „sammā vāyāma“, engl. „right effort“ finde ich besser als Anstrengung“, „Bemühen“, oder auch „Streben“
  2. mit „reaktivem Verhalten“  ist einfach gemeint: sich in schwierigen Situationen ohne nachzudenken blindlings in Reaktionen nach eingefahrenen Mustern zu stürzen
  3. Samyutta Nikaya, Maggasamyutta 8
  4. s.: http://server.dream-fusion.net/jamchen/files/PDF%20Files/19361420-A-Guide-to-the-Bodhisattvas-Way-of-Life.pdf.  Zum Nachlesen auf deutsch: Der Weg des Lebens zur Erleuchtung: Das Bodhicaryavatara von Shantideva, übersetzt von Ernst Steinkellner, erschienen in Diederichs Gelber Reihe. Eine andere – allerdings unvollständige – Übersetzung findet sich im Internet auf: www.berzinarchives.com/
  5. eine etwas genauere Darstellung von Shantidevas Worten dazu findet sich in unserem früheren Blog-Eintrag mit dem Titel: Stephen Batchelor über Shantidevas „Weg des Bodhisattva“
  6. Sanditthika Sutta, AN 6.47, http://www.accesstoinsight.org/tipitaka/an/an06/an06.047.than.html

2 Gedanken zu „Der rechte Einsatz in Theorie und Praxis
Retreat mit Martine und Stephen Batchelor“

  1. Vielen DANK liebe Evamaria! Verständlich geschrieben … und mir gefällt sehr gut der Ansatz: „… Sivaka beantwortet alle Fragen mit Ja. Diese freien und offenen Zustände, in denen wir nicht von etwas getrieben sind, was wir dringend zu brauchen meinen, nennt Stephen Nirvana.“ Mein Lehrer (http://ashintejaniya.org/) erklärt das sehr, sehr ähnlich auch wenn er es nicht direkt mit „Nirvana“ benennt. Daher kann ich für Interessierte sein neuestes Buch sehr empfehlen: http://www.shambhala.com/when-awareness-becomes-natural.html DANKE!

  2. Auch für mich sind diese freien und offenen Gefühlszustände das Nirvana.
    Durch Stephens Hinweis darauf wurde mir erneut bewußt, wie wichtig es für mich ist, mich tief daran zu erfreuen, wenn ich gerade mal in einem solchen Zustand bin.
    Danke Evamaria, daß Du uns von diesem Retreat berichtet hast.

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