„Klassischer“ und säkularer Buddhismus
eine Diskussion

Der Theravada-Mönch Bhikkhu Bodhi, geboren in New York als Jeffrey Block, hat sich vor allem als Übersetzer aus dem Pali-Kanon einen Namen gemacht. Vor kurzem wurde sein Essay: „Facing the Great Divide“ auf unserer neuseeländischen Schwester-Website: http://secularbuddhism.org.nz/resources/documents/facing-the-great-divide/ abgedruckt. Daraufhin entstand eine Diskussion, zu der auch Stephen Batchelor einen Beitrag geliefert hat. Für alle, die das Lesen in englischer Sprache nicht scheuen, könnte das interessant sein. Besonders angesprochen hat mich der Beitrag von Bernat Font, der die spanische Website: http://budismosecular.org/ betreibt.

7 Antworten auf „„Klassischer“ und säkularer Buddhismus
eine Diskussion“

  1. Lieber Eckart Zabel,

    erst mal danke für Deinen Hinweis auf Richard K. Payne –
    die anglo-amerikanische Debatte über das Verhältnis von
    Religion(en), Ethik, kontemporärem Wirtschaftssystem
    (aka Kapitalismus) und Buddhismus ist deutlich älter und
    weit fortgeschrittener als unser mitteleuropäischer Diskurs,
    scheint mir.
    Davon können wir lernen – wir müssen das Rad ja nicht immer
    wieder von vorne erfinden.

    Was mir allerdings auch auffällt, ist die extreme Zersplitterung
    der Diskussion mit wild durcheinander gehenden Begrifflichkeiten
    und massiven Hahnenkämpfen der Beteiligten – da ist
    offensichtlich massiv Ego am Werk.

    Nicht sehr buddhistisch, oder??

    Vielleicht sollten wir auch davon lernen, und mehr die
    Gemeinsamkeiten als das Trennende zu betonen –
    den „gap“ zwischen den traditionellen und säkularen
    Buddhismuspositionen eher zu füllen, als noch mehr
    zu vertiefen.

    Mit Sachverstand und Ehrlichkeit, natürlich, und
    nicht als fauler Kompromiss um des lieben Friedens willen.

    Es ist eine Gelegenheit, den buddhadharma in Aktion
    zu zeigen – überzeugender als jeder buddhistischer Vortrag.

    Was natürlich in jede Richtung gilt: wir können uns auch
    als kleinkrämerische Zänker mit großen Egos und einem
    Hang zum Kommerz profilieren – ein Problem, das wir dann
    mit den meisten anderen Religionen teilen würden.

    Also, ich plädiere für einen konstruktive Zusammenarbeit
    der buddhistischen Denkschulen mit einem Vertrauens-
    vorschuss untereinander – Inklusion statt Exklusion.

    Und wenn wir das geschafft haben, sollten wir das Verhalten
    auf den Rest der Welt übertragen – Bodhisattvas in action.

    Und, ohne Evamaria vorgreifen zu wollen: kommt https://rkpayne.wordpress.com/reflections-on-buddhist-thought-posts/
    zu den links, auch wenn R.K. Payne Batchelor kritisiert hat??

    freundlich Grüße,

    paula

  2. Danke, Eckart, für den Hinweis auf R. K. Payne, der mich allerdings ganz schön ins Dilemma führt. Mit Argumenten antworten? Aber wie? Ich schließe mich Paula an, falls ich sie richtig verstehe: einen Hahnenkampf mag ich nicht führen.
    Zwei vorsichtige Bemerkungen zu Paynes Text: Dass Forscher vor ihm und gleichzeitig mit ihm in ähnliche Richtungen gedacht haben und denken, diskreditiert in meinen Augen Batchelors Arbeit nicht – siehe das Rad, das nicht immer wieder neu erfunden werden muss.
    Wichtiger scheint mir, wie Stephen Batchelor unermüdlich herauszuarbeiten versucht: Gotama Siddharta hatte nicht die Gründung einer Religion im Sinn. Er war ein zeitgenössischer Wanderprediger, Lebenslehrer, Psychologe, Vorbild, aber kein Religionsstifter. Das ist für uns Heutige, und wahrscheinlich überhaupt schwer zu begreifen, und noch schwerer nachzuvollziehen: dass da einer war, der seine Gedanken für bahnbrechend hielt und wollte, dass sie ihn überleben, aber nichts dafür tat, sie in den Zement einer Institution zu gießen. Damit hat er sie, genau genommen, stetigem Wandel ausgesetzt, und das haben ja dann die meisten seiner nachfolgenden Jünger nicht lange ausgehalten und also die institutionalisierte Religion Buddhismus in ihren zahlreichen Variationen geschaffen.
    Die Bezeichnung „säkularer Buddhismus“ halte ich in diesem Zusammenhang für einen manchmal irreführenden Hilfsausdruck, der vor allem die Verbundenheit mit dem Dharma ausdrücken soll.
    Liebe Paula, für alle, die Paynes Text nachlesen wollen – der Link steht in Eckarts Kommentar (und in Deinem ja auch).
    Schöne Grüße!
    Evamaria

  3. Liebe Paula, liebe Evamaria,

    danke für Eure Reaktionen auf meinen Hinweis. Ich halte es für mich selbst für wichtig, mich auch mit Kritik auseinander zu setzen. Ja, der anglo-amerikanische Diskurs ist fortgeschrittener als der mitteleuropäische. Die Beschäftigung damit finde ich jedoch manchmal bereichernd. Das hindert mich jedoch nicht daran, die Annäherung von Stephen an Dharma und Buddhismus wert zu schätzen. Ich empfinde sie als befreiend, fruchtbar und hilfreich für mich. Philologische Kritik an einem Detail des Quellenverständnisses und Vergleich mit ‚Protestantismus‘ ändern daran nichts. Stephen’s Denken hat sich zum Teil aus seiner Auseinandersetzung mit Theologen wie Tillich und McQuarrie entwickelt, ohne dass er sein Verständnis des Dharma am ‚Protestantismus‘ nachmoduliert.

    Wie Du sagst, Paula, wahrscheinlich ist hier auch immer wieder ein Schuss ‚Ego‘ am Werke. Die ‚Schwellenhüter‘ der Wissenschaft müssen diese ‚rein‘ halten, und solche der ‚Orthodoxie‘ müssen jene ‚rein‘ halten.

    Gibt es einen ‚gap‘ zwischen traditionellen Formen und der säkularen Form des Buddhismus? Wohl schon, in Hinblick auf Sichten und Gewohnheiten; in Hinblick auf Praktizieren und Anwendung in Alltag und Welt sollte es diesen nicht geben. Mir ist es egal, wie sich jemand bezeichnet, wenn er den Dharma lebt. Hier noch ein Link für Dich, Paula, von jemandem, der einer Tradition folgt, aber einen Weg der Offenheit und Ausgeglichenheit sucht: http://www.existentialbuddhist.com/

    Deine Umschreibung dessen, Evamaria, was Stephen herauszuarbeiten versucht, finde ich exzellent. ‚Säkularer Buddhismus‘ ist natürlich nur eine Bezeichnung/Hilfsbezeichnung. Manchmal glimmt ja dazu hier und da eine Diskussion auf, aber ich habe noch von keinem besseren Vorschlag gehört.

    Danke für Eure Arbeit an und für diese Seite. Sie ist für mich diejenige, die das Wesen des ‚SB‘ am deutlichsten zum Ausdruck bringt.

    Beste Grüsse,
    Eckart

  4. da sind wir uns weitgehend einig:
    ein mittlerer Weg von Tradition verbunden mit Offenheit
    und Ausgeglichenheit – was, vermute ich mal,
    auch von Bhikkhu Bodhi unterschrieben würde –
    nur würde er vermutlich die Gewichtungen anders legen
    als Stephen und Martine Batchelor oder wir.

    Deswegen noch ein Zitat zu Tradition (Thomas Morus u.a.):
    „Tradition ist nicht das Erhalten der Asche, sondern die
    Weitergabe der Flamme.“

    Mir scheint es bei der Diskussion um traditionellen und
    säkularen Buddhismus sehr viel um die Unterscheidung
    zwischen „Asche“ und „Feuer“ in den buddhistischen Traditionen
    zu gehen; um das, was man ohne Schaden anzurichten beiseite legen kann und was nicht.
    Wo der Bodhibaum zurückgeschnitten werden kann (pruning of the bodhi tree, wie ein japanisches Buch heisst) und vielleicht auch
    zurückgeschnitten werden muss und wo nicht.

    Mir scheint, bei den Texten ist grundsätzlich
    bei den Sutren (sutta pitaka) eine Menge Glut und nur wenig
    Asche enthalten, während der Vinaya (vinaya pitaka) eine
    Menge Asche enthält.
    Der Abhidharma pitaka ist eher eine recht offene historische Sammlung von wichtigen buddhistisch-philosophischen Überlegungen der letzten 2500 Jahre und ist ergänzungsfähig.
    Die „Asche“ hierin ist historische Substanz und zeigt Entwicklungen an.

    Nun, „echte“ Traditonalisten würden natürlich höchst liebevoll auch noch jedes kleinste Aschestäubchen erhalten – auch auf die Gefahr
    hin, dass das Feuer dabei einfach erlischt.

    „Echte“ Modernisten würden den ganzen „alten Plunder“, der
    sich nicht mit ihrer kontemporären Weltsicht verträgt, am liebsten
    verschwinden lassen (ja, davon gibt es einige, man lese einige
    der anglo-amerikanischen Blogs, zb. aus der psychologischen Szene,
    sorry!)

    Einige , die ich gerne „modernistische Piraten“ nennen möchte, würden die „nützlichen“ Komponenten des Buddhismus
    am liebsten in ihre eigenen Religionssysteme einbauen und den Buddhismus an sich „verschwinden“ lassen, siehe Stichwort „christianity in Buddhist drags – Christentum in buddhistischer Verkleidung.
    Ich habe den Eindruck, das sind die, die traditionelle Buddhisten aufgrund ihrer Erfahrungen mit missionierenden christlichen Fundamentalisten wirklich fürchten.

    In diesem religiös/philosophischen Minenfeld haben die
    echten säkularen Buddhisten um Batchelor, Higgins et.al.
    bisher nach meiner Auffassung einen guten mittleren Weg
    gefunden, mit dem Traditionsproblem in neuem kulturellem Umfeld
    umzugehen – einer Situation, die dem Auftauchen des Buddhismus
    in China vor ca. 2000 Jahren gleicht.

    Wie auch immer der säkulare Buddhismus in 500 Jahren heissen wird: er entwickelt sich heute.

    Danke an alle Engagierten.
    Wir leben in spannenden Zeiten.

    grüße,
    Paula

  5. Ich schätze Bikkhu Bodhi sehr wegen seines aktiven Engagements für hungernde Menschen, und auch wegen seiner verdienstvollen Zusammenarbeit mit J. Kabat-Zinn.
    Sein fester Glaube an Karma und Reinkarnation hat mich immer wieder befremdet und gestört. Aber inzwischen ist es für mich als säkulare Buddhistin (die nicht einmal, wie S.B., an die vollkommene Erleuchtung Gautama Buddhas glaubt) ok, wenn andere Dinge glauben, die ich für unmöglich halte.
    Das Wichtigste ist für mich ihr Handeln im Alltag!
    Die Mahayanis um Joan Halifax z.Bsp. glauben irgendwie an Karma und Reinkarnation, ohne das je zu thematisieren. Dieser Glaube ist für sie eine Kraftquelle für ihr bewundernswertes Engagement in der Betreuung von Dementen, Gefängnisinsaßen, und in ihrer aktiven Hilfe in Nepal.
    Engagierten BuddhisInnen fühle ich mich zugehörig, egal ob sie nun gläubig sind oder ungläubig wie ich.

  6. Danke für Deine Links, Eva-Maria! Du hast Bikkhu Bodhi sehr gut geantwortet! Er ist leider nicht in der Lage, unsere Art des säkularen Buddhismus ausreichend zu würdigen.
    Fand es super, daß Du ihm offen geschrieben hast, daß Du Dich an seinem Ven. störst! (Hätte ich mich nicht getraut.) –
    Ich selbst war schon lange buddh. orientiert, bevor ich S.B. begegnet bin. Das Wichtigste bei ihm war mir, daß es da jem. gibt, der ungläubig ist, und sich trotzdem als Buddhist fühlt. – Aber im Gegensatz zu ihm glaube ich, daß Gautama Buddha wirklich davon überzeut war, die höchste Wahrheit gefunden zu haben, und die Natur der Realität vollkommen zu verstehen. Damals konnte man in Indien fest daran glauben, daß eine solche Erkenntnis möglich ist. –
    Ich habe immer die Sutren geliebt, und zurecht weisen Higgins und S.B. darauf hin, daß sie im säkularen B. eine viel größere Rolle spielen als im klassischen B.

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