Scientismus und Säkularismus

In den letzten Monaten stolpere ich immer häufiger über Veröffentlichungen und Diskussionen, in denen Wissenschaftler und an Wissenschaft Interessierte ein regelrechtes Religions-Bashing betreiben. Leute wie Richard Dawkins1, Christopher Hitchens2 oder Sam Harris3 fallen über Religion bzw. bestimmte Religionen her und erklären, dass es der Welt ohne Religion besser ginge, und dass das alleinige Heil für alle Belange der Menschen in der Wissenschaft liege. Nun habe ich mit Religion im Sinne von dogmatischem Glauben an irgendeine bestimmte Metaphysik wirklich nichts am Hut, aber ein blinder Glaube an die Dogmen und Ergebnisse der Wissenschaft stört mich mindestens ebenso. Wahrscheinlich sogar noch mehr, weil die Wissenschaftsgläubigen von sich glauben, dass sie keine Dogmen hätten. Dabei fängt das schon mit dem Dogma an, mit wissenschaftlichen Methoden gewonnenes Wissen sei jedem anderen überlegen. Dabei gibt es schon eine jahrtausendelange Diskussion darüber, was man überhaupt wissen kann. Kaum jemand hat sie so kompakt zusammengefasst wie Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Eine in der Philosophie weithin akzeptierte Definition von Wissen beschreibt dieses als „wahrer und gerechtfertigter Glaube“ (plus einem weiteren noch diskutierten, und noch nicht allgemein akzeptierten, Attribut, nach dem gesucht wird, seit Gettier4 in den 1960ern gezeigt hat, dass diese Definition alleine nicht ausreicht). Das Schlüsselwort hier ist aber „Glaube“! Wann nun etwas „gerechtfertigter“ Glaube ist, darüber kann man trefflich streiten, aber gegenüber anderem Glauben hat Wissen den großen Vorteil, dass man seine „Wahrheit“ zwar auch nicht letztgültig beweisen, aber immerhin doch widerlegen (falsifizieren) kann – zumindest prinzipiell. Das heißt aber trotzdem auch, dass es sich bei Wissen immer nur um provisorische Annahmen handelt. Diese Annahmen können ausgesprochen nützlich für praktische Belange sein, aber sie bleiben dennoch, was sie sind – Annahmen. Das vergessen wir allzu gerne. Auch die wissenschaftliche Methodik ist keineswegs über jeden Zweifel erhaben: Ein Großteil des Erkenntnisgewinns basiert auf Verallgemeinerung von Einzelbeobachtungen, bestenfalls einer ganzen Menge davon. Aus Beobachtungen wie „Dieser Schwan ist weiß“ oder „Heute ist die Sonne aufgegangen“ wird mittels Induktion geschlossen „Alle Schwäne sind weiß“ oder „Morgen wird die Sonne aufgehen“. Wie jedoch schon Hume5 gezeigt hat, ist unser Vertrauen in Induktion „blinder Glaube“, der „keinerlei rationale Rechtfertigung“ hat. Der Mensch komme nicht aus logischen Denkoperationen, sondern aus Gewohnheit dazu, aus den bisherigen Erfahrungen auf die Zukunft zu schließen. Auch sonst ist Wissenschaft ein menschliches, allzu menschliches, Unterfangen. Kuhn, der wahrscheinlich wichtigste Wissenschaftsphilosoph des 20. coque iphone xr Jahrhunderts, dem wir den nun allgemein verwendeten Begriff „Paradigmenwechsel“ verdanken, hat sehr deutlich heraus gearbeitet, dass wissenschaftliches Arbeiten immer nur im sozialen Kontext verstanden werden kann. Damit ist zum Einen gemeint, dass natürlich auch Wissenschaftler den ganz normalen menschlichen Eitelkeiten erliegen, wie Klammern an den eigenen Theorien trotz widersprechender Daten, „Freunderlwirtschaft“ beim peer review Prozess, politischer und wirtschaftlicher Einflussnahme, sozialem Anpassungsdruck an das gerade herrschende „Paradigma“ usw., die auch alle schon sehr gut von der Sozialwissenschaft erforscht und dokumentiert sind. Zum Anderen sind Begriffe und Konzepte immer nur im Kontext des gerade gültigen Paradigmas verständlich, sie werden „inkommensurabel“ (unvergleichbar) zwischen verschiedenen Paradigmen. So meint z.B. der Begriff von „Masse“ für Einstein etwas anderes als für Newton. Es gibt damit auch keine geradlinige Annäherung an eine oft angenommene „objektive“ Wahrheit. „The Truth Is Out There“6 passt nur in Fernsehserien hinein, die sich mit dem Übersinnlichen beschäftigen. Viele Wissenschaftler, besonders wirklich führende, scheinen mir meist zu wissen, dass hinter jeder (provisorisch) beantworteten Frage mindestens zwei neue unbeantwortete lauern, und sind daher in ihren Aussagen oft vorsichtiger und relativierender. In der medialen Berichterstattung geht diese Differenzierung dann gerne vollends verloren, und wissenschaftliche Ergebnisse werden stark verkürzt und verzerrt, aber dafür mit einem impliziten oder expliziten absoluten Wahrheitsanspruch präsentiert. Spätestens hier bzw. coque iphone xs max dann in der Rezeption in der breiten Leserschaft, setzt in meinen Augen „Scientismus“ ein, d.h. ein blinder Glaube an eine angenommene Unfehlbarkeit des wissenschaftlichen Prozesses und daher an dessen Ergebnisse, ohne im Stande zu sein, diese auch nur irgendwie überprüfen zu können oder zu wollen. Dafür verteidigen die „Gläubigen“ ihre Ansichten mit geradezu „religiösem“ Eifer. dogmatic Vielleicht wird damit auch klarer, worauf ich hinaus will. Es geht mir nicht im Mindesten darum, Wissenschaft oder wissenschaftliche Ergebnisse schlecht zu machen, ganz im Gegenteil. Es geht mir vielmehr darum, darauf hinzuweisen, dass auch in diesem Kontext die Falle des Dogmatismus lauert, keine Spur anders als im religiösen oder sonstigen Lebensbereichen. Und ich denke, es geht einem säkularen Buddhismus darum, Dogmen aller Art – nicht nur buddhistische – aufzuspüren und letztlich zu überwinden, selbst wenn man das vielleicht nie vollends schaffen wird. Und zwar geht es deswegen darum, weil einem das Hängen an jedweden Konzepten, so sehr das auch ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermittelt, den Blick auf die vollkommene Bodenlosigkeit und Fülle des Daseins verstellt und daher zu einem den Gegebenheiten unangepassten Verhalten führt. Das Gegenmittel für Dogmatismus ist Pragmatismus, in der alltäglichen wie der philosophischen Bedeutung des Wortes, sich also mehr mit der Frage „was tun?“ zu beschäftigen und dann zu handeln, als darüber zu streiten, wie etwas ist oder nicht ist. Das wird sicher noch einmal Thema für einen anderen Beitrag, denn säkularer Buddhismus ließe sich für mich auch als „pragmatischer Buddhismus“ oder überhaupt nur als „praktischer Pragmatismus“ charakterisieren. Jedenfalls ist aber als Wissenschaftsanhänger auf die Religionen hin zu hauen und sich über deren Dogmen zu mokieren wie im Glashaus zu sitzen und mit Steinen zu werfen. Noch dazu verkennen die Kritiker gern den Zweck der Religionen vollkommen: Natürlich sind alle Anwandlungen von Religionen, Welterklärungsmodelle liefern zu wollen, unzeitgemäß und überholt, das macht die Wissenschaft einfach besser. Solange es immer noch Buchstabengläubige gibt, die zum Beispiel Dinge glauben, wie dass die Erde in sechs Tagen erschaffen wurde und jetzt ungefähr 6000 Jahre alt ist, dann stehe ich voll auf der Seite der Religionskritiker. Angesichts der erschreckend starken Buchstabengläubigkeit in manchen Ländern und Regionen der Welt tut Aufklärung immer noch dringend Not. Beiden Seiten würde ich jedoch sagen, dass das eigentlich vollkommen am Thema vorbei geht. Von einer ganzen Reihe von sozialen Funktionen einmal ganz abgesehen, wie sie sogar der Atheist de Botton7 seinen „Glaubensgenossen“ empfiehlt, versuchen Religionen aller Couleurs in meinen Augen vor allem eines zu vermitteln: den Ausbruch aus der Selbstzentriertheit und die Ausrichtung auf ein größeres Ganzes. Nun kann man natürlich darüber diskutieren, ob das ein lohnendes Ziel ist. vente de coque iphone Für mich ist es das Ziel der Ziele, weil so viele der menschlichen Probleme, im Großen wie im Kleinen, aus unserer Selbstzentriertheit her rühren. Metzinger8 folgend würde ich dies als den spirituellen Kern von Religionen sehen. Alles andere darum herum könnte man nur als Pädagogik betrachten, die versucht, den Menschen dieses Ziel zu vermitteln. coque iphone 7 Je nach Schule variiert diese stark, manche setzen mehr auf (allegorische) G’schichtln, wie man im Österreichischen sagen würde, andere versuchen’s mit (eiserner) Disziplin, einige mit Auswendiglernen, andere mit Verstehen. Die Methoden sind für verschiedene Menschen unterschiedlich gut geeignet, und selbstverständlich dauernd einer kritischen Betrachtung zu unterziehen, manche mag ich mehr, manche weniger. Aber egal welche Methode, sie selbst ist nicht der Kern. Und so gute Angriffsflächen sie auch darstellen, auch die sich um Methoden herum bildenden Institutionen mit ihrer Tendenz, sich nur noch mit sich selbst und mit ihrem Erhalt zu beschäftigen, und (in Winton Higgins Worten) letztlich Politik mit anderen Mitteln fort zu setzen, sind nicht der Kern. coque iphone 2019 Mir gefällt das Attribut „senil“ gut, das Taylor9 allen Religionen gegeben hat. Das ruft bei mir das Bild von einem senilen alten Mann hervor, der manchmal vollkommen wirres Zeug redet, manchmal donnernd den Patriarchen heraus kehrt, manchmal junge Mädchen und Buben begrapscht, sicher nicht mehr auf der Höhe der Pädagogik ist, dem aber dennoch ab und zu Perlen der Lebensweisheit auskommen. Diese quasi mit der Arroganz der Jugend, die auf der Blindheit den eigenen Dogmen gegenüber beruht, einfach weg zu werfen, erscheint mir als großer Verlust.

  1. Richard Dawkins, Der Gotteswahn, dt. 2011
  2. Christopher Hitchens: Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet, dt. 2009
  3. Sam Harris: Das Ende des Glaubens: Religion, Terror, und das Licht der Vernunft, dt. 2007
  4. Edmund Gettier: Is Justified True Belief Knowledge? In Analysis, 1963
  5. David Hume: A Treatise of Human Nature, 1739-40
  6. The X-Files, z.B. https://en.wikipedia.org/wiki/The_X-Files
  7. Alain de Botton: Religion for Atheists, 2012
  8. Thomas Metzinger: Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit, 2013
  9. Charles Taylor, A Secular Age, 2007

6 Antworten auf „Scientismus und Säkularismus“

  1. Lieber Bernd, danke für Deinen sehr interessanten und zum Nachdenken anregenden Essay!! Aber ich muß sagen, ich finde die Wut mancher Kritiker auf Religionen schon verständlich, wenn man z.Bsp. die verheerenden Auswirkungen des Islamismus bedenkt. Ebenso diese schreckliche Missionierung christlicher Fundamentalisten in der 3. Welt. Und die Ablehnung der kathol. Kirche von Verhütungsmitteln trotz des Elends durch Überbevölkerung in der 3. Welt.
    In meinem persönlichen Umfeld stelle ich immer wieder fest, daß diejenigen, die keinen Zugang zu spirituellen oder religiösen Ressourcen finden können, mit Spott und Überlegenheitsdünkel auf alles Religiöse reagieren. Diese Haltung ist oft ein Zeichen seelischer Armut. Aber es gibt zum Glück auch Atheisten, wie Adorno, der von sich sagte, er sei in religiöser Hinsicht unmusikalisch, der also zugeben konnte, daß ihm da etwas fehlte, und der diese Begabung bei anderen wertschätzen konnte, wie das ja auch bei Botton der Fall ist.

    1. Danke, Chrisja! Ich denke, da sind wir (wieder einmal) ähnlicher Meinung 🙂 Ich finde die Wut mancher Kritiker auf Religionen nicht nur verständlich, ich muss sie auch oft genug bei mir selbst feststellen. Am liebsten käme ich ohne Religionen im Sinne von religiösen Institutionen aus, weil sie (wie die Geschichte zeigt) die Grundideen letztlich immer in allen möglichen Ausprägungen pervertieren. Aber mir ist auch bewusst, dass wir ohne diese Institutionen keine Überlieferung von spiritueller Praxis hätten. Und das war ja einer meiner Punkte, dass wir nach Möglichkeit sehr wohl das Bad der Religion ausschütten, dabei das Kind der Spiritualität aber schon irgendwie auffangen sollten. Und der andere war, dass mir scheint, dass Wissenschaft für viele Leute zur Ersatzreligion geworden ist, mit gleichermaßen blinder Gläubigkeit im Persönlichen, und der Gefahr der Pervertierung der immensen positiven Aspekte zu verheerenden Auswirkungen für die Welt, in Form von Massenvernichtungswaffen, Umweltzerstörung, Wirtschaftskrisen etc. – gerade eben durch eine Vernachlässigung der Kultivierung von Moral und dem Verständnis um die Verbundenheit aller Dinge, mit anderen Worten: spiritueller Praxis.

      1. Lieber Bernd, das neue Buch des amerik. Philosophen Thomas Nagel : „Geist und Kosmos“, das sehr positiv in der „Zeit“ besprochen wird, wird Dich sicher sehr interessieren! Er widerspricht den neodarwinistischen Naturwissenschaftlern, die behaupten, der Geist sei nichts weiter als ein Nebenprodukt der Evolution. Er argumentiert als Atheist, und stellt dar, warum es sehr wahrscheinlich ist, daß der Geist von Anfang an im Kosmos als Disposition vorhanden war.

        1. Vielen Dank für den Hinweis und die Erinnerung für mich, Chrisja! Ich habe den Thomas Nagel schon lange auf meiner Leseliste, bin aber noch nicht dazu gekommen. Mein Gefühl von Rezensionen und dgl. ist, dass ich inhaltlich nicht sehr viel gemein habe mit Nagels Position. Aber ich finde es bezeichnend, wie das amerikanische wissenschaftliche Establishment (zumindest das veröffentlichte) nach Erscheinen des Buches über Nagel hergefallen und ihn auf das wüsteste, auch persönlich, beschimpft hat.

  2. Hallo Bernd,

    ich bin mit dem Studium Deiner Abhandlung noch nicht ganz durch, finde sie aber jetzt schon toll.
    Was sowohl die Religionen als auch viele wissenschaftlichen Hypothesen betrifft, bin ich der Überzeugung, dass für sie gilt:
    Man kann sie ja nicht beweisen-
    aber widerlegen kann man sie auch nicht.
    Also können sie auch wahr sein.
    Gilt natürlich noch viel mehr für die diversen „esoterischen“ Phantasien.
    Facit: Bei allen spirituellen Gedanken sollte man sich sehr vor strikten Festlegungen hüten.
    Ich weiß dass ich nichts weiß!
    Wer war das nochmal?
    LG, Peter

  3. Dogmatismus und Arroganz wird mir immer gerne vorgeworfen, wenn ich z.B. auf dem Energieerhaltungssatz beharre, oder (Eso-)Freie Energie durch den Kakao ziehe, oder auf den seit über einem Jahrhundert verstandenen Treibhauseffekt hinweise… 🙂

    Die wissenschaftliche Methode ist kein Dogma, sondern die beste bekannte Methode zur Gewinnung von Erkenntnis über die Welt außerhalb des eigenen Kopfes/Wollens/Phantasierens. Für mich erhellt sie das Wunder dieser Welt. Sie entzaubert die Obskuranten, nicht die Welt.

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