Gedanken über das Glück

Tomi Ungerer

Tomi Ungerer: Kult-Zeichner ist tot – er wurde 87 Jahre alt - Leute -  Bild.de

Zum Glück bin ich nie glücklich gewesen.

Ich habe meine Freude daran, auf das Glück zu verzichten, das Glück ist mir viel zu ernst.

Das Glück, falls es das gibt, ist eine Frage der Disziplin.

Glücklich ist, wer das Glück vergessen kann.

Alles Glück ist nur eine Illusion, eine Ballonfahrt, bei der man sehr schnell abstürzt.

Glückliche Momente sind funkenschnell.

Alle sprechen immer vom Glück, Glück. Ich finde Freude viel wichtiger als Glück.

Fragen nagen am Glück.

Vergangenheit und Gegenwart

Henry David Thoreau

Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, ist nichts im Vergleich zu dem, was in uns liegt.

Henry David Thoreau *1817, inConcord, Massachusetts † 1867 ebenda) war ein amerikanischer Schriftsteller und Philosoph.

Die Praxis des Glücks

von Christina Feldman

Glück ist etwas, das im Inneren entsteht. Es geht darum, den Geist und das Herz zu durch Sammlung und Disziplin zu trainieren, dann wird es eine Quelle der Freude. Das passiert uns nicht, sondern ist etwas, was wir in unserer Praxis üben. Es ist eine Qualität, die wir kultivieren, und zwar inmitten der guten und schlechten Augenblicke und unseres Lebens.

Christina Feldman

Dieses Glück hat einen Geschmack, den Geschmack von Gesammeltheit, von Einsicht und Wachheit, von Weite. Buddha sagte einmal, dieser Pfad sei angenehm am Beginn, angenehm in der Mitte, angenehm am Ende. Das fühlt sich oft nicht so an. Wie ist es heute? Wie viele Momente des Glücks hast du heute schon erlebt? Hoffentlich einen oder zwei. Aber wir haben oft viele Momente wo wir kämpfen, wo wir reaktiv reagieren oder tief verstrickt sind.

Die Neurowissenschaftler sagen uns, dass der Geist einer Durchschnittsperson ungefähr die Hälfte ihrer Zeit mit einem herumwandernden Geist beschäftigt ist. Wenn du also eine halbe Stunde sitzt bist du- wenn du Glück hast- für eine Viertelstunde hier. Denk an einen ganzen Tag : 8 Stunden bist du ganz woanders. Alle diese Momente leben wir nicht ganz. Und die Wissenschaft sagt uns, dass ein herumirrender Geist ein unglücklicher Geist ist. Unglück ist auch etwas, was wir praktizieren. Wir kennen das: der Geist ist mit Vergangenem oder Zukünftigem beschäftigt. Das führt dazu, dass er mit unseren Absichten nicht übereinstimmt. Wie oft erzählen wir uns dieselbe Geschichte zum 100. Mal? Wir können diese Geschichten auch einfach sein lassen. Hast du manchmal auf die Uhr geschaut beim Sitzen und auf einen besseren Moment gewartet? Das ist eigentlich sinnlos und absurd, und es verbraucht so viel Energie. So wird dein Moment zum ewigen Wartesaal, so erfreuen wir uns an Vergangenheit und Zukunft, so wird die Vergangenheit und Zukunft zur Gegenwart und so praktizieren wir Unglück.

Wir sind aber nicht einfach unsere Sorgen, Befürchtungen und Launen. Wir können es anders machen.

Wie praktizieren wir also Freiheit und Glück? Ohne festzuhalten, uns nicht aufhalten mit dem, was wir nicht sind. Wir müssen aufmerksam sein auf das, was ist, denn wir praktizieren immer.

Wir können lernen, an innerer Disziplin Freude zu haben und wir müssen wir diese Freude pflegen. Das ist unser Fussabdruck in der Welt, die so zerbrochen ist. An Dingen festzuhalten macht so viel Stress. Aber es gibt viele Momente an einem Tag, die ganz frei sind von Hass und Gier. Das sind die friedlichen Momente des Tages. Die Geschmack dieser Momente könnten wir auskosten.

aus dem Englischen übersetzt und gekürzt von Eva-Maria Glatz

Wende

Gestern war Wintersonnenwende, die Tage werden wieder länger. Vielleicht werden sie auch einfacher.

Spirituelle Feiern und Seminare für Menschen die bewußt in die Magie des  Jahreskreise und seiner Feste eintauchen wollen - Feste im Jahreskreis,  spirituelles Feiern und Tanzen nach den 5 Rhythmen mit Elementen

Achte gut auf diesen Tag, denn er ist das Leben.

Eva-Maria

Wenn alles zusammenbricht

Pema Chödrön Steps Down as Senior Teacher at Shambhala

Die Seuche verlangt viel von uns. Wir können unsere Lieben nicht sehen, müssen Abstand halten, können einander nicht umarmen. Wir können Theater oder Museen nicht besuchen, nicht im Chor singen und nur alleine Sport betreiben.

Es liegt nahe darüber nachzudenken, was die buddhistische Nonne Pema Chödrön in ihrem Buch Wenn alles zusammenbricht so formuliert hat:

Wenn wir an unsere Grenzen stoßen und uns bemühen diesen Bereich wirklich kennenzulernen – d.h. dass wir es wagen weder in Emotionen zu schwelgen noch sie zu unterdrücken –, dann löst sich etwas Hartes in uns auf. Die bloße Kraft der Energie, sei es die Energie des Zorns, die Energie der Enttäuschung oder die Energie der Angst, weicht uns auf- das ist die Entdeckung der Ichlosigkeit.

Wenn wir unserem Geist dem Dharma zuwenden, gewinnen wir weder Sicherheit noch Bestätigung. Wenn wir den Geist Dharma zuwenden, finden wir keinen Boden, auf dem wir stehen könnten. Wenn wir dem Geist dem Dharma zuwenden, erkennen wir Vergänglichkeit und Wandel und lernen, mit Hoffnungslosigkeit umzugehen. Es geht darum, dass wir uns in der Ambivalenz und Unsicherheit des gegenwärtigen Moments entspannen ohne nach etwas zu greifen, was schützen soll.

Pema Chödrön Steps Down as Senior Teacher at Shambhala

Wir versuchen stets zu leugnen, dass es ganz natürlich ist, dass Dinge sich verändern -dass uns der Sand durch die Finger rinnt. Zeit vergeht – das ist so natürlich wie der Wechsel der Jahreszeiten und die Abfolge von Tag und Nacht. Aber alt zu werden, zu verlieren was wir lieben – das sehen wir nie natürliche Vorgänge an. Wir wollen die Ahnung des Todes abwehren, koste es, was es wolle. Die Hoffnung aufzugeben enthält die Aufforderung, bei sich selbst zu bleiben und sich mit sich selbst an zufreunden.

Trotzdem

Das Lebensgefühl, von dem Joan Baez hier singt, begleitet mich schon eine Weile.

Was Albert Camus im Mythos von Sisyphos ausgedrückt hat, tröstet mich und richtet mich auf:

Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, unablässig einen Felsblock einen Berg hinauf zu wälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte. Sie hatten gedacht, dass es keine fürchterlichere Strafe gibt als eine unnütze und aussichtslose Arbeit.

Seine Verachtung der Götter, sein Hass auf dem Tod und seine Liebe zum Leben haben ihm die unsagbare Qual aufgewogen, in der sein ganzes Sein sich abmüht und nichts zustande bringt.

Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewusst ist. Es gibt kein Schicksal, das nicht durch Verachtung überwunden werden kann.

Das Gefühl des Absurden kann Glück bedeuten. Es kann lehren, dass noch nicht alles erschöpft ist.

Es macht aus dem Schicksal eine menschliche Angelegenheit, die unter Menschen geregelt werden muss.

Uns lehrt Sisyphos die größere Treue, die die Götter leugnet und die Steine wälzt.

Dieses Universum, das nun keine Herren mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Der Kampf gegen Gipfel mag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Ist der Tod eine Katastrophe?

Buddha sagt:

Es ist Teil meiner Natur, zu altern; ich bin vom Alter nicht ausgenommen. Es ist Teil meiner Natur, krank zu werden; ich bin von Krankheit nicht ausgenommen. Es ist Teil meiner Natur, zu sterben; ich bin vom Tod nicht ausgenommen. Ich werde von allem getrennt werden, was mir lieb und teuer ist.

Die Corona-Pandemie wäre eine Chance, uns solchen Gedanken zuzuwenden. Stattdessen suchen wir eine Lösung- eine Lösung gegen Krankheit und Tod.

Wir sind damit beschäftigt, die Corona-Zahlen zu checken. Neuinfizierte? Verfügbare Intensivbetten? Ampelfarbe? Todesfälle? Die Art und Weise, wie Menschen im Bewusstsein des Todes leben, interessiert kaum jemanden.

Warum ist das so? Weil uns der Tod Angst macht?

Die Seuche konfrontiert uns gnadenlos damit, dass wir nicht alles kontrollieren können.

Die Fortschritte der Technologie suggerieren, dass wir die Natur bezwingen können. Die Formel ist einfach: je technologischer eine Gesellschaft, desto fester verschließt sie die Augen vor dem Tod.

Wenn die Impfung kommt, wird alles gut.

Coronavirus, Pandemic, Vaccine

Nichts wird gut. Die Annahme, dass etwas gut werden müsse, impliziert, dass etwas schlecht ist. Ist das Leben schlecht, weil wir sterben müssen? Denn wir werden sterben. Alle.

Trotzdem: Wir könnten versuchen, mit Sorgfalt und Fürsorge im Jetzt zu leben. Das könnte uns helfen, mit unseren Ängsten vor dem Tod umzugehen.

Epikur sagt:

Der Tod geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden an noch die Toten.

Evamaria Glatz und Gabriele Sander

Über die Freundschaft

Die Freundschaft zwischen Michel de Montaigne und Etienne de la Boetie war für den großen Essayisten einzigartig, unvergleichlich und unbegründbar. Im Andenken an ihn hat er geschrieben, in dieser Freundschaft hätte es kein Anliegen gegeben als sie selbst. Er habe ihn geliebt, weil er er war und ich ich war.

Schöner kann man es nicht sagen.

evamaria

Ein neues Narrativ könnte entstehen

Das Coronavirus und und unsere Ängste

Gerald Hüther – Wikipedia

Wir sind auf die Ideologie hereingefallen, wir wären alle Einzelkämpfer. Wir haben geglaubt, dass Konkurrenz und Wettbewerb die Triebfedern der Evolution wären. Das macht schon lange vielen Menschen großen Stress. Unter solchen Bedingungen machen wir uns zu viel Druck und verfolgen unsere Ziele zu beharrlich. Wir können uns dann nicht mehr in andere hineinversetzen, wir können nicht mehr ruhig planen und eigene oder Handlungen von anderen nicht gut abschätzen. Und dabei versuchen wir immer wieder, Kontrolle zu gewinnen.

Solange wir lebendig sind, müssen wir mit Angst und Unsicherheit leben. Wir könnten Angst als liebevollen und hilfreichen Begleiter verstehen.

Es geht darum, das Leben so anzunehmen, wie es ist. Dazu gehört, dass es immer wieder Unsicherheit gibt. Da helfen keine Methoden, Techniken oder Trainings. Man könnte die Situation aber anders sehen, um sie zu ändern.

Was man immer ändern kann, ist man selbst.

Wir haben Vertrauen verloren. Was wären Ressourcen, Vertrauen wiederzugewinnen? Das wäre einmal Rückbesinnung auf die eigene Kompetenz, dazu käme Unterstützung durch andere und dann die Hoffnung, dass es wieder gut wird.

In unserer in Krisenzeit wird Angst geschürt; man wird empfänglich für die Botschaften, die Machthaber aussenden. Wir haben nur einen Weg: das Vertrauen, dass es gemeinsam und nur gemeinsam geht. Von Vorgaben und Bestimmungen, die andere für uns erlassen, muss man sich nicht abhängig machen. Wir Menschen sind zutiefst soziale Wesen. Wir brauchen jetzt das, was die Virologen sagen, was die Immunologen sagen, was die Psychiater sagen, was die Wirtschaft sagt… es geht nur mit einer Zusammenschau all dieser Komponenten. Diese Fachleute sollten einander zuhören und Wertschätzung zeigen und einander nicht als KonkurrentInnen betrachten.

Der Neurobiologe Gerald Hüther versteht sich als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und individueller Lebenspraxis. Seine Gedanken habe ich aus mehreren Podcasts zusammengestellt.

Evamaria Glatz

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