{"id":6828,"date":"2021-12-26T11:15:40","date_gmt":"2021-12-26T10:15:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=6828"},"modified":"2021-12-27T10:20:49","modified_gmt":"2021-12-27T09:20:49","slug":"heimatland-erde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=6828","title":{"rendered":"Heimatland Erde"},"content":{"rendered":"\n<p>von Edgar Morin<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Natur beherrschen? Der Mensch ist noch nicht einmal dazu in der Lage, seine eigene Natur unter Kontrolle zu haben, deren Narrheit ihn dazu treibt, die Natur beherrschen zu wollen und dabei die Beherrschung seiner selbst zu verlieren. Die Welt beherrschen? Der Mensch ist doch nicht mehr als eine Mikrobe im gigantischen und r\u00e4tselhaften Kosmos. Das Leben beherrschen? Selbst wenn es dem Menschen des Tages m\u00f6glich w\u00e4re eine Bakterie zu erzeugen \u2013 er w\u00e4re ein Kopist, der eine Organisation reproduziert, die er sich niemals h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Und kann er eine Schwalbe, einen B\u00fcffel oder eine Ohrenrobbe schaffen? Er ist in der Lage, Milliarden von Bakterien zu vernichten, kann jedoch die resistenten Bakterien nicht daran hindern, sich zu vermehren. Er kann Viren vernichten, doch ist neuen Viren gegen\u00fcber machtlos, sie widerstehen seinen Zerst\u00f6rungsversuchen, verwandeln und erneuern sich \u2026 Selbst bez\u00fcglich der Bakterien und Viren muss er mit dem Leben und mit der Natur verhandeln und wird es auch weiterhin m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch hat die Erde umgewandelt, er hat ihre pflanzlichen Oberfl\u00e4chen nutzbar gemacht und die Tiere domestiziert, doch ist er nicht der Herr der Welt und nicht einmal Herr der Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Zigeuner des Kosmos, Vagabunden durch unbekannte Abenteuer \u2013 das ist das anthropologische Schicksal, das sich in der planetarischen \u00c4ra offenbart, nach Jahrtausenden des Gefangenseins im repetitiven Zyklus der traditionellen Zivilisationen, im Glauben an die Ewigkeit und an die \u00fcbernat\u00fcrlichen Mythen: der Mensch, in das Dasein auf dieser Erde geschleudert, ohne  vorgezeichneten Weg umherirrend, der Mensch mit Sorgen und \u00c4ngsten, aber auch mit Elan, Poesie und Ekstase. Es ist das der Homo Sapiens Demens, eine unglaubliche Schim\u00e4re\u2026eine  Monstrosit\u00e4t&#8230; Subjekt des Widerspruchs, Genie&#8230; Richter \u00fcber alles und dummer Erdenwurm&#8230; H\u00fcter der Wahrheit&#8230; Kloake aus Ungewissheit und Irrt\u00fcmern&#8230; Ruhm und Abschaum des Universums, wie Pascal beschrieb, das ist der Mensch, den schon Heraklit, Aischylos, sp\u00e4ter Shakespeare und viele andere in anderen Kulturen erkannten und durchschauten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Mensch muss die irdische Endlichkeit wieder erlernen und auf die falsche Unendlichkeit der Allmacht der Technik, der Allmacht des Geistes sowie seines eigenen Strebens nach Allmacht verzichten, um vor dem wahren Unendlichen, das unbenennbar und ungreifbar ist, Ehrfurcht zu zeigen und sich selbst entdecken zu k\u00f6nnen. Seine technischen F\u00e4higkeiten, sein Denken und sein Wissen sollten k\u00fcnftig nicht dazu eingesetzt werden, um zu beherrschen, sondern um zu planen und einzurichten, um zu verbessern und zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen lernen da zu sein auf dem Planeten. Lernen bedeutet lernen zu leben, teilzuhaben, zu kommunizieren, ein Gef\u00fchl der Gemeinsamkeit entwickeln; es ist das, was man in den  in sich abgeschlossenen Kulturen gelernt hat. Jetzt m\u00fcssen wir die Rolle als Menschen des Planeten Erde lernen: zu leben, teilzunehmen, zu kommunizieren und ein Gef\u00fchl von Gemeinsamkeit zu entwickeln &#8211; nicht nur  einer Kultur anzugeh\u00f6ren, sondern der Erde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Planet als Heimat? Ja, denn solcherart sind wir im Kosmos verwurzelt. Wir wissen jetzt, dass dieser kleine, verlorene Planet mehr ist als nur ein gemeinsamer Ort f\u00fcr alle Menschen, er ist unser Haus, unsere Heimat, unser Mutter- und Vaterland, unser Heimatland Erde. Wir haben gelernt, dass wir in den Sonnen zu Rauch w\u00fcrden oder im Weltraum f\u00fcr immer eingefroren w\u00fcrden. Gewiss k\u00f6nnten wir die Erde verlassen, reisen, mit anderen Welten kommunizieren. Doch sind diese entweder zu hei\u00df oder zu kalt, sie kennen kein Leben. Hier bei uns haben wir unsere Pflanzen, unsere Tiere, unsere Toten, unser Leben, unsere Kinder. Wir m\u00fcssen unser Heimatland Erde bewahren, wir m\u00fcssen es retten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bewusstwerden der irdischen Schicksalsgemeinschaft muss das Schl\u00fcsselereignis der planetaren \u00c4ra werden: wir sind mit diesen mit dem Planeten solidarisch, unser Leben ist an sein Leben gebunden. Wir m\u00fcssen ihn in einem funktionsf\u00e4higen Zustand erhalten, oder wir m\u00fcssen vorzeitig sterben. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir d\u00fcrfen die menschliche Solidarit\u00e4t nicht auf ein illusorisches  irdisches Heil, sondern m\u00fcssen sie auf das Bewusstsein unseres Verlorenseins gr\u00fcnden, auf das Bewusstsein unserer Zugeh\u00f6rigkeit zum gemeinsamen Komplex der der planetaren \u00c4ra, auf das Bewusstsein unserer gemeinsamen Probleme von Leben und Tod, auf das Bewusstsein  der Agonie unserer Jahrtausendwende.<\/p>\n\n\n\n<p>Das eherne planetare  Zeitalter hinter sich lassen, die Menschheit retten, die Biosph\u00e4re mitsteuern, die Erde zivilisieren \u2013 das sind vier Begriffe, die in r\u00fcckl\u00e4ufigen  Scheifen miteinander verbunden sind, wobei jede f\u00fcr sich f\u00fcr die anderen eine Notwendigkeit darstellt. Die planetarische Agonie w\u00e4re dann die Tr\u00e4gerin einer neuen Geburt: wir k\u00f6nnten den Schritt von Menschengeschlecht zum zur Menschheit tun. Die Politik k\u00f6nnte einen neuen Gr\u00fcndungstag setzen. Der Kampf gegen der  Tod der menschlichen Gattung und der Kampf f\u00fcr die Geburt der Menschheit sind ein und dasselbe.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">  Edgar Morin ist ein franz\u00f6sischer Philosoph<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\">die Ausz\u00fcge aus dem Buch Heimatland Erde, ver\u00f6ffentlicht im Promedia Verlag, wurden zusammengestellt von Eva-Maria Glatz<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"> <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/image.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"225\" height=\"225\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/image.jpeg\" alt=\"Edgar Morin, el joven pensador franc\u00e9s de 95 a\u00f1os de edad - Par\u00eds Am\u00e9rica\" class=\"wp-image-6830\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/image.jpeg 225w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/image-150x150.jpeg 150w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/image-100x100.jpeg 100w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Edgar Morin Die Natur beherrschen? Der Mensch ist noch nicht einmal dazu in der Lage, seine eigene Natur unter Kontrolle zu haben, deren Narrheit ihn dazu treibt, die Natur beherrschen zu wollen und dabei die Beherrschung seiner selbst zu verlieren. Die Welt beherrschen? Der Mensch ist doch nicht mehr als eine Mikrobe im gigantischen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=6828\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eHeimatland Erde\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6828"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6828"}],"version-history":[{"count":26,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6828\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6873,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6828\/revisions\/6873"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6828"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6828"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6828"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}