{"id":6754,"date":"2021-09-24T08:50:54","date_gmt":"2021-09-24T06:50:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=6754"},"modified":"2021-09-27T10:13:36","modified_gmt":"2021-09-27T08:13:36","slug":"sich-dem-leben-zugehoerig-fuehlen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=6754","title":{"rendered":"Sich dem Leben zugeh\u00f6rig f\u00fchlen"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ruhig bleiben in dem Chaos, in dessen Mitte wir leben<\/p>\n\n\n\n<p> ein Interview von Douglas Beasley mit Joanna Macy im Sommer 2012 <\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein Geheimnis, dass unsere Welt  in eine schwierige Lage geraten ist. Die kritischen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind \u2013 politische, wirtschaftliche und \u00f6kologische \u2013 k\u00f6nnen schon beim Nachdenken \u00fcberw\u00e4ltigend sein. Joanna Macy glaubt jedoch, dass wir uns in einem Moment befinden, den sie \u201eThe Great Turning\u201c nennt: einen \u00dcbergang von einer haupts\u00e4chlich durch industrielles Wachstum gepr\u00e4gten Gesellschaft zu einer lebenserhaltenden Gesellschaft. In ihren Workshops ermutigt Macy \u2013 eine Buddhistin, die allgemeine Systemtheorie studiert und gelehrt hat und das Konzept  der Tiefen\u00f6kologie mitentwickelt hat \u2013 die Menschen, an diesem kollektiven \u00dcbergang teilzunehmen, indem sie sich nicht vor ihrem Schmerz \u00fcber die Welt verstecken, sondern ihn annehmen. In Anerkennung unserer Verzweiflung, sagt Macy, entdecken wir unsere Liebe zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem neuen Buch <strong>Active Hope<\/strong>, das gemeinsam mit Chris Johnstone geschrieben wurde, legt Macy dar, dass wir uns auf das konzentrieren sollten, was wir gerne tun w\u00fcrden. Wir sollten unseren Teil dazu beitragen, denn wir k\u00f6nnen nie sicher sein, wie sich die Zukunft entwickeln wird in die Welt, die wir uns vorstellen. In diesem telefonisch gef\u00fchrten Interview haben wir dar\u00fcber gesprochen, wie das Erkennen unserer Trauer es uns erm\u00f6glicht, Treue zum Leben zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: \u00dcber den Zustand der Erde mache ich mir die gr\u00f6\u00dften Sorgen. Was ist der erste Schritt, den ich tun kann?<\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: In dem Wissen, dass du \u00fcber das Schicksal der Erde so besorgt ist, hast du bereits den wesentlichen ersten Schritt getan. Und dieser erste Schritt steht meiner Meinung nach in direktem Zusammenhang mit der ersten edlen Wahrheit, die der Buddha lehrte: die Wirklichkeit des Leidens.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist seltsam, eine gro\u00dfe religi\u00f6se Tradition zu beginnen, indem man sagt, dass es Leid gibt\u2013aber genau das tat der Buddha. Und es hilft uns, vollkommen pr\u00e4sent zu sein f\u00fcr das, was ist, nicht f\u00fcr das, was wir gerne h\u00e4tten, nicht f\u00fcr etwas, das wir guthei\u00dfen w\u00fcrden, sondern pr\u00e4sent zu sein, wie die Dinge jetzt sind. Die Augen und den Geist auf das Hier und Jetzt einzustellen, ist eine sehr wirksame Methode.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage:Was ist der n\u00e4chste Schritt? <\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Ich w\u00fcrde sagen, schau mal woher das kommt. Schau dir an, was du f\u00fchlst. Vielleicht du f\u00fchlst dich traurig, vielleicht f\u00fchlst du Emp\u00f6rung, vielleicht f\u00fchlst du Angst und Furcht, vielleicht f\u00fchlst du dich machtlos. Aber was auch du f\u00fchlst, schau woher es kommt. Es kommt nicht von einer Haltung von \u201eWie komme ich als Einzelperson voran?\u201c sondern eher aus einer Sorge um das Leben selbst. Diese Gef\u00fchle von Trauer, Verzweiflung oder Panik entstehen nicht deswegen, weil wir uns in etwas verrannt haben, sondern aus unserer Sorge um das Leben. Und diese F\u00fcrsorge wiederum entspringt einem Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl. Es ist uns wichtig, was mit dieser Erde passiert, denn von dort kommen wir, sie ist unser gr\u00f6\u00dferer K\u00f6rper. Wir brauchen die Luft zum Atmen, wir brauchen saubere Erde, um Nahrung anzubauen. Wir sind nicht k\u00f6rperlos da drau\u00dfen im Weltraum.<\/p>\n\n\n\n<p>Beunruhigung \u00fcber Zerst\u00f6rungen unserer Erde kann uns zu einer tiefen geistigen Gesundheit f\u00fchren und uns daran erinnern, wer wir sind und was wir brauchen. Es kann uns daran erinnern, dass wir zu diesem gr\u00f6\u00dferen K\u00f6rper geh\u00f6ren und uns um ihn k\u00fcmmern. Unsere Kraft zu handeln, unsere Kraft, an der Heilung unsere Welt mitzuwirken, unsere Kraft, die Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen, haben den selben Ausgangspunkt wie diese Verw\u00fcstungen. Unser Schmerz \u00fcber die Welt und unsere Kraft, an der Heilung unserer Welt teilzunehmen, kommen beide aus derselben Quelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn wir geistig gesund und bei Sinnen sind: mit diesem Schmerz in Kontakt zu treten, ist oft eine sehr schmerzhafte und bet\u00e4ubende Erfahrung. Es scheint, dass es nicht  die Wut oder die Angst sind, die bet\u00e4uben, sondern unsere Reaktion darauf. Wir wollen den Schmerz nicht sp\u00fcren, also pflastern wir ihn zu. Wir wenden uns ab, wir lenken uns ab, wir haben alle m\u00f6glichen Strategien, um ihn nicht zu sp\u00fcren. Aber es ist das, was wir mit diesen Gef\u00fchlen machen, was die Bet\u00e4ubung verursacht? Es ist nicht der Schmerz, der die Bet\u00e4ubung verursacht, sondern unser Versuch, den Schmerz zu bet\u00e4uben.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage:Wenn wir uns unserem Schmerz stellen, verwandelt er sich dann in etwas anderes?<\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Ja, denn wenn du den Schmerz als das, verstehst, was er ist, verwandelt er sich in etwas anderes, weil du dich um ihn k\u00fcmmerst. Diese F\u00fcrsorge kommt von unserer Zugeh\u00f6rigkeit. Das ist die Kraft, die aus unserer gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit kommt. Vieles davon stammt aus den Lehren des Buddha. Er war sehr an sozialem Wandel interessiert, auch wenn unsere Anthologien der Schriften des Buddha dies nicht besonders hervorheben.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Ein Gro\u00dfteil der buddhistischen Tradition scheint Distanz zu betonen: dass Samsara ein elender Zustand sei, aus dem wir herauskommen m\u00fcssen. Die Aspekte des Buddhismus, die Sie in Ihrem Ansatz verwenden, betonen jedoch die Verbindung. Sind diese Ansichten widerspr\u00fcchlich?<\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Das ist der Ruf, den der Buddhismus erworben hat. Aber der Buddha hat uns nie gebeten, nicht an die Welt gebunden zu sein. Er hat uns nur gebeten, nicht an das Ego gebunden zu sein. Er l\u00e4dt uns ein, unsere eigenen egoistischen W\u00fcnsche mit Distanz zu betrachten. Aber er fordert uns nie auf, von der Welt selbst losgel\u00f6st zu sein. Es ist unser Anhaften, das wir loslassen m\u00fcssen. Er m\u00f6chte, dass die Dinge ihren eigenen Weg gehen, und er bittet uns, sie freizugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Schau dir die Lehren \u00fcber den Bodhisattva an. Der Bodhisattva ist die heroische Figur, die dem Buddha nachempfunden wurde, jemand, der wirklich versteht, wie miteinander verbunden wir alle sind, wie Zellen in einem gr\u00f6\u00dferen K\u00f6rper. Wenn dann etwas auf diesen gr\u00f6\u00dferen K\u00f6rper einwirkt und andere Menschen leiden, ist der Bodhisattva derjenige, von dem beschrieben wird, dass er ein grenzenloses Herz hat, ein riesiges Herz \u2013 ein mitf\u00fchlender Mensch, der das Leiden nicht nur von sich selbst, sondern von anderen sp\u00fcrt. Der Bodhisattva erf\u00e4hrt also eine Identit\u00e4tsverschiebung oder eine Erweiterung in ein gr\u00f6\u00dferes Selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Ich bin fasziniert von dem, was Sie \u00fcber das sich erweiternde Selbstgef\u00fchl schreiben. Ist ein sich erweiterndes Selbstgef\u00fchl mit der buddhistischen Idee des \u201eNicht-Selbst\u201c vereinbar?<\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: F\u00fcr mich ist es ehrlich gesagt das Gleiche. Zuallererst hat der Buddha nie gesagt, dass es kein Selbst gibt. Er sagte nur, du kannst nicht beweisen, dass es ein Selbst gibt. Und er lud uns immer wieder ein, unsere Wahrnehmungen zu erweitern, um zu sehen, wie wir mit allen Wesen verbunden sind. Er l\u00e4dt uns ein, \u00fcber den eigenen Erfolg hinauszugehen. &#8222;Wie war ich?&#8220; &#8222;Habe ich bei dieser Begegnung gewonnen?&#8220; Du k\u00f6nntest dich von diesem Wettbewerbsgef\u00fchl l\u00f6sen, in deinen Augen die Nummer eins sein zu m\u00fcssen und die Zustimmung aller zu brauchen, um zu einer viel gr\u00f6\u00dferen Identit\u00e4t zu gelangen, in der du dich \u00fcber das Wohlergehen anderer freust. Du k\u00f6nntest Freude daran haben, dass die Leute eine gute Zeit haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Zwei Ihrer Haupteinfl\u00fcsse sind die buddhistische Idee der abh\u00e4ngigen Entstehung und die allgemeine Systemtheorie. Beide Ans\u00e4tze zeigen uns unterschiedliche Sichtweisen auf die Kausalit\u00e4t. Normalerweise gehen wir Probleme linear und analytisch an. Ihr Ansatz betont die gegenseitige Kausalit\u00e4t. Wie unterscheiden sich diese?<\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Lineare Kausalit\u00e4t bedeutet, dass sich jede wichtige Ver\u00e4nderung in einer linearen Kette von A nach B \u00fcber C nach D bewegt. Das \u00fcbersetzt sich sozial und politisch in einen Machtbegriff von oben nach unten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel w\u00e4re der Umgang mit Menschen, die die Dinge anders sehen als du. In der linearen Sicht der Kausalit\u00e4t, die eigentlich eine lineare Sicht des Einflusses ist, w\u00fcrden wir sagen, dass A die Meinung von B \u00e4ndern m\u00f6chte. Ich m\u00f6chte einer anderen Person Informationen aufzwingen &#8211; das ist eine Einbahnstra\u00dfe.  Bei vielen sozialen Umweltaktivisten ist es so, dass sie  predigen und einem sagen, was richtig ist und wie schlimm jenes ist, und man soll alles schlucken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen einen Weg finden, in einem Feld der Unsicherheit in gegenseitigem Respekt zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Betrachten wir also die gegenseitige Kausalit\u00e4t. Zum einen ist die Einflussrichtung eine Einbahnstra\u00dfe. Wenn ich, Person A, die Meinung von Person B \u00e4ndern m\u00f6chte \u2013 das geht nicht. Ich erkenne, dass ich den anderen einladen kann, bestimmte Fragen zu stellen. Ich kann die andere Person zu einem Gespr\u00e4ch einladen. Ich kann Fragen stellen, die der andere beantworten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Ansatz steckt grunds\u00e4tzlich mehr Respekt und Demut. Es geht mit einer Ansicht einher, die viele buddhistische Lehrer vertreten und die sie \u201eAnf\u00e4nger-Geist\u201c nennen, wie Suzuki Roshi es ausdr\u00fcckte. Ich habe nicht alle Antworten, aber gemeinsam k\u00f6nnen wir sie im Gespr\u00e4ch herausfinden. Sobald du versuchst, einer anderen Person deine Meinung aufzuzwingen, wird sie nur ja sagen, weil sie Angst vor dir hat oder weil sich mit dir langweilt und m\u00f6chte, dass du weggehst. Das ist nur ein Beispiel, und Buddha selbst war sehr stark darin, das seinen Sch\u00fclern zu sagen. Er sagte: \u201ePass auf, dass du nicht denkst, dass es ein richtiges Dogma gibt.\u201c Das gibt es nicht. Stattdessen m\u00fcssen wir einen Weg finden, in einem Feld der Unsicherheit in gegenseitigem Respekt zu leben. Wir m\u00fcssen uns davon befreien, die Antwort haben zu m\u00fcssen. Wir k\u00f6nnen dies tun, indem wir einander die H\u00e4nde reichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Frage: Wie k\u00f6nnen Sie Zweifel annehmen und Ihre \u00dcberzeugungen \u00fcber wichtige Dinge bewahren?<\/p>\n\n\n\n<p>Antwort: Ich verstehe dein Argument. Aber dann k\u00f6nnten wir zur ersten erkennbaren \u2013 wie auch edlen \u2013 Wahrheit zur\u00fcckkehren. du k\u00f6nnest wissen, dass der gr\u00f6nl\u00e4ndische Eisschild schmilzt. Du k\u00f6nnest wissen, dass der Ozean saurer wird. Was du loslassen k\u00f6nnest, ist zu wissen, was andere tun sollen. Du k\u00f6nnest  wissen, dass wir auf eine anhaltende Emission von CO 2 -Methan und anderen Treibhausgasen zusteuern \u2013 die Wissenschaft sagt, dass sie uns zu einem Temperaturanstieg von \u00fcber zwei Grad Celsius f\u00fchren. Und Du k\u00f6nnest  wissen, dass dies zu \u00dcberschwemmungen und D\u00fcrreperioden f\u00fchren wird. Du k\u00f6nnest sich das also ansehen und eine Art Solidarit\u00e4t oder Verbundenheit mit anderen Menschen sp\u00fcren und sagen: \u201eMensch, sieh dir das an.&#8220; Wie werden wir darauf reagieren? Du sagst es den Leuten nicht unbedingt, du schreibst ihnen nicht vor, was sie tun sollen. Aber du bittest sie, nachzusehen. Aber du kannst wissen, dass du willst, dass das Leben weitergeht. Dieses Wissen ist grundlegend f\u00fcr deine Existenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Einstellung eines fragenden Geistes gilt nur manchmal. Ich denke, das gilt f\u00fcr die Taktik. Es erstreckt sich auf unsere Selbstgerechtigkeit, zu denken, dass ich die Antwort darauf habe, was jeder tun sollte. Aber das ist ein sehr guter Punkt. Die Einstellung ein fragenden Geistes erstreckt sich nicht auf unsere Treue zum Leben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/grafik.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"600\" height=\"400\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/grafik.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6756\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/grafik.png 600w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/grafik-300x200.png 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><figcaption>\u00dcbersetzt von Eva-Maria Glatz<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruhig bleiben in dem Chaos, in dessen Mitte wir leben ein Interview von Douglas Beasley mit Joanna Macy im Sommer 2012 Es ist kein Geheimnis, dass unsere Welt in eine schwierige Lage geraten ist. 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