{"id":5804,"date":"2020-09-16T17:06:27","date_gmt":"2020-09-16T15:06:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=5804"},"modified":"2020-09-20T11:07:21","modified_gmt":"2020-09-20T09:07:21","slug":"der-ausloeschung-ins-auge-sehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=5804","title":{"rendered":"Der Ausl\u00f6schung ins Auge sehen"},"content":{"rendered":"\n<p>von Stephen Batchelor<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.lionsroar.com\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/bathcelor-inline.jpg\" alt=\"How Does Buddhism Speak to Us Today: An Interview with Stephen Batchelor -  Lion's Roar\" width=\"194\" height=\"151\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>&#8222;Wer mir nachfolgt, sollte sich kranken Menschen zuwenden&#8220;, sagte Gotama zu einer Gruppe von Anh\u00e4ngern, die einen von ihnen, der an der Ruhr litt, nicht beachtet hatten. Als er bei der Gemeinschaft ankam, fanden er und sein Gef\u00e4hrte Ananda in einer Behausung einen Pilger alleine am Boden liegend in einer Lache seiner Exkremente. Sie s\u00e4uberten und badeten ihn, hoben ihn auf und legten ihn auf eine Bettstatt. Dann tadelte Gotama die anderen, weil sie die ethische Pflicht gehabt h\u00e4tten, einem von ihnen zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem er sich mit dem kranken Pilger identifiziert, zeigt er, dass das Erwachen, das er verk\u00f6rpert und f\u00fcr das er steht, in unserer F\u00e4higkeit wurzelt, uns um die konkreten Leiden anderer Menschen zu k\u00fcmmern. Die Episode zeigt, dass diese F\u00fcrsorge ein spontaner, empathischer und von Herzen kommender Akt war. Sie zeigt auch, wie ein Heiler auf dringliche Bed\u00fcrfnisse einer anderen Person reagiert: er stellt keine  abstrakte Diagnose, warum dieser Mensch in Not ist. In Gotamas Lehrreden finden wir \u00f6fters Vergleiche mit einem kundigen Arzt, um zu illustrieren, wie man den Dharma praktizieren kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/670px-Become-a-Buddhist-Step-11-Version-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3889\" width=\"582\" height=\"437\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/670px-Become-a-Buddhist-Step-11-Version-2.jpg 670w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/670px-Become-a-Buddhist-Step-11-Version-2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 582px) 100vw, 582px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Gotama lud  seine Anh\u00e4nger ein, sich an vier Aufgaben zu halten, die miteinander in Beziehung stehen: sie sollten Schmerz akzeptieren, ihre reaktiven Emotionen sein lassen, wahrnehmen, wie die Reaktivit\u00e4t aufh\u00f6rt und mit Sorgfalt und F\u00fcrsorglichkeit handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der drohenden Klimakatastrophe ist es m\u00f6glich, dass intelligentes Leben auf der Erde nicht fortbestehen kann. Das w\u00fcrde auch die M\u00f6glichkeit umfassen, dass wir ausgel\u00f6scht werden. Wir sollten  uns nicht von Angst l\u00e4hmen lassen, sondern in einem Zustand angstfeier Aufmerksamkeit verharren und von dort aus angemessen auf die Herausforderungen reagieren, die uns und kommenden Generationen bevorstehen. Was kann das konkret bedeuten?  Nach der \u00dcberlieferung waren Gotamas letzten Worte : <em>die Dinge fallen auseinander; beschreitet den Pfad<strong> mit Sorgfalt und <\/strong><\/em> <strong><em>F\u00fcrsorglichkeit.<\/em><\/strong> F\u00fcr ihn waren das die Kardinaltugenden, die alle anderen umfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr ist es nicht notwendig, an Wiedergeburt und  an das Gesetz des Karma zu glauben oder daran  festzuhalten, dass Anhaften der Grund des Leidens ist und Nirwana dessen Ende. Solche Glaubenss\u00e4tze k\u00f6nnen uns beim Engagement angesichts der drohenden Klimakatastrophe im Weg stehen. Der Dalai Lama wurde in einem Interview im Jahre 1989 gefragt, ob ein Buddhist sich Sorgen \u00fcber die Zerst\u00f6rung der Umwelt machen sollte. Seine Antwort war: <em>Ein Buddhist w\u00fcrde sagen: Das ist nicht wichtig.<\/em> Denn sogar wenn die Welt immer unbewohnbarer w\u00fcrde und  das Ausl\u00f6schung von einer Vielzahl von Lebewesen zur Folge h\u00e4tte, w\u00fcrden die, die untergingen, nach dem Gesetz des Karma  in anderen Gefilden oder einem anderen Universum wiedergeboren werden. Buddhisten k\u00f6nnten sehr wohl tiefes Mitgef\u00fchl empfinden gegen\u00fcber denen, die unter den Konsequenzen  des Klimawandels leiden und ihr Bestes tun, dieses Leiden zu lindern; schlussendlich w\u00fcrde  irgendeine Art von Bewusstsein den Tod \u00fcberdauern und wiedergeboren werden. Was wirklich z\u00e4hle: sich vom Zyklus der Wiedergeburten zu befreien und ewigen Frieden in Nirvana zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr orthodoxe Buddhisten (wie auch f\u00fcr Hindus und Jains) w\u00e4re es besser, nicht geboren zu werden und nicht zu sterben. Daher ist Nirvana, das Ende des Leidens, auch das Ende des Lebens. Allerdings verzichten Mahayana-Buddhisten auf Nirvana und geloben, aus Mitgef\u00fchl mit anderen so lange nicht wiedergeboren zu werden, als f\u00fchlende Wesen noch immer im Zyklus von Geburt und Tod gefangen sind. Wenn der Bodhisattva alle diese Lebewesen befreit hat, geht sie\/er auch in Nirvana ein und wird nicht mehr wiedergeboren. Auch wenn das eine nicht messbare Zeit lang dauere, bleibt das Prinzip das Gleiche: Nichtleben ist dem Leben vorzuziehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz dazu fordern die vier Aufgaben direktes Engagement im Leben selbst, ohne sich um irgendwelche vorgefassten Meinungen \u00fcber den Anfang und das Ende des Leidens oder \u00fcber die Natur des Selbst zu k\u00fcmmern. Indem man  eine in kontemplative, empathische und existielle Beziehung mit die Leid dieser Welt tritt, versucht man, mit situationsangepasstem Mitgef\u00fchl zu reagieren. Die Herausforderung in der gegenw\u00e4rtigen Krise, die ohne Vorbild ist, besteht darin, kreative Antworten zu finden, die auch ohne Vorbild sind. Wir sollten die Rolle der psychologischen Faktoren wie Gier, Hass und Dummheit in Rechnung stellen, und es sollte unsere gr\u00f6\u00dfte Sorge sein, auf die  biologischen, sozialen, \u00f6konomischen, religi\u00f6sen und politischen Bedingungen zu antworten, die der Krise zugrunde liegen und die zu ihr beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Meditation eines traditionellen Buddhisten \u00fcber den Tod erfordert, dass  die Sicherheit des Todes ins Auge gefasst wird und zugleich die Unsicherheit \u00fcber dessen Zeitpunkt; und dann  bei der Frage zu verweilen, wie wir jetzt  angesichts der Bedingung der Sterblichkeit leben sollten. Diese pers\u00f6nliche Reflexion des Homo Sapiens w\u00fcrde etwa so aussehen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ausl\u00f6schung ist sicher<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>der Zeitpunkt der Ausl\u00f6schung ist unsicher<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em> wie sollten wir jetzt leben?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ausl\u00f6schung ist sicher. Entweder wird die menschliche Rasse sich zu einer Lebensform entwickeln,  die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen k\u00f6nnen, oder wir schaffen es,  in einer mehr oder weniger humanoiden Form zu \u00fcberleben und dann hinweggefegt zu werden, wenn die Sonne etwa in einer Milliarde von Jahren so hei\u00df geworden ist, dass Leben unter ihr nicht mehr m\u00f6glich sein wird. Aber keines dieser Szenarios ist sicher. Ein massiver Meteoriteneinschlag, eine sehr ansteckende Krankheit, Vulkanausbr\u00fcche, Zerst\u00f6rung durch nukleare Waffen oder die Auswirkungen des Klimawandels k\u00f6nnte der menschlichen Existenz schon fr\u00fcher ein Ende bereiten, vielleicht schon in diesem Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie der Tod unsere Aufmerksamkeit darauf richtet, was f\u00fcr uns als Individuen wichtig ist, richtet Ausl\u00f6schung unsere Aufmerksamkeit auf das, was f\u00fcr uns als Gattung Mensch wichtig ist. Wenn wir der Ausl\u00f6schung ins Auge sehen, werden wir intensiv gewahr, dass wir komplexe, denkende, f\u00fchlende, empfindende und f\u00fcrsorgliche Wesen sind, die vor Millionen von Jahren durch Evolution und  nat\u00fcrliche Selektion entstanden sind. F\u00fcr selbstbewusste Tiere wie du und ich kann die Betrachtung der Ausl\u00f6schung dazu f\u00fchren, dass sich ein Raum des Wunderns er\u00f6ffnet \u00fcber die Herrlichkeit, \u00fcberhaupt am Leben zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ist es lebenswert, einfach nur am Leben sein? Ist die Entstehung und Entwicklung vom Leben einer Kaulquappe zu einem Silberr\u00fccken-Gorilla ein Gut, das f\u00fcr sich selbst steht? Oder ist &#8220; kostbare menschliche Wiedergeburt&#8220; nur deshalb so sch\u00e4tzenswert, weil  sie es uns erm\u00f6glicht, uns von den sinnlosen ewigen Wiederholungen von Samsara ( in alle Ewigkeit von der H\u00f6lle in den Himmel und wieder zur\u00fcck ) zu befreien und Nirwana zu erreichen, wo es Geburt und Tod nicht mehr gibt?<\/p>\n\n\n\n<p> \u2018<strong><a href=\"https:\/\/tricycle.org\/magazine\/stephen-batchelor-climate\/\">Embracing Extinction: Will Buddhism change to face humanity\u2019s impending peril?<\/a><\/strong>\u2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Published with the kind permission of Tricycle magazine and Stephen Batchelor<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>\u00dcbersetzung aus dem Englischen von Eva-Maria Glatz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre id=\"block-adb1e426-ad2b-4bd1-9103-6e20be7a2d41\" class=\"wp-block-preformatted\"><\/pre>\n\n\n\n<pre id=\"tw-target-text\" class=\"wp-block-preformatted\"><\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Stephen Batchelor &#8222;Wer mir nachfolgt, sollte sich kranken Menschen zuwenden&#8220;, sagte Gotama zu einer Gruppe von Anh\u00e4ngern, die einen von ihnen, der an der Ruhr litt, nicht beachtet hatten. Als er bei der Gemeinschaft ankam, fanden er und sein Gef\u00e4hrte Ananda in einer Behausung einen Pilger alleine am Boden liegend in einer Lache seiner &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=5804\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDer Ausl\u00f6schung ins Auge sehen\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5804"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5804"}],"version-history":[{"count":94,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5804\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5908,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5804\/revisions\/5908"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5804"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5804"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5804"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}