{"id":4142,"date":"2016-06-06T09:17:28","date_gmt":"2016-06-06T07:17:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=4142"},"modified":"2020-07-29T15:18:14","modified_gmt":"2020-07-29T13:18:14","slug":"wie-man-sein-karma-lenkt-von-david-loy","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=4142","title":{"rendered":"Wie man sein Karma lenkt <br\/> von David Loy"},"content":{"rendered":"<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: large;\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3415\" rel=\"attachment wp-att-3415\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3415 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/David-Loy.png\" alt=\"David Loy\" width=\"142\" height=\"155\" \/><\/a>Was sollen wir mit Karma anfangen<sup class='footnote'><a href='#fn-4142-1' id='fnref-4142-1' onclick='return fdfootnote_show(4142)'>1<\/a><\/sup> <\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: large;\">Es hat keinen Sinn vorzut\u00e4uschen, dass Karma f\u00fcr den Buddhismus unserer Zeit nicht zu einem Problem geworden ist. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind: die meisten von uns wissen nicht recht, wie wir es verstehen sollen. Zusammen mit seinem Zwilling, der Wiedergeburt, war Karma immer ein wesentlicher Teil der buddhistischen Lehre, doch wissen wir nicht, wie buchstabengetreu sie interpretiert werden sollten. Karma wird oft als ein unpers\u00f6nliches und deterministisches \u201emoralisches Gesetz\u201c des Universums verstanden und wurde daf\u00fcr benutzt, Rassismus, Kastenwesen, \u00f6konomische Unterdr\u00fcckung, angeborene Behinderungen und alles m\u00f6gliche andere zu rationalisieren. So verstanden rechtfertigt Karma die Autorit\u00e4t politischer Eliten, die ihren Reichtum und ihre Macht also verdient haben m\u00fcssen, und die Unterordnung derer, die beides nicht haben. <\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: large;\">In der Kalama Sutta, die manchmal \u201edie buddhistische Charta freien Forschens\u201c genannt wird, unterstrich der Buddha die Wichtigkeit intelligenten, pr\u00fcfenden Zweifels. Er sagte, wir sollten an keine Sache glauben, bevor wir ihre Wahrheit f\u00fcr uns selbst best\u00e4tigt h\u00e4tten. Das legt nahe, dass das buchstabengetreue Akzeptieren von Karma und Wiedergeburt ohne die Frage, was mit ihnen wirklich gemeint sei, bedeuten k\u00f6nnte, sich vom Besten der Tradition zu distanzieren. Das bedeutet nicht, buddhistische Lehren dar\u00fcber herabzusetzen oder zu verwerfen. Es unterstreicht nur die Notwendigkeit f\u00fcr den modernen Buddhismus, diese Lehren zu <i>hinterfragen<\/i>. <\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: large;\">Eines der grundlegendsten Prinzipien des Buddhismus ist gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit, aber ich frage mich, ob uns klar ist, was das im Zusammenhang mit den urspr\u00fcnglichen Lehren des Buddha bedeutet. Gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit bedeutet, dass nichts irgendeine Form von \u201eSelbst-Existenz\u201c hat, weil es von anderen Dingen abh\u00e4ngt, und so weiter. Alle Dinge entstehen und vergehen entsprechend von Ursachen und Bedingungen. Doch der Buddhismus, so meinen wir, ist der unvermittelten Erfahrung des Shakyamuni Buddha entsprungen, der ein \u201eErwachter\u201c wurde, als er unter dem Bodhibaum Nirvana erlangte. <\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: large;\">Obwohl wir den hier erw\u00e4hnten Bericht als gegeben ansehen, gibt es ein Problem damit. Diese Geschichte von der Erleuchtung, wie sie normalerweise erz\u00e4hlt wird, l\u00e4uft auf einen Mythos von Selbst-Erschaffung hinaus \u2013 etwas, was der Buddhismus ablehnt! Wenn die gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit aller Dinge f\u00fcr alle Dinge zutrifft, kann die Wahrheit des Buddhismus nicht unabh\u00e4ngig von all den anderen spirituellen Vorstellungen in Zeit und Raum des Buddha (das hei\u00dft, dem Indien zur Eisenzeit) ohne jede Beziehung zu ihnen entstanden sein. Statt dessen m\u00fcssen die Lehren des Shakyamuni als <i>Antwort<\/i> auf diese Auffassungen verstanden werden, und zwar als eine Antwort, die unvermeidlich viele der spirituellen Vorstellungen, die in dieser Kultur g\u00e4ngig waren, zur Voraussetzung hatte \u2013 zum Beispiel die allgemeinen Annahmen \u00fcber Karma und Wiedergeburt, die sich zu dieser Zeit weithin verbreiteten.<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: large;\">Eine andere grundlegende Lehre des Buddhismus ist die von der Unbest\u00e4ndigkeit, was uns in diesem Kontext daran erinnert, dass hinduistische und buddhistische Auffassungen eine Geschichte haben, dass sie sich <i>mit der Zeit entwickelt haben. <\/i>In fr\u00fcheren brahmanischen Lehren gab es eine Tendenz, Karma mechanisch und rituell zu verstehen. Ein Opfer auf die richtige Art durchzuf\u00fchren, sollte ausnahmslos zu den erw\u00fcnschten Folgen f\u00fchren. Wenn diese nicht eintraten, wurde entweder ein Irrtum in der Durchf\u00fchrung angenommen oder eine Verz\u00f6gerung der kausalen Konsequenzen, vielleicht bis in ein kommendes Leben (hier ist Wiedergeburt impliziert). In seiner spirituellen Revolution <\/span><span style=\"font-size: large;\">formte <\/span><span style=\"font-size: large;\">der Buddha diese rituelle Einstellung, die vom Leben das Gew\u00fcnschte erhalten will, in ein moralisches Prinzip um, indem er den Akzent auf <i>cetana<\/i>, \u201eMotive\u201c, \u201eAbsichten\u201c richtete. <i>Cetana<\/i> ist der Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis des ethischen Zugang zu Karma, den er er\u00f6ffnete. <\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span style=\"font-size: large;\">Einige Texte des Pali Kanon st\u00fctzen eine weitgehend deterministische Sichtweise. Zum Beispiel wird in der <i>Culakammavibhanga Sutra (Majjhima Nikaya <\/i>135) Karma verwendet, um diverse Unterschiede zwischen Menschen zu erkl\u00e4ren, einschlie\u00dflich k\u00f6rperlicher Erscheinung und \u00f6konomischer Ungleichheit. Es gibt aber auch andere Texte, zum Beispiel die <i>Tittha Sutra (Anguttara Nikaya <\/i>3.61), in denen der Buddha darlegt, dass eine solche Sichtweise die M\u00f6glichkeit, einem spirituellen Pfad zu folgen, leugnet: <\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Es gibt Priester und Praktizierende, die an dieser Lehre, dieser Sichtweise festhalten: \u201eWas immer einer Person auch widerf\u00e4hrt \u2013 angenehm, schmerzhaft oder weder angenehm noch schmerzhaft &#8211; alles ist durch Taten in der Vergangenheit verursacht.\u201c I<\/span><span style=\"font-size: large;\">ch <\/span><span style=\"font-size: large;\">sagte zu ihnen: \u201eWenn das so ist, ist eine Person ein M\u00f6rder lebendiger Wesen aufgrund dessen, was in der Vergangenheit getan wurde. Eine Person ist ein Dieb&#8230; ein Unkeuscher&#8230; ein L\u00fcgner&#8230; einer, der durch seine Rede Uneinigkeit stiftet&#8230; einer, der barsch spricht&#8230; ein nutzloser Schw\u00e4tzer&#8230; gierig&#8230; b\u00f6sartig&#8230; einer, der an falschen Ansichten festh\u00e4lt, aufgrund dessen, was in der Vergangenheit getan wurde.\u201c Wenn jemand auf die Sichtweise zur\u00fcckf\u00e4llt: was in der Vergangenheit getan wurde, sei wesentlich, Bhikkhus, dann gibt es keinen Wunsch, kein Bem\u00fchen [bei dem Gedanken]: \u201eDieses sollte getan werden. Dieses sollte nicht getan werden.\u201c Wenn man das, was getan und nicht getan werden sollte, nicht als Wahrheit oder Wirklichkeit bestimmen kann, bleibt man verwirrt und ungesch\u00fctzt. Man kann sich [dann] selbst nicht mit Recht als einen Praktizierenden bezeichnen.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=4147\" rel=\"attachment wp-att-4147\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4147 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/karma.jpe\" alt=\"karma\" width=\"259\" height=\"194\" \/><\/a><span style=\"font-size: large;\">Der originale Begriff <i>Karma (kamma <\/i>in Pali<i>) <\/i>bedeutet im Sanskrit buchst\u00e4blich \u201eHandlung\u201c, w\u00e4hrend <i>vipaka<\/i> das karmische Ergebnis einer Handlung ist (auch bekannt als ihre <i>phala<\/i>, \u201eFrucht\u201c). Das weist darauf hin, dass das Wesentliche ist, dass unsere Taten Folgen haben \u2013 genauer gesagt, dass unsere moralisch relevanten Taten Folgen haben, die \u00fcber ihre unmittelbaren Effekte hinausgehen. In den meisten der g\u00e4ngigen Interpretationen ist das Gesetz von Karma und Wiedergeburt eine M\u00f6glichkeit, in den Griff zu bekommen, wie die Welt in der Zukunft auf uns einwirken wird, was unmittelbar mit einschlie\u00dft, dass wir unsere eigene Verantwortung f\u00fcr alles, was uns geschieht, als Folge unserer fr\u00fcheren Taten akzeptieren m\u00fcssen. \u201eWenn ich blind geboren bin, nun, das muss meine eigene Schuld sein.\u201c Das verfehlt die revolution\u00e4re Bedeutung von Buddhas Neuinterpretation.<\/span> <span style=\"font-size: large;\">Man versteht Karma besser als den Schl\u00fcssel zu spiritueller Entwicklung: <i>wie unsere Lebenssituation ver\u00e4ndert werden kann, indem wir die Motive f\u00fcr unsere Handlungen genau jetzt ver\u00e4ndern. <\/i>Wenn wir die buddhistische Lehre \u00fcber Nicht-Selbst hinzuf\u00fcgen \u2013 modern ausgedr\u00fcckt, dass die Selbst-Empfindung eines Menschen ein geistiges Konstrukt ist \u2013 k\u00f6nnen wir sehen, dass Karma nicht etwas ist, was das Selbst <i>hat<\/i>, es ist das, was die Selbst-Empfindung <i>ist<\/i>, und etwas, was die Selbst-Empfindung entsprechend der bewussten Wahl, die jemand trifft, ver\u00e4ndert. \u201eIch\u201c (re)konstruiere mich selbst durch das, was \u201eich\u201c absichtlich tue, denn \u201emeine\u201c Selbst-Empfindung ist der Niederschlag gewohnheitsm\u00e4\u00dfiger Formen des Denkens, F\u00fchlens und Handelns. Genauso wie mein K\u00f6rper aus der Nahrung zusammengesetzt ist, die ich esse, ist mein Charakter aus bewussten Entscheidungen zusammengesetzt, denn \u201eich\u201c bin aus meinen stetig wiederholten geistigen Haltungen aufgebaut. Menschen werden nicht f\u00fcr das \u201ebestraft\u201c oder \u201ebelohnt\u201c, was sie getan haben, sondern f\u00fcr das, was sie geworden sind, und was wir mit Absicht tun, macht uns zu dem, was wir sind. Ein anonymer Vers dr\u00fcckt das gut aus:<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">S\u00e4e einen Gedanken und ernte eine Tat,<\/span> <span style=\"font-size: large;\">s\u00e4e eine Tat und ernte eine Gewohnheit,<\/span> <span style=\"font-size: large;\">s\u00e4e eine Gewohnheit und ernte einen Charakter,<\/span> <span style=\"font-size: large;\">s\u00e4e einen Charakter und ernte ein Schicksal<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Was ich tue, ist durch das motiviert, was ich denke. Gezielte Taten, immer wieder wiederholt, werden zu Gewohnheiten. Gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Wege des Denkens, F\u00fchlens, Handelns und Reagierens bauen meine Selbst-Empfindung auf und setzen sie zusammen: die Art von Mensch, der ich bin. Die Art von Mensch, der ich bin, bestimmt nicht vollst\u00e4ndig, was mir geschieht, aber sie hat starken Einfluss darauf und auf meine Reaktionen.<\/span> <span style=\"font-size: large;\">Wie der Philosoph Spinoza es im letzten Lehrsatz seiner <i>Ethik<\/i> ausdr\u00fcckte: Gl\u00fcck ist nicht die Belohnung f\u00fcr Tugend; Gl\u00fcck ist die Tugend selbst. Wir werden nicht f\u00fcr unsere \u201eS\u00fcnden\u201c bestraft, sondern durch sie. <\/span> <span style=\"font-size: large;\">Eine andere Art Mensch zu werden bedeutet, die Welt auf andere Art zu erfahren. Wenn dein Geist sich \u00e4ndert, \u00e4ndert sich die Welt. Und wenn wir anders auf die Welt reagieren, reagiert die Welt anders auf uns. <a href=\"https:\/\/www.stagefootcahagnes.fr\/\">soldes coque iphone<\/a> Je mehr ich durch Gier, \u00dcbelwollen und Verblendung motiviert bin, desto mehr muss ich die Welt manipulieren, um zu bekommen, was ich will, und infolgedessen f\u00fchle ich mich zunehmend entfremdet und andere f\u00fchlen sich zunehmend von mir entfremdet, wenn sie sehen, dass sie manipuliert worden sind. Dieses gegenseitige Misstrauen regt beide Seiten zu mehr Manipulation an. Andererseits: je mehr meine Taten durch Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, liebende G\u00fcte und die Weisheit der gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit motiviert sind, desto mehr kann ich mich entspannen und der Welt \u00f6ffnen. Je mehr ich mich als Teil der Welt und wirklich mit anderen verbunden f\u00fchle, desto weniger werde ich dazu neigen, andere zu benutzen, und somit werden sie dazu neigen, mir zu vertrauen und sich mir zu \u00f6ffnen. Wenn ich also meine eigenen Motive ver\u00e4ndere, ver\u00e4ndert das nicht nur mein eigenes Leben; es betrifft auch die Menschen rund um mich, denn das, was ich bin, ist nicht getrennt von dem, was sie sind.<\/span> <span style=\"font-size: large;\">Karma als Wie-ich-meine-Lebenslage-ver\u00e4ndere-indem-ich-meine-Motive-ver\u00e4ndere ist keine fatalistische Lehre. Ganz im Gegenteil: eine anregendere spirituelle Lehre ist schwer vorstellbar. Es wird uns nicht gesagt, wir sollten die problematischen Umst\u00e4nde in unserem Leben passiv hinnehmen. <\/span><\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-4142'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-4142-1'> Bei diesem Text handelt es sich um die gek\u00fcrzte \u00dcbersetzung des Kapitels &#8222;How to drive your Karma&#8220; aus David Loys Buch: Money Sex War Karma, das <\/span><span style=\"font-size: large;\">2008 ver\u00f6ffentlicht wurde. Eine deutsche Fassung wird demn\u00e4chst in der edition steinrich erscheinen. Der vorliegende Text ist noch nicht endredigiert; wir ver\u00f6ffentlichen ihn hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags. F\u00fcr die \u00dcbersetzung: Evamaria Glatz <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-4142-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was sollen wir mit Karma anfangen1 Es hat keinen Sinn vorzut\u00e4uschen, dass Karma f\u00fcr den Buddhismus unserer Zeit nicht zu einem Problem geworden ist. Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind: die meisten von uns wissen nicht recht, wie wir es verstehen sollen. 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