{"id":4015,"date":"2016-06-28T10:33:07","date_gmt":"2016-06-28T08:33:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=4015"},"modified":"2019-08-18T10:00:54","modified_gmt":"2019-08-18T08:00:54","slug":"erwachen-hat-das-etwas-mit-mir-zu-tun-gedanken-zu-richard-p-boyles-buch-realizing-awakened-consciousness","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=4015","title":{"rendered":"&#8222;Erwachen&#8220; &#8211; Hat das etwas mit mir zu tun?<\/br> \u00dcber Richard P. Boyles Buch: Realizing Awakened Consciousness"},"content":{"rendered":"<p>Als ich im Internet auf dieses relativ neue Buch gesto\u00dfen bin <sup class='footnote'><a href='#fn-4015-1' id='fnref-4015-1' onclick='return fdfootnote_show(4015)'>1<\/a><\/sup>, war ich mehr als skeptisch. Da lassen sich Dharmalehrerinnen und -lehrer \u00fcber ihre Erwachenserlebnisse interviewen? Traditiongem\u00e4\u00df sind das doch Erfahrungen, die frau oder man f\u00fcr sich beh\u00e4lt, wenn sie stattgefunden haben &#8211; dar\u00fcber spricht man unter Buddhistinnen und Buddhisten nicht, zu gro\u00df scheint die Gefahr, sich ihrer zu r\u00fchmen, oder auch, den Eindruck zu erzeugen, es w\u00e4re nun ein endg\u00fcltiger Zustand von Heiligm\u00e4\u00dfigkeit erreicht. Dann hat doch meine Neugier die Oberhand gewonnen, vor allem angesichts der Menge an prominenten Interviewparterinnen und -partnern des <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=4048\" rel=\"attachment wp-att-4048\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-4048 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/buch-boyle.jpg-199x300.png\" alt=\"buch boyle.jpg\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/buch-boyle.jpg-199x300.png 199w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/buch-boyle.jpg.png 356w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a>Autors, und ich habe das Buch gelesen. \u00a0 Richard Boyle war kognitiver Sozialwissenschafter und praktiziert seit 40 Jahren Zen. F\u00fcr sein durch eigene Praxis gen\u00e4hrtes Projekt, sich dem Wesen von &#8222;Erwachen&#8220; aus wissenschaftlicher Sicht anzun\u00e4hern, suchte er nach bekannten Lehrerinnen und Lehrern, m\u00f6glichst aus verschiedenen buddhistischen Schulen, die bereit waren, \u00fcber ihren pers\u00f6nlichen Weg im Buddhismus detailliert Auskunft zu geben. Er hat schlie\u00dflich elf Personen interviewt, die Liste liest sich wie ein Who is Who von prominenten Dharmalehrerinnen und -lehrern der Gegenwart: Shinzen Young, John Tarrant, Ken McLeod, Ajahn Amaro, Martine Batchelor, Shaila Catherine, Gil Fronsdal, Stephen Batchelor, Pat Enkyo O&#8217;Hara, Bernie Glassman, Joseph Goldstein. Alle Gespr\u00e4chspartner haben sich tief in die eigene Geschichte zur\u00fcckversetzt und versucht, nachvollziehbar dar\u00fcber zu erz\u00e4hlen. Mich hat dabei besonders beeindruckt, wie Lebenswege im praktischen und im \u00fcbertragenen Sinn durch &#8222;Zuf\u00e4lligkeiten&#8220; beschritten und weitergef\u00fchrt worden sind: Ob eine Zen-Nonne oder ein anderer Vipassana-Praktizierender wurde, und wie sie dabei in Richtung streng kl\u00f6sterlichen Lebens oder gro\u00dfer Weltoffenheit gepr\u00e4gt wurden, war nicht immer bewusste eigene Wahl sondern Ergebnis dessen, wohin es sie &#8222;verschlagen&#8220; hat (Martine Batchelor berichtet zum Beispiel, dass sie durch den Irrtum einer Airline nicht nach Japan, sondern nach Korea flog &#8211; in dem Kloster, wo sie dann ankam, blieb sie zehn Jahre lang). Beim Lesen ist meine Skepsis, ob man \u00fcber &#8222;Erwachen&#8220; reden solle und k\u00f6nne, bald verstummt. Nicht eine der interviewten Personen hat ein einziges, alles ver\u00e4nderndes Erleuchtungserlebnis pr\u00e4sentiert und herausgestrichen. Alle erz\u00e4hlen in ihren pers\u00f6nlichen Worten von Situationen der Klarheit, Aufl\u00f6sung des Selbst und Einsseins mit der Welt; das tun sie immer sehr zur\u00fcckhaltend und mehrmals kommt der Hinweis, dass das nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden sollte und danach das Leben einfach weitergehe.<a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=4019\" rel=\"attachment wp-att-4019\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4019 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Richard-P.-Boyle.jpg\" alt=\"Richard P. Boyle\" width=\"199\" height=\"199\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Richard-P.-Boyle.jpg 199w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Richard-P.-Boyle-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a> Richard Boyle ist ohne Zweifel ein sehr einf\u00fchlsamer Interviewer, aber beim Aufschreiben dieser Erz\u00e4hlungen hat er es nicht bewenden lassen. In mehreren zusammenfassenden und allgemein interpretierenden Kapiteln hat er versucht, so etwas wie einen gemeinsamen Nenner von &#8222;Awakened Consciousness&#8220; zu finden. Eine seiner Schlu\u00dffolgerungen definiert drei deutlich wahrnehmbare Qualit\u00e4ten, durch die sich erwachtes Bewusstsein vom Alltagsbewusstsein unterscheide:<\/p>\n<blockquote>\n<ol>\n<li>Keine Trennung von der Umgebung. Erwachtes Bewusstsein entsteht aus einer Perspektive, in der die Umgebung ein ganzes System ist, an dem wir als mehr oder weniger gleichgestelltes Mitglied teilhaben, und nicht aus der \u00fcblichen Perspektive mit dem Selbst als zentralem Fokus und Protagonisten, der entfernt von dem agiert, was ihn umgibt.<\/li>\n<li>Kein emotionales Anhaften an das Selbst oder an die soziale Realit\u00e4t. Wir k\u00f6nnen beobachten, was in der Welt vor sich geht und dementsprechend handeln, aber die emotionalen Verbindungen mit den selbst gemachten Geschichten, die \u00fcblicherweise diese Aktivit\u00e4t lenken, sind gekappt und wir folgen dem Flu\u00df des Geschehens in Freiheit und Gleichmut.<\/li>\n<li>Achtsamkeit entsteht gleichzeitig mit Handeln in einem Prozess gegenseitiger Abh\u00e4ngigkeit. Das, was wir uns bewusst machen und das, womit wir uns in jedem Moment besch\u00e4ftigen &#8211; beide Themen ergeben sich spontan und gleichzeitig aus unserer Interaktion mit der Umgebung.<\/li>\n<\/ol>\n<\/blockquote>\n<p>Dies soll nur ein kleines Beispiel sein f\u00fcr Boyles F\u00e4higkeit, bei aller Genauigkeit im Umgang mit den sehr verschiedenen Narrativen seiner Gespr\u00e4chsparterinnen und -partner Gemeinsamkeiten aufzusp\u00fcren und zwar so, dass die &#8222;Durchschnittsbuddhistin&#8220; und der &#8222;Duchschnittsbuddhist&#8220; angeregt werden, sich dem Begriff des Erwachens anzun\u00e4hern, ohne ihn zu dramatisieren, und vielleicht auch eigenen derartigen Erlebnissen Platz und Stellenwert in der pers\u00f6nlichen Geschichte zu geben, als inspirierenden Augenblicken von Klarheit, Einssein und &#8222;Flow&#8220;, ohne zu vergessen, dass das Leben danach wieder unspektakul\u00e4r weitergeht.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-4015'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-4015-1'> Richard P. Boyle, Realizing Awakened Consciousness, Interviews with Buddhist teachers and a new perspective on the mind, 2015. Auch als e-book erh\u00e4ltlich; es gibt bisher keine \u00dcbersetzung ins Deutsche. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-4015-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich im Internet auf dieses relativ neue Buch gesto\u00dfen bin 1, war ich mehr als skeptisch. Da lassen sich Dharmalehrerinnen und -lehrer \u00fcber ihre Erwachenserlebnisse interviewen? 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