{"id":3972,"date":"2016-06-21T12:31:00","date_gmt":"2016-06-21T10:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3972"},"modified":"2019-08-18T11:11:56","modified_gmt":"2019-08-18T09:11:56","slug":"ueber-das-kranksein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3972","title":{"rendered":"\u00dcber das Kranksein"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin krank. Das wirft seit Wochen meine Programme \u00fcber den Haufen: viele Ideen und Pl\u00e4ne musste ich zur\u00fcckstellen, Aktivit\u00e4ten sind nach und nach schwierig und dann unm\u00f6glich geworden. Bewegung und Sport im Freien gehen nicht mehr. Zeitweise starke Schmerzen und Schlaflosigkeit setzen mir zu. F\u00fcr die Art meiner Krankheit kann ich dankbar sein, und bin es auch: mein linkes H\u00fcftgelenk ist kaputt, der Termin f\u00fcr die Operation in 10 Tagen unter optimalen Bedingungen steht fest. &#8222;\u00c4rmel aufkrempeln&#8220; war mein erster Impuls, im Leben oft und auch erfolgreich ge\u00fcbt. Unter meinen pers\u00f6nlichen Bedingungen reicht das jetzt nicht mehr. Angesagt ist: genau das zu tun, was noch m\u00f6glich ist und was K\u00f6rper und Geist erlauben. Mit dem Auto fahren und nicht mit dem Rad, die meiste Zeit zuhause sitzen oder liegen, auf die Gartenarbeit im Fr\u00fchling verzichten. Was geht? Also, beispielsweise einen Lieblingstext von mir herauszusuchen, zu bedenken und zu genie\u00dfen: <em>On being ill<\/em> von Virginia Woolf <sup class='footnote'><a href='#fn-3972-1' id='fnref-3972-1' onclick='return fdfootnote_show(3972)'>1<\/a><\/sup>:<a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3975\" rel=\"attachment wp-att-3975\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3975 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Virginia-Woolf.jpe\" alt=\"Virginia Woolf\" width=\"290\" height=\"174\" \/><\/a><\/p>\n<blockquote><p>Bedenkt man, wie allgemein Krankheit ist, wie gewaltig die geistige Ver\u00e4nderung, die sie bringt, wie erstaunlich die unentdeckten L\u00e4nder sind, die sich erschlie\u00dfen, wenn das Licht der Gesundheit schwindet, welche \u00d6den und W\u00fcsten des Innern ein leichter Grippeanfall vor Augen f\u00fchrt, welche Abgr\u00fcnde und mit leuchtenden Blumen bestreute Wiesen ein leichter Anstieg der Temperatur offenbart, welche uralten, unbeugsamen Eichen durch das Ereignis der Krankheit in uns entwurzelt werden, wenn wir das alles bedenken, &#8211; und wir sind so h\u00e4ufig dazu gezwungen &#8211; dann erscheint es wahrlich seltsam, dass nicht die Krankheit mit der Liebe und dem Kampf und der Eifersucht zusammen ihren Platz eingenommen hat unter den Hauptthemen der Literatur. Aber nein; mit wenigen Ausnahmen tut die Literatur ihr m\u00f6glichstes zur Wahrung des Anspruches, es gehe ihr um den Geist; der K\u00f6rper sei eine klare Glasscheibe, durch welche die Seele klar und offen herausschaut, und sei, abgesehen von ein, zwei Leidenschaften wie Lust und Gier, null und nichtig und vernachl\u00e4ssigbar und nicht vorhanden. Nichtsdestotrotz, das genaue Gegenteil trifft zu. Den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch mischt sich der K\u00f6rper ein; macht stumpf oder sch\u00e4rft, f\u00e4rbt oder macht farblos, wird in der Juniw\u00e4rme zu Wachs, h\u00e4rtet sich im Februar d\u00fcster zu Talg. Das Gesch\u00f6pf drinnen kann nur durch die Scheibe starren &#8211; verschmutzt oder rosig, keinen einzigen Augenblick kann es sich vom K\u00f6rper wie die Scheide vom Messer trennen oder wie die Schote von den Erbsen; es muss die ganze endlose Wechselfolge durchlaufen, Hitze und K\u00e4lte, Behagen und Unbehagen, Hunger und S\u00e4ttigung, Gesundheit und Krankheit, bis die unausweichliche Katastrophe da ist: der K\u00f6rper wird in tausend St\u00fccke zerschmettert , und die Seele (so hei\u00dft es) entfleucht&#8230;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, ich sehe Dinge anders als ich gewohnt bin: sch\u00e4rfer oder eben verschwommener. Ziele<em>,<del><\/del><\/em> an die ich gewohnt war, loszulassen, bedeutet auch Entlastung und den freien Blick auf Dinge, f\u00fcr die ich &#8222;keine Zeit&#8220; hatte; das alles unter der privilegierten Bedingung der verl\u00e4\u00dflichen Annahme, dass die Krankheit in absehbarer Zeit vorbei sein wird. Und den Alltag nehme ich viel genauer: welche Bewegung l\u00e4sst sich wie am schonendsten ausf\u00fchren, und welche Tabletten tun mir wann gut? Achtsam zu sein schreibe ich mir jetzt nicht vor: es ergibt sich von selbst. <em>Man muss die Krankheiten gew\u00e4hren lassen <\/em>schreibt mein hochgesch\u00e4tzter Michel de Montaigne. Ihn plagten Nierensteine, und er schreibt, dass er besonders die schmerzfreien Situationen zu sch\u00e4tzen gelernt habe &#8211; ich kann es ihm nachvollziehen. Es geht um nichts anderes als: den Schmerz zu umarmen. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=810\" rel=\"attachment wp-att-810\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-810 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/montaigne.jpeg\" alt=\"montaigne\" width=\"290\" height=\"174\" \/><\/a>Montaigne schreibt auch: wenn einem der Arzt nicht zusage, m\u00fcsse man sich einen anderen besorgen. Da klingt doch die Kalama-Sutta an. Ich bin in der gl\u00fccklichen Lage, dass mir meine \u00c4rztinnen und Therapeuten zusagen, aber ich pr\u00fcfe jede ihrer Empfehlungen, bevor ich sie umsetze. Pema Ch\u00f6dr\u00f6n, eine US-amerikanische Lehrerin des tibetischen Buddhismus, hat sich aus eigener Betroffenheit sehr viel mit dem Umgang mit Krankheit auseinandergesetzt Sie litt an chronischer M\u00fcdigkeit und schrieb einem davon ebenfalls Betroffenen:<\/p>\n<blockquote><p>Der Schl\u00fcssel dazu, mit dem zu arbeiten, was so unerw\u00fcnscht ist, liegt darin, die Ideen und Gedanken dar\u00fcber loszulassen, dass wir doch nicht krank sein sollten und was mit uns geschehen wird, wenn wir krank bleiben. Wir m\u00fcssen die Krankheit irgendwie respektieren, sie willkommen heissen, in sie eintreten. Wir geben nach und sagen, okay, was kann ich von dir lernen? \u00dcber das Loslassen von Kontrolle, \u00fcber das Verlangsamen&#8230;\u00fcber das Auskosten der vollen Erfahrung eines jeden Moments: des Lichts, des Klangs, der Qualit\u00e4t meiner Erfahrung, meines Schmerzes, der Anblick von Staub oder von V\u00f6geln oder von nichts Besonderem&#8230;all das zu respektieren. Sie ist eine Art von Tod, diese Krankheit, und die beste Art von Tod, wenn wir sie einfach zulassen. Es ist der Tod alter eingefahrener Muster und Ansichten und Gewohnheiten und gibt Raum f\u00fcr etwas Neues, das in uns entstehen soll. Wirklich, du kannst dich drauf verlassen. Etwas Neues wird in dir entstehen, wenn du zul\u00e4sst, dass die Krankheit dir zeigt, wo du den Griff l\u00f6sen sollst. Und bitte schimpfe nie mit dir, wenn es dir manchmal misslingt.<\/p><\/blockquote>\n<p><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3981\" rel=\"attachment wp-att-3981\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3981 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Pema-ch\u00f6dr\u00f6n.jpe\" alt=\"Pema ch\u00f6dr\u00f6n\" width=\"223\" height=\"226\" \/><\/a> Na gut.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3972'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3972-1'> zitiert aus: Virginia Woolf: Das gro\u00dfe Lesebuch, hrsgg. als Fischer Taschenbuch Mai 2005 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3972-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin krank. 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F\u00fcr die Art meiner Krankheit kann ich dankbar sein, und &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3972\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e\u00dcber das Kranksein\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3972"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3972"}],"version-history":[{"count":16,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3972\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5196,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3972\/revisions\/5196"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3972"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3972"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3972"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}