{"id":3936,"date":"2016-06-18T13:19:00","date_gmt":"2016-06-18T11:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3936"},"modified":"2020-07-30T09:55:02","modified_gmt":"2020-07-30T07:55:02","slug":"buddhismus-und-die-postmoderne-von-stephen-batchelor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3936","title":{"rendered":"Buddhismus und die Postmoderne <\/br>von Stephen Batchelor"},"content":{"rendered":"<p>Hier folgt die \u00dcbersetzung eines Artikels von Stephen Batchelor aus den 1990er Jahren. Der Diskurs \u00fcber die Postmoderne ist seit damals abgeflaut; warum ich den Artikel historisch interessant finde, wird vielleicht beim Lesen deutlich. Vorerst einiges zur Begriffskl\u00e4rung <sup class='footnote'><a href='#fn-3936-1' id='fnref-3936-1' onclick='return fdfootnote_show(3936)'>1<\/a><\/sup>:<\/p>\n<blockquote><p>Pr\u00e4gend f\u00fcr den Begriff Postmoderne war Jean-Francois Lyotards Bericht <i>Das postmoderne Wissen<\/i>, in welchem er die philosophischen Systeme der Moderne f\u00fcr gescheitert erkl\u00e4rt. Bekannt wurde seine Rede vom <i>Ende der gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen<\/i>, worin sich auch die Kernthese seiner Diagnose ausdr\u00fcckt: Lyotard spricht nicht von philosophischen Systemen, sondern von \u201eErz\u00e4hlungen\u201c. Die einzelnen modernen \u201eErz\u00e4hlungen\u201c legten, so Lyotard, der Welterkl\u00e4rung jeweils ein zentrales Prinzip zugrunde (z. B. Gott oder das Subjekt), um auf dieser Grundlage zu allgemeinen Aussagen zu kommen. Damit scheiden sie jedoch das Heterogene aus oder zwingen das Einzelne unter eine allgemeine Betrachtungsweise, welche gewaltsam dessen Besonderheiten einebnet. Lyotard setzt an die Stelle eines allgemeing\u00fcltigen und absoluten Erkl\u00e4rungsprinzips (Gott, Subjekt, Vernunft, Systemtheorie, marxistische Gesellschaftstheorie etc.) eine Vielzahl von Sprachspielen, welche verschiedene \u201eErz\u00e4hlungen\u201c, also Erkl\u00e4rungsmodelle anbieten. Lyotard wendet sich also nicht gegen Rationalit\u00e4t im Allgemeinen, sondern gegen eine bestimmte historische Form der Rationalit\u00e4t, die auf der Ausgrenzung des Heterogenen basiert. Die im Anschluss an Lyotard gef\u00fchrte Diskussion um die Epochendiagnose der Postmoderne, die in den 1980er Jahren sehr intensiv und mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit in der intellektuellen \u00d6ffentlichkeit gef\u00fchrt wurde, ist seit 1989 erlahmt oder verlagerte sich auf andere Gebiete&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu dieser Diskussion nimmt Stephen Batchelor im folgenden Artikel Stellung <sup class='footnote'><a href='#fn-3936-2' id='fnref-3936-2' onclick='return fdfootnote_show(3936)'>2<\/a><\/sup>:<\/p>\n<blockquote><p>Einer postmodernen Welt, f\u00fcr die die Pluralit\u00e4t und Vieldeutigkeit der Wahrnehmung, die bruchst\u00fcckhafte und bedingte Natur der Wirklichkeit, die fl\u00fcchtige und unbestimmte Natur des Selbst und die Beliebigkeit, Unverl\u00e4\u00dflichkeit und Angst der menschlichen Existenz selbstverst\u00e4ndlich sind, scheint der Buddhismus wie ein Handschuh zu passen. Das ist aber nichts Neues. Bef\u00fcrworter des Buddhismus im Westen seit Schopenhauer waren von der Vereinbarkeit der Lehren des Buddhismus mit ihrer eigenen Weltsicht beeindruckt. Kantianer sahen im Buddhismus die Ansichten <strong>Kants<\/strong> , <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3939\" rel=\"attachment wp-att-3939\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3939 alignleft\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Immanuel-Kant-172x300.jpg\" alt=\"Immanuel Kant\" width=\"105\" height=\"183\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Immanuel-Kant-172x300.jpg 172w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Immanuel-Kant-768x1340.jpg 768w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Immanuel-Kant-587x1024.jpg 587w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Immanuel-Kant.jpg 940w\" sizes=\"(max-width: 105px) 100vw, 105px\" \/><\/a><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3940\" rel=\"attachment wp-att-3940\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3940 alignleft\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Bertrand-Russell-300x180.jpg\" alt=\"Bertrand Russell\" width=\"183\" height=\"110\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Bertrand-Russell-300x180.jpg 300w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Bertrand-Russell-768x461.jpg 768w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Bertrand-Russell.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3941\" rel=\"attachment wp-att-3941\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3941 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Jacques-Derrida-249x300.jpg\" alt=\"Jacques Derrida\" width=\"109\" height=\"131\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Jacques-Derrida-249x300.jpg 249w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Jacques-Derrida-768x927.jpg 768w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Jacques-Derrida-849x1024.jpg 849w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Jacques-Derrida.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 109px) 100vw, 109px\" \/><\/a>Vertreter des Logischen Positivismus jene von <strong>Bertrand Russell<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">und heutige Vertreter des Dekonstruktivismus die von <strong>Jacques Derrida. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend der letzten hundert Jahre haben die Lehren des Buddha gleicherma\u00dfen die Ansichten von Theosophen, Faschisten, Umweltsch\u00fctzern und Quantenphysikern best\u00e4tigt. Ist also der Buddhismus blo\u00df ein exotischer Morast unvereinbarer Vorstellungen, ein &#8222;Babylon der Lehren&#8220;, wie Matteo Ricci, ein Missionar des 16. Jahrhunderts, argw\u00f6hnte? Oder ist das eine andere Illustration von Buddhas Parabel vom Elefanten, den blinde M\u00e4nner als S\u00e4ule, Wand, Seil oder R\u00f6hre bezeichnen, je nachdem, welchen Teil der Anatomie des Tieres sie ber\u00fchren? Es mag so viele Arten von Buddhismus geben, wie es f\u00fcr den Geist von Menschen des Westens Formen gibt, ihn zu begreifen. In jedem Fall bedeutet &#8222;Buddhismus&#8220; etwas anderes. Aber was ist er wirklich? Die Antwort: nichts, worauf du deinen Finger legen kannst. Den Elefanten in Zeit oder Raum festzumachen, bedeutet, ihn zu t\u00f6ten.Der Elefant ist sowohl leer als auch verwirrend. Er atmet und bewegt sich &#8211; auf eine Art, die niemand vorhersehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Liquidit\u00e4t hat es dem Buddhismus w\u00e4hrend seiner ganzen Geschichte m\u00f6glich gemacht, kulturelle Grenzen zu \u00fcberschreiten und sich kreativ an Situationen anzupassen, die von denen in seinem Ursprungsland, dem indischen Subkontinent, sehr verschieden waren. (Das bemerkenswerteste Beispiel daf\u00fcr ist seine Ausbreitung in China vor fast 2000 Jahren). Dieser kreative Prozess erfordert, dass Buddhismus sich selbst als etwas versteht, was einen Unterschied macht. Es bedeutet, Elemente der neuen Gastkultur, die mit ihm vereinbar sind, anzunehmen und gleichzeitig Elemente dieser Kultur zu kritisieren, die mit den eigenen buddhistischen Werten nicht \u00fcbereinstimmen. Es \u00fcberrascht also kaum, dass heutige Buddhistinnen und Buddhisten instinktiv die Elemente der Postmoderne herausgreifen, die in Einklang mit ihrem eigenen Verst\u00e4ndnis des Dharma stehen. Die Gefahr liegt darin, dass sie, um &#8218;relevant&#8216; zu erscheinen, das gleicherma\u00dfen wesentliche Bed\u00fcrfnis opfern, eine klare und kritische Perspektive aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Element der Postmoderne, das buddhistischen Stimmen potentiell Zugang zur zeitgen\u00f6ssischen Kultur verspricht, ist impliziert in <strong>Jean-Francois Lyotards<\/strong> vereinfachender, aber wegweisender Definition von &#8218;postmodern&#8216; als &#8218; gro\u00dfen Narrativen gegen\u00fcber ungl\u00e4ubig&#8216;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3951\" rel=\"attachment wp-att-3951\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3951 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Lyotard-220x300.jpg\" alt=\"Lyotard\" width=\"138\" height=\"188\" \/><\/a>Das gr\u00f6\u00dfte all dieser gro\u00dfen Narrative ist f\u00fcr Lyotard das Projekt der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung selbst: die Sicherheit menschlichen Fortschritts durch Vernunft und Wissenschaft, ein Narrativ, das im 18. Jahrhundert begann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sobald die \u00dcberzeugung von diesem Mythos ins Schwanken kommt, wird eine Schar von anderen Annahmen in Frage gestellt. Indem sie sich mehr auf Wandel und Unsicherheit als auf garantierte Kontinuit\u00e4t konzentrierten, indem sie Bedingtheit, Ambivalenz und Vielfalt betonten, haben postmoderne Denker Stimmen der Anderen zu h\u00f6ren begonnen: jener, die das Projekt der Aufkl\u00e4rung unterdr\u00fcckt, ignoriert oder geringgesch\u00e4tzt hat: Frauen, Bewohnerinnen und Bewohner der Dritten Welt, nicht-europ\u00e4ische Systeme wie den Budhismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn ich gelehrte Texte \u00fcber Themen wie die Natur des &#8218;Selbst&#8216; lese, in denen Gedanken erkundet werden, die mir als Buddhisten sehr vertraut sind, stelle ich fest, dass sie sich nicht einmal beil\u00e4ufig darauf beziehen, dass diese Art von Analyse und Diskurs in Asien seit \u00fcber zweitausend Jahren betrieben worden ist. Bei solchen Gelegenheiten empfinde ich, was Frauen beim Lesen von Texten, die unbek\u00fcmmert eine m\u00e4nnliche Perspektive als Norm ansehen, empfinden m\u00fcssen.Die Gewohnheit, den &#8218;Osten&#8216; als das Andere zu behandeln, ist ein tiefsitzender Zug bei Europ\u00e4ern, der mindestens bis auf Euripides zur\u00fcckgeht und sogar von postmodernen Autoren in ironischer Weise weitergef\u00fchrt wird. Doch es gibt Zeichen von Ver\u00e4nderung. Nach der \u00fcblichen eurozentrischen Analyse schlie\u00dft Galen Strawson k\u00fcrzlich einen Artikel &#8218;Die Empfindung des Selbst&#8216;: &#8218;Vielleicht k\u00f6nnte die beste Darstellung der Existenz eines Selbst von bestimmten Buddhisten gegeben werden.&#8216; Man beachte das Z\u00f6gern: &#8218;vielleicht&#8216;, &#8218;k\u00f6nnte&#8216;, &#8218;bestimmte Buddhisten&#8216; (nat\u00fcrlich nicht alle).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Welche Anteile der Postmoderne auch immer im Buddhismus aufscheinen m\u00f6gen: es w\u00e4re l\u00e4cherlich, buddhistisches Gedankengut als &#8218;postmodern&#8216; zu beschreiben &#8211; aus dem einfachen Grund, weil der Buddhismus nie eine Phase der Moderne durchlaufen hat, von der er &#8218;post&#8216; sein k\u00f6nnte. Buddhistische Kulturen haben sich in \u00dcbereinstimmung mit dem gro\u00dfen Narrativ ihres eigenen Aufkl\u00e4rungsprojekts entwickelt. Infolgedessen k\u00f6nnen in der Art, wie der Buddhismus der zeitgen\u00f6ssischen Kultur im Westen begegnet, zwei deutliche, aber einander widersprechende Trends gesehen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf der einen Seite: indem sie den Zusammenbruch der gro\u00dfen Narrative des Westens wahrnehmen, k\u00f6nnten Buddhisten versuchen, diese durch ihr eigenes gro\u00dfes Narrativ von der Erleuchtung zu ersetzen. Das wird in den ausgewiesenen Zielen von mindestens zwei der erfolgreichsten buddhistischen Bewegungen im heutigen England ausgedr\u00fcckt: die &#8218;Friends of the Western Buddhist Order&#8216; (FBWO), die die Schaffung einer &#8218;Neuen Gesellschaft&#8216; auf den Grundlagen buddhistischer Werte anstreben, und &#8218;Soka Gakkai International&#8216; (SGI), die danach streben, &#8218;Kosen Rufu&#8216; zu verwirklichen &#8211; die weltweite Ausbreitung des Buddhismus von Nichiren Daishonin. Obwohl beide Organisationen zeitgen\u00f6ssische reformierte buddhistische Bewegungen sind, bleiben sie aus der Perspektive der Postmoderne beschr\u00e4nkt auf den sie legitimierenden Mythos eines gro\u00dfen Narrativs, das universelle Emanzipation verspricht. Wenn ein wesentlicher Zug unserer Zeit tats\u00e4chlich darin besteht, dass solche Narrative weithin ihre Glaubw\u00fcrdigkeit verloren haben und nicht mehr imstande sind, Konsens zu erzwingen, dann d\u00fcrften solche Bestrebungen zum Scheitern verurteilt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aber andererseits: wenn Buddhistinnen und Buddhisten mit der postmodernen Ungl\u00e4ubigkeit gro\u00dfen Narrativen gegen\u00fcber sympathisieren, k\u00f6nnten sie sich verpflichtet sehen, sich eine v\u00f6llig andere Art von Buddhismus vorzustellen. Sie werden dann versuchen, die Hauptmetaphern buddhistischer Tradition im Licht der Postmoderne neu zu artikulieren. Eine Einstellung der Ungl\u00e4ubigkeit w\u00fcrde eher zur Metapher einer Wildnis passen als zu der eines Pfades, mit den M\u00f6glichkeiten unbegrenzter Landschaft im Gegensatz zur sicheren Begrenzung einer Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Schl\u00fcsselbegriff eines solchen Unternehmens w\u00e4re <strong>&#8218;Leere&#8216;<\/strong>. Damit haben wir n\u00e4mlich einen Begriff, der wie die Postmoderne tiefes Mi\u00dftrauen gegen\u00fcber einem einzelnen, nicht bruchst\u00fcckhaften Selbst hegt und dar\u00fcber hinaus gegen alles von transzendentaler Bedeutung, wie Gott oder Geist. &#8218;Leere&#8216; ist positiv verkn\u00fcpft mit dem Verschwinden des Selbst, dem endlos hinausgeschobenen Spiel mit der Sprache und der vielschichtigen und bedingten Natur der Dinge. Auch in anderer Hinsicht zeigt dieser Begriff Verwandtschaft mit dem aktuellen Diskurs der Postmoderne. Meditation \u00fcber Leere ist nicht blo\u00df eine intellektuelle \u00dcbung, sondern eine kontemplative Disziplin, die in ethischer Verpflichtung zu Gewaltlosigkeit wurzelt. &#8218;Leere&#8216; beschreibt nicht nur in unsentimentaler Sprache die Art, wie sich die Realit\u00e4t entfaltet, sondern bietet auch einen therapeutischen Zugang zum Dilemma menschlicher Angst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vertreter der Lehre von der Leere unterlagen &#8211; zumindest seit Nagarjunas Zeiten &#8211; derselben Art von Kritik, der postmoderne Denker heute ausgesetzt sind. Beide wurden des Nihilismus und des Relativismus beschuldigt und es wurde ihnen vorgeworfen, die Grundlagen f\u00fcr Moral und religi\u00f6sen Glauben zu untergraben. Und das nicht nur von Nicht-Buddhisten; der Begriff der Leere wird auch innerhalb der buddhistischen Tradition noch immer kritisiert. In der Geschichte des Begriffs der Leere ging es darum, zu demonstrieren, dass er eine ethische und authentische Lebensweise keineswegs untergr\u00e4bt, sondern dass eine solche Lebensweise \u00fcberhaupt erst realisiert wird, wenn man sich den Implikationen der Leere stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Leere des Selbst, zum Beispiel, bedeutet nicht, individuelle Einzigartigkeit abzulehnen, sondern die Leugnung irgendeiner best\u00e4ndigen, ungeteilten und transzendenten Basis f\u00fcr Individualit\u00e4t. Die Angst und Unsicherheit der menschlichen Existenz wird durch den vorbegrifflichen, krampfartigen Griff, in dem solche Annahmen \u00fcber Transzendenz uns festhalten, nur versch\u00e4rft. W\u00e4hrend er Sicherheit inmitten einer unvorhersagbaren und verg\u00e4nglichen Welt zu bieten scheint, erzeugt dieser Griff paradoxerweise \u00e4ngstliche Entfremdung von den Prozessen des Lebens selbst. Das Ziel buddhistischer Meditationen \u00fcber Wandel, Unsicherheit und Leere besteht darin, Hilfe beim Verst\u00e4ndnis dieser Dimensionen der Existenz zu bieten und so sanft zur Lockerung des Griffs zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wenn wir uns der sinnlichen Unmittelbarkeit der Erfahrung aufmerksam zuwenden, stellen wir fest, wie wir von einer verwirrenden Matrix von Bedingtheiten, die laufend entstehen und vergehen, geschaffen, geformt und gestaltet sind. Wenn wir dar\u00fcber nachdenken, sehen wir, wie wir gepr\u00e4gt sind: vom Muster der DNA, die von unseren Eltern stammt, dem Feuern von hundert Milliarden Neuronen in unserem Gehirn, den kulturellen und historischen Konditionierungen des zwanzigsten Jahrhunderts, der Erziehung und Bildung, die uns vermittelt worden sind, allen Erfahrungen, die wir jemals gemacht haben und allen Wahlen, die wir jemals getroffen haben. Diese Prozesse vereinen sich zur Gestaltung der unwiederholbaren Flugbahn, die in diesem gegenw\u00e4rtigen Moment kulminiert. Was jetzt da ist, ist der einzigartige, aber ver\u00e4nderliche Eindruck, den all das hinterlassen hat, den ich &#8218;Ich&#8216; nenne.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dar\u00fcber hinaus n\u00e4hrt die schrittweise Aufl\u00f6sung einer transzendentalen Basis f\u00fcr das Selbst eine empathische Beziehung mit anderen. Der Griff des Selbst f\u00fchrt nicht nur zu Entfremdung, sondern macht einen auch den Qualen anderer gegen\u00fcber gef\u00fchllos. Tief empfundenen Anerkennung unserer eigenen Bedingtheit erm\u00f6glicht uns, unsere Verbundenheit mit anderen in gleicher Weise bedingten Lebensformen zu verstehen. Wir stellen fest, dass wir nicht isolierte Elemente sind, sondern Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Erschaffen einer anhaltenden, gemeinsamen Wirklichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine postmoderne Perspektive w\u00fcrde den mythischen Status von Buddhismus und Agnostizismus in Frage stellen. Mit dem Loslassen von &#8218;Buddhismus&#8216; als gro\u00dfem, umfassenden Narrativ, das alles erkl\u00e4rt, befreien wir uns f\u00fcr einen Weg der Entfaltung unserer eigenen Individuation im Kontext bestimmter lokaler und globaler Gemeinschaften. In diesem Prozess k\u00f6nnten wir herausfinden, dass auch wir Narrative sind: jeder von uns erz\u00e4hlt seine einzigartige Geschichte, die mit den Geschichten anderer unentwirrbar verwoben ist. Wir errichten dann nicht totalit\u00e4re, hierarchische Institutionen, um unsere gro\u00dfen Narrative in Stein zu mei\u00dfeln, sondern wir halten Ausschau nach fantasievollen, demokratischen Gemeinschaften, in denen wir unsere eigenen <em>petits recits<\/em> verwirklichen k\u00f6nnen: kleine Narrative.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine solche Sichtweise ist unvermeidlich pluralistisch. Buddhismus sieht sich dann nicht mehr in Opposition zu anderen gro\u00dfen Narativen, die ihm zu widersprechen oder ihn zu bedrohen scheinen, sondern erinnert sich daran, wie er sich in seinen vitalen Perioden aus seinen Interaktionen mit ihm fremden Religionen, Philosophien und Kulturen entwickelt hat. Das erinnert einen an das traditionelle Hua-Yen Bild des juwelenbesetzten Netzes von Indra.<a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3959\" rel=\"attachment wp-att-3959\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3959 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Indras-Netz.jpg\" alt=\"Indras Netz\" width=\"236\" height=\"177\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das unermessliche kosmische Netz, an dessen Schnittstellen ein Edelstein sitzt, der alle anderen Edelsteine reflektiert. Heute liegt es nahe, dass das Netz die Biosph\u00e4re selbst darstellt: dieses unermessliche verflochtene Netz lebender Systeme, die einander zu einem wunderbaren Ganzen verst\u00e4rken.<\/p>\n<\/blockquote>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3936'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3936-1'> aus: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Postmoderne  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3936-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3936-2'>: Buddhism and PostModernity, nachzulesen auf seiner Website: www.stephenbatchelor.org; dt. \u00dcbersetzung mit Zustimmung des Autors von Evamaria Glatz <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3936-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier folgt die \u00dcbersetzung eines Artikels von Stephen Batchelor aus den 1990er Jahren. 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