{"id":3917,"date":"2016-06-04T19:26:36","date_gmt":"2016-06-04T17:26:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3917"},"modified":"2019-08-18T11:35:03","modified_gmt":"2019-08-18T09:35:03","slug":"war-immanuel-kant-ein-buddhist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3917","title":{"rendered":"War Immanuel Kant ein Buddhist?"},"content":{"rendered":"<p id=\"title\" class=\"a-size-large a-spacing-none\">Nein, das war er nat\u00fcrlich nicht. Er ist im Jahr 1804 gestorben, bevor erste halbwegs gesicherte Nachrichten \u00fcber Buddhas Lehre nach Europa kamen. Seine Philosophie hat er eigenst\u00e4ndig aus der Geistesgeschichte seiner Zeit entwickelt <sup class='footnote'><a href='#fn-3917-1' id='fnref-3917-1' onclick='return fdfootnote_show(3917)'>1<\/a><\/sup>.<\/span><\/p>\n<div id=\"booksTitle\" class=\"feature\" data-feature-name=\"booksTitle\">\n<p style=\"text-align: left;\">Das Bild nebenan ist \u00fcber 100 Jahre alt und stammt aus dem Tempel der Philosophen in Tokyo. Es belegt, wie sehr Kant auch au\u00dferhalb Europas seit langem gesch\u00e4tzt wird; es zeigt ihn gemeinsam mit Sokrates und Konfuzius neben Buddha als einen der vier Weltweisen.<a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3919\" rel=\"attachment wp-att-3919\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3919 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/die-vier-Weltweisen-192x300.jpg\" alt=\"die vier Weltweisen\" width=\"192\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/die-vier-Weltweisen-192x300.jpg 192w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/die-vier-Weltweisen.jpg 644w\" sizes=\"(max-width: 192px) 100vw, 192px\" \/><\/a><\/p>\n<\/div>\n<p><span style=\"font-size: large;\">Ich bin ihm vor kurzem zuf\u00e4llig \u00fcber den Weg gelaufen und war \u00fcberrascht, wie nahe er in Teilen seines Denkens und seiner Lehre buddhistischem Gedankengut steht. Ich m\u00f6chte das an ein paar Zitaten deutlich machen.<\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Selbstdenken heisst, den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst, das hei\u00dft, der eigenen Vernunft zu suchen.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Kalama-Sutta in der Sprache des 18. Jahrhunderts, nicht? Und so \u00e4u\u00dfert sich Kant \u00fcber das &#8222;Selbst&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Nun haben wir aber in der inneren Anschauung gar nichts Beharrendes, denn das Ich ist nur das Bewu\u00dftsein meines Denkens. <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Und das kennen wir bis in die w\u00f6rtliche Formulierung:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Es ist nichts best\u00e4ndig als die Unbest\u00e4ndigkeit.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Hier k\u00f6nnen wir an das Bild vom kundigen Handwerker denken, das Buddha oft gebraucht, wenn er davon spricht, wie wir uns selbst erziehen sollen:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Zur inneren Freiheit werden zwei St\u00fccke erfordert: seiner selbst in einem gegebenen Falle Meister und \u00fcber sich selbst Herr zu sein, d. seine Affekte zu z\u00e4hmen und seine Leidenschaften zu beherrschen.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Was in buddhistischer Terminologie Verblendung hei\u00dft, nennt Kant Hochmut:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Der Hochmut [&#8230;] ist eine Art von Ehrbegierde, nach welcher wir anderen Menschen ansinnen, sich selbst in Vergleichung mit uns gering zu sch\u00e4tzen, und ist also ein der Achtung, worauf jeder Mensch gesetzm\u00e4\u00dfigen Anspruch machen kann, widerstreitendes Laster. <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Dazu passt dieser sch\u00f6ne Satz:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Kein Mensch ist so wichtig, wie er sich nimmt.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber den Umgang mit anderen Menschen schreibt Kant:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\"><span style=\"font-size: large;\">Der Mensch kann nicht gut genug \u00fcber den Menschen denken. <\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Und an zwei anderen Stellen:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\"><span style=\"font-size: large;\">Ohne Achtung gibt es keine wahre Liebe&#8230;D<\/span>enn das Wohlwollen bleibt immer Pflicht, auch gegen den Menschenhasser, den man freilich nicht lieben, aber ihm doch Gutes erweisen kann.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch in der Methodik des Lehrens gibt es Gemeinsamkeiten, vor allem die Technik des m\u00e4eutischen Fragens, die Buddha wie auch Sokrates meisterlich angewendet haben. Kant schreibt:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Ich kann einen anderen niemals \u00fcberzeugen als durch seine eigenen Gedanken. <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Dass Kant nicht der knochentrockene Pedant war, als der er heute gew\u00f6hnlich dargestellt wird, klingt f\u00fcr mich in diesen Zitaten an:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Das fr\u00f6hliche Herz allein ist f\u00e4hig, Wohlgefallen am Guten zu empfinden. <\/span> <span style=\"font-size: large;\">Wir d\u00fcrfen nicht einander l\u00e4stig werden. Die Welt ist gro\u00df genug f\u00fcr uns alle. <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Zum Abschluss seine poetische Beschreibung der conditio humana:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: large;\">Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden. <\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>__Seit langem faszinieren mich Querverbindungen und Weiterentwicklungen bei gro\u00dfen Denkern in Ost und West. Dabei geht es mir nicht darum, ob einer von einem anderem &#8222;abh\u00e4ngig&#8220; war oder ist, aber Verwandtschaften, Parallelen, das Sickern von Gedanken auch \u00fcber gro\u00dfe zeitliche und r\u00e4umliche Abst\u00e4nde hinweg &#8211; das ermutigt mich auf der Suche nach meinen eigenen Gedanken. Buddhas Worte, fr\u00fch in der Menschheitsgeschichte gesprochen und tradiert, nehmen da eine Sonderstellung ein, weil sie bei aller Pr\u00e4gnanz so allgemeing\u00fcltig sind, dass sie in allen L\u00e4ndern, wo sie verbreitet wurden, mit der vorhandenen Kultur in Einklang kamen. In einem \u00e4lteren Artikel<sup class='footnote'><a href='#fn-3917-2' id='fnref-3917-2' onclick='return fdfootnote_show(3917)'>2<\/a><\/sup> hat Stephen Batchelor geschrieben:<\/p>\n<blockquote><p>Westliche F\u00fcrsprecher des Buddhismus, beginnend mit Schopenhauer, waren alle beeindruckt von der Vereinbarkeit seiner Lehren mit ihrer eigenen Weltsicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Um dieses Thema ein wenig n\u00e4her zu beleuchten, folgt in einem n\u00e4chsten Beitrag eine \u00dcbersetzung dieses Artikels.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3917'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3917-1'> f\u00fcr eine erste Einf\u00fchrung in sein Werk d\u00fcrfte sich dieses Taschenbuch eignen: <span id=\"productTitle\" class=\"a-size-large\">Kant-Brevier. Hrsg. von <\/span><span class=\"author notFaded\" data-width=\"\">Wilhelm Weischedel. <\/span><span id=\"productTitle\" class=\"a-size-large\">Ein philosophisches Lesebuch f\u00fcr freie Minuten, <\/span><span class=\"a-size-medium a-color-secondary a-text-normal\">1974 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3917-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3917-2'> Der Artikel findet sich auf Stephens Website <a href=\"http:\/\/www.stephenbatchelor.org\">http:\/\/www.stephenbatchelor.org<\/a> und tr\u00e4gt den Titel: Buddhism and PostModernity <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3917-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, das war er nat\u00fcrlich nicht. Er ist im Jahr 1804 gestorben, bevor erste halbwegs gesicherte Nachrichten \u00fcber Buddhas Lehre nach Europa kamen. Seine Philosophie hat er eigenst\u00e4ndig aus der Geistesgeschichte seiner Zeit entwickelt 1. 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Es belegt, wie &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3917\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWar Immanuel Kant ein Buddhist?\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3917"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3917"}],"version-history":[{"count":18,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3917\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5211,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3917\/revisions\/5211"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3917"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3917"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3917"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}