{"id":3849,"date":"2016-06-16T10:09:04","date_gmt":"2016-06-16T08:09:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3849"},"modified":"2019-08-18T11:14:48","modified_gmt":"2019-08-18T09:14:48","slug":"hinschauen-handeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3849","title":{"rendered":"Hinschauen, handeln"},"content":{"rendered":"<p>Wir kennen die Bilder, die Zeitungsmeldungen, die Dokus und Kommentare zur politischen Situation in Europa und den angrenzenden Kontinenten Asien und Afrika. Die Meldungen werden im Tagesrhythmus verst\u00f6render und be\u00e4ngstigender. Die Regierenden Europas haben keinen gemeinsamen Plan f\u00fcr den Umgang mit der Tatsache, dass auf einmal nicht mehr nur das Geld frei flie\u00dft, sondern auch Menschen mobil geworden sind, weil sie ihre Lebensumst\u00e4nde in Krieg und Zerst\u00f6rung, wegen Landraubs oder klimatischer Ver\u00e4nderungen nicht mehr ertragen k\u00f6nnen. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3854\" rel=\"attachment wp-att-3854\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3854 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Fl\u00fcchtlinge-300x168.jpg\" alt=\"Fl\u00fcchtlinge\" width=\"300\" height=\"168\" \/><\/a>Wir Durchschnittsb\u00fcrgerinnen und -b\u00fcrger nehmen all das wahr und haben auch keinen Plan. Wenn ich mir selber zusehe und nachsp\u00fcre: da ist Mitgef\u00fchl mit durchn\u00e4ssten, ersch\u00f6pften Frauen, M\u00e4nnern und Kindern in Schlauchbooten und gleichzeitig mit den Menschen auf Lampedusa oder Lesbos, die, viele von ihnen selber arm, in jeder Hinsicht \u00fcberfordert sind. Ich sehe mir Bilder von Kriegsschaupl\u00e4tzen in Syrien und Afghanistan an, Dokumentarfilme \u00fcber Fl\u00fcchtlingslager oder \u00fcber Landraub, der den Menschen ihre Lebensgrundlagen entzieht. Dazu f\u00fchle ich mich einerseits &#8222;verpflichtet&#8220;, andererseits verst\u00e4rkt es mein Gef\u00fchl, hilflos zu sein. Und Angst ist auch in mir: um die eingespielten Strukturen des geordneten alten Europa, wo ich mein bisheriges Leben abgesichert verbracht habe, und nat\u00fcrlich davor, dass mangels eines Plans der ganze Kontinent mit wachsender Beschleunigung den Bach runtergehen k\u00f6nnte. Vielleicht tut er das &#8211; die Wahrscheinlichkeit w\u00e4chst, wie ich meine. Was k\u00f6nnen wir in naher Zukunft erwarten? Fl\u00fcchtlinge werden weiterhin Wege nach Europa finden, sie werden nehmen, was sie kriegen k\u00f6nnen, viele von ihnen, traumatisiert, arm und ohne Ausbildung, auch mit Gewalt. Die Regierenden Europas werden in absehbarer Zeit nicht angemessen und vor allem nicht einheitlich reagieren k\u00f6nnen. Unser Kontinent wird instabiler werden; die Angst davor wird viele seiner Einwohner in Radikalit\u00e4t treiben. Bevor die Lage besser wird, wird sie wohl noch viel un\u00fcbersichtlicher, polarisierter, bedrohlicher werden. Beim Nachdenken bin ich wieder auf die gro\u00dfe alte Buddhistin, politische Denkerin und Umweltaktivistin Joanna Macy gesto\u00dfen <sup class='footnote'><a href='#fn-3849-1' id='fnref-3849-1' onclick='return fdfootnote_show(3849)'>1<\/a><\/sup>. Unverbl\u00fcmt und direkt sagt sie uns mit ihren 86 Jahren noch immer: schaut hin. Die Welt ist wirklich in schlimmem Zustand, und sie ist das, weil Menschen so oft au\u00dferstande sind, sich dem zu stellen, was weh tut. Sie schreibt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>Die lebenserhaltenden Systeme f\u00fcr menschliche wie f\u00fcr nichtmenschliche Wesen werden zerst\u00f6rt. Die Angst, mit der viele Menschen darauf reagieren, macht sie unzug\u00e4nglich. Wir glauben, so zerbrechlich und klein zu sein, dass es uns in St\u00fccke rei\u00dft, wenn wir es uns erlauben, unsere Gef\u00fchle \u00fcber den Zustand der Welt anzuschauen. Wir f\u00fcrchten eine tiefe Depression oder L\u00e4hmung. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir es aussprechen, merken wir, dass wir nicht isoliert sind, sondern dass dieser Schmerz weit hinausgeht \u00fcber das kleine Ego und Konsequenzen hat, die jenseits unserer individuellen Bed\u00fcrfnisse liegen. <\/em><\/p>\n<p>Da sind wir Buddhistinnen und Buddhisten &#8211; s\u00e4kular oder nicht &#8211; wieder beim Thema &#8222;Selbst&#8220;. Wenn wir ernst nehmen, dass jede Abgrenzung zwischen dir und mir eine Fiktion ist, weil wir gemeinsam Teile derselben sich laufend ver\u00e4ndernden Welt sind, dann k\u00f6nnen wir nicht einfach nur hinnehmen, dass Politiker, von Angst getrieben, unseren Kontinent einz\u00e4unen. Gute Bekannte von mir wohnen in einem Eigenheim am Land. Sie haben, wie sie schon l\u00e4nger geplant hatten, ihr Auto verkauft und in ihrer Dorfgemeinschaft ein Car-Sharing-Projekt ins Leben gerufen. Ihre Garage haben sie zu einer kleinen Wohnung umgebaut, und dort ist vor ein paar Tagen eine vierk\u00f6pfige Familie aus Afghanistan eingezogen. Keiner von ihnen spricht ein Wort deutsch, die Kinder im Volksschulalter werden gerade eingeschult. Es gab und gibt \u00c4ngste, wie das Zusammenleben laufen kann &#8211; es entwickelt sich gerade erst. <em>Schmerz umarmen.<\/em> Wenn wir Buddhas Wort ernst nehmen, bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als hinzuschauen, und zwar genau, und zu handeln, wo und wie es uns m\u00f6glich ist.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3849'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3849-1'> \u00dcber sie und ihre Arbeit gibt es zwei fr\u00fchere Blog-Eintr\u00e4ge auf dieser Website. Ein recht neues, sehr ermutigendes Video findet sich unter: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mrCPVtf0bWA.\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mrCPVtf0bWA. <\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3849-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir kennen die Bilder, die Zeitungsmeldungen, die Dokus und Kommentare zur politischen Situation in Europa und den angrenzenden Kontinenten Asien und Afrika. Die Meldungen werden im Tagesrhythmus verst\u00f6render und be\u00e4ngstigender. 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