{"id":3786,"date":"2016-06-09T11:38:47","date_gmt":"2016-06-09T09:38:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3786"},"modified":"2020-07-29T15:13:23","modified_gmt":"2020-07-29T13:13:23","slug":"was-buddha-mit-leerheit-meint-interpretiert-von-stephen-batchelor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3786","title":{"rendered":"Was Buddha mit &#8222;Leerheit&#8220; meint <br\/> interpretiert von Stephen Batchelor"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Die &#8222;K\u00fcrzere Lehrrede \u00fcber die Leerheit&#8220; beginnt mit einer Frage, die Buddhas pers\u00f6nlicher Begleiter \u0100nanda stellt: <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3789\" rel=\"attachment wp-att-3789\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3789 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Buddha-und-Ananda-300x214.jpg\" alt=\"Buddha und Ananda\" width=\"300\" height=\"214\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Buddha-und-Ananda-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Buddha-und-Ananda.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u201cDu lebtest einst in Sakiya, Herr, unter deinen Verwandten in der Stadt N\u0101garaka. Dort h\u00f6rte ich von deinen eigenen Lippen, wie du sagtest: Nun weile ich vorwiegend in Leerheit. Habe ich das richtig geh\u00f6rt?\u201d \u201cJa,\u201d antwortet Gotama. \u201cDamals, so wie heute, weile ich vorwiegend in Leerheit.\u201d Das Wort, das einem hier ins Auge springt, ist \u201cweilen\u201d, aus dem Pali &#8222;viharati&#8220; \u00fcbersetzt. Die Substantivform ist vih\u0101ra, \u201cWohnsitz\u201d oder \u201cAufenthaltsort\u201d, und hat die Bedeutung \u201cKloster\u201d angenommen &#8211; das hei\u00dft, ein Wohnsitz f\u00fcr M\u00f6nche. Nun beschreibt aber \u201cweilen\u201d oder \u201cwohnen\u201d eine urspr\u00fcngliche Beziehung zu dieser Erde auf der wir leben. Leerheit ist zuerst und vor allem ein Zustand, in dem wir weilen, wohnen und leben. Eine andere Lehrrede in Pali beschreibt diese Leerheit als \u201cWohnst\u00e4tte einer bedeutenden Person.\u201d Leerheit scheint also eine Perspektive zu sein, ein Empfindungsverm\u00f6gen, eine Lebensform in dieser \u00fcberw\u00e4ltigenden, ungewissen Welt. Die \u201cbedeutende Person\u201d w\u00e4re jemand, der ein solches Empfindungsverm\u00f6gen entwickelt hat, dass es v\u00f6llig nat\u00fcrlich geworden ist. Leerheit ist also nicht die Negation des \u201cSelbst\u201d, sondern enth\u00fcllt die W\u00fcrde einer Person, die erkannt hat, was es bedeutet, ein Mensch in seiner ganzen F\u00fclle zu sein. Eine solche Leerheit ist weit davon entfernt, eine letzte Wahrheit zu sein, die durch logisches Schlie\u00dfen zu verstehen und dann in einem Zustand nicht-begrifflicher Meditation direkt zu erkennen ist. Es ist ein Empfindungsverm\u00f6gen, in dem jemand weilt, nicht ein vorrangiges erkenntnistheoretisches Objekt, das einem durch Wissen Erleuchtung des Bewusstseins verschafft. Die &#8222;K\u00fcrzere Lehrrede \u00fcber die Leerheit&#8220; erz\u00e4hlt die Geschichte eines Mannes, der nach einem Weg suchte, authentisch auf Erden zu leben. Gotama beginnt seine Lehrrede mit dem, was am n\u00e4chsten liegt: das Landhaus, in dem er sich mit seinen Bettelm\u00f6nchen aufh\u00e4lt. \u201cDa das Haus leer ist von Elefanten, Rindern und Pferden, leer von Gold und Silber, leer von Mengen an Frauen und M\u00e4nnern,\u201d f\u00fchrt er aus, \u201cgibt es nur eine Sache, von der dieses Landhaus nicht leer ist: diese Gruppe von Bettelm\u00f6nchen.\u201d Aber ein Bettelm\u00f6nch, der diese Gemeinschaft als zu laut und st\u00f6rend empfindet, wird die Einsamkeit des Waldes aufsuchen, die \u201cleer ist von jeder Wahrnehmung von D\u00f6rfern oder Menschen.\u201d Der Bettelm\u00f6nch betrachtet also den Wald als \u201cleer von dem, was nicht da ist, und von dem, was \u00fcbrig ist, wei\u00df er: \u2018Das ist, was da ist.\u2019\u201d Obwohl der Bettelm\u00f6nch nicht l\u00e4nger vom Trubel der Welt irritiert wird, stellt er fest, dass er zu \u00c4ngstlichkeit neigt, die durch das Leben im Wald erzeugt wird. Um diese \u00c4ngstlichkeit zu \u00fcberwinden, versetzt sich der Bettelm\u00f6nch in zunehmend verfeinerte Zust\u00e4nde meditativer Versenkung: \u00fcber die Ausdehnung der Erde, den grenzenlosen Raum, grenzenloses Bewusstsein, das Nichts, und das Weder-bewusst-noch-unbewusst-Sein. Aber in jedem Stadium stellt er fest, dass es noch immer etwas in ihm gibt, was Unbehagen entstehen l\u00e4sst. Also gibt er die tiefen, trance\u00e4hnlichen Zust\u00e4nde auf f\u00fcr \u201cmerkmallose Konzentration des Herzens.\u201d Aber auch da erkennt er, dass er noch immer zu der Angst neigt, die davon kommt, dass er die sechs Wahrnehmungsfelder eines lebenden K\u00f6rpers hat.\u201d Worin auch immer der Wert seiner merkmallosen Konzentration besteht, so ist sie dennoch \u201cproduziert und willentlich herbeigef\u00fchrt\u201d und daher \u201cverg\u00e4nglich und dem Aufh\u00f6ren unterworfen.\u201d Erst hier, nachdem er die M\u00f6glichkeiten der Meditation in Waldeinsamkeit ausgesch\u00f6pft hat, erkennt er, dass all diese \u00dcbungen letztlich vergeblich sind, weil sie enden werden. Er scheint zum Ausgangspunkt zur\u00fcckgekehrt zu sein. Aber genau diese Einsicht in die Verg\u00e4nglichkeit verschafft ihm die Ruhe des Geistes, die er die ganze Zeit gesucht hat. \u201cIndem er solches wei\u00df und sieht,\u201d f\u00e4hrt Gotama fort, \u201cist sein Herz befreit von den Trieben (\u0101sava) der Sinne, des Werdens und des Nicht-Wissens\u201d. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. \u201cOhne all die \u00c4ngste, die durch Triebe bedingt sind,\u201d \u00fcberlegt der Bettelm\u00f6nch, \u201cneige ich immer noch zu der Angst, die daraus entsteht, dass ich die sechs Wahrnehmungsfelder eines lebenden K\u00f6rpers habe. Dieser Bewusstseinszustand ist leer von jenen Trieben. Was nicht leer ist, ist: die sechs Wahrnehmungsfelder eines lebenden K\u00f6rpers.\u201d Die &#8222;K\u00fcrzere Lehrrede \u00fcber die Leerheit&#8220; schlie\u00dft mit dieser Einsicht: in Leerheit zu weilen bedeutet, den k\u00f6rperlichen Raum der eigenen sinnlichen Erfahrung auszuf\u00fcllen, aber auf eine Art, die nicht mehr von der eigenen gewohnheitsm\u00e4\u00dfigen Reaktivit\u00e4t bestimmt ist. In einer solchen Leerheit zu weilen bedeutet nicht, dass man nicht mehr leiden wird. Solange jemand K\u00f6rper und Sinne hat, wird er \u201cgeneigt sein zur Angst\u201d, die davon kommt, eine bewusste, f\u00fchlende Kreatur aus Fleisch, Knochen und Blut zu sein. Und das d\u00fcrfte f\u00fcr Gotama genauso wahr gewesen sein wie f\u00fcr uns heute. Leerheit ist hier nicht eine Wahrheit &#8211; schon gar keine letzte Wahrheit &#8211; deren richtiges Verst\u00e4ndnis ein Mittel w\u00e4re, Nicht-Wissen zu vertreiben und so Erleuchtung zu erlangen. F\u00fcr Gotama kommt es nicht darauf an, Leerheit zu verstehen, sondern in ihr zu weilen. In Leerheit zu weilen bringt uns sicher zur Erde herunter und zu unseren K\u00f6rpern zur\u00fcck. Es ist ein Weg, uns zu erm\u00f6glichen, unsere Augen zu \u00f6ffnen und gew\u00f6hnliche Dinge wie zum erstenmal zu sehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser Text ist ein (noch nicht lektorierter) Auszug aus Stephen Batchelors neuestem Buch \u201eNach dem Buddhismus \u2013 den Dharma f\u00fcr ein s\u00e4kulares Zeitalter neu denken&#8220; (Arbeitstitel), das im Herbst 2016 in der edition steinrich erscheinen wird. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages. [1. Eine deutsche \u00dcbersetzung der C\u00falasu\u00f1\u00f1ata Sutta &#8211; &#8222;K\u00fcrzere Lehrrede \u00fcber die Leerheit&#8220; gibt es z. B. unter: <a href=\"http:\/\/www.phathue.de\/buddhismus\/mittlere-sammlung\/mn121\/\">http:\/\/www.phathue.de\/buddhismus\/mittlere-sammlung\/mn121\/<\/a>. <a href=\"https:\/\/www.blizzcorp.fr\/sitemap.xml\">coque iphone<\/a> Der englische Originaltitel von Batchelors Buch lautet: After Buddhism &#8211; Rethinking the Dharma for a Secular Age, 2015, Yale University Press, New Haven &amp; London.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8222;K\u00fcrzere Lehrrede \u00fcber die Leerheit&#8220; beginnt mit einer Frage, die Buddhas pers\u00f6nlicher Begleiter \u0100nanda stellt: \u201cDu lebtest einst in Sakiya, Herr, unter deinen Verwandten in der Stadt N\u0101garaka. Dort h\u00f6rte ich von deinen eigenen Lippen, wie du sagtest: Nun weile ich vorwiegend in Leerheit. Habe ich das richtig geh\u00f6rt?\u201d \u201cJa,\u201d antwortet Gotama. \u201cDamals, so &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3786\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWas Buddha mit &#8222;Leerheit&#8220; meint <br \/> interpretiert von Stephen Batchelor\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3786"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3786"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3786\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6971,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3786\/revisions\/6971"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3786"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3786"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3786"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}