{"id":3677,"date":"2015-06-24T09:21:38","date_gmt":"2015-06-24T07:21:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3677"},"modified":"2020-07-30T10:05:02","modified_gmt":"2020-07-30T08:05:02","slug":"glaub-nicht-alles-was-du-denkst-the-work-von-byron-katie-und-meine-probleme-damit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3677","title":{"rendered":"Glaub nicht alles, was du denkst <br\/> &#8222;The Work&#8220; von Byron Katie und meine Probleme damit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/byron-katie.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3649 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/byron-katie-300x168.jpg\" alt=\"byron katie\" width=\"300\" height=\"168\" \/><\/a>Eine aufmerksame Leserin hat uns darauf hingewiesen, dass dieser pr\u00e4gnante Satz, der David Loy so gut gef\u00e4llt, von <strong>Byron Katie <\/strong>stammt<strong>. <\/strong>Das war mir Grund genug, \u00fcber sie und ihre Arbeit zu recherchieren. Auf der Website <a href=\"http:\/\/thework.com\/sites\/thework\/deutsch\/\">http:\/\/thework.com\/sites\/thework\/deutsch <\/a>gibt es u.a. eine Einf\u00fchrung \u00fcber ihre Person, Details zu ihrer Arbeitsweise und viele begleitende Materialien<sup class='footnote'><a href='#fn-3677-1' id='fnref-3677-1' onclick='return fdfootnote_show(3677)'>1<\/a><\/sup>. Byron Katie ist eine US-Amerikanerin, die nach langj\u00e4hrigen schweren pers\u00f6nlichen Krisen mit Depressionen, S\u00fcchten und Panikattacken eine Art Erweckungserlebnis hatte, wie sie berichtet. Dies habe ihr Leben mit einem Schlag von Grund auf ver\u00e4ndert und sie zu einem gl\u00fccklichen, ausgeglichenen Menschen gemacht. Sie entwickelte eine<strong> Technik von vier Fragen und &#8222;Umkehrungen&#8220; der Antworten<\/strong>, mit denen sie seither arbeitet und die sie vielen Menschen in B\u00fcchern, Videos und Workshops nahegebracht hat<sup class='footnote'><a href='#fn-3677-2' id='fnref-3677-2' onclick='return fdfootnote_show(3677)'>2<\/a><\/sup>. Byron Katie schl\u00e4gt vor, schmerzhafte, \u00e4rgerliche, belastende Erfahrungen in einem meditativen Prozess gedanklich genau zu \u00fcberpr\u00fcfen. Dabei geht es in den ersten beiden Fragen darum, ob sie &#8222;wahr&#8220; seien, die dritte und vierte sollen deutlich machen, wie sehr die Gedanken dar\u00fcber den Fragenden belasten. Indem schlie\u00dflich Aussagen wie &#8222;Mein Mann sollte mir besser zuh\u00f6ren&#8220; &#8222;umgekehrt&#8220; werden (zum Beispiel in: &#8222;Ich sollte ihm besser zuh\u00f6ren&#8220;), soll die Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, wie eigene oft unbewusste Verhaltensweisen mit denen korrespondieren, die einen an anderen besonders st\u00f6ren: je schlechter ich selber zuh\u00f6ren kann, desto eher wird mich das an anderen Menschen nerven. Der Gedanke, <strong>&#8222;Glaubenss\u00e4tze&#8220;<\/strong> \u00fcber sich und andere Menschen in Frage zu stellen und die Aufmerksamkeit auf die Schattenseiten des eigenen Selbstbilds zu richten, hat mich angesprochen. Ich sah eine Verbindung zu den \u00dcberlegungen \u00fcber das &#8222;Selbst&#8220;, um die es auf diesem Blog seit einer Weile geht und erinnerte mich an Buddhas Bild, wie Unge\u00fcbte zwei Pfeile sp\u00fcren: der erste verursacht den Schmerz einer echten Verletzung, mit dem zweiten sind die Sorgen und \u00c4ngste gemeint, die wir danach in uns n\u00e4hren. Ich habe vieles von Byrons Website gelesen, mir Videos angesehen und ihre Technik selber und mit anderen ausprobiert. Da gibt es einiges, was mich anzieht: ihre Aussagen dar\u00fcber, wie Schmerz uns zum Nachdenken f\u00fchren kann; wie wir die tief verwurzelte Gewohnheit, uns selbst und andere zu bewerten, als Ausgangspunkt f\u00fcr Selbsterforschung nutzen k\u00f6nnen, die oft wiederholte Aufforderung, unsere Gedanken an der Realit\u00e4t zu \u00fcberpr\u00fcfen und eine skeptische innere Haltung, die in dem pr\u00e4gnanten Satz gipfelt: glaub nicht alles, was du denkst. Im Selbstversuch habe ich mit den &#8222;Umkehrungen&#8220; einiges anfangen k\u00f6nnen; sie richteten meine Aufmerksamkeit darauf, wie mich an anderen oft am meisten st\u00f6rt, was mir selber schwerf\u00e4llt. Von Beginn an aber fand ich die Ausgangsfrage und Byrons Umgang damit falsch gestellt. Ein Beispiel: Nach der Aussage: &#8222;XY hat mich verletzt&#8220; f\u00fchrt die Frage &#8222;Ist das wahr?&#8220; in ein Dickicht von weiteren Fragen \u00fcber Wesen und Urheberschaft von &#8222;Wahrheit&#8220;. Die Frage &#8222;Entspricht das der Realit\u00e4t?&#8220; w\u00e4re vielleicht sinnvoller, weil durch sie unterschiedliche Sichtweisen deutlicher werden k\u00f6nnten. Eine Dharma-Freundin, mit der ich &#8222;The Work&#8220; \u00fcbte, stellte fest, dass die Voraussetzung f\u00fcr den Prozess, n\u00e4mlich Byrons unhinterfragtes Vorverst\u00e4ndnis von &#8222;Wahrheit&#8220;, einem offenen, skeptischen Zugang widerspreche. Jedenfalls sind &#8222;Glaubenss\u00e4tze&#8220;, die auf diese Weise identifiziert werden, nicht &#8222;L\u00fcgen&#8220;, wie Byron sagt und schreibt, sondern h\u00f6chstens Irrt\u00fcmer oder Verzerrungen. An dieser Stelle wird es gef\u00e4hrlich, scheint mir, weil der Bewertung, die in Frage gestellt werden soll, durch das Etikett &#8222;L\u00fcge&#8220; gleich wieder T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet wird, jetzt auf die eigene Person bezogen. Meine <strong>Vorbehalte<\/strong> wuchsen mit der Frage: wo hat sie das her? Auch Byron mu\u00df in einer Tradition stehen, die sie aber verschweigt. Ihrer Erkl\u00e4rung vom Erweckungserlebnis als einziger Quelle mag ich nicht folgen. Bei aller Vorliebe f\u00fcr handlungsorientierte Ethik, hier fehlt mir die Theorie, aus der auch sie gesch\u00f6pft hat &#8211; dazu sp\u00e4ter mehr. Nun k\u00f6nnen spontane tiefe Einsichten sicher wichtige Anst\u00f6\u00dfe geben; mich st\u00f6rt aber die Ausschlie\u00dflichkeit und Unbedingtheit von Byrons Anspruch ihren Klientinnen gegen\u00fcber sehr: <em>Ein Arbeitsblatt wird dein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndern<\/em>? Byron Katie ist weltweit bekannt &#8211; Google z\u00e4hlt 3 250 000 Treffer. Sie hat sehr viele Anh\u00e4nger, von denen ihr ein gro\u00dfer Teil enthusiastisch folgt. Auf zahlreichen Videos kann man ihr bei der Arbeit &#8211; auch vor Publikum &#8211; zusehen. Mir scheint, dass sie im Gespr\u00e4ch den Eindruck zu erwecken versucht, durchaus einf\u00fchlsam auf Klientinnen einzugehen, aber recht bedingungslos Richtung und Tempo des Gespr\u00e4chs vorgibt. Da bleibt nicht viel Raum f\u00fcr eigene Reflexion \u00fcber das Wesen des jeweiligen Problems und vor allem nicht \u00fcber seine Ver\u00e4nderbarkeit. Byron hat nicht wenige scharfe <strong>Kritiker<\/strong>. Ein ausf\u00fchrliches, kluges Statement auf deutsch mit anschlie\u00dfender kontroversieller Diskussion gibt es unter: <a href=\"https:\/\/emj57.wordpress.com\/2009\/07\/21\/warum-ich-the-work-von-katyie-byron-nicht-mag\/\">https:\/\/emj57.wordpress.com\/2009\/07\/21\/warum-ich-the-work-von-katyie-byron-nicht-mag\/<\/a>. Darin hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>Durch die vier Fragen erfolgt sofort eine Ablenkung vom betreffenden Glaubenssatz. Durch die Umkehrungen f\u00fchrt der Weg noch weiter weg. Ich werde praktisch gezwungen, mir andere Gedanken samt den dazu geh\u00f6rigen Gef\u00fchlen vorzustellen. Da zwei Gef\u00fchle nicht zugleich auftreten k\u00f6nnen und volle Konzentration auf die jeweils neuen Gedanken verlangt wird, tritt der erste Gedanke in den Hintergrund und wird von den nachfolgenden \u00fcberlagert. Ich bezweifle zutiefst, dass das Ursprungsproblem damit gel\u00f6st ist! F\u00fcr den Augenblick mag es durchaus so scheinen, weil man sich auf andere Gedanken v\u00f6llig konzentriert. Diese neuen Gedanken sind spannend und anregend und beanspruchen die Aufmerksamkeit. Sie erzeugen andere Gef\u00fchle als die urspr\u00fcnglichen. Es ist ein Ablenkungsman\u00f6ver. An sich ist die Aussage, man solle sich niemals gegen die Realit\u00e4t stellen, in bestimmten Situationen eine Binsenweisheit. Wer mit dem Kopf durch die Wand will, wird sich eine Beule holen, ganz egal, wie oft er es versucht. Was aber fehlt, ist die ganz wichtige Frage: Ist diese Realit\u00e4t ver\u00e4nderbar oder nicht? Das halte ich f\u00fcr die zentrale Frage \u00fcberhaupt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine differenzierte Kritik in englischer Sprache liest man auf der Website von Morten Tolboll: <a href=\"http:\/\/mortentolboll.weebly.com\/a-critique-of-byron-katie-and-her-therapeutic-technique-the-work.html\">http:\/\/mortentolboll.weebly.com\/a-critique-of-byron-katie-and-her-therapeutic-technique-the-work.html<\/a>. Hier gibt es auch Erfahrungsberichte von Menschen, die sich auf l\u00e4ngere Schulungen bei Byron eingelassen haben. Dabei hat sich bei mir der Eindruck einer deutlichen Tendenz zu Manipulation verst\u00e4rkt. Eine Analyse, die auch positive Aspekte von &#8222;The Work&#8220; w\u00fcrdigt, findet sich unter: <a href=\"http:\/\/www.new-synapse.com\/aps\/wordpress\/?p=315\">http:\/\/www.new-synapse.com\/aps\/wordpress\/?p=315<\/a> (ebenfalls in englischer Sprache). Die Autorin weist unter anderem darauf hin, dass die Technik sich &#8211; wie es bei Methoden von Gurus \u00fcblich sei &#8211; gezielt jedem wissenschaftlichen Zugang verschlie\u00dfe, und dass Byron auf eine m\u00f6gliche Verschlechterung von Problemen bei traumatisierten oder psychisch kranken Menschen weder vorbereite noch R\u00fccksicht nehme. Byron sagt &#8222;The Work&#8220; sei eine Technik, keine Therapie. Sie hat auch keine einschl\u00e4gige Ausbildung durchlaufen. Ihr Ehemann spricht davon , dass sie keine Vorbilder gehabt habe und nur von ihrem &#8222;Erweckungserlebnis&#8220; geformt und motiviert worden sei. Als Beleg daf\u00fcr f\u00fchrt er an, sie lese keine B\u00fccher<sup class='footnote'><a href='#fn-3677-3' id='fnref-3677-3' onclick='return fdfootnote_show(3677)'>3<\/a><\/sup>. An dieser Stelle war ich der Meinung, nun genug Informationen \u00fcber Byron Katie gesammelt zu haben. Eines noch: &#8222;The Work&#8220; ist ein ausgezeichnetes Gesch\u00e4ft. Zwar sind die \u00dcbungsbl\u00e4tter und Anfangsinformationen im Netz kostenlos zug\u00e4nglich, aber Byrons B\u00fccher haben enorm hohe Auflagen und die teuren Workshops, die sie regelm\u00e4\u00dfig mit Gruppen von mehreren hundert Personen h\u00e4lt, sind laufend ausgebucht.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3677'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3677-1'> Dort sind auch ihre B\u00fccher angef\u00fchrt; das bekannteste hei\u00dft: Lieben, was ist; au\u00dferdem kann in zahlreichen You-Tube-Videos (in englischer Sprache) ihre Arbeit mit Klientinnen und Klienten beobachtet werden <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3677-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3677-2'> Die vier Fragen und Anleitungen f\u00fcr die &#8222;Umkehrungen&#8220; finden sich auf der oben genannten Website unter: http:\/\/thework.com\/sites\/thework\/deutsch\/downloads\/Arbeitsblatt_UrteileUberDeinenNachsten.pdf und <a href=\"http:\/\/thework.com\/sites\/thework\/deutsch\/downloads\/Arbeitsblatt_UntersucheEineUberzeugung.pdf\">http:\/\/thework.com\/sites\/thework\/deutsch\/downloads\/Arbeitsblatt_UntersucheEineUberzeugung.pdf<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3677-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3677-3'> nachzulesen ist das auf der oben zitierten Website von Morten Tolboll. Dort gibt es auch den Hinweis auf den US-amerikanischen Pers\u00f6nlichkeitstrainer Ken Keyes, von dem vieles in Byrons Texten w\u00f6rtlich oder sinngem\u00e4\u00df \u00fcbernommen ist <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3677-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine aufmerksame Leserin hat uns darauf hingewiesen, dass dieser pr\u00e4gnante Satz, der David Loy so gut gef\u00e4llt, von Byron Katie stammt. Das war mir Grund genug, \u00fcber sie und ihre Arbeit zu recherchieren. Auf der Website http:\/\/thework.com\/sites\/thework\/deutsch gibt es u.a. eine Einf\u00fchrung \u00fcber ihre Person, Details zu ihrer Arbeitsweise und viele begleitende Materialien1. Byron Katie &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3677\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eGlaub nicht alles, was du denkst <br \/> &#8222;The Work&#8220; von Byron Katie und meine Probleme damit\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3677"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3677"}],"version-history":[{"count":37,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3677\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5669,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3677\/revisions\/5669"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3677"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3677"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3677"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}