{"id":355,"date":"2013-06-07T18:56:34","date_gmt":"2013-06-07T16:56:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=355"},"modified":"2021-03-12T07:57:01","modified_gmt":"2021-03-12T06:57:01","slug":"alles-hangt-zusammen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=355","title":{"rendered":"Alles h\u00e4ngt zusammen"},"content":{"rendered":"<p>Im Sommer 1983 bereiste ich gemeinsam mit einem Freund auf eigene Faust Ladakh &#8211; &#8222;Klein-Tibet&#8220; &#8211; von Kaschmir aus. Es war meine erste Begegnung mit buddhistischer Kultur. Wir bestaunten bunte Gebetsfahnen am Stra\u00dfenrand, die vielen Stupas und die klar gegliederte Architektur der Wohnh\u00e4user, Kl\u00f6ster und Pal\u00e4ste auf unserem Weg. Die Menschen, alle in Landestracht gekleidet, kamen uns freundlich entgegen, und wir wurden immer wieder Zeugen ihrer tiefen Hingabe an die Religion, einer Mischung der alten B\u00f6n-Tradition mit dem Buddhismus. Es war vor allem das &#8222;ganz Fremde&#8220;, das uns anzog. Das Dorf Alchi liegt im schmalen Gr\u00fcnstreifen des Industals, ein paar Kilometer abseits der Hauptstrasse. Dort steht ein kleiner, durch seine farbenpr\u00e4chtigen Wandmalereien bekannter Tempel aus dem 12. Jahrhundert. Die sehr gut erhaltenen Bilder erstaunten uns durch viele Details, an denen wir sehen konnten, wie weit gereist die K\u00fcnstler gewesen sein mussten. Als ich die aus Holz gearbeiteten S\u00e4ulen des Haupttempels n\u00e4her betrachtete, traute ich meinen Augen kaum: die Kapitelle, also die oberen Enden, \u00e4hnelten auffallend denen ionischer S\u00e4ulen, die ich gut aus dem Schulunterricht \u00fcber die Kunst des alten Griechenland kannte. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/alchi-kapitelle.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-358\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/alchi-kapitelle.jpeg\" alt=\"alchi kapitelle\" width=\"226\" height=\"183\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/jonisches-kapitell.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-359\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/jonisches-kapitell-300x225.jpg\" alt=\"jonisches kapitell\" width=\"184\" height=\"191\" \/><\/a> Da musste es trotz der gro\u00dfen Distanz und mangelnder Stra\u00dfen intensiven kulturellen Austausch gegeben haben, und zwar \u00fcber Jahrhunderte hin. Die Erfahrung stand in Widerspruch zu meinem Schulwissen, in dem solche Querverbindungen keinen Platz hatten. Schon zwanzig Jahre vor unserer Reise hatte der US-amerikanische Altphilologe, Kunstkritiker, Kulturphilosoph und Dichter<strong> Thomas McEvilley<\/strong> mit der Erforschung der Beziehungen zwischen griechischer und indischer Geistesgeschichte begonnen. Es wurde ein Lebenswerk; dreissig Jahre lang arbeitete er an dem Buch: <strong>The Shape of Ancient Thought<\/strong> <sup class='footnote'><a href='#fn-355-1' id='fnref-355-1' onclick='return fdfootnote_show(355)'>1<\/a><\/sup>. McEvilley hat einige Grundannahmen formuliert, die nach seiner Meinung in der traditionellen europ\u00e4ischen Geschichtsforschung nicht nur ignoriert, sondern aktiv unterdr\u00fcckt worden seien.Er erinnert daran, dass sowohl Griechenland als auch Indien um ca.. 600 v. Chr. Teile des Persischen Reichs gewesen seien und dass damals auf dem Weg \u00fcber Mesopotamien enger kultureller Austausch stattgefunden habe, wie er an vielen, vor allem kunstgeschichtlichen Beispielen belegt. Zu dieser Zeit h\u00e4tte es starke Impulse aus Indien nach Griechenland gegeben, unter deren Einfluss sich dort das Denken der vorsokratischen Philosophen entwickelt h\u00e4tte, das bis heute die Wurzeln der westlich-zivilisatorischen Tradition bilde. Etwa zwei Jahrhunderte sp\u00e4ter h\u00e4tte dann im Zug der Eroberungen Alexander des Gro\u00dfen eine Gegenbewegung stattgefunden: Alexander sei es nicht nur um Landgewinn gegangen; er habe zahlreiche griechische Kolonien bis nach Baktrien, dem heutigen Afghanistan, und Nordindien, etabliert, wo griechische Siedler sich niedergelassen und mit der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung vermischt h\u00e4tten. Diese Kolonisten h\u00e4tten dazu geneigt, sich Buddhas Lehre anzuschlie\u00dfen, weil in dieser das Kastensystem keine Geltung gehabt habe und Zugezogene daher leichter akzeptiert worden seien. Die Siedler h\u00e4tten einen reichen Schatz an Kunstfertigkeit und auch an philosophischem Wissen mitgebracht, der unter anderem deutliche Spuren im fr\u00fchbuddhistischen Denken hinterlassen habe<strong>.<\/strong> Der Autor unterstreicht, dass es insgesamt etwa 800 Jahre lang fruchtbaren, friedlichen Austausch zwischen Griechenland und Indien gegeben habe; wie leicht das m\u00f6glich gewesen sei, belegt er unter anderem durch die Aussage des Geographen Strabo, der um die Zeitenwende lebte, dass jedes Jahr mehrere hundert Handelsschiffe das Rote Meer passierten, die nat\u00fcrlich auch Schriften, Kunstwerke und Wissenschafter transportieren konnten. \u00dcber hunderte von Seiten stellt McEvilley philosophische Gedankeng\u00e4nge aus Ost und West einander gegen\u00fcber und diskutiert an Hand unz\u00e4hliger Zitate ihre \u00c4hnlichkeiten und Unterschiede. Im Detail vergleicht er Aussagen griechischer und indischer Philosophen einzelner Epochen und Schulen. Dabei l\u00e4sst er sich nicht darauf ein, aus Zeitabfolgen simple Kausalit\u00e4ten abzuleiten, aber er zeigt zahlreiche Parallelen auf, oft bis in die Einzelheiten des Wortlauts. Zwei Beispiele aus dieser umfassenden Arbeit: einmal die Verwandtschaft, die McEvilley im Denken des Griechen <strong>Pyrrho<\/strong> von Elis und des Inders <strong>Nagarjuna <\/strong>aufsp\u00fcrt. Pyrrho reiste um 400 v. Chr. nach Indien und blieb dort etwa 18 Monate. Nach seiner R\u00fcckkehr lehrte er etwa 40 Jahre lang und begr\u00fcndete eine philosophische Denkstr\u00f6mung, die sp\u00e4ter dem <strong>Skeptizismus<\/strong> zugerechnet wurde. Niedergeschriebene Texte hinterlie\u00df er nicht, seine Arbeit ist aber gut dokumentiert und nachvollziehbar durch seinen Sch\u00fcler Sextus Empiricus. Nagarjuna lebte wie dieser im 2. Chr. und wird heute als erste bedeutende Pers\u00f6nlichkeit des Mahayana-Buddhismus angesehen. Stephen Batchelor sagt \u00fcber ihn, er sei der erste nach Buddha gewesen, der dessen Lehre mit seiner eigenen Stimme neu formuliert habe. In Pyrrhos wie in Nagarjunas Denken bilde es, wie McEvilley referiert, einen Angelpunkt, sich von Urteilen frei zu halten, von S\u00e4tze wie: &#8222;Ich existiere&#8220;, &#8222;Es gibt ein Selbst&#8220;, &#8222;Es gibt kein Selbst&#8220;, &#8222;Die Welt ist real&#8220;, &#8222;Die Welt ist nicht real&#8220; usw. Beide gingen von Erfahrungen aus, nicht von einer den Dingen innewohnenden Natur. Die Tendenz des Menschen, sich Konzepte von sich selbst und der Welt zu machen, werde radikal in Frage gestellt. Positive und negative Einsch\u00e4tzungen argumentierend einander gegen\u00fcber zu stellen, mache den Geist krank; wer das Urteilen aufgebe, Best\u00e4tigung und Verneinung meide, gelange zu Freiheit und Seelenruhe. Es gehe nicht darum, einen neuen Standpunkt zu finden, sondern sich klar zu machen, dass es keinen Standpunkt gebe. <sup class='footnote'><a href='#fn-355-2' id='fnref-355-2' onclick='return fdfootnote_show(355)'>2<\/a><\/sup> Ein sp\u00e4teres Kapitel widmet McEvilley der <strong>&#8222;Ethik des Gleichmuts&#8220;<\/strong>. Er stellt Begriffe davon in ihrer historischen Entwicklung in indischen und griechischen Traditionen einander gegen\u00fcber. Als das h\u00f6chste ethische Gut w\u00fcrde &#8222;Upecca&#8220; in Sanskrit, &#8222;Ataraxia&#8220; im Griechischen verstanden: auf Positives wie Negatives mit demselben Geisteszustand von Gelassenheit zu reagieren. Diesen anzustreben habe sowohl in der griechischen als auch in der buddhistischen Tradition eine therapeutische Note. Der griechische Philosoph <strong>Epikur<\/strong> aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert habe dieses Denken vertreten und verbreitet. Im heutigen Sprachgebrauch sei der Begriff &#8222;Epikur\u00e4ismus&#8220; irref\u00fchrend verf\u00e4lscht. Epikur sei es nicht um Wohlleben und Vergn\u00fcgen gegangen, er und seine Sch\u00fcler h\u00e4tten ein recht asketisches Leben gef\u00fchrt. Er habe sich mehr als Lebensberater als als Philosoph gesehen. Wie f\u00fcr den <strong>Buddha<\/strong> sei f\u00fcr ihn der Umgang mit Schmerz und Freude ein zentraler Begriff und Ausgangspunkt seiner Ethik gewesen. Es sei ihm darum gegangen, wie der Krankheit des Geistes &#8211; dem Bevorzugen angenehmer und dem Zur\u00fcckweisen unangenehmer Zust\u00e4nde &#8211; begegnet werden k\u00f6nne. Er habe sich &#8211; wie Buddha &#8211; ausf\u00fchrlich damit besch\u00e4ftigt, wie derartige, automatisch ablaufende psychische Prozesse durch Achtsamkeit unterbrochen werden k\u00f6nnten. Epikur habe zu Lebzeiten und auch in den Jahrhunderten danach viele Anh\u00e4nger gehabt, seine Lehre habe erst mit dem Aufstieg des Christentums an Einfluss verloren. Wenn die Zusammenh\u00e4nge und Querverbindungen zwischen indischem und griechischem Denken so un\u00fcbersehbar und zahlreich waren, wie McEvilley darlegt, warum gibt es so wenig an akademischem und Alltagswissen dar\u00fcber? Darauf gibt der Autor eine eindeutige Antwort: die Ursache daf\u00fcr liege in der im Westen lange vorherrschenden \u00dcberzeugung von der Unterlegenheit aller nichteurop\u00e4ischen V\u00f6lker. Im expandierenden Europa des 18. Jahrhunderts sei es als Rechtfertigung f\u00fcr das Projekt der Kolonialisierung n\u00f6tig gewesen, die f\u00fchrende Rolle westlichen Denkens allen anderen Kulturen gegen\u00fcber klar zu stellen; daf\u00fcr sei die Idee von den griechischen Weisen, die aus eigenem und unbeeinflusst die Grundlagen der europ\u00e4ischen Zivilisation gelegt h\u00e4tten, unverzichtbar gewesen. Ein Ergebnis seiner Forschungen sei, dass es kein wichtiges Thema gebe, das nicht in beiden Traditionen &#8211; die einander oftmals angeregt, befruchtet und gespiegelt h\u00e4tten &#8211; behandelt worden w\u00e4re. Dar\u00fcber hinaus sei die lange Zeit propagierte Vorstellung, in Europa h\u00e4tte rationales Denken vorgeherrscht, w\u00e4hrend in Indien Irrationalit\u00e4t und Mystizismus dominiert h\u00e4tten, nicht aufrecht zu erhalten; da wie dort h\u00e4tte es Denkstr\u00f6mungen beider Richtungen gegeben. Warum habe ich versucht, Bruchst\u00fccke des umfassenden und kenntnisreichen Werkes von Thomas McEvilley hier zu pr\u00e4sentieren? Es ist dieselbe Neugier, die mich schon im Kloster von Alchi bewegt hat: standen Ost und West in Verbindung, lang bevor es den Begriff &#8222;Globalisierung&#8220; gab, und wenn ja, wie? Ich finde es spannend, wie der Autor herausarbeitet, dass buddhistisches Gedankengut schon seit vielen Jahrhunderten auch in unserem westlichen Kulturkreis gewirkt hat. Vieles davon ist seit der &#8222;Konstantinischen Wende&#8220; im 4. nachchristlichen Jahrhundert , die mit der Einsetzung des Christentums als Staatsreligion endete, \u00fcberlagert worden und im kollektiven Bewusstsein Europas in Vergessenheit geraten. Zu dessen Freilegung beizutragen, scheint mir wichtig und lohnend, und mit diesem Beitrag w\u00fcrde ich gern mehr Interesse daf\u00fcr wecken. F\u00fcr einen ersten Einblick eignet sich gut McEvilleys You-Tube-Video, das unter Anm. 1 zitiert ist.<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<div class='footnotes' id='footnotes-355'><div class='footnotedivider'><\/div><ol><li id='fn-355-1'> McEvilley, Thomas: The Shape of Ancient Thought, Comparative Studies in Greek an Indian Philosophies, Allworth Communications, 2002, 676 Seiten; auch als e-book erh\u00e4ltlich. Unter<a title=\"On: The shape of ancient thought\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8HAiTfOSP_w&amp;feature=gv\"> http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8HAiTfOSP_w&amp;feature=gv<\/a> gibt es ein etwa halbst\u00fcndiges Video, in dem der Autor Grundz\u00fcge seiner Forschungsergebnisse referiert <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-355-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li><li id='fn-355-2'> Eine ausf\u00fchrliche Auseinandersetzung mit dem Denken Pyrrhos und dessen Zusammenh\u00e4ngen mit dem Buddhismus bietet auch: Kuzminski A.: Pyrrhonism: how the ancient Greeks reinvented Buddhism. Lexington Books: Lanham 2008. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-355-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li><\/ol><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer 1983 bereiste ich gemeinsam mit einem Freund auf eigene Faust Ladakh &#8211; &#8222;Klein-Tibet&#8220; &#8211; von Kaschmir aus. Es war meine erste Begegnung mit buddhistischer Kultur. 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