{"id":3544,"date":"2015-06-30T10:31:00","date_gmt":"2015-06-30T08:31:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3544"},"modified":"2019-08-18T12:24:09","modified_gmt":"2019-08-18T10:24:09","slug":"das-selbst-ist-kein-ding-eher-ein-vorgang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3544","title":{"rendered":"Das Selbst ist kein Ding, eher ein Vorgang"},"content":{"rendered":"<p>Philosophie und Neurowissenschaften haben sich in den letzten Jahren intensiv mit dem &#8222;Selbst&#8220; besch\u00e4ftigt. Zwei Ans\u00e4tze m\u00f6chte ich als Beispiele nennen und die Positionen skizzieren. \u00a0 <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Julian-Baggini-breaking-the-law-by-knowingly-evading-tax-is-always-immoral-Shrewsbury-Accountants.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3586 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Julian-Baggini-breaking-the-law-by-knowingly-evading-tax-is-always-immoral-Shrewsbury-Accountants-225x300.jpg\" alt=\"Julian-Baggini-breaking-the-law-by-knowingly-evading-tax-is-always-immoral-Shrewsbury-Accountants\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Julian-Baggini-breaking-the-law-by-knowingly-evading-tax-is-always-immoral-Shrewsbury-Accountants-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Julian-Baggini-breaking-the-law-by-knowingly-evading-tax-is-always-immoral-Shrewsbury-Accountants-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a>Der Engl\u00e4nder<strong> Julian Baggini<\/strong> bringt in seinem Buch<strong> &#8222;The Ego Trick&#8220;<\/strong> <sup class='footnote'><a href='#fn-3544-1' id='fnref-3544-1' onclick='return fdfootnote_show(3544)'>1<\/a><\/sup> viele Beispiele daf\u00fcr, wie sich das, was wir &#8222;Selbst&#8220; zu nennen gewohnt sind, im Laufe des Lebens wandelt. Besonders deutlich macht er das anhand der Lebensgeschichten von Menschen, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen haben. Als Gew\u00e4hrsmann f\u00fcr die buddhistische Tradition des <em>anatta,<\/em> des &#8222;Nicht-Selbst&#8220;<em>, <\/em>hat er Stephen Batchelor befragt. Dieser beschreibt zuerst <em>atman,<\/em> einen Begriff, der die Philosophie der Brahmanen zu Buddhas Lebenszeit beherrscht h\u00e4tte. Damit sei eine Art entpers\u00f6nlichtes Selbst gemeint gewesen, das sich im Augenblick des Todes mit <em>brahman<\/em>, dem G\u00f6ttlichen, vereinige. Und dagegen h\u00e4tte Buddha sich gewandt; er h\u00e4tte sich mit der Welt der wahrnehmbaren Erscheinungen besch\u00e4ftigt und nichts &#8222;Absolutes&#8220; \u00fcber diese hinaus angenommen, sagt Batchelor. Buddha h\u00e4tte also diese eingeschr\u00e4nkte Sichtweise von &#8222;Selbst&#8220; abgelehnt, den Begriff aber im allt\u00e4glichen Sinn von dem, wof\u00fcr wir uns halten, durchaus gebraucht. Batchelor erw\u00e4hnt in diesem Zusammenhang Vers 80 aus dem Dhammapada <sup class='footnote'><a href='#fn-3544-2' id='fnref-3544-2' onclick='return fdfootnote_show(3544)'>2<\/a><\/sup>, in dem der Buddha die Arbeit des Weisen am Selbst mit der T\u00e4tigkeit eines kundigen Handwerkers vergleicht &#8211; es ist also etwas, das wir schaffen <sup class='footnote'><a href='#fn-3544-3' id='fnref-3544-3' onclick='return fdfootnote_show(3544)'>3<\/a><\/sup>. Baggini stellt fest, dass die Vorstellung von &#8222;Selbst&#8220;, wie sie in den meisten buddhistischen Schulen entwickelt wurde, mit den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften \u00fcbereinstimme. Er vertritt die Position, dass das Selbst keine Illusion sei, wohl aber die Vorstellung von seiner unver\u00e4nderlichen, unsterblichen Essenz. Was ohne dieses \u00fcbrigbleibe, seien &#8211; in buddhistischer Terminologie &#8211; die f\u00fcnf Daseinsfaktoren oder <em>Skandhas<\/em>: K\u00f6rper, Gef\u00fchle, Wahrnehmungen, Geistesformationen <sup class='footnote'><a href='#fn-3544-4' id='fnref-3544-4' onclick='return fdfootnote_show(3544)'>4<\/a><\/sup> und Bewusstsein. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/wolke.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3553 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/wolke.jpg\" alt=\"wolke\" width=\"276\" height=\"183\" \/><\/a>Baggini vergleicht das Selbst mit einer Wolke: von weitem gesehen sehe es wie ein Objekt mit ziemlich klaren Konturen aus, doch je n\u00e4her man komme, desto unsch\u00e4rfer werde es, bis man schlie\u00dflich wahrnehme, dass es eine Ansammlung von Wassertropfen sei. Diese Realit\u00e4t zu kennen bedeute nicht, dass es deshalb anders aussehe oder sich anders anf\u00fchle. <a href=\"https:\/\/www.bangbangkid.fr\/coque-iphone-8.html\">coque iphone 8<\/a> Mechanismen in unserem Bewusstsein lie\u00dfen uns glauben, wir w\u00e4ren best\u00e4ndiger, als wir tats\u00e4chlich sind. Wir machten uns Illusionen dar\u00fcber, was wir in Wirklichkeit sind.<\/p>\n<p class=\"a-size-large a-spacing-none\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/thomas-metzinger.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3548 alignleft\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/thomas-metzinger.jpg\" alt=\"thomas metzinger\" width=\"275\" height=\"183\" \/><\/a>Auch der deutsche Philosoph und Bewusstseinsforscher<strong> Thomas Metzinger<\/strong> besch\u00e4ftigt sich seit Jahren mit dem Begriff des &#8222;Selbst&#8220; und hat dazu zahlreiche Ver\u00f6ffentlichungen vorgelegt. <sup class='footnote'><a href='#fn-3544-5' id='fnref-3544-5' onclick='return fdfootnote_show(3544)'>5<\/a><\/sup> <\/span><\/p>\n<p id=\"title\" class=\"a-size-large a-spacing-none\">Metzinger sagt: es gibt kein Ding, das &#8222;das&#8220; Selbst ist. Was wir fr\u00fcher &#8222;das&#8220; Selbst genannt haben, ist ein undurchschaubares und verg\u00e4ngliches Gewirr von Vorg\u00e4ngen, und nichts anderes macht uns Menschen eigentlich aus.<\/p>\n<p class=\"a-size-large a-spacing-none\">Er spricht von einem &#8222;Selbstmodell&#8220; im menschlichen Gehirn, einer begrifflichen Hilfskonstuktion, die wir aber nicht als solche erfahren k\u00f6nnten. Daher hielten wir Menschen daran fest, so etwas wie einen &#8222;harten Kern&#8220; zu haben. Wir h\u00e4tten das Gef\u00fchl eines Selbst, aber das geh\u00f6re nur zu einem vom Gehirn erzeugten Modell. Zu uns geh\u00f6re der K\u00f6rper, ein Volumen im Raum und eine Abgrenzung nach au\u00dfen. Das Grundgef\u00fchl, das uns das Gehirn manchmal vermittle, sei: jemand zu sein. Da sei aber nichts Dauerhaftes, keine Seele oder \u00c4hnliches, wie wir es uns immer vorstellten. Es sei eher eine Art vor\u00fcbergehende Simulation. Im traumlosen Tiefschlaf zum Beispiel gebe es das nicht.<\/p>\n<p class=\"a-size-large a-spacing-none\">Metzinger nennt seine Grundidee einfach, bescheiden und ziemlich konservativ: Im philosophischen Denken sei die Annahme einer eigenst\u00e4ndigen Einheit &#8222;Selbst&#8220; verzichtbar, und das werde durch neue Forschungen der Neuro- und Kognitionswissenschaften best\u00e4tigt, wie er mit experimentellen Beispielen belegt. Sein Anliegen sei, auf begrifflicher Ebene die notwendigen und hinreichenden Bedingungen daf\u00fcr herauszuarbeiten, dass in einem informationsverarbeitenden System &#8211; unserem Gehirn &#8211; ein Ich-Gef\u00fchl entsteht.<\/p>\n<p>Er nennt das &#8222;Selbstmodell&#8220; ein faszinierendes und hochkomplexes Gebilde, das in vielen wichtigen Schichten erst von au\u00dfen erzeugt werde. Unsere Ich-Erfahrung werde intensiv beeinflusst von Gesellschaft und Kultur, in der wir leben. Deren Einfl\u00fcsse n\u00e4hmen wir in unsere gedachte Pers\u00f6nlichkeit auf, in unser Bild von uns selbst. Auf die Frage eines Interviewers, welchem Zweck diese Hilfskonstruktion &#8222;Selbstmodell&#8220; diene, antwortet Metzinger:<\/p>\n<blockquote><p>&#8230;Offenbar hat uns ein Hang zum Wahn in der Evolution erfolgreicher gemacht. Selbstt\u00e4uschung l\u00e4sst uns besser bluffen und vergangene Niederlagen vergessen, sie erh\u00f6ht Motivation und Selbstvertrauen. Genauso scheint es vorteilhaft zu sein, unbeirrbar an die eigene Unsterblichkeit zu glauben \u2013 oder eben das Selbst als Ding und nicht als Vorgang anzusehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es gebe dabei jedoch einen gro\u00dfen Nachteil:<\/p>\n<blockquote><p>&#8230;dass wir unter diesem Selbstmodell oft sehr leiden. Eigentlich ist es eine ziemlich perfide Erfindung von Mutter Natur. Denken Sie nur daran, wie verletzlich wir doch sind. St\u00e4ndig versuchen wir, unser Selbstwertgef\u00fchl hochzuhalten, etwa in dem wir anderen die Anerkennung verweigern. Und es nutzt wenig, sich mit dem Verstand davon zu distanzieren: Sobald wir glauben, dass ein anderer Mensch uns missachtet, sind wir verletzt, wir verteidigen uns fast automatisch\u2026<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr mein allt\u00e4gliches Leben sehe ich keinen Anlass, mich zwischen der Einsicht relativer oder absoluter \u00dcbersch\u00e4tzung meines Selbst entscheiden zu m\u00fcssen. Wichtiger scheint mir: wie l\u00e4sst sich dieser Fiktion vom &#8222;harten Kern&#8220;, der irgendwo in mir verborgen sei, beikommen zugunsten des Bilds von Vorg\u00e4ngen in diesem K\u00f6rper, der sich unaufh\u00f6rlich ver\u00e4ndert? Ein paar Anregungen dazu folgen im n\u00e4chsten Eintrag.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3544'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3544-1'> Die Originalausgabe erschien 2012. Auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Q80MfH7xPPE\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Q80MfH7xPPE<\/a> steht ein kurzer, informativer Talk von Baggini dar\u00fcber &#8211; mit deutschen Untertiteln <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3544-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3544-2'> Das Dhammapada ist eine Sammlung von Ausspr\u00fcchen des Buddha, in denen Wichtiges aus seiner Lehre zusammengefasst ist <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3544-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3544-3'> s. den Blog-Eintrag &#8222;Stephen Batchelor \u00fcber das Selbst&#8220; auf dieser Website <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3544-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3544-4'> damit sind, vereinfacht gesagt, positive und negative Willens\u00e4u\u00dferungen wie Interessen, Sehns\u00fcchte und Absichten gemeint <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3544-4'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3544-5'> Auch unter Nicht-Philosophen bekannt geworden ist sein Buch: <strong>Der Ego-Tunnel<\/strong>. <span id=\"productTitle\" class=\"a-size-large\">Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. <a href=\"https:\/\/www.saxy.fr\/sitemap.xml\">coque iphone<\/a> <\/span><span id=\"productTitle\" class=\"a-size-large\">Zusammenfassungen seiner Thesen finden sich in Interviews, z. B. in: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/campus\/2012\/02\/sprechstunde-thomas-metzinger\">http:\/\/www.zeit.de\/campus\/2012\/02\/sprechstunde-thomas-metzinger<\/a>, in:<a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/36\/36357\/1.html\"> http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/36\/36357\/1.html<\/a> und in diesem Video auf YouTube:<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xLXhPgSKS3U\"> https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xLXhPgSKS3U<\/a>. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3544-5'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philosophie und Neurowissenschaften haben sich in den letzten Jahren intensiv mit dem &#8222;Selbst&#8220; besch\u00e4ftigt. 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