{"id":3411,"date":"2015-06-10T12:33:14","date_gmt":"2015-06-10T10:33:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3411"},"modified":"2019-08-18T15:01:24","modified_gmt":"2019-08-18T13:01:24","slug":"david-loy-ueber-persoenliches-wachstum-und-soziale-gerechtigkeit-die-welt-braucht-beides","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3411","title":{"rendered":"David Loy \u00fcber pers\u00f6nliches Wachstum und soziale Gerechtigkeit: <br\/> die Welt braucht beides"},"content":{"rendered":"<p>In einer recht streng katholischen Familie bin ich aufgewachsen; im Alter von zwanzig Jahren habe ich mich in heftigen Widerspruch dazu gesetzt, mich wie so viele meiner Generation den &#8222;Achtundsechzigern&#8220; angeschlossen und f\u00fcr viele Jahre &#8211; als Aktivistin der Friedensbewegung, der Bewegung f\u00fcr internationale Solidarit\u00e4t und anderer Initiativen &#8211; an den linken Rand des politischen Spektrums gestellt. Vor zwanzig Jahren habe ich mit Zen-Meditation begonnen und schlie\u00dflich eine Art spiritueller Heimat in s\u00e4kular-buddhistischem Denken gefunden. Einiges, was ich auf diesem Blog bisher geschrieben habe, dr\u00fcckt hoffentlich aus, dass es mir wichtig ist, in der Geschichte meines Lebens keine dieser Wurzeln f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig zu halten und sie alle zu w\u00fcrdigen. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/David-Loy.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-full wp-image-3415 alignleft\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/David-Loy.png\" alt=\"David Loy\" width=\"142\" height=\"155\" \/><\/a>Ein Freund hat mich vor kurzem auf <strong>David Loy<\/strong> <sup class='footnote'><a href='#fn-3411-1' id='fnref-3411-1' onclick='return fdfootnote_show(3411)'>1<\/a><\/sup> aufmerksam gemacht. Mit Spannung und Freude habe ich in den letzten Tagen gelesen und geh\u00f6rt, wie er in seinem Denken m\u00fchelos Gedankeng\u00e4nge und Geistesstr\u00f6mungen zueinander in Beziehung bringt, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen. F\u00fcrs erste m\u00f6chte ich den Vortrag &#8222;Buddhism and the West&#8220; \u00fcbersetzen, der in englischer Sprache auf Youtube zu h\u00f6ren ist <sup class='footnote'><a href='#fn-3411-2' id='fnref-3411-2' onclick='return fdfootnote_show(3411)'>2<\/a><\/sup>.<\/p>\n<blockquote><p>Buddhismus hebt Unbest\u00e4ndigkeit und Substanzlosigkeit hervor. Demnach ist die Welt nicht eine Sammlung getrennter Dinge, die gelegentlich miteinander interagieren, sondern das Zusammenflie\u00dfen von Prozessen, Ereignissen, die alle wieder von anderen Prozessen abh\u00e4ngen. Die interessante Frage f\u00fcr uns ist heute: Was bedeutet das f\u00fcr den Buddhismus selbst? Wie \u00e4ndert er sich beim Zusammentreffen mit der modernen Welt? Wir k\u00f6nnen sehen, wie sich der Buddhismus in Asien entwickelt hat: wann immer er auf eine neue Kultur traf, ging es nicht um Konfrontation und Kampfansage, die lokalen G\u00f6tter oder Religionen zu \u00fcberwinden, sondern es gab immer Interaktion, eine Art von gemeinsamer Entwicklung. F\u00fcr mich ist China hier das klassische Beispiel: als Mahayana nach China kam, trat es in Interaktion mit der dortigen taoistischen Religion &#8211; es gab eine Art von Synkretismus mit viel gegenseitiger Befruchtung, und daraus entstand Chan: Zenbuddhismus. Ein anderes Beispiel w\u00e4re nat\u00fcrlich: als der tantrische Buddhismus nach Tibet kam und mit der \u00f6rtlichen Tradition interagierte, entstand daraus der tibetische Buddhismus. Nun, Buddhismus kommt nun in den Westen, oder besser: in die moderne Welt. Das hei\u00dft nicht, dass wir im Westen ihn uns aneignen. Was k\u00f6nnen wir als Ergebnis dieser Interaktion sehen? Ein Beispiel w\u00e4re nat\u00fcrlich der Dialog zwischen Buddhismus und Christentum, der schon sehr produktiv gewesen ist. Aber es gibt einen Bereich, wo Buddhismus vielleicht die bisher gr\u00f6\u00dften Auswirkungen hatte: n\u00e4mlich in der Psychologie, vor allem im Westen. Es gibt ja nicht nur westliche Psychotherapeuten, die Praktizierende des Buddhismus sind, sondern viele von ihnen sind selber buddhistische Lehrer. Es gibt eine andere <strong>Interaktion<\/strong>, von der ich heute sprechen m\u00f6chte, n\u00e4mlich zwischen sozialem Engagement und Buddhismus. Buddhismus, der in die moderne Welt kommt, trifft dort auf eine Tradition: auf die der abrahamitischen Religionen. Deren Traditionen fokussieren stark auf soziale Ver\u00e4nderungen, in einer Weise, wie es der Buddhismus in Asien nicht konnte. Und es ist aufregend zu sehen, wie sich f\u00fcr die buddhistische Tradition neue M\u00f6glichkeiten ergaben, sobald sie diesen Alternativen ausgesetzt wurde &#8211; und darauf will ich mich hier konzentrieren. Als Einstieg m\u00f6chte ich die Frage der Ethik aufwerfen: nicht in erster Linie die Inhalte wie die 5 Silas oder die 10 Gebote, sondern die unterschiedlichen Funktionen von Ethik in Judentum, Christentum und Islam einerseits und Buddhismus andererseits. Ich denke, dass es hier gro\u00dfe Unterschiede gibt, die f\u00fcr die Frage sozialen Engagements wichtig sind. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Gut-und-B\u00f6se.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-full wp-image-3426 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Gut-und-B\u00f6se.jpeg\" alt=\"Gut und B\u00f6se\" width=\"259\" height=\"194\" \/><\/a>Ich halte die Dualit\u00e4t von Gut und B\u00f6se f\u00fcr das fundamentale Paradigma der abrahamitischen Religionen. Wir sprechen von ihnen \u00fcblicherweise als von ethischem Monotheismus, und konzentrieren uns dabei meist auf den Monotheismus, auf Gott. Aber ich m\u00f6chte mir hier die Ethik ansehen: die Frage: was ist der Kern von Gottes Beziehung zu uns, wie kommuniziert er mit uns? Im Talmud, in der Bibel, im Koran geht es vor allem um moralische Verpflichtung. Gott sagt uns, dass wir uns auf bestimmte Weise verhalten sollen, und dass wir belohnt werden, wenn wir das tun, und bestraft, wenn nicht. Schon im Mythos von Adam und Eva geht es um Ungehorsam Gott gegen\u00fcber: von Anfang an ist von S\u00fcnde die Rede. Ein paar Kapitel sp\u00e4ter in der Erz\u00e4hlung von der Arche Noah werden Menschen bestraft, weil sie nicht nach Gottes Geboten leben. Sp\u00e4ter werden Moses die 10 Gebote \u00fcbergeben, in denen uns gesagt wird, was wir tun sollen und was nicht. Wenn wir zu Jesus \u00fcbergehen: er scheint eine pers\u00f6nlichere Beziehung mit Gott, seinem Vater, zu haben, aber wir wissen, dass V\u00e4ter ziemlich streng sein k\u00f6nnen. Das ist die erste Sache, die ich herausstreichen will: moralische Verpflichtung als Kern der abrahamitischen Traditionen, zumindest nach ihrer Institutionalisierung. Vielleicht fragt ihr Euch, warum ich darauf soviel Wert lege, da doch viele Leute, wahrscheinlich auch in diesem Raum, an diese Traditionen nicht oder nicht mehr glauben? Auch wenn sich heute viele Menschen vom abrahamitischen Gott distanzieren, bleibt dies trotzdem das grundlegende Paradigma, die Brille f\u00fcr unsere Weltsicht. Denkt an die Geschichten, die wir so lieben, an Fernseh- und andere Filme: Harry Potter, Der Herr der Ringe, James Bond&#8230;was geschieht da? Wir lieben diese Geschichten: den Kampf zwischen Gut und B\u00f6se. Ich betone das nicht nur, weil wir diese Geschichten lieben, sondern weil wir sie weiterhin selbst inszenieren, und darin liegt gleichzeitig die St\u00e4rke und die Schw\u00e4che dieses Paradigmas. Aus einer buddhistischen Perspektive liegt das Problem mit dieser Geschichte von Gut und B\u00f6se darin, dass es ein Beispiel f\u00fcr dualistisches Denken sein kann und oft auch ist. Nach buddhistischer Tradition ist dualistisches Denken tr\u00fcgerisch und schafft Leiden. Wenn wir dualistisch denken, machen wir Unterscheidungen: wir wollen das eine und wollen das andere nicht. Nun ist es aber die Natur dualistischen Denkens, dass du das eine ohne das andere nicht haben kannst. Die Bedeutung des einen ist die Negation des anderen, unabh\u00e4ngig voneinander haben sie keine Bedeutung. Es geht dann nicht um zwei getrennte Konzepte, sondern um zwei Seiten desselben Konzepts. Das ist kein blo\u00df philosophisches Problem: nimm an, du willst ein &#8222;reines&#8220; Leben f\u00fchren. Wenn Dir das wirklich wichtig ist, wirst du dich intensiv mit &#8222;Unreinheit&#8220; besch\u00e4ftigen. &#8222;Reinheit&#8220;hat nur Bedeutung in Beziehung zu &#8222;Unreinheit&#8220; und umgekehrt. Das deutlichste Beispiel f\u00fcr uns hier ist die Dualit\u00e4t zwischen Gut und B\u00f6se. Menschen, die wir als &#8222;gut&#8220; bezeichnen, nennen wir so, weil sie das B\u00f6se bek\u00e4mpfen. Denkt an James Bond: wie k\u00f6nnen wir wissen, dass er ein Guter ist? Weil er die B\u00f6sen bek\u00e4mpft. Ich habe vorher gesagt, dass wir \u00e4hnliches selbst weiter inszenieren. Ein recht neues und tragisches Beispiel daf\u00fcr w\u00e4re der Krieg gegen den Terror. Was war der Unterschied zwischen Osama bin Laden und George W. Bush? Waren sie nicht einfach Abbilder voneinander? Sie haben beide denselben heiligen Krieg gek\u00e4mpft &#8211; des Guten gegen das B\u00f6se. Jeder von ihnen glaubte, er h\u00e4tte &#8211; als ein Guter &#8211; die Verantwortung, die B\u00f6sen zu bek\u00e4mpfen und zu zerst\u00f6ren. Das zeigt uns klar, worin das Problem mit dieser Dualit\u00e4t liegt. Die letzten zehn Jahre mit unglaublichem Leid, einer riesigen Menge von Toten, die Tatsache, dass in den USA nicht nur Menschen gefoltert werden, sondern dass das auch in gewisser Weise akzeptiert wird, haben dazu gef\u00fchrt, dass heute mehr Menschen auf der Welt als vor 10 Jahren die Vereinigten Staaten hassen wegen der Art, wie sie auf die Angriffe auf die Twin Towers reagiert haben. Das ist das tragische Paradox der Dualit\u00e4t von Gut und B\u00f6se. Eine der fundamentalsten Ursachen f\u00fcr das B\u00f6se in der Welt sind unsere Versuche, es zu zerst\u00f6ren. Denkt auch an das Beispiel Hitlers: was hat er versucht, als er so viele j\u00fcdische Menschen, Homosexuelle, Roma und andere get\u00f6tet hat? Er wollte die Welt f\u00fcr die arische Rasse vom &#8222;Pack&#8220; reinigen. Was hat Stalin getan, als er so viele Kulaken umbrachte &#8211; er hielt es f\u00fcr notwendig f\u00fcr seine Idee kollektiver Landwirtschaft. Denkt an Mao Tse Tung, der in China ganz \u00c4hnliches mit Grundbesitzern getan hat, um eine &#8222;reine&#8220; Welt zu schaffen &#8211; was die Grundidee von Revolution ist. Auch wenn wir diese Menschen als s\u00e4kular bezeichnen, wenn keiner von ihnen sich einen Christen genannt h\u00e4tte, liegt dennoch dieselbe christliche Dualit\u00e4t in dem, was sie erreichen wollten. Das zeigt uns die problematische Seite dieser dualistischen Sichtweise. Ich m\u00f6chte aber auch herausstreichen, was daran so wichtig ist, die positive andere Seite. Das geht bis auf die hebr\u00e4ischen Propheten zur\u00fcck, denen es um soziale Gerechtigkeit ging. Sie haben nicht nur die Menschen f\u00fcr abweichendes Handeln kritisiert, sondern sie haben die Herrschenden daf\u00fcr kritisiert, dass sie Untertanen ausgebeutet, Waisen und Witwen schlecht behandelt haben. Propheten wie Amos und Isaias gingen herum und sagten: Ihr handelt b\u00f6se und ihr werdet von Gott daf\u00fcr bestraft werden. Die Sorge um soziale Gerechtigkeit, die wir zumindest in der westlichen Tradition kennen, geht auf die hebr\u00e4ischen Propheten zur\u00fcck. Um die Entstehung der modernen Welt nachzuvollziehen, m\u00fcssen wir das noch mit der griechischen Tradition in der Fr\u00fchzeit der Demokratie in Athen verkn\u00fcpfen. Ich sehe das so: den Hebr\u00e4ern ging es um soziale Gerechtigkeit und die griechischen Demokraten f\u00fcgten hinzu, dass wir die Gesellschaft ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Wir nehmen das heute f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich und k\u00f6nnen kaum mehr wertsch\u00e4tzen, was f\u00fcr eine revolution\u00e4re Einsicht das war. Griechen dachten als erste diesen Unterschied zwischen der nat\u00fcrlichen Welt und der menschlichen Gesellschaft. Der entscheidende Unterschied ist: wir k\u00f6nnen die Gesellschaft \u00e4ndern, und das ist uns heute sehr vertraut. Aber dieses Verst\u00e4ndnis herrschte in alten Gesellschaften noch nicht. Wenn wir zu vorgriechischen Gesellschaften zur\u00fcckgehen, in Mesopotamien oder bei den fr\u00fchen Mayas: sehr verallgemeinert gesagt: es gab noch kein Bewusstsein daf\u00fcr, dass Gesellschaft etwas anderes ist als \u00d6kosysteme. Sie nahmen ihre gesellschaftliche Situation als selbstverst\u00e4ndlich hin, \u00e4hnlich wie die Naturbedingungen, unter denen sie lebten. Platon hingegen entwirft in &#8222;Der Staat&#8220; eine neue Gesellschaft. Wir sind mittlerweile mit vielen anderen Entw\u00fcrfen vertraut, aber im Kontext dieser Zeit war das ziemlich revolution\u00e4r. Wohin f\u00fchrt diese urspr\u00fcngliche Idee der Griechen, dass Gesellschaft ver\u00e4ndert werden kann? Sie f\u00fchrt zu sozialen Revolutionen, zur Franz\u00f6sischen, zur Russischen Revolution, zu den Menschenrechten, zur &#8222;Bill of Rights&#8220;, zu Kampagnen gegen die Sklaverei, zu Frauenrechten, zu den Rechten Homosexueller &#8211; diese Idee, dass wir unsere Gesellschaft neu strukturieren k\u00f6nnen, um sie zu verbessern. Und das ist fundamental f\u00fcr das, was westliche Tradition erreicht hat, eines der Dinge, auf die wir stolz sein und die wir besonders wertsch\u00e4tzen sollten. Ich habe also das Problem mit der westlichen Tradition herausgearbeitet, und auch seine St\u00e4rke. Ich m\u00f6chte nun einen Schritt weitergehen und noch ein Problem aufzeigen, das sich aus diesem Verst\u00e4ndnis, dass wir die Gesellschaft ver\u00e4ndern k\u00f6nnen, ergibt. Warum geschieht es so oft, dass sich trotz unserer besten Absichten die Dinge nicht gut entwickeln? Warum geschieht es, dass eine Truppe von Gaunern durch eine andere ersetzt wird? Vielleicht kann uns Buddhismus helfen, das zu verstehen. Wenn sie sich nur auf die soziale Struktur konzentrieren und nicht auf pers\u00f6nliche Ver\u00e4nderung achten, haben Revolution\u00e4re, die die Macht \u00fcbernommen haben, weiter ihre Egos &#8211; sie haben nicht an sich selbst gearbeitet und verstehen ihre eigenen Motive nicht notwendigerweise. Wenn ich nicht an meiner Gier, meiner B\u00f6swilligkeit, meiner Ichsucht gearbeitet habe: was wird geschehen, wenn ich in eine m\u00e4chtige Position gekommen bin? Es wird mir sehr schwer fallen, nicht pers\u00f6nlichen Vorteil daraus zu ziehen. Wenn ich mir meiner eigenen Aggression nicht bewusst bin, wie kann ich damit umgehen, kritisiert zu werden? Wenn ich mit meinem Ego nicht umgehen kann, habe ich eine nat\u00fcrliche Tendenz, der Situation meinen Willen aufzupr\u00e4gen. Und das gilt, denke ich, nicht nur f\u00fcr revolution\u00e4re Anf\u00fchrer, sondern f\u00fcr uns alle. Demokratie f\u00fcr sich ist ein starkes Werkzeug, aber sie garantiert nichts. Wer in einer demokratischen Gesellschaft lebt, ist noch immer von seiner eigenen Gier, seiner Aggression und Verblendung motiviert. Es l\u00e4sst sich keine soziale Struktur schaffen, die so perfekt ist, dass Menschen sich nicht darum bem\u00fchen m\u00fcssten, gut zu handeln. Und daran arbeiten wir uns weiterhin ab. Es hat so viele Umst\u00fcrze, so viele Revolutionen gegeben, und wir haben es noch immer nicht so gut hingebracht, wie wir k\u00f6nnten. Es geht nicht, ohne dass wir an unserer pers\u00f6nlichen Ver\u00e4nderung arbeiten. Ich m\u00f6chte jetzt die andere Seite betrachten: den Buddhismus. Wie ich schon sagte: nat\u00fcrlich gibt es Moral im Buddhismus, aber sie funktioniert anders. Wir wissen, dass die 5 Silas des Buddhismus im Alltag eine wichtige Rolle spielen. Aber wir werden sie missverstehen, wenn wir auf &#8222;abrahamitische&#8220; Weise an sie herangehen, weil es im Buddhismus keinen Gott gibt, der uns sagt, wie wir uns verhalten sollen. Das Wesen der 5 Silas ist: wenn wir nach ihnen leben, wird sich unser Leben \u00e4ndern. Die Art, wie wir uns selbst und andere Menschen erfahren und die Art, wie sie sich uns gegen\u00fcber verhalten, wird sich \u00e4ndern. Die 5 Silas sind nicht Gebote, sondern Achtsamkeits\u00fcbungen. Aber: in der buddhistischen Tradition sind die Silas nicht das Wichtigste. Wenn wir eine Art von Dualit\u00e4t herausfiltern wollen, ist es die von Verblendung und Weisheit, oder von Ignoranz und Erwachen. Hier legt das Grundproblem, das gel\u00f6st werden muss. In der Brahmajala Sutta spricht Buddha zweimal von &#8222;Kleinigkeiten, Dinge von geringem Wert, blo\u00dfe Moral&#8230;&#8220; im Gegensatz zu anderen Dingen, die &#8222;schwer zu begreifen sind, verst\u00e4ndlich nur f\u00fcr Weise&#8230;&#8220; Das zentrale Thema beim Buddhismus ist also nicht Ethik, sondern Verstehen, wobei das nicht in blo\u00df intellektuellem Sinn gemeint ist, sondern viel tiefer. Im Buddhismus ist das h\u00f6chste Ziel, zu erwachen. Und wenn wir uns dem zuwenden, verschwindet die Idee eines au\u00dfen liegenden moralischen Codes. Aus der Perspektive des Erwachens zeigt sich, dass die 5 Silas den St\u00fctzr\u00e4dern beim Erlernen des Radfahrens \u00e4hneln &#8211; wenn du radfahren kannst, kannst du sie wegnehmen, du brauchst sie nicht mehr. Wenn du erwacht bist, hast du keine Tendenz, den Silas zuwiderzuhandeln, weil du deine wahre Natur erkannt hast. Wir nehmen andere Menschen dann nicht als au\u00dfenstehend wahr, sondern als Aspekte von uns selbst. Wie passt da der Schwerpunkt der abrahamitischen Religionen dazu? Darum geht es: gar nicht. Buddhismus spricht nicht \u00fcber soziale Gerechtigkeit. Am n\u00e4chsten kommt noch der Begriff &#8222;Karma&#8220;. Aber im \u00fcblichen Verst\u00e4ndnis ist Karma in die Struktur des Kosmos eingewebt, wir brauchen uns dar\u00fcber nicht den Kopf zu zerbrechen. Anstelle von Gerechtigkeit, anstelle von Gut und B\u00f6se geht es im Buddhismus um Dukkha. Leid im weitesten Sinn: Unzufriedenheit &#8211; die Unf\u00e4higkeit, f\u00fcr lange Zeit gl\u00fccklich zu leben.<a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/dukkha.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-full wp-image-3446 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/dukkha.png\" alt=\"dukkha\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Eine interessante historische Frage dabei ist: geht es bei der Art von Dukkha, von der Buddha sprach, nur darum, wie wir pers\u00f6nlich die Welt erleben, oder auch um Dukkha in sozialen Strukturen, um &#8222;institutionalisiertes&#8220; Dukkha? Wir kennen Buddhas Weltsicht nicht. Wir wissen allerdings, was im Zuge der Institutionalisierung des Buddhismus geschah. Bald nach Buddhas Tod wurde seine Lehre institutionalisiert, Kl\u00f6ster wurden sehr wichtig, die M\u00f6nche lie\u00dfen sich dort nieder, und der Buddhismus musste sich mit dem Staat, mit den Herrschenden arrangieren. Damit der Buddhismus in asiatischen Gesellschaften &#8211; die alle nicht demokratisch waren &#8211; \u00fcberleben und gedeihen konnte, brauchte er Unterst\u00fctzung oder zumindest Toleranz der K\u00f6nige. Wenn diesen nicht gefiel, was in den Kl\u00f6stern geschah, konnten sie sie zerst\u00f6ren, und manchmal taten sie das. Da es keine demokratischen Verh\u00e4ltnisse gab, hatte der Buddhismus nie die Gelegenheit, ein weiteres Verst\u00e4ndnis von Dukkha zu entwickeln. Er lernte nicht, sich mit dem Dukkha, das Herrschende f\u00fcr Armen schufen, indem sie sie ausbeuteten, auseinanderzusetzen. Damit der Buddhismus in den Kl\u00f6stern \u00fcberleben konnte, musste er die Herrschenden unterst\u00fctzen. Und ungl\u00fccklicherweise war das durch eine mi\u00dfbr\u00e4uchliche Interpretation des Begriffs &#8222;Karma&#8220; leicht m\u00f6glich: Der K\u00f6nig, reich und m\u00e4chtig, muss, um als Prinz wiedergeboren zu werden, w\u00e4hrend seines Lebens sehr gutes Karma gehabt haben. Und die armen Leute, oder auch die Frauen: du hattest offenkundig sehr schlechtes Karma in einem fr\u00fcheren Leben. Aber gib niemand anderem die Schuld, verhalte dich wohl, dann hast du vielleicht eine Chance auf eine h\u00f6here Wiedergeburt. Ich \u00fcbertreibe hier, aber nur ein wenig. Leider legte die Lehre vom Karma eine solche Fehlinterpretation nahe. Ich sage nicht, dass Buddha so gesprochen hat &#8211; es gibt Stellen im Palikanon, die deutlich machen, dass er das nicht getan hat &#8211; dennoch entwickelte sich diese Interpretation mit der Institutionalisierung des Buddhismus. Was ich sagen will: unabh\u00e4ngig davon, welche Vision Buddha gehabt haben mag, mit der Institutionalisierung fokussierte sich Buddhismus auf individuelles Dukkha, auf unsere pers\u00f6nliche Art zu denken, zu leiden. Und so entwickelte der Buddhismus diese gro\u00dfartige Sammlung meditativer und kontemplativer Praxis, die uns hilft, pers\u00f6nlich zu erwachen und unser individuelles Dukkha zu \u00fcberwinden. Die Konsequenz ist nat\u00fcrlich, dass der Buddhismus in Asien keinen politischen Nachdruck hatte, er konnte Autorit\u00e4ten nicht in Frage stellen. Westliche Tradition hat sich also auf soziale Ver\u00e4nderung und die Ver\u00e4nderung von Institutionen konzentriert. So wichtig das auch war, k\u00f6nnen wir auch die Beschr\u00e4nktheit sehen: wegen der Probleme mit dem individuellem Ego kann das nicht vollst\u00e4ndig wirken. Gier, B\u00f6swilligkeit und Ichbezogenheit kommen immer wieder in die Quere, wenn wir die Bedeutung pers\u00f6nlicher Ver\u00e4nderung nicht anerkennen. Auf der anderen Seite: in den asiatischen Gesellschaften, von denen keine demokratisch war, hat Buddhismus diese wunderbare Palette meditativer Praxis und Lehren entwickelt, die uns helfen, unser Ego &#8211; Gier, B\u00f6swilligkeit und Verblendung &#8211; zu \u00fcberwinden und zu erwachen, hatte aber wegen der beschr\u00e4nkten politischen Umst\u00e4nde nichts \u00fcber institutionalisiertes Dukkha zu sagen. Erst in unserer Zeit &#8211; und ich denke, es ist nicht zu fr\u00fch, denn wir leben in einer tiefen Krise der modernen Welt &#8211; k\u00f6nnen wir versuchen, diese beiden Paradigmata zusammenzubringen. Buddhismus hat eine besondere Weltsicht, die bietet, was dem Westen fehlt. Und gleichzeitig bietet die westliche Tradition M\u00f6glichkeiten sozialer Transformation, die im Buddhismus nicht entwickelt werden konnten. Und das Aufeinandertreffen der beiden in unserer Zeit der Krise halte ich f\u00fcr wirklich aufregend. Es geht nicht darum, einen der Wege zu w\u00e4hlen, beide sind wichtig im Zusammenspiel. Jeder hat anzubieten, was dem anderen fehlt. All das l\u00e4sst sich im Begriff &#8222;Freiheit&#8220; zusammenfassen: der Schwerpunkt westlicher Tradition lag auf institutionalisierter Freiheit: soziale, \u00f6konomische, politische Freiheit, w\u00e4hrend es der asiatischen Tradition um das Erreichen psychologischer oder spiritueller Freiheit ging. Erst heute k\u00f6nnen wir die Beschr\u00e4nkungen beider Wege sehen, wenn sie f\u00fcr sich allein verfolgt werden. Wir m\u00fcssen sie zusammenbringen. Ich m\u00f6chte ein paar Beispiele geben, wie die beiden zusammenspielen k\u00f6nnen, und zwar mit einem Blick auf unsere \u00f6konomische Situation. Die buddhistische Perspektive bietet uns eine neue Art, diese zu verstehen. Sie soll den westlichen Blick auf soziale Gerechtigkeit nicht verstellen, aber neue Einsichten bieten, die uns helfen, oberfl\u00e4chliche L\u00f6sungen zu vermeiden, die langfristig das Problem nicht l\u00f6sen werden. Ich meine zum ersten das, was ich f\u00fcr die fundamentale Lehre Buddhas halte: die Verkn\u00fcpfung zwischen Dukkha und der Empfindung des &#8222;Selbst&#8220;. Auch dank westlicher Psychologie k\u00f6nnen wir heute sagen: das &#8222;Selbst&#8220; ist ein psychologisches und soziales Konstrukt. Die interessante Frage aus buddhistischer Perspektive ist: warum ist dieses &#8222;Selbst&#8220; so sehr von Dukkha durchsetzt? Nun, woraus besteht die Empfindung des &#8222;Selbst&#8220;? Aus vorwiegend gewohnheitsm\u00e4\u00dfigen Formen des Denkens, F\u00fchlens, Handelns, Reagierens, Erinnerns, Planens&#8230; in der Art, wie diese zusammenspielen, erzeugen sie die Empfindung eines Selbst. Das spielt sich &#8222;innen&#8220; ab, und das Problem liegt darin, dass alles, was &#8222;au\u00dfen&#8220; liegt, als getrennt von mir, als anders als ich wahrgenommen wird. Hier entsteht eine Dualit\u00e4t, von der Buddha sagt, dass sie zu Verblendung f\u00fchrt. Und warum? Die Empfindung des &#8222;Selbst&#8220; ist ein Prozess, kein Ding, sie hat keine Realit\u00e4t und es gibt auch nichts, was daran real werden k\u00f6nnte. Die Empfindung des &#8222;Selbst&#8220; ist nicht nur grund-los, sie kann auch nicht ge-gr\u00fcndet werden, und ist daher von Natur aus unsicher. Solange ich der Verblendung unterliege, es g\u00e4be ein getrenntes &#8222;Selbst&#8220;, kann ich nicht wissen, worin es besteht, und ich kann es nicht absichern. Die Empfindung des &#8222;Selbst&#8220;, das nicht abgesichert werden kann, ist immer \u00fcberschattet von einer Empfindung des Mangels: irgendetwas stimmt nicht mit mir. Und buddhistische Lehre sagt: wir missverstehen das Problem, wir glauben der Mangel liege irgendwo au\u00dferhalb: ich habe nicht genug Geld, oder ich bin nicht m\u00e4chtig genug. Wir neigen dazu, zu glauben, wenn wir nur genug von etwas h\u00e4tten, was au\u00dferhalb von uns liegt, w\u00e4re es okay. Und Buddhismus sagt nat\u00fcrlich: nein, das ist ein totales Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, es hat damit zu tun, dass wir zu unserer Natur erwachen m\u00fcssen, der Leere der Empfindung des Selbst, der Leere der Illusion, es g\u00e4be ein &#8222;Ich&#8220; hier drinnen, das zu euch allen da drau\u00dfen schaut. Was hat das mit \u00d6konomie zu tun? Wir haben ein \u00f6konomisches System, das mit dieser Illusion spielt. Ein \u00f6konomisches System, das mit den Mitteln der Werbung und mit dem Modell \u00f6konomischen Wachstums arbeitet. Was ist unser Problem? Wir haben nicht genug Geld. Egal, wieviel Geld du hast &#8211; du brauchst mehr, du brauchst mehr Konsum-Spielzeuge. Aus buddhistischer Perspektive k\u00f6nnen wir noch ein ganz anderes Problem mit dem \u00f6konomischen System wahrnehmen: es ist nicht nur sozial ungerecht, sondern es macht Jagd auf unserer Verblendung, es l\u00e4sst uns denken: das n\u00e4chste Ding, das wir kaufen werden, wird uns gl\u00fccklich machen. Wir sollen uns als Menschen verstehen, die Geld machen und konsumieren. Dieser fundamentale Mangel, den wir empfinden und den der Buddhismus als Illusion identifiziert, passt leider perfekt zum \u00f6konomischen System. Erinnert euch: ich spreche hier nicht \u00fcber Gut und B\u00f6se, und nicht \u00fcber soziale Gerechtigkeit. Ich leugne diese Dimension nicht, aber Buddhismus hat hier eine ganz andere Perspektive zu bieten. Jetzt m\u00f6chte ich noch die institutionalisierte Seite ansehen. Es stellt sich die interessante Frage: in welchem Verh\u00e4ltnis steht das, was ich \u00fcber die individuelle Seite gesagt habe, zu \u00f6konomischen Institutionen? Interessanterweise hat der Buddha sehr wenig \u00fcber das B\u00f6se per se gesagt, aber er sagte viel \u00fcber das, was die drei Feuer oder die drei Gifte genannt wird, die drei Wurzeln des \u00dcbels, also Gier, Aggression und Verblendung. Buddha konzentrierte sich auf die Motive unseres Handelns. Er zeigte auf &#8211; und es sieht so selbstverst\u00e4ndlich aus, aber es ist revolution\u00e4r: wenn du dein Leben ver\u00e4ndern willst, wenn du die Welt und die Art, wie Menschen auf dich reagieren, anders erfahren willst, dann gibt es eine einfache Methode daf\u00fcr, einfach, aber nicht notwendigerweise leicht: ver\u00e4ndere deine Motive. Und das ist die Art, wie Buddha Karma interpretiert: wenn du dich nicht von Gier, Hass und Verblendung leiten l\u00e4\u00dft, wird das dein Leben ver\u00e4ndern. Was sind die wichtigsten Teile des Konstrukts &#8222;Selbst&#8220; bei der Interaktion mit anderen? Motive. Lassen wir uns durch Gier, B\u00f6swilligkeit und Ichsucht motivieren oder durch Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, liebende G\u00fcte und Weisheit? Buddha sagt: das macht enormen Unterschied, und es wird dein Leben ver\u00e4ndern. Zur\u00fcck zu Gier, B\u00f6swilligkeit und Ichsucht: heute gibt es so viel mehr an Technologien, soviel mehr an Wissenschaft, aber auch um vieles m\u00e4chtigere Institutionen. Mit Institution meine ich hier eine soziale Struktur, die ein eigenes Leben annimmt, mit ihren eigenen Motiven, sodass sie schlie\u00dflich unsere Motive f\u00fcr ihre Ziele verwendet. Buddha hat mit so etwas nicht viel zu tun &#8211; legalisierte Institutionen waren in seiner Zeit nicht stark. Wie ist das gemeint, dass Institutionen ihre eigenen Motive entwickeln? Denkt an den CEO eines gro\u00dfen transnationalen Konzerns. Nehmt an, dieser Mann beginnt, sich gro\u00dfe Sorgen um den Klimawandel zu machen und m\u00f6chte tun, was er zur L\u00f6sung des Problems der Erderw\u00e4rmung tun kann. Wenn das, was er daf\u00fcr tut, den Profit seines Konzerns irgendwie in Frage stellt, dann bekommt er Probleme und wird wahrscheinlich seinen Job verlieren. Konzerne sind so konstruiert, dass sie vor allem den Aktion\u00e4ren verantwortlich sind, und wenn ein CEO etwas tut, was deren Profite in Frage stellt, werden die Aktion\u00e4re \u00fcber den Aufsichtsrat darauf reagieren. Wenn das f\u00fcr den CEO an der Spitze der Hierarchie zutrifft, um wieviel mehr f\u00fcr jeden anderen Mitarbeiter, der ihm unterstellt ist. Durch die Art, wie ein Konzern rechtlich strukturiert ist, werden die Spielregeln festgelegt, die die Investoren zufriedenstellen sollen, und daher sind die M\u00f6glichkeiten, nach deinen eigenen Motiven zu handeln, sehr beschr\u00e4nkt, wenn sie nicht zu den Motiven der Struktur passen. Ich spreche deswegen so viel \u00fcber Institutionen, weil ich denke, dass wir ein neues Problem haben, das sich dem Buddha nicht stellte: die drei Feuer sind institutionalisiert worden. Aus buddhistischer Perspektive w\u00fcrde ich sagen: unser Wirtschaftssystem ist institutionalisierte Gier, unser milit\u00e4risches System ist institutionalisierte Gewalt und unsere Medien, zum Teil auch unser Bildungssystem sind institutionalierte Verblendung. Medienkonzerne legen fest, wor\u00fcber wir informiert werden, was wir wissen, und ihnen geht es um den Profit durch Werbung. Wir sollen konsumieren, nicht informiert werden. Wenn es stimmt, dass Gier, Aggression und Verblendung auf diese Weise institutionalisiert worden sind, und wenn Buddha recht hatte, dass diese drei die Wurzeln des B\u00f6sen sind, dann sind wir in einer be\u00e4ngstigenden Lage. Buddhismus weist auf eigene Weise auf das Wesen von Institutionen hin und wie sie funktionieren. Ich m\u00f6chte mit ein paar Worten dar\u00fcber schlie\u00dfen, wie Gier institutionalisiert worden ist. Was ist Gier? Eine Definition ist: du hast nie genug. Ich denke, das gilt nicht nur auf pers\u00f6nlicher, sondern auch auf institutioneller Ebene. Es geh\u00f6rt zur Natur von Konzernen, dass sie nie gro\u00df genug sein k\u00f6nnen. Du kannst nie zuviel Profit haben, dein Marktanteil kann nie gro\u00df genug sein. Wir k\u00f6nnen uns gar nicht vorstellen, was gro\u00df genug w\u00e4re &#8211; das Konzept passt hier einfach nicht. Stellt euch die B\u00f6rse vor. Aus buddhistischer Perspektive k\u00f6nnte man sagen: in bezug auf Verantwortlichkeit funktioniert sie wie ein amoralisches Schwarzes Loch. Auf der einen Seite gibt es die Investoren, Millionen von ihnen, die durch Investitionen Profit machen wollen &#8211; das ist alles, woran sie interessiert sind und sein m\u00fcssen. Diese Menschen sind nat\u00fcrlich nicht b\u00f6se. Investieren &#8211; das macht man einfach, wenn man Geld \u00fcbrig hat. Schaut euch jetzt die andere Seite dieses Schwarzen Lochs an: da wird ein nicht nachlassender anonymer Druck f\u00fcr Wachstum und steigende Profite erzeugt. Nochmals: es geht hier nicht um b\u00f6se Menschen &#8211; so funktioniert einfach das System, in dem bestimmte Arten von Motiven eingebaut sind, die unsere Motive f\u00fcr seine eigenen Absichten n\u00fctzen. Die Globalisierung der Profitmaximierung bedeutet, dass die Maschine des Mehr und Mehr in allen \u00f6konomischen Aktivit\u00e4ten auf der Welt \u00fcberhand nimmt. Daneben gibt es nur mehr &#8222;externe Effekte&#8220; wie Umweltzerst\u00f6rung, soziale Konsequenzen bei Produktion in &#8222;Billiglohnl\u00e4ndern&#8220; und auch der Druck auf uns alle, uns nur mehr als Produzenten und vor allem als Konsumenten zu verstehen. Wer ist f\u00fcr diesen institutionalisierten Druck verantwortlich? Das System hat sein eigenes Leben entwickelt. Niemand pers\u00f6nlich ist verantwortlich, jede\/jeder ist verantwortlich. Aber die Verantwortlichkeit diffundiert auf anonyme Weise, wir f\u00fchlen sie nicht. Wir sind alle einbezogen in dieses System und spielen verschiedene Rollen darin, als Arbeitnehmer, als Unternehmer, als Konsumenten, Investoren, Pensionisten&#8230;, aber mit wenig Verst\u00e4ndnis f\u00fcr unsere pers\u00f6nliche Verantwortlichkeit f\u00fcr das, was die Totalit\u00e4t des Systems tut. Der \u00f6konomische Prozess hat sich in seiner Anonymit\u00e4t verselbst\u00e4ndigt. Wir tun alle nur unseren Job. Zusammenfassend: eine buddhistische Perspektive bietet eine andere Form von Kritik. Es geht nicht in erster Linie um Gut und B\u00f6se. Es geht um Dukkha und dessen Verbindung mit der irref\u00fchrenden Vorstellung von &#8222;Selbst&#8220;. Die buddhistische Betonung von Gier als der ersten der drei Wurzeln von Dukkha impliziert: wenn Gier institutionalisiert wird, dann untergr\u00e4bt sie, worum es in jedem guten Wirtschaftssystem gehen sollte: menschliches Gl\u00fcck. Das gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem wirkt gegen Wohlbefinden der Menschen und Gedeihen der Biosph\u00e4re. Wir sehen das nicht nur aus der traditionellen westlichen Perspektive sozialer Gerechtigkeit, sondern auch aus buddhistischer Perspektive. Die eine Perspektive widerspricht der anderen nicht. Beide zusammen sind wichtig. Was die buddhistische Perspektive so wichtig macht: wenn wir nur an soziale Gerechtigkeit und Umverteilung denken, k\u00f6nnten wir das sogar erreichen, etwa durch Vergr\u00f6\u00dferung des Mittelstands, aber aus buddhistischer Perspektive l\u00f6st Konsumdenken das grundlegende Problem nicht. Wir alle m\u00fcssen uns der Aufgabe, pers\u00f6nlich zu wachsen, noch ernsthafter stellen. Ein perfektes Wirtschaftssystem wird es nicht geben; die Empfindung des Mangels bleibt. Menschen werden immer auch an sich selbst arbeiten m\u00fcssen. Hier wird ein bestimmtes Verst\u00e4ndnis von Buddhismus in Frage gestellt. Es reicht nicht aus, sich auf seine eigene Praxis, sein eigenes Erwachen zu konzentrieren. Lass mich allein, wenn ich erleuchtet bin, kann ich mich um anderes k\u00fcmmern: diese dualistische Denkweise ist keine L\u00f6sung. Das hei\u00dft nicht, dass wir nicht Zeit f\u00fcr unsere pers\u00f6nliche Praxis verwenden sollten, aber die Idee, ich k\u00f6nnte mein eigenes Wohlergehen getrennt vom Wohlergehen aller anderen f\u00f6rdern: darin liegt die grundlegende Verblendung. Die gro\u00dfe Einsicht des Buddhismus ist, dass wir das nicht tun k\u00f6nnen, da wir alle Teil voneinander sind. Wenn ich beginne, aufzuwachen und mein eigenes Dukkha zu \u00fcberwinden, stelle ich fest, dass das Dukkha der anderen auch meines ist, und es wird mir auch bewusster, wie Dukkha nicht nur pers\u00f6nlich ist, sondern auch in Institutionen strukturiert, und hier liegt der Sprung, den der moderne Buddhismus machen muss.<\/p><\/blockquote>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3411'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3411-1'> N\u00e4heres \u00fcber diesen US-amerikanischen Religionswissenschafter, Autor und Zen-Meister findet sich auf seiner Website:<a href=\"http:\/\/www.davidloy.org\/\"> http:\/\/www.davidloy.org\/<\/a>  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3411-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3411-2'> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/user\/davidloyofficial\">https:\/\/www.youtube.com\/user\/davidloyofficial <\/a> . Die \u00dcbersetzung ist mit Davids Zustimmung leicht gek\u00fcrzt. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3411-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer recht streng katholischen Familie bin ich aufgewachsen; im Alter von zwanzig Jahren habe ich mich in heftigen Widerspruch dazu gesetzt, mich wie so viele meiner Generation den &#8222;Achtundsechzigern&#8220; angeschlossen und f\u00fcr viele Jahre &#8211; als Aktivistin der Friedensbewegung, der Bewegung f\u00fcr internationale Solidarit\u00e4t und anderer Initiativen &#8211; an den linken Rand des politischen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3411\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDavid Loy \u00fcber pers\u00f6nliches Wachstum und soziale Gerechtigkeit: <br \/> die Welt braucht beides\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3411"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3411"}],"version-history":[{"count":41,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3411\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5241,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3411\/revisions\/5241"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3411"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3411"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3411"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}