{"id":3239,"date":"2015-06-03T11:11:33","date_gmt":"2015-06-03T09:11:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3239"},"modified":"2019-08-19T08:38:04","modified_gmt":"2019-08-19T06:38:04","slug":"saekulare-geschwister-i-lloyd-geering","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=3239","title":{"rendered":"S\u00e4kulare Geschwister I: Lloyd Geering"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder spricht Stephen Batchelor davon, wie viel s\u00e4kularer Buddhismus christlichen Theologen verdanke, die schon vor Jahrzehnten neue Zug\u00e4nge zu ihrer Religion er\u00f6ffnet haben. Die Lekt\u00fcre von Paul Tillich und Dietrich Bonhoeffer habe ihn angeregt; unter unseren Zeitgenossen sch\u00e4tzt er <strong>Lloyd Geering<\/strong> sehr.<a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Lloyd-Geering.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" wp-image-3241 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Lloyd-Geering-300x150.jpg\" alt=\"Lloyd Geering\" width=\"292\" height=\"146\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Lloyd-Geering-300x150.jpg 300w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/Lloyd-Geering.jpg 318w\" sizes=\"(max-width: 292px) 100vw, 292px\" \/><\/a> Bei uns kaum bekannt, ist Geering, heute 97 Jahre alt, in seiner Heimat Neuseeland eine Art Ikone. Nach seiner Ausbildung zum presbyterianischen Geistlichen hat er mehrere Jahre lang diesen Beruf ausge\u00fcbt. In seinen Predigten versuchte er, das Leben Jesu, wie es in der Bibel erz\u00e4hlt wird, als Basis f\u00fcr ein christliches Leben zu pr\u00e4sentieren. &#8222;Gott&#8220; war und blieb f\u00fcr ihn vor allem der symbolische Begriff f\u00fcr das ultimative Mysterium des Leben, wie er sagt <sup class='footnote'><a href='#fn-3239-1' id='fnref-3239-1' onclick='return fdfootnote_show(3239)'>1<\/a><\/sup>. Er wurde sp\u00e4ter akademischer Lehrer; anfangs untersuchte er vor allem die Texte des Alten Testaments und interpretierte Entstehung und Inhalte aus dem historischen Kontext ihrer Entstehungszeit &#8211; das war bereits in den 1950er Jahren. Er begann, diese Sichtweise auch auf die Evangelien des Neuen Testaments anzuwenden und die Bibel nicht als unver\u00e4nderliches Gotteswort, als nicht frei von Fehlern und in ihrer Entstehungszeit verwurzelt zu sehen. Er ging an die Texte aus unserer gegenw\u00e4rtigen Weltsicht und mit gesundem Menschenverstand heran und gelangte bald zu der Frage: in welchen Himmel ist Jesus denn aufgestiegen? Geering begann, die Buchst\u00e4blichkeit der k\u00f6rperlichen Auferstehung in Frage zu stellen, und bald darauf die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, wobei er darauf hinwies, dass diese Idee nicht aus der Bibel, sondern von griechischen Philosophen, vor allem von Platon stamme, w\u00e4hrend im Neuen Testament zu lesen sei: nur Gott ist unsterblich. Geering bedient sich einer leicht verst\u00e4ndlichen Sprache und so wurden seine Texte auch \u00fcber akademische Kreise hinaus rezipiert. In Neuseeland und dar\u00fcber hinaus im englischen Sprachraum brachen in der Folge St\u00fcrme kirchlicher und \u00f6ffentlicher Entr\u00fcstung los. Im Jahr 1967 strengten Hardliner ein kirchenrechtliches Verfahren wegen H\u00e4resie gegen ihn an, das allerdings schnell niedergeschlagen wurde. Da seine als ketzerisch angefeindete Aussagen zwar im Widerspruch zu kirchlichen Dogmen, aber nicht zum Stand theologischer Forschung standen, konnte er seine akademische Laufbahn als Universit\u00e4tsprofessor f\u00fcr (inter)religi\u00f6se Studien fortsetzen. Dabei hat er nichts gelehrt, was unter Wissenschaftern nicht schon l\u00e4ngst Allgemeingut gewesen w\u00e4re. Der Himmel ist f\u00fcr ihn kein Ort, sondern ein Zustand. Auferstehung bedeutet f\u00fcr ihn das Fortleben der Lehre Jesus. Maria ist f\u00fcr ihn keine Jungfrau und Jesus nicht buchst\u00e4blich der Sohn Gottes. Mit dem Begriff &#8222;Gott&#8220; hat er sich viel besch\u00e4ftigt. In dem oben erw\u00e4hnten Interview sagt er:<\/p>\n<blockquote><p>Im Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott geht es um die tiefste Wirklichkeit, mit der wir uns konfrontieren k\u00f6nnen. Es geht darum, was uns am meisten betrifft &#8211; und wir wissen nicht, was das ist. Der bekannte Gott ist ein Idol. Der Gott, der definiert werden kann, ist kein Gott.<\/p><\/blockquote>\n<p>Geering h\u00e4lt es mit dem von ihm hochgesch\u00e4tzten Pierre Teilhard de Chardin <sup class='footnote'><a href='#fn-3239-2' id='fnref-3239-2' onclick='return fdfootnote_show(3239)'>2<\/a><\/sup>. In dem erw\u00e4hnten Interview sagt Geering \u00fcber Teilhards Gottesverst\u00e4ndnis:<\/p>\n<blockquote><p>Gott sollte nicht so sehr als der Sch\u00f6pfer der Welt gesehen werden, und auch nicht als die Ursache f\u00fcr den evolution\u00e4ren Prozess. Dieser Prozess selbst, das sich entwickelnde Universum, ist (<em>f\u00fcr Teilhard, E.G.<\/em>) das letzte Mysterium, das Gott genannt werden kann.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Jahr 1980 ver\u00f6ffentlichte Geering das Buch<em>&#8222;Faith&#8217;s New Age&#8220;<\/em>, in dem er von der Feststellung ausgeht, dass die menschliche Kultur sich heute erheblich von jener unterscheidet, die vorherrschte, als die gro\u00dfen Religionen gegr\u00fcndet wurden. Dieser Ver\u00e4nderung geht er vom sp\u00e4ten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert nach und entwickelt dabei ein Modell <strong>dreier <\/strong>aufeinanderfolgender<strong> kultureller Perioden:<\/strong> Die erste Periode nennt er die <strong>&#8222;ethnische Phase&#8220;<\/strong>, w\u00e4hrend der sich viele voneinander unabh\u00e4ngige Kulturen aus ihrer ethnischen Identit\u00e4t entwickelten. Zwischen Religion und Kultur, zwischen Moral und Ritual wurde noch nicht unterschieden. Die Menschen lebten in einer von G\u00f6ttern und Geistern kontrollierten Welt, die f\u00fcr sie Personifizierungen der Kr\u00e4fte der Natur waren. Man musste ihnen gehorchen und sie gn\u00e4dig stimmen. In der zweiten, der nach Geering <strong>&#8222;trans-ethnischen Phase&#8220; <\/strong>trat die ethnische Identit\u00e4t in den Hintergrund. Religion und Kultur, Ritual und Moral wurden nun voneinander unterschieden. Drei religi\u00f6se Traditionen \u00fcberschritten am erfolgreichsten kulturelle und ethnische Grenzen: Buddhismus, Christentum und Islam; bis zum Jahr 1900 war die Welt zwischen ihnen in den buddhistischen Orient, den islamischen Mittleren Osten und den christlichen Westen aufgeteilt. Aber schon vor 1900 war eine dritte Periode kultureller Evolution entstanden: Geering nennt sie die <strong>&#8222;globale und humanistische Phase&#8220;<\/strong>, die weder von Polytheismus noch von Theologie gepr\u00e4gt ist. Diese moderne Kultur verbreitet sich nun auf dem Globus &#8211; zum gro\u00dfen Verdruss der alten Religionen, deren traditionelle Formen sie untergr\u00e4bt. Daher entstehen reaktion\u00e4re religi\u00f6se Bewegungen, die die Flut der dritten kulturellen Phase aufhalten wollen &#8211; wir kennen sie unter anderen als christlichen, muslimischen, hinduistischen Fundamentalismus. W\u00e4hrend traditionelle religi\u00f6se Formen in der modernen Welt in Bedeutungslosigkeit versinken, er\u00f6ffnen sich gleichzeitig neue Perspektiven daf\u00fcr, was es hei\u00dft, religi\u00f6s zu sein. Religi\u00f6ses Denken und Handeln muss sich nun an <strong>dieser<\/strong> Welt ausrichten und nicht an einem sp\u00e4teren Jenseits. Daher kann Religion in dieser dritten Phase s\u00e4kular genannt werden, so Geering. In diesem neuen kulturellen Zeitalter werden wir uns dessen bewusst, dass wir alle, unabh\u00e4ngig von Klasse, Rasse, Geschlecht, Religion oder Alter, Menschen sind. Wir entwickeln wachsendes Interesse an den Menschenrechten. Wir haben festgestellt, dass das, was f\u00fcr g\u00f6ttlich oder transzendent gehalten wurde, nichts anderes als menschliche Einsch\u00e4tzungen unserer Vorfahren in der Vergangenheit waren. In einem sp\u00e4teren Buch schreibt Geering dar\u00fcber, dass das K\u00f6nigreich Gottes, von dem Jesus sprach, gekommen sei <sup class='footnote'><a href='#fn-3239-3' id='fnref-3239-3' onclick='return fdfootnote_show(3239)'>3<\/a><\/sup>, ohne dass wir es bemerkt h\u00e4tten: in der Sklavenbefreiung, der Emanzipation von Frauen aus m\u00e4nnlicher Dominanz, der Anerkennung der Menschenrechte, der Akzeptanz der Rechte Homosexueller. Und f\u00fcr diese Entwicklung g\u00e4be es ausreichend Material in den Worten Jesu, um uns zu helfen und f\u00fcr die Zukunft zu inspirieren. W\u00e4hrend seines Lebens in einer sich laufend \u00e4ndernden Welt habe er, Geering, herausgefunden, dass Vieles, was er aus der Geschichte des Christentums gelernt habe, ihm heute unerwarteterweise in neuem Licht erscheine. Und er zitiert dazu den christlichen Mystiker aus dem Mittelalter, Meister Eckhart:<\/p>\n<blockquote><p>Soll Gott gesehen werden, so mu\u00df es in einem Lichte geschehen, das Gott selbst ist.<\/p><\/blockquote>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3239'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3239-1'> In einem informativen Radiointerview aus dem Jahr 2003 spricht er ausf\u00fchrlich \u00fcber seine pers\u00f6nliche und akademische Entwicklungsgeschichte: <a href=\"http:\/\/www.abc.net.au\/religion\/stories\/s1333339.htm\">http:\/\/www.abc.net.au\/religion\/stories\/s1333339.htm.<\/a> <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lloyd_Geering\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Lloyd_Geering<\/a> gibt einen \u00dcberblick \u00fcber sein Leben, seine Arbeiten und sein Wirken. Auf youTube gibt es zahlreiche Videos mit Geering in englischer Sprache. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3239-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3239-2'> N\u00e4heres \u00fcber diesen franz\u00f6sischen Naturwissenschafter und katholischen Theologen unter: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pierre_Teilhard_de_Chardin\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pierre_Teilhard_de_Chardin<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3239-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-3239-3'> Mir ist klar, dass dieser Satz angesichts des Zustands unserer Welt schwer zu verdauen ist. <a href=\"https:\/\/www.thmsbfft.fr\/\">soldes coque iphone<\/a> Ich w\u00fcrde Geering so interpretieren: Wir Menschen haben uns Handwerkszeug geschaffen, an diesem K\u00f6nigreich zu arbeiten. Dessen k\u00f6nnen und sollen wir uns bedienen. E.G. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3239-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder spricht Stephen Batchelor davon, wie viel s\u00e4kularer Buddhismus christlichen Theologen verdanke, die schon vor Jahrzehnten neue Zug\u00e4nge zu ihrer Religion er\u00f6ffnet haben. Die Lekt\u00fcre von Paul Tillich und Dietrich Bonhoeffer habe ihn angeregt; unter unseren Zeitgenossen sch\u00e4tzt er Lloyd Geering sehr. 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