{"id":2981,"date":"2015-06-14T12:02:07","date_gmt":"2015-06-14T10:02:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2981"},"modified":"2020-07-31T10:46:20","modified_gmt":"2020-07-31T08:46:20","slug":"da-ist-uns-einiges-entgangen-das-werk-des-lukrez-geht-uns-an-aber-kaum-jemand-kennt-es","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2981","title":{"rendered":"Da ist uns einiges entgangen <br\/> Das Werk des Lukrez geht uns an, aber kaum jemand kennt es"},"content":{"rendered":"<p>Ein paar S\u00e4tze sind uns, die wir im christlichen Abendland sozialisiert wurden, in die Herzen und Hirne eingewachsen und haben uns gepr\u00e4gt, ob unsere Erziehung religi\u00f6s war oder nicht. Auch wenn wir sie heute zumindest teilweise nicht mehr f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen, sind sie nicht leicht loszuwerden &#8211; in unseren Hinterk\u00f6pfen tragen wir sie weiter mit uns herum:<\/p>\n<blockquote><p>Die Welt ist von einem Gott erschaffen worden. F\u00fcr schuldhaftes Handeln bestraft er uns, vielleicht auch noch nach dem Tod, den wir f\u00fcrchten. Der Mensch hat eine unsterbliche Seele, er ist die Krone der Sch\u00f6pfung und damit wertvoller als andere Lebewesen. Er soll sich die Erde untertan machen, und das am besten schnell. Daf\u00fcr muss er sich von anderen Menschen abgrenzen und in Konkurrenz zu ihnen treten. Pers\u00f6nlicher Besitz gibt Sicherheit, je mehr, desto besser. Sinnenfreude und sorgenfreie Lust sind verd\u00e4chtig.<\/p><\/blockquote>\n<p align=\"LEFT\">Es gibt in der europ\u00e4ischen Geistesgeschichte eine starke Minderheit von Denkern, die all das &#8211; immer entsprechend den gesellschaftlichen Bedingungen der Zeit, in der sie lebten &#8211; in Frage gestellt haben. Einer dieser M\u00e4nner war der r\u00f6mische Dichter und Philosoph <strong>Titus Lucretius Carus<\/strong>, der im ersten Jahrhundert v.u.Z. lebte. Er hat ein einziges Werk hinterlassen: Das Lehrgedicht <strong>De rerum natura &#8211; \u00dcber die Natur der Dinge <\/strong><sup class='footnote'><a href='#fn-2981-1' id='fnref-2981-1' onclick='return fdfootnote_show(2981)'>1<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/lukrez.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-full wp-image-2983 alignleft\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/lukrez.jpeg\" alt=\"lukrez\" width=\"120\" height=\"168\" \/><\/a>Es beginnt mit einem hochgestimmten Loblied auf die Sch\u00f6nheit und Fruchtbarkeit der Erde. Im folgenden lehrt Lukrez:<\/p>\n<blockquote><p>Einen Sch\u00f6pfergott gibt es nicht, nur K\u00f6rper und Leere, sonst nichts. Materie besteht aus Atomen, die sich in unendlicher Zahl im leeren Raum bewegen. Durch die immer wiederkehrende Ver\u00e4nderung ihrer Stellung zueinander mit kleinen zuf\u00e4lligen Abweichungen entstehen die Dinge und die Lebewesen: die Natur experimentiert unaufh\u00f6rlich. Wenn Vorhandenes stirbt, entsteht daraus Neues. Das Universum ist nicht geschaffen worden, schon gar nicht f\u00fcr oder wegen der Menschen &#8211; diese sind verg\u00e4nglich wie alle anderen Lebewesen und ihnen nicht \u00fcberlegen. Die Seele ist sterblich wie der K\u00f6rper, weil sie von ihm nicht zu trennen ist. Es gibt kein Leben nach dem Tod, aber dieser ber\u00fchrt uns auch nicht, weil unser Empfinden dann ausgel\u00f6scht sein wird. Es gibt einen Kreislauf des Lebens, das wie bei einem Fackellauf in immer neuer Form weitergegeben wird. Ein gutes Leben zu f\u00fchren bedeutet, alles ma\u00dfvoll zu genie\u00dfen, was die Sinne bieten, darunter auch Sexualit\u00e4t, obgleich dabei immer ein Rest Sehnsucht bleibt, weil Verschmelzung f\u00fcr zwei Menschen nicht m\u00f6glich ist. Genuss ist erstrebenswert, Luxus aber sinnlos und \u00fcberfl\u00fcssig. Gl\u00fcck kann nicht auf Kosten anderer erreicht werden. Gem\u00fctsruhe ist h\u00f6chstes Ziel, die gr\u00f6\u00dften Hindernisse daf\u00fcr sind \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Begehren und die Angst vor dem Tod &#8211; beides kann durch Vernunft ausger\u00e4umt werden. Dabei d\u00fcrfen die Gedanken nie dem sinnlichen Empfinden widersprechen. Religionen sind abergl\u00e4ubische T\u00e4uschungen, entstanden aus der Angst der Menschen vor Naturph\u00e4nomenen wie Blitz und Donner und dem Unwissen \u00fcber deren Ursachen. So haben die Menschen sich G\u00f6tter erfunden und sie im Himmel angesiedelt; diese sind aber ganz entr\u00fcckt und k\u00fcmmern sich nicht um das, was auf der Welt geschieht. G\u00f6tterglaube hat den Menschen viel Leid gebracht. Ehrfurcht liegt nicht in G\u00f6tzenverehrung, sondern nur darin, allem und allen mit ruhigem Geist zu begegnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gegen Ende des Textes beschreibt Lukrez Naturph\u00e4nomene wie Gewitter, Wolken, Regen und Regenbogen und erkl\u00e4rt sie; so wirkt er abergl\u00e4ubischen Vorstellungen entgegen. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/de-rerum-natura.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-full wp-image-3003 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/de-rerum-natura.jpeg\" alt=\"de rerum natura\" width=\"251\" height=\"201\" \/><\/a>Das Gedicht umfasst circa 7400 Verse in geschliffenem, poetischen Latein von gro\u00dfer sprachlicher Sch\u00f6nheit. Es ist eine umfassende Darstellung der Philosophie von <strong>Epikur <\/strong><sup class='footnote'><a href='#fn-2981-2' id='fnref-2981-2' onclick='return fdfootnote_show(2981)'>2<\/a><\/sup>, dem verehrten Vorg\u00e4nger des Lukrez. Epikurs Lehre war mehrere Jahrhunderte lang in der antiken Welt unter einer gro\u00dfen Schar von Anh\u00e4ngern weit verbreitet. Seine Philosophie ist in keinem anderen Text so ausf\u00fchrlich \u00fcberliefert wie hier. Lukrez w\u00fcrdigt Epikur mehrmals bewundernd als seinen Lehrer &#8211; sich selbst nennt er eine Schwalbe neben diesem Schwan. Einiges erinnert an Gotama Siddhartas Lehre. Ohne in Details zu gehen: Heutige Forscher sind sich einig, dass es zwischen den Ideenwelten des fr\u00fchen Buddhismus und altgriechischer Philosophie Parallelen und Querverbindungen gibt, die mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit nicht zuf\u00e4llig sind und auf Kontakte zwischen Indien und Griechenland zur\u00fcckzuf\u00fchren sein d\u00fcrften <sup class='footnote'><a href='#fn-2981-3' id='fnref-2981-3' onclick='return fdfootnote_show(2981)'>3<\/a><\/sup>. Und eine geistige Verwandtschaft klingt auch f\u00fcr uns Heutige an, wenn wir Lukrez lesen. So sehr<em> De rerum natura<\/em> von den Zeitgenossen gesch\u00e4tzt und eifrig gelesen wurde: das nahm ein Ende. Der Staat machte sich daran, die Traditionen eigenst\u00e4ndig-kritischen Denkens und die selbstverst\u00e4ndliche Koexistenz heidnischer Kulte zu zerst\u00f6ren. Es lag im Interesse der kaiserlichen Macht in Rom, die monotheistische Lehre aus dem Vorderen Orient, die nach den anf\u00e4nglichen Christenverfolgungen viel Zulauf fand, institutionell zu verfestigen. Im 4. Jahrhundert machte Kaiser Theodosius das Christentum zur Staatsreligion; im Zuge der Durchsetzung dieses Schritts wurde der Zugang zu B\u00fcchern wie dem des Lukrez, die potentiell subversiv wirken konnten, erschwert, sie wurden \u00f6ffentlich l\u00e4cherlich gemacht oder einfach verboten. Das Bild von abgehobenen G\u00f6ttern im Himmel, die an Menschenschicksalen nicht interessiert sind, passte nicht zu der Vorstellung vom strafenden Sch\u00f6pfergott. Die Angst vor einer \u00fcberm\u00e4chtigen Instanz zu sch\u00fcren erwies sich als eine gute Strategie, die Angepasstheit von Untertanen sicherzustellen &#8211; der Aufkl\u00e4rer Lukrez verfolgte diametral entgegengesetzte Ziele: eigenst\u00e4ndiges Denken zu f\u00f6rdern, allem Aberglauben entgegenzuwirken und Angst zu verringern. Nur eine einzige Handschrift seines bis dahin weit verbreiteten Gedichts \u00fcberlebte. Sie wurde im 15. Jahrhundert von einem italienischen B\u00fcchersammler in einem deutschen Kloster aufgesp\u00fcrt <sup class='footnote'><a href='#fn-2981-4' id='fnref-2981-4' onclick='return fdfootnote_show(2981)'>4<\/a><\/sup>. Erst im Verlauf der Renaissance und mit dem Aufkommen des Buchdrucks wurde der Text wieder bekannter. M\u00e4nner wie Michel de Montaigne, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Nietzsche, Albert Einstein und Albert Camus haben ihn gesch\u00e4tzt und sich auf ihn berufen. Und warum erz\u00e4hle ich euch das alles? Ich denke daran, wie anders pers\u00f6nliche Entwicklungsgeschichten verlaufen w\u00e4ren, wenn wir im Geiste von Texten wie diesem erzogen worden w\u00e4ren. Wir w\u00fcrden mit weniger Angst leben, meine ich, n\u00e4her an der Realit\u00e4t, w\u00fcrden uns weniger mit Ideen vom Leben nach dem Tod herumschlagen und w\u00e4ren mit dem Hier und Jetzt besser vertraut. Nun, so ist es nicht gelaufen. Zum Gl\u00fcck haben wir die Kalama-Sutta <sup class='footnote'><a href='#fn-2981-5' id='fnref-2981-5' onclick='return fdfootnote_show(2981)'>5<\/a><\/sup>.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-2981'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-2981-1'> Der Text, in Hexametern verfasst, ist im lateinischen Original und in deutscher \u00dcbersetzung zumindest teilweise im Internet zug\u00e4nglich, z.B. unter: <a href=\"http:\/\/www.gottwein.de\/Lat\/lucr001_inh.php\">http:\/\/www.gottwein.de\/Lat\/lucr001_inh.php<\/a>. Eine neue Prosa\u00fcbersetzung von Klaus Binder ist 2014 erschienen. Unter <a href=\"http:\/\/www.textlog.de\/lukrez-natur-dinge.html\">http:\/\/www.textlog.de\/lukrez-natur-dinge.html<\/a> gibt es eine informative Einf\u00fchrung dazu  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2981-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2981-2'> \u00dcber diesen griechischen Philosophen und seine Lehre gibt es einen ausf\u00fchrlichen und informativen Eintrag in Wikipedia: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Epikur\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Epikur<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2981-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2981-3'> Darum geht es in Thomas McEvilleys umfangreichem Werk: The Shape of Ancient Thought, 2002; s. auch der Beitrag: <em>Alles h\u00e4ngt zusammen<\/em> auf diesem Blog <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2981-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2981-4'> Spannend und gut lesbar ist die Rezeptionsgeschichte von <em>De rerum Natura<\/em> erz\u00e4hlt in: Stephen Greenblatt, The Swerve, How the world became modern, 2011, dt.: Die Wende: Wie die Renaissance begann, 2012, auch als E-Book erh\u00e4ltlich <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2981-4'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2981-5'> das ist die ber\u00fchmte Lehrrede des Buddha, an Laien gerichtet, in der er ermutigt, sich eigene Meinungen zu bilden. Eine deutsche \u00dcbersetzung findet sich auf: <a href=\"http:\/\/www.buddhayana-ev.de\/inhalte\/kalama-deu.htm\">http:\/\/www.buddhayana-ev.de\/inhalte\/kalama-deu.htm<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2981-5'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar S\u00e4tze sind uns, die wir im christlichen Abendland sozialisiert wurden, in die Herzen und Hirne eingewachsen und haben uns gepr\u00e4gt, ob unsere Erziehung religi\u00f6s war oder nicht. Auch wenn wir sie heute zumindest teilweise nicht mehr f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen, sind sie nicht leicht loszuwerden &#8211; in unseren Hinterk\u00f6pfen tragen wir sie weiter &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2981\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDa ist uns einiges entgangen <br \/> Das Werk des Lukrez geht uns an, aber kaum jemand kennt es\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1,11],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2981"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2981"}],"version-history":[{"count":48,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2981\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5673,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2981\/revisions\/5673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}