{"id":2825,"date":"2015-06-08T09:54:10","date_gmt":"2015-06-08T07:54:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2825"},"modified":"2019-08-19T08:29:39","modified_gmt":"2019-08-19T06:29:39","slug":"wie-man-das-leben-ohne-ueberzeugungen-lebt-i-von-stephen-batchelor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2825","title":{"rendered":"Wie man das Leben ohne \u00dcberzeugungen lebt <br\/> von Stephen Batchelor"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #333333;\">Im Jahr 2013 hat sich Stephen Batchelor in vier Vortr\u00e4gen mit <strong>poetischen Texten aus dem <em>Atthaka Vagga<\/em> <\/strong>besch\u00e4ftigt. Das ist das &#8222;<em>Kapitel der Acht<\/em>&#8220; aus dem <em>Sutta Nipata <\/em>des<em> Pali-Kanon, <\/em>das Gedichte \u00fcber das Nicht-Anhaften enth\u00e4lt. In buddhistischer Tradition und auch nach Meinung von Fachleuten sind dies sehr fr\u00fche, teilweise radikale Reden des Buddha, deren Bedeutung in sp\u00e4teren Jahrhunderten in den Hintergrund geraten ist.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Einer dieser Texte ist die <strong><em>Paramatthaka Sutta<\/em><\/strong>. Den mittelbaren Anlass f\u00fcr diese Rede des Buddha boten die best\u00e4ndigen Dispute verschiedener Lehrer in Savatthi. Als K\u00f6nig Pasenadi davon erfuhr, lie\u00df er blind geborene M\u00e4nner kommen und befahl, einen Elefanten in ihre N\u00e4he f\u00fchren. Dann sollten die M\u00e4nner ber\u00fchren und benennen, was vor ihnen stand. Jeder beschrieb den Teil, den er ber\u00fchrt hatte: wer den Fu\u00df des Elefanten ber\u00fchrt hatte, behauptete, ein Elefant sei ein Pfeiler, wer das Schwanzende ber\u00fchrt hatte, hielt den Elefanten f\u00fcr einen Besen usw. Die Blinden begannen, zu streiten und handgreiflich zu werden. Da sagte der K\u00f6nig zu den Lehrern, ihre unterschiedlichen \u00dcberzeugungen seien genauso unzuverl\u00e4ssig wie die Bescheibungen der Blinden. Als Siddharta Gotama davon erfuhr, hielt er eine Rede, in der er den K\u00f6nig in seiner Sichtweise best\u00e4rkte: die <em>Paramatthaka Sutta.<\/em> Diesen Text hat Stephen Batchelor in einem Vortrag w\u00e4hrend eines Retreats in Gaia House, England, im Juli 2013 pr\u00e4sentiert und kommentiert. <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-1' id='fnref-2825-1' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>1<\/a><\/sup> <\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/der-Elefant-und-die-Blinden.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-2839 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/der-Elefant-und-die-Blinden-300x220.jpeg\" alt=\"der Elefant und die Blinden\" width=\"300\" height=\"220\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/der-Elefant-und-die-Blinden-300x220.jpeg 300w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/der-Elefant-und-die-Blinden-624x457.jpeg 624w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/der-Elefant-und-die-Blinden.jpeg 746w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Der Vortrag beginnt mit dem Text der Sutta <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-2' id='fnref-2825-2' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>2<\/a><\/sup>:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Wer sich auf endg\u00fcltige \u00dcberzeugungen versteift und sie als unumst\u00f6\u00dflich pr\u00e4sentiert, erkl\u00e4rt damit alle anderen Sichtweisen f\u00fcr unterlegen. Er hat das Debattieren nicht \u00fcberwunden und \u00fcbt es f\u00fcr seinen eigenen Vorteil. Unter diesem Aspekt h\u00e4lt er an Sichtweisen, Worten, Richtlinien und Ideen fest, und alles andere h\u00e4lt er f\u00fcr niedrig.<\/em> <em>Kenner sind der Meinung, dass er andere schlecht macht, weil er sich selbst gefesselt hat.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Ein Bettelm\u00f6nch verf\u00e4ngt sich nicht in Standpunkten, Worten, Ideen oder Richtlinien. <\/em><\/span><span style=\"color: #333333;\"><em>Eine \u00dcberzeugung, die auf Wissen basiert, <\/em><\/span><span style=\"color: #333333;\"><em>entwickelt er nicht. Weder beansprucht er, gleichwertig zu sein, noch h\u00e4lt er sich f\u00fcr \u00fcberlegen oder unterlegen. Er l\u00e4sst eine Posit<\/em><em>ion los, ohne eine andere einzunehmen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Er ist nicht dadurch definiert, was er wei\u00df, und er schlie\u00dft sich auch nicht einer <\/em><em>Gruppe von <\/em><em>Sektierern an. Er nimmt \u00fcberhaupt keinen Standpunkt ein. Er l\u00e4sst sich <\/em><em>nicht <\/em><em>mit Worten wie: &#8222;Es ist&#8220;, und &#8222;Es ist nicht&#8220;, oder &#8222;diese Welt&#8220; und &#8222;die n\u00e4chste Welt&#8220; <\/em><em>in blinde B\u00fcndnisse locken. Das Engagement, das Menschen <\/em><em>dazu <\/em><em>bringt, abzu<\/em><em>w\u00e4gen und an Lehren festzuhalten, fehlt ihm. In seiner Wahrnehmung von \u00dcberzeugungen, Worten und Ideen gibt es keine Spuren von Sicherung. Wer kann einen Priester beurteilen, der nicht an \u00dcberzeugungen festh\u00e4lt? Mit welchem Ma\u00dfstab k\u00f6nnte man ihn messen? <\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Er denkt sich nichts aus, und er schmeichelt nicht.<\/em> <em>Er hat keine Lehren \u00fcbernommen. Diesen Priester kannst du nicht an seinen Richtlinien erkennen. Er hat Rahmen gesprengt, ohne irgendetwas, worauf er zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnte.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Batchelor zitiert danach aus der <em><strong>Sivaka Sutta<\/strong><\/em> <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-3' id='fnref-2825-3' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>3<\/a><\/sup> und begr\u00fcndet das mit der inhaltlichen Verwandtschaft der beiden Texte.<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Der Lehrer hielt sich einmal an der Eichh\u00f6rnchen-Futterstelle im Bambushain von Rajagaha auf. Da kam der Wanderm\u00f6nch Sivaka auf ihn zu und tauschte Gr\u00fc\u00dfe mit ihm aus&#8230;Schlie\u00dflich fragte er: Herr Gotama, es gibt Wanderm\u00f6nche und Priester, die die Ansicht vertreten, was immer ein Mensch erfahre, sei es erfreulich, schmerzhaft, oder neutral, w\u00e4re durch fr\u00fchere Taten verursacht. Was sagt Ihr dazu? Buddha antwortete: manche Erfahrungen haben ihre Ursache in der F<\/em><em>unktion der<\/em><em> Galle, manche in Schleim, manche in inneren Winden, manche in allen Dreien. Manche Erfahrungen werden verursacht durch den Wechsel der Jahreszeiten, manche durch unzureichende F\u00fcrsorge, manche durch einen pl\u00f6tzlichen \u00dcberfall, und manche sind Folgen eigener Taten. Ihr k\u00f6nnt selbst beurteilen, wie es zu solchen Erfahrungen kommt. Menschen in der Welt sind sich einig dar\u00fcber, wie es zu solchen Erfahrungen kommt. Diejenigen, die glauben, alle Erfahrung werde durch fr\u00fchere Taten verursacht, \u00fcbergehen, was sie selbst wissen k\u00f6nnten, und was in der Welt f\u00fcr richtig gehalten wird. Daher sage ich: diese Wanderm\u00f6nche und Priester haben unrecht.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Batchelor schlie\u00dft nun an:<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Ich halte das f\u00fcr einen sehr profunden Text, der im \u00fcbrigen den meisten Buddhisten Schwierigkeiten macht. Ein erster Punkt scheint mir zu sein: ein Leben ohne \u00dcberzeugungen zu leben bedeutet nicht, sein Gehirn auszuschalten. Wir bekommen in dieser Sutta einen Hinweis, <strong>was<\/strong> es bedeuten k\u00f6nnte. K\u00f6nnen wir ein Leben f\u00fchren, das darauf basiert, was wir selber wissen &#8211; als erstes Kriterium &#8211; was wir vom allgemein akzeptierten Wissen unserer Kultur sch\u00f6pfen &#8211; als zweites Kriterium &#8211; ohne etwas hinzuzuf\u00fcgen, das nicht durch diese beiden Formen von Wissen begr\u00fcndet werden kann? Versuchsweise k\u00f6nnten wir also jeden Standpunkt, der durch keines der beiden Kriterien: pers\u00f6nliche Erfahrung oder in der Welt allgemein akzeptiertes Wissen best\u00e4tigt werden kann, einen metaphysischen Glaubenssatz nennen.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Das Beispiel im Text ist: es gibt Wanderm\u00f6nche und Priester, die die Meinung \u00e4u\u00dfern (hier wird dieselbe Terminologie gebraucht wie in der Paramatthaka Sutta) : was immer ein Mensch f\u00fcr Erfahrungen macht &#8211; angenehm, schmerzhaft, oder neutral &#8211; hat seine Ursache in vergangenen Taten. Buddha nennt das als ein Beispiel f\u00fcr eine metaphysische Sichtweise oder \u00dcberzeugung. Mit anderen Worten: es ist eine verallgemeinernde Aussage \u00fcber die Natur der Realit\u00e4t, die in allen Situationen, allen Kontexten, allen vorstellbaren Orten und Zeiten f\u00fcr zutreffend gehalten werden soll. Buddhas Reaktion darauf ist im Grund, an den Menschenverstand zu appellieren. Er sagt: Einen Moment. Wir haben Erfahrungen: wenn du dich krank f\u00fchlst, dann nicht wegen eines vergangenen Karma, sondern weil deine K\u00f6rperfunktionen nicht richtig arbeiten. Oder: achte auf die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde: den Wechsel der Jahreszeiten, das Wetter, die Umgebung &#8211; das hat doch oft gro\u00dfen Einfluss auf unser Befinden. Das sagt uns der Menschenverstand. Oder: unzureichende F\u00fcrsorge &#8211; du k\u00fcmmerst dich nicht ausreichend um dich selbst, oder du isst das Falsche, oder du isst nicht genug, tr\u00e4gst falsche Kleidung usw. Das bereitet dir Freude oder Schmerz. Oder: ein pl\u00f6tzlicher \u00dcberfall. Wenn du gerade friedlich deine Gehmeditation machst, und es springt dich jemand an und haut dich auf den Kopf, brauchst du nicht Taten aus der Vergangenheit zu bem\u00fchen &#8211; du bist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Aber manche Erfahrungen, die wir machen, sind Folgen unserer eigenen Taten. Das wissen wir sowieso, da brauchen wir uns auf keine metaphysische Karma-Theorie zu beziehen. Buddha versteht Karma hier als absichtsvolle Tat. Manche Dinge widerfahren uns als Ergebnisse unserer Absichten, etwas zu sagen oder zu tun. Wenn du beschlie\u00dft, in den Pub zu gehen, dort zu viele Whiskys trinkst und am n\u00e4chsten Morgen eine furchtbaren Kater hast, dann brauchst du nicht Karma und vergangene Lebenszeiten zu bem\u00fchen; du brauchst nur die Folge von Entscheidungen nachzuvollziehen, die damit begonnen hat, dass du daran gedacht hast, in den Pub zu gehen.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Dieses Beispiel weist darauf hin, dass im fr\u00fchen Buddhismus Misstrauen herrschte gegen\u00fcber gro\u00dfartigen Vorstellungen, die alles erkl\u00e4ren. Viele religi\u00f6se Glaubenss\u00e4tze sind von dieser Art: Gott ist die Liebe, Leben ist Leiden &#8211; solche verallgemeinernde Feststellungen, an die Menschen glauben oder nicht glauben. Sie lassen sich nicht verifizieren, und gleichzeitig &#8211; und das macht sie so verf\u00fchrerisch &#8211; kannst du sie nicht widerlegen. Den Satz: &#8222;alle meine Erfahrungen sind das Ergebnis meines Karmas in der Vergangenheit&#8220; kannst du nicht falsifizieren, genauso wenig wie du beweisen kannst, dass Gott nicht existiert. Erinnert euch an Karl Poppers ber\u00fchmten Satz \u00fcber Wissenschaftlichkeit: jeder Anspruch muss falsifiziert werden k\u00f6nnen. Wir schreiten in unserer Erkenntnis voran, indem wir gegenw\u00e4rtige Ansichten falsifizieren. In diesem Text liegt ein \u00e4hnlicher Gedankengang vor. Ein anderes Beispiel <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-4' id='fnref-2825-4' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>4<\/a><\/sup>: Buddha sagt:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Ich diskutiere nicht mit der Welt, es ist eher so, dass die Welt mit mir diskutiert. Wer den Dhamma lehrt, f\u00fchrt mit niemandem auf der Welt Streitgespr\u00e4che. Von einer Sache, bei der die Weisen der Welt \u00fcbereinstimmen, dass es sie nicht gibt, sage auch ich, dass es sie nicht gibt, und bei etwas, wovon sie der Meinung sind, dass es existiert, sage auch ich, dass es existiert.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Diese Passage eines fr\u00fchbuddhistischen Textes zeigt: Buddha war nicht daran interessiert, die Welt korrekt zu beschreiben, sondern daran, vorzuschlagen, wie wir in dieser Welt leben k\u00f6nnten. Ich halte das f\u00fcr wirklich entscheidend. Er war nicht interessiert an der Natur des Bewusstseins, nicht an der Natur des Geistes, oder des K\u00f6rpers, oder der Umgebung &#8211; wo immer er \u00fcber solche Dinge Bescheid h\u00e4tte wissen wollen, w\u00e4re er zu Experten gegangen und h\u00e4tte sie um ihre Meinung gefragt und diese akzeptiert. Die heutige Diskussion \u00fcber Buddhismus und Wissenschaft (z.B. Wissenschaft vom Bewusstsein) geht also an der Kernfrage vorbei. Buddhismus wird in diese Diskussion hineingezogen, wo doch das Projekt als eine Anzahl praktischer Ratschl\u00e4ge begonnen hat, wie man in der Welt leben soll. Buddhismus ist pragmatisch, nicht dogmatisch.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Ja, es stimmt, in der indischen Geistesgeschichte haben Buddhisten entscheidende Beitr\u00e4ge zur Logik, Erkenntnistheorie, Psychologie, etc. geleistet. Aber hier lag nicht Buddhas urspr\u00fcngliche Intention. Diese k\u00f6nnen wir in der Aussage zusammenfassen: der Dharma ist verordnend, nicht beschreibend <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-5' id='fnref-2825-5' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>5<\/a><\/sup>. Und davon ausgehend bin ich dazu gekommen, &#8222;die Vier&#8220; als vier Aufgaben und nicht als vier Wahrheiten zu sehen. Vorstellungen wie &#8222;es ist&#8220; oder &#8222;es ist nicht&#8220; stehen da im Hintergrund. Ich halte es aber f\u00fcr sehr schwierig, diese Denkweise abzulegen. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, Vieles von dem zu verlernen, was ich gelehrt worden war. Wenn ich jetzt eine Sutta lese, versuche ich nicht mehr zu denken: stimmt das? sondern statt dessen: klappt das?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\"> <a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Werkzeugkasten.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2854\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Werkzeugkasten-300x201.jpg\" alt=\"Werkzeugkasten\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Werkzeugkasten-300x201.jpg 300w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Werkzeugkasten.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Versucht, den Dharma als einen Werkzeugkasten zu sehen, mit \u00c4quivalenten von Schraubenschl\u00fcsseln und S\u00e4gen und Bohrern und H\u00e4mmern und Mei\u00dfeln, von denen jedes f\u00fcr eine bestimmte Aufgabe gedacht ist &#8211; es gibt hier kein Universalwerkzeug, keine einzelne Praxis, die der Buddha gelehrt hat &#8211; das w\u00e4re eine enge Sichtweise. Buddha stellt uns eine Anzahl von Praktiken zur Verf\u00fcgung, wie das auch andere, sp\u00e4tere Traditionen tun. Und die Frage ist: Hilft das? Und nicht: Ich muss das tun, weil es in ununterbrochener Reihenfolge \u00fcberliefert ist, und wenn es f\u00fcr mich nicht hilft, dann ist mit mir etwas falsch. Das mag stimmen &#8211; aber diese Art zu denken ist nicht hilfreich.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Einer der \u00fcblichen <strong>Einw\u00e4nde<\/strong> gegen einen s\u00e4kularen, historisch-kritischen Zugang zu diesen Texten ist, darauf hinzuweisen, dass Buddhismus eine sich entwickelnde Tradition ist: ja, Buddhismus begann nat\u00fcrlich mit diesen ersten Texten, aber ihre Aufnahme und ihre Umsetzung in die Praxis in bestimmten kulturellen Umgebungen regte weitere Entwicklung und Verfeinerung der Philosophie an. Man sieht hier also Entwicklung, nicht Niedergang. Die Argumentation l\u00e4uft so: einfach zu den \u00e4ltesten Texten zur\u00fcckzugehen und diese als die authentischsten zu bezeichnen, ist ein Trugschluss im Sinn von: das Fr\u00fcheste muss das Beste sein. Mit diesem Einwand bin ich h\u00e4ufig konfrontiert. Wie wir vor allem von den Mahayana-Traditionen wissen, spielt bei diesen die Rhetorik von Hinayana und Mahayana <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-6' id='fnref-2825-6' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>6<\/a><\/sup> eine zentrale Rolle. Hinayana sei zu seiner Zeit wichtig gewesen, aber f\u00fcr eine weniger erleuchtete Truppe als wir, die wir Bodhisattvas <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-7' id='fnref-2825-7' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>7<\/a><\/sup> sind. Dies ist bis heute sehr stark im Buddhismus verankert, und ich halte das f\u00fcr eine echte Trag\u00f6die. Hina bedeutet: unterlegen, es ist ein Ausdruck von Geringsch\u00e4tzung.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Was ich bemerkenswert finde &#8211; seht den ersten Vers unseres Textes <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-8' id='fnref-2825-8' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>8<\/a><\/sup> an:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Wer sich auf endg\u00fcltige \u00dcberzeugungen versteift und sie als unumst\u00f6\u00dflich pr\u00e4sentiert, erkl\u00e4rt damit alle anderen Sichtweisen f\u00fcr unterlegen. <\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Dieser Text wurde Jahrhunderte vor der Zeit, in der Buddhisten von Hinayana und Mahayana zu sprechen begannen, geschrieben. Der Ausdruck, der hier f\u00fcr <em>unterlegen<\/em> gebraucht wird, ist <em>Hina<\/em> &#8211; dasselbe Wort. Es klingt eigenartig prophetisch, als ob der Autor sich genau der Fallen bewusst gewesen w\u00e4re, in die die Tradition wahrscheinlich tappen w\u00fcrde, als ob er verstanden h\u00e4tte, wie Menschenwesen sich zu verhalten pflegen. Hier haben wir den alten Text, der vor dem Gebrauch von Worten wie <em>Hina<\/em> warnt &#8211; und dann wird das ein Schl\u00fcsselwort der eigentlichen buddhistischen Tradition. Ich sehe das nicht als ein Beispiel daf\u00fcr, wie sich die Tradition entwickelt hat, sondern als Versagen beim Anerkennen der Urspr\u00fcnge dessen, was man zu vertreten beansprucht. Diese Texte sind in Vergessenheit geraten, vielleicht wurden sie unterdr\u00fcckt. Wir haben hier also nicht &#8222;Entwicklungen&#8220;, die die fr\u00fchen Texte verbessern oder verfeinern, sondern genau das tun, wovor die fr\u00fcheren Texte gewarnt haben.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Wir kehren zu der Passage aus der Sivaka-Sutta zur\u00fcck:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\">&#8230;E<em>s gibt Wanderm\u00f6nche und Priester, die die Ansicht vertreten, was immer ein Mensch erfahre, sei es erfreulich, schmerzhaft, oder neutral, w\u00e4re durch fr\u00fchere Taten verursacht.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Es sieht wie eine Sinnest\u00e4uschung aus, dass das in vielen buddhistischen Schulen heute die offizielle Position ist. Das hat man mich in meiner Ausbildung zum tibetischen M\u00f6nch gelehrt. Was immer ich f\u00fcr Erfahrungen mache: angenehm, unangenehm oder neutral, kommt von Handlungen in der Vergangenheit, w\u00e4hrend Umweltfaktoren etc. als akzidentiell betrachtet werden. Auch das ist ein Beispiel f\u00fcr eine fr\u00fche Lehre, die vollkommen in Vergessenheit geraten ist, und Buddhisten wiederholen genau das, was Buddha hier f\u00fcr falsch erkl\u00e4rt. Das macht diesen Text so problematisch: er steht in Widerspruch zu einem gro\u00dfen Teil der buddhistischen Orthodoxie. George Santayana, der spanisch-amerikanische Philosoph, hat gesagt: Wer nicht aus der Geschichte lernt, muss ihre Fehler wiederholen. Historisches Bewusstsein &#8211; das in der Entwicklung des traditionellen Buddhismus weitgehend gefehlt hat &#8211; stellt uns hier ein sehr wertvolles Werkzeug zur Verf\u00fcgung: diese fr\u00fchen Lehren wurden nicht nur vergessen, sondern bewusst als unterlegen verleumdet. Das, was als \u00fcberlegen angesehen wird, ist genau das, wovor Buddha gewarnt hat. Ein anderes gutes Beispiel hierf\u00fcr sind die Begriffe <strong><em>Endg\u00fcltigkeit<\/em><\/strong> und <strong><em>Wahrheit<\/em><\/strong>. In dem erw\u00e4hnten Gedicht und anderen aus dieser Phase werden diese Begriffe wiederholt mit gro\u00dfem Misstrauen behandelt. Menschen, die den Anspruch erheben, die Wahrheit zu vertreten, werden derselben Kategorie zugeordnet wie solche, die falsche Meinungen vertreten &#8211; das sei nur eine andere Variante von fixer Idee. In vielen sp\u00e4teren Traditionen &#8211; auch im Theravada <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-9' id='fnref-2825-9' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>9<\/a><\/sup>, nicht nur in Mahayana-Traditionen &#8211; wird Erleuchtung verstanden als: Einsicht in endg\u00fcltige Wahrheit zu gewinnen. In Kontrast dazu wird allt\u00e4gliche oder relative Wahrheit gesetzt.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Wie in aller Welt konnte das geschehen? <strong>Wie konnte eine Tradition, die voller Misstrauen endg\u00fcltigen Wahrheiten gegen\u00fcber war, sich dorthin entwickeln, dass ihr ganzes Denken darauf basiert, endg\u00fcltige Wahrheit allt\u00e4glicher Wahrheit gegen\u00fcber zu stellen?<\/strong><\/span> <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Bust_of_Menander.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-2867 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Bust_of_Menander-230x300.jpg\" alt=\"Bust_of_Menander\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Bust_of_Menander-230x300.jpg 230w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Bust_of_Menander-785x1024.jpg 785w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Bust_of_Menander-624x814.jpg 624w\" sizes=\"(max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a>Diese Unterscheidung zwischen endg\u00fcltiger und allt\u00e4glicher Wahrheit wurde zum ersten Mal in den <em>Fragen des K\u00f6nig Milinda<\/em> gemacht. Milinda ist die Pali-Form des griechischen Wortes Menander. Der indisch-griechische K\u00f6nig Menander lebte in Indien im 2. vorchristlichen Jahrhundert in der Nachfolge der Eroberungen von Alexander dem Gro\u00dfen. Er errichtete ein K\u00f6nigreich im Punjab, im heutigen Pakistan. In seiner Zeit war die Macht Griechenlands zur\u00fcckgegangen, die hellenistische Welt in Europa zerbrach und Rom stieg zur Gro\u00dfmacht auf. Die griechischen Kolonien wurden gewisserma\u00dfen f\u00fchrungslos, und als Teil dieses Prozesses wandten sich die Griechen, die an diesen Orten lebten, mit Fragen zu ihrer Identit\u00e4t und ihrem spirituellen und religi\u00f6sen Wohlergehen den regionalen Traditionen zu. Dieser K\u00f6nig Menander war sehr an Buddhismus interessiert. Ein Dialog zwischen ihm und dem buddhistischen M\u00f6nch Nagasena ist auf Pali erhalten. <a href=\"https:\/\/www.neoval.fr\/\">coque iphone<\/a> Und dort f\u00fchrt Nagasena den Gedanken von den zwei Wahrheiten ein &#8211; also etwa 200 Jahre nach Buddhas Lebenszeit. Im Pali-Kanon werden die Worte endg\u00fcltige Wahrheit und allt\u00e4gliche Wahrheit nirgends erw\u00e4hnt. Die Art, in Gegens\u00e4tzen zu denken: &#8222;ist&#8220; &#8211; &#8222;ist nicht&#8220;, &#8222;wahr&#8220; &#8211; &#8222;falsch&#8220;, &#8222;endg\u00fcltig&#8220;-&#8222;allt\u00e4glich&#8220; ist eine Falle, in die hier zum ersten Mal gegangen wird.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Nun, dass Nagasena diese Ausdr\u00fccke gebrauchte, erkl\u00e4rt noch nicht, warum sie so wichtig geworden sind. Es gibt m\u00f6glicherweise <strong>zwei Gr\u00fcnde<\/strong> daf\u00fcr: <strong>zum ersten<\/strong> war der Buddhismus, indem er das Modell der beiden Wahrheiten \u00fcbernahm, als Religion in Indien viel besser geeignet als vorher, und zwar wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem wachsenden Einfluss des Brahmanismus, heute Hinduismus genannt. In den Upanishaden <sup class='footnote'><a href='#fn-2825-10' id='fnref-2825-10' onclick='return fdfootnote_show(2825)'>10<\/a><\/sup> &#8211; auch wenn dort die Ausdr\u00fccke endg\u00fcltige und allt\u00e4gliche Wahrheit nicht gebraucht werden &#8211; ist viel die Rede von Brahma, der endg\u00fcltigen Wirklichkeit, von Gott, von der unteilbaren Einheit des Seins, und zwar manchmal im Zusammenhang mit g\u00f6ttlichem Bewusstsein, n\u00e4mlich der endg\u00fcltigen Wirklichkeit, von der wir entfremdet und abgeschnitten sind, weil wir von den Illusionen der Ausdifferenzierung und Vielfalt verf\u00fchrt worden sind. Als Buddhisten begannen, von zwei Wahrheiten zu sprechen, haben sie genau diese Art des Denkens \u00fcbernommen: Es gibt eine endg\u00fcltige Wahrheit, wir k\u00f6nnten sie Leere nennen, oder Geist &#8211; Buddhisten gebrauchen das Wort &#8222;Gott&#8220; eher nicht, aber sie f\u00fchrten zahlreiche Ersatzbegriffe ein: Nicht-Dualit\u00e4t usw. Jedenfalls wird dieser Erfahrung ein besonderer ontologischer Status zugesprochen, sie wird als wahrer und wirklicher angesehen als die Welt der Illusionen, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Da gibt es dann also eine Sprache &#8211; <em>endg\u00fcltige Wahrheit <\/em>vs<em>. allt\u00e4gliche Wahrheit &#8211;<\/em> die sehr gut zur normativen Art religi\u00f6sen Denkens passt.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Das ist m\u00f6glicherweise <strong>ein<\/strong> Grund f\u00fcr diese \u00c4nderung der Begriffe, durch die Buddhismus zu einer weiteren indischen Religion umgeformt wurde. Ich meine, es k\u00f6nnte noch einen <strong>anderen Grund<\/strong> geben, n\u00e4mlich: sobald ein gedankliches Modell von zwei Wahrheiten entwickelt ist, sind theoretische Grundlagen f\u00fcr eine Struktur von Autorit\u00e4t und Macht geschaffen. Es legitimiert bestimmte Leute &#8211; n\u00e4mlich die, die Zugang zu dieser endg\u00fcltigen Wahrheit gefunden haben, die Erleuchteten, im Gegensatz zu jenen, die wie wir in allt\u00e4glicher Wahrheit stecken geblieben sind und nicht wissen, worum es wirklich geht. Ich vermute, dass es zwischen der Entwicklung religi\u00f6sen Denkens und der Entwicklung machtvoller religi\u00f6ser Institutionen Parallelen gibt. Wer die Macht hat, ist zuf\u00e4llig auch der, der die Wahrheit kennt. Wer keine Macht hat, kennt die Wahrheit nicht und muss sich nach jenen richten, die Macht haben, um m\u00f6glicherweise Zugang zur Wahrheit zu erlangen. Das ist eine Situation, typischerweise vergleichbar mit dem Christentum vor der Reformation: der Priester oder die buddhistischen Lehrer sind die Vermittler, die die tiefe Wahrheit uns Durchschnittsgl\u00e4ubigen zug\u00e4nglich machen. Dieser Zugang erreicht im tibetischen Buddhismus seinen H\u00f6hepunkt. Ein Lama wird als Buddha betrachtet; an einem Lama kann es nichts Falsches geben, er lebt direkt und st\u00e4ndig in der endg\u00fcltigen Wirklichkeit von <em>shunyata<\/em>, der Leere, und wenn wir denselben Zustand erreichen wollen, m\u00fcssen wir uns der Autorit\u00e4t dieser Person unterwerfen. Ich glaube, die Entwicklung von Macht l\u00e4sst sich von der Entwicklung von Dogmen nicht trennen, die beiden gehen Hand in Hand.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Bemerkenswert an den fr\u00fchbuddhistischen Texten ist, dass sie keine ontologischen Theorien als Basis f\u00fcr hierarchische Macht anbieten, sondern ein v\u00f6llig egalit\u00e4res System. Die Sangha besteht aus M\u00f6nchen, Nonnen und m\u00e4nnlichen und weiblichen Laien.<\/span> <span style=\"color: #333333;\"><a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/inebkonf.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\" size-medium wp-image-2877 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/inebkonf-300x199.jpg\" alt=\"inebkonf\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/inebkonf-300x199.jpg 300w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/inebkonf.jpg 326w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Sie alle sind f\u00e4hig, Erwachen zu erreichen und die vier Aufgaben zu praktizieren. Buddha hat vor seinem Tod keinen Nachfolger bestimmt, sondern sagt anstatt dessen: der Dharma wird euer Lehrer sein. Er stellt sich eine Gemeinschaft vor, die von der Autorit\u00e4t einer nicht pers\u00f6nlichen Menge von Gesetzen gef\u00fchrt wird &#8211; <em>Dharma<\/em> bedeutet Gesetz, oder Prinzip, oder Wert, oder Praxis. Dieses Bild unterscheidet sich sehr davon, wie der Buddhismus sich als Institution entwickelt hat. In manchen Traditionen bedeutet<em> Sangha<\/em>: M\u00f6nche und Nonnen, aber das findet sich in den fr\u00fchen Texten nirgends. So wird die Gemeinschaft von einer professionellen Elite bestimmt. Haltet mich jetzt bitte nicht f\u00fcr einen Kritiker von M\u00f6nchen und Nonnen; viele bewundere ich sehr. Hier geht es um die allgemeinen historischen Strukturen.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Wenn wir uns also diesen fr\u00fchen Texten zuwenden, kommt es mir vor, dass wir Perspektiven kennenlernen, die der Buddhismus irgendwie vergessen, vielleicht auch unterdr\u00fcckt, vielleicht zu heikel gefunden hat, um damit umzugehen. Mir ist nat\u00fcrlich klar, dass jede religi\u00f6se Tradition, die in der Welt \u00fcberleben will, unvermeidlich Kompromisse machen muss. Daf\u00fcr brauchen wir nicht weit zu gehen: denkt an den Sohn eines Zimmermanns, der mit ein paar Freunden am See Genesareth lebte, und dann an den Vatikan. Das hei\u00dft nicht, dass da alles schief gelaufen ist, aber es zeigt, dass es hier einen fast unvermeidlichen Konflikt zwischen dem Gel\u00fcbde der Armut und dem Leben in einem goldenen Palast gibt. Ich halte Papst Franziskus und auch Ratzinger f\u00fcr gute Leute, aber sie sind in einem System gefangen, das es ihnen sehr schwer macht, viel zu bewirken. Institutionalisierung ist paradoxerweise eine enorme Einschr\u00e4nkung f\u00fcr alle Arten von Ver\u00e4nderung. Buddhismus ist in genau derselben Lage: er neigt zu Konservativismus und dem Festhalten an Macht und Autorit\u00e4t.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Was hei\u00dft das nun? Es k\u00f6nnte sein, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem wir einfach die ganze Geschichte der Traditionen mit ihren Doktrinen und Philosophien und Institutionen und Machtstrukturen beiseite stellen und komplett neu anfangen m\u00fcssen. Es gibt da die wichtige Frage, wie wir uns dabei organisieren, und auch, wie sehr wir bereit sind, Vieles los zu lassen, was Tradition uns gelehrt hat, und Elemente, die in Vergessenheit geraten sind, wiederherzustellen. Und mit diesen fr\u00fchen Texten, die mir so wichtig sind, geraten wir an etwas sehr Urspr\u00fcngliches. Eigenartig daran ist: je weiter man zur\u00fcckgeht, desto radikaler werden die Lehren. Und das bedeutet: es geht an die Wurzeln, aber auch im konventionellen Sinn von Provokation, Herausforderung und Verunsicherung. Da gibt es auch einen Aspekt, der mich ein wenig unangenehm ber\u00fchrt, ich zitiere den poetischen Text :<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>&#8230;er l\u00e4sst eine Posit<em>ion los, ohne eine andere einzunehmen. E<\/em>r ist nicht dadurch definiert, was er wei\u00df, und er schlie\u00dft sich auch nicht einer <\/em><em>Gruppe von <\/em><em>Sektierern an.<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Das ist nat\u00fcrlich die andere Versuchung, dass wir zu Rebellen werden, dass s\u00e4kularer Buddhismus eine Gruppe von Sektierern wird. Ich denke, bei der Entwicklung von Gemeinschaften des Dissens ist viel Vorsicht n\u00f6tig &#8211; wir werden nicht automatisch von der Denkweise derer befreit, deren Ansichten wir zur\u00fcckweisen. Das ist die Geschichte des Widerspruchs: wenn der Widersprechende erfolgreich ist, wird er zum n\u00e4chsten Establishment, und das l\u00f6st dann eine andere Art von Dissens aus&#8230;das ist m\u00f6glicherweise unvermeidlich in der Dialektik der Geschichte, wenn wir diesen \u00fcberholten Ausdruck noch gebrauchen k\u00f6nnen . <strong>Aber wie k\u00f6nnen wir leben, ohne eine Haltung einzunehmen?<\/strong> Das ist die Frage, zu der ich immer wieder zur\u00fcckkomme und f\u00fcr die ich keine fertige Antwort parat habe.<\/span> <span style=\"color: #333333;\">Wie h\u00f6ren wir solche poetischen Texte und wie setzen wir sie in die Praxis um? Sie selbst geben uns \u00fcberhaupt keine Anweisungen. Keine Meditationsanleitungen, keine Ratschl\u00e4ge, keine Moral, keine Ethik&#8230;Diese Begriffe kommen \u00fcberhaupt nur vor, wenn vor ihnen gewarnt wird:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Der Weise ist nicht verstrickt in Regeln, Einstellungen, Ideen&#8230;<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #333333;\">Das ist ziemlich verunsichernd, finde ich, es gibt nicht mehr viel, woran man sich festhalten kann. Aber genau das suchen wir: etwas zum Festhalten, einen sicheren Ort. Der Begriff Verlangen, der sich meist auf gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfiges Verlangen bezieht, bedeutet auch: Verlangen nach Standpunkten; die Sehnsucht nach etwas, woran man glauben kann, nach etwas, worauf man sich immer wieder als wahr beziehen kann. Buddhismus, zum Beispiel. Aber das scheint nicht der Weg zu sein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #333333;\">Ich denke, dass diese Texte mehr Poesie sind als didaktische Prosa. Sie wollen uns etwas zeigen, nicht etwas erz\u00e4hlen, w\u00e4hrend in der Entwicklung religi\u00f6ser Traditionen das Zeigen oft durch Erz\u00e4hlen ersetzt wird, mit anderen Worten: der Tradition von Kommentaren, die dir erz\u00e4hlen, was gemeint ist. Denkt an die fr\u00fchen Zen-Koans: sie sind wunderbare Beispiele des Zeigens: Lehrer und Sch\u00fcler tauschen etwas aus, und es wird etwas gezeigt. In Kommentaren geht es darum, die Deutungsmacht zu haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #333333;\">Was wir beim Lesen dieser Texte tun k\u00f6nnen, ist uns einfach in der radikalen Offenheit, die sich hier zeigt, <\/span><span style=\"color: #333333;\">niederzulassen<\/span><span style=\"color: #333333;\"> und uns gleichzeitig zu fragen, wie wir unter einer solchen Perspektive leben k\u00f6nnten &#8211; ein Leben ohne \u00dcberzeugungen. Ich lese den Text &#8211; \u00fcber den ich hier nicht viel gesagt habe &#8211; einfach noch einmal:<\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Wer sich auf endg\u00fcltige \u00dcberzeugungen versteift und sie als unumst\u00f6\u00dflich pr\u00e4sentiert, erkl\u00e4rt damit alle anderen Sichtweisen f\u00fcr unterlegen. Er hat das Debattieren nicht \u00fcberwunden und \u00fcbt es f\u00fcr seinen eigenen Vorteil. Unter diesem Aspekt h\u00e4lt er an Sichtweisen, Worten, Richtlinien und Ideen fest, und alles andere h\u00e4lt er f\u00fcr niedrig.<\/em> <em>Kenner sind der Meinung, dass er andere schlecht macht, weil er sich selbst gefesselt hat.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Ein Bettelm\u00f6nch verf\u00e4ngt sich nicht in Standpunkten, Worten, Ideen oder Richtlinien. Eine \u00dcberzeugung, die auf Wissen basiert, entwickelt er nicht. Weder beansprucht er, gleichwertig zu sein, noch h\u00e4lt er sich f\u00fcr \u00fcberlegen oder unterlegen. Er l\u00e4sst eine Posit<\/em><em>ion los, ohne eine andere einzunehmen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Er ist nicht dadurch definiert, was er wei\u00df, und er schlie\u00dft sich auch nicht einer <\/em><em>Gruppe von <\/em><em>Sektierern an. Er nimmt \u00fcberhaupt keinen Standpunkt ein. Er l\u00e4sst sich <\/em><em>nicht <\/em><em>mit Worten wie: &#8222;Es ist&#8220;, und &#8222;Es ist nicht&#8220;, oder &#8222;diese Welt&#8220; und &#8222;die n\u00e4chste Welt&#8220; <\/em><em>in blinde B\u00fcndnisse locken. Das Engagement, das Menschen <\/em><em>dazu <\/em><em>bringt, abzu<\/em><em>w\u00e4gen und an Lehren festzuhalten, fehlt ihm. In seiner Wahrnehmung von Sichtweisen, Worten und Ideen gibt es keine Spuren von Sicherung. Wer kann einen Priester beurteilen, der nicht an \u00dcberzeugungen festh\u00e4lt? Mit welchem Ma\u00dfstab k\u00f6nnte man ihn messen? <\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Er denkt sich nichts aus, und er schmeichelt nicht.<\/em> <em>Er hat keine Lehren \u00fcbernommen. Diesen Priester kannst du nicht an seinen Richtlinien erkennen. Er hat Rahmen gesprengt, ohne irgendetwas zu haben, worauf er zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnte. <\/em><\/span><\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-2825'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-2825-1'> s.: <a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/www.dharmaseed.org\/teacher\/169\/talk\/20098\/\">www.dharmaseed.org\/teacher\/169\/talk\/20098\/<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-2'> die Verse sind nach der \u00dcbersetzung Stephen Batchelors in Prosa aus dem Englischen \u00fcbertragen <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-3'> Pali-Kanon, Samyutta Nikaya 36.21 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-4'> aus Samyutta Nikaya 22 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-4'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-5'> Im englischen Original: prescriptive, not descriptive, E.G. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-5'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-6'> \u00fcber die inhaltlichen Unterschiede dieser beiden buddhistischen Schulen s. <a href=\"http:\/\/www.berzinarchives.com\/web\/en\/archives\/study\/comparison_buddhist_traditions\/theravada_hinayana_mahayana\/intro_comparison_hinayana_mahayana.html\">http:\/\/www.berzinarchives.com\/web\/en\/archives\/study\/comparison_buddhist_traditions\/theravada_hinayana_mahayana\/intro_comparison_hinayana_mahayana.html<\/a>, \u00fcber die die zeitliche Abfolge und regionale Verbreitung s.: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Timeline_of_Buddhism\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Timeline_of_Buddhism<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-6'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-7'> Im Mahayana-Buddhismus werden Bodhisattvas als nach h\u00f6chster Erkenntnis strebende Wesen angesehen, die <em>Buddhaschaft<\/em> anstreben bzw. in sich selbst realisieren, um sie zum Heil aller lebenden Wesen einzusetzen. E.G. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-7'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-8'> aus der Paramatthaka Sutta <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-8'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-9'> ein anderer Ausdruck f\u00fcr das pejorative &#8222;Hinayana&#8220; <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-9'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2825-10'> Sammlung philosophischer Texte des Hinduismus <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2825-10'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2013 hat sich Stephen Batchelor in vier Vortr\u00e4gen mit poetischen Texten aus dem Atthaka Vagga besch\u00e4ftigt. Das ist das &#8222;Kapitel der Acht&#8220; aus dem Sutta Nipata des Pali-Kanon, das Gedichte \u00fcber das Nicht-Anhaften enth\u00e4lt. In buddhistischer Tradition und auch nach Meinung von Fachleuten sind dies sehr fr\u00fche, teilweise radikale Reden des Buddha, deren &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2825\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWie man das Leben ohne \u00dcberzeugungen lebt <br \/> von Stephen Batchelor\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2825"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2825"}],"version-history":[{"count":42,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2825\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5258,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2825\/revisions\/5258"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2825"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2825"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2825"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}