{"id":2709,"date":"2014-06-22T10:37:09","date_gmt":"2014-06-22T08:37:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2709"},"modified":"2019-08-19T10:40:48","modified_gmt":"2019-08-19T08:40:48","slug":"wer-war-bloss-ikkyu-sojun","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2709","title":{"rendered":"Wer war blo\u00df Ikky\u00fb S\u00f4jun?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/index.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2712 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/index.jpeg\" alt=\"index\" width=\"206\" height=\"245\" \/><\/a><strong>Nur ein K\u00f4an ist wichtig &#8211; Du<\/strong>. Getreu diesem Satz- der traditionsbewusste Lehrer irritieren musste &#8211; hat der zen-buddhistische M\u00f6nch und K\u00fcnstler Ikky\u00fb S\u00f4jun <sup class='footnote'><a href='#fn-2709-1' id='fnref-2709-1' onclick='return fdfootnote_show(2709)'>1<\/a><\/sup> im 15. Jahrhundert u. Z. in Japan sein Leben gef\u00fchrt. Ikky\u00fb war der illegitime Sohn einer Hofdame, sein Vater war wahrscheinlich der Kaiser. Im Alter von f\u00fcnf Jahren kam er in ein Kloster der Rinzai-Schule und erhielt eine gute Ausbildung in chinesischer Sprache, Musik und anderen K\u00fcnsten. Schon als Jugendlicher machte er sich einen Namen als Dichter; gleichzeitig begann er, das in Konventionen erstarrte Leben der etablierten M\u00f6nche scharf zu kritisieren. In den Kl\u00f6stern wurde Politik im Sinne des herrschenden Shogun und seiner Aristokratie gemacht. Ikky\u00fb wandte sich lebenslang gegen kl\u00f6sterliche Scheinheiligkeit, Profitgier, Korruption und Vetternwirtschaft. Eine Praxis, die er scharf kritisierte, war der \u00f6ffentliche Verkauf von &#8222;Erleuchtungszertifikaten&#8220; (inka) durch M\u00f6nche gegen Protektion und Geld <sup class='footnote'><a href='#fn-2709-2' id='fnref-2709-2' onclick='return fdfootnote_show(2709)'>2<\/a><\/sup>. Ein paar Beispiele aus seinen Gedichten <sup class='footnote'><a href='#fn-2709-3' id='fnref-2709-3' onclick='return fdfootnote_show(2709)'>3<\/a><\/sup>:<\/p>\n<blockquote><p>Wer von Rinzais Sch\u00fclern schert sich um die wahre \u00dcberlieferung? In ihren Schulen ist kein Obdach f\u00fcr den blinden Esel <sup class='footnote'><a href='#fn-2709-4' id='fnref-2709-4' onclick='return fdfootnote_show(2709)'>4<\/a><\/sup>, der, unterwegs mit Stab und Strohsandalen, Wahrheit findet. Dort \u00fcbt man Zazen auf sicherem Boden, bequem zur\u00fcckgelehnt, f\u00fcr eigenen Gewinn.<\/p><\/blockquote>\n<p>und:<\/p>\n<blockquote><p>Jeden Tag studieren Priester ganz genau den Dharma und singen endlos die schwierigen Sutren. Doch zuvor sollten sie erstmal lernen, Liebesbriefe zu lesen, die Wind und Regen, Schnee und Mond schicken.<\/p><\/blockquote>\n<p>oder:<\/p>\n<blockquote><p>B\u00fccher, K\u00f4an und Zazen verfehlen das Herz, nicht aber die Ges\u00e4nge der Fischer. Regen wirft sich auf den Fluss. Ich singe mein Lied jenseits von alledem.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ikky\u00fb verlie\u00df den erhabenen Tempel in Kyoto mit sechzehn Jahren und praktizierte jahrelang in kleinen Kl\u00f6stern Meditation. Man sagt, er h\u00e4tte eines Nachts im Boot auf einem See beim Schrei einer Kr\u00e4he ein Erlebnis des Erwachens gehabt; die schriftliche Best\u00e4tigung seines Lehrers warf er ins Feuer. Er studierte und lehrte lebenslang den Dharma, wandte sich aber vehement dagegen, wie er aus (macht)politischen Motiven in der Klosterhierarchie entstellt und missbraucht wurde. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/02.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2741 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/02.jpg\" alt=\"02\" width=\"182\" height=\"300\" \/><\/a>Im Alter von dreiunddrei\u00dfig Jahren ging er auf Wanderschaft; er zog fast drei\u00dfig Jahre im Gebiet um Kyoto und Osaka durchs Land, freundete sich mit vielen Menschen aus allen Schichten an, die seinen Weg kreuzten und lehrte, wo es sich ergab. Er hatte Kontakt mit vielen K\u00fcnstlern seiner Zeit und war selbst nicht nur ein gefeierter Dichter, sondern auch Kalligraph und Fl\u00f6tenspieler, und einer der ersten Teezeremonien-Meister. Dabei war er auf weltliche Gen\u00fcsse aus und machte auch kein Geheimnis daraus:<\/p>\n<blockquote><p>&#8230;wenn ihr mich finden wollt sucht mich auf dem Fischmarkt, in der Trinkstube oder im Puff.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er brach Tabus, wo immer es ihm gefiel. In einer kalten Nacht soll er einmal in einem Tempel, wo er zu Gast war, eine h\u00f6lzerne Buddhastatue verbrannt haben, um sich zu w\u00e4rmen. Als sein Gastgeber ihm Vorw\u00fcrfe machte und sagte: Wie kann ein Gelehrter des Zen so l\u00e4sterlich handeln?, stocherte Ikky\u00fb in der Asche und erkl\u00e4rte, er suche nach Knochen. Auf die Frage, wie er darauf komme, erwiderte er: Nun, die Statue hatte keine Knochen, aber meine Knochen wollten letzte Nacht gew\u00e4rmt werden &#8211; so opferte ich den h\u00f6lzernen Buddha dem lebendigen. Am n\u00e4chsten Tag sa\u00df er betend vor einem Grenzstein und erkl\u00e4rte: Letzte Nacht war mir nach W\u00e4rme, jetzt ist mir nach Beten, und die Buddhafigur ist ja nicht mehr da. Ein andermal h\u00e4tte ihm beim Betteln ein reicher Mann nur eine wertlose M\u00fcnze gegeben. Ikky\u00fb sei in der formellen Robe eines Zen-Meisters wiedergekommen und zu einem \u00fcppigen Essen geladen worden. Da habe er die Robe abgelegt und sei mit der Bemerkung gegangen, das Essen w\u00e4re der Robe angeboten worden, nicht ihm. Ikky\u00fb feierte sinnliche Freuden, vor allem Sexualit\u00e4t:<\/p>\n<blockquote><p>Das Kr\u00e4chzen der Kr\u00e4he war schon in Ordnung. Doch eine Nacht mit einer lieben Dirne schenkte mir tiefere Weisheit als die Worte des Vogels.<\/p><\/blockquote>\n<p>Seinen Sch\u00fclern riet er oft, gem\u00e4\u00dfigter zu leben als er. Gleichzeitig zieht sich aber durch seine Gedichte als Leitmotiv das Bild vom &#8222;roten Band&#8220;: wir Menschen k\u00f6nnen Leidenschaft und Begehren nicht abstreifen, solange wir am Leben sind. Er erz\u00e4hlte gern die Geschichte von einer Frau, die viele Jahre lang einen frommen Einsiedler beherbergte und verpflegte. Eines Tages schickte sie ihre Magd mit dem Auftrag, sich auf seinen Scho\u00df zu setzen und ihn innig zu umarmen. Auf die Frage, was er dabei f\u00fchle, antwortete er: &#8222;Ein kahler Baum am kalten Fels, im Winter kennt er keine W\u00e4rme&#8220;. Als seine Wirtin das h\u00f6rte, sagte sie, g\u00e4nzlich unempfindlich k\u00f6nne sich nur ein Heuchler geben, oder ein Leichnam, beides wolle sie nicht verehren; und sie schickte ihn fort. Richtig erwischt hat es Ikky\u00fb im Alter von 77 Jahren. Da begann er eine leidenschaftliche Beziehung mit der S\u00e4ngerin Shin <sup class='footnote'><a href='#fn-2709-5' id='fnref-2709-5' onclick='return fdfootnote_show(2709)'>5<\/a><\/sup>, einer blinden Nonne, die vier Jahrzehnte j\u00fcnger war als er. Seine Gedichte an sie sind Meisterwerke erotischer Literatur <sup class='footnote'><a href='#fn-2709-6' id='fnref-2709-6' onclick='return fdfootnote_show(2709)'>6<\/a><\/sup>:<\/p>\n<blockquote><p>Shin singt frei jeder Eitelkeit im Pavillon &#8211; es ist Abend und es regnet Z\u00e4rtlichkeiten. Ich war wie ein alter Baum ohne Bl\u00e4tter, bis wir uns trafen. Nun sprie\u00dfen gr\u00fcne Knospen, und jetzt, wo ich dich habe, werde ich nie vergessen, was ich dir schulde. Shin, du bist alle B\u00e4ume des Fr\u00fchlings. Die Besucher sind fortgegangen, die Lieder versiegt &#8211; nichts, Stille.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Verse klingen, als w\u00e4re er selbst zur Ruhe gekommen. Aber Shin starb noch vor ihm. In seinen letzten Jahren k\u00fcmmerte er sich um die Opfer eines Krieges, der in der Region zehn Jahre lang gew\u00fctet hatte, und arbeitete am Wiederaufbau eines Haupttempels in Kyoto mit, zu dessen Abt er &#8211; trotz seines schlechten Rufs &#8211; noch bestellt wurde. Auch als alter Mann versuchte er nicht, sich mit Spekulationen \u00fcber ein k\u00fcnftiges Leben zu tr\u00f6sten:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn es am Ende unserer Reise gar keinen Ort zum Ausruhen gibt, dann m\u00fcssen wir uns auch nicht sorgen, den Weg zu verlieren. Bleiben etwa unsere Vergehen zur\u00fcck? Alle Vergehen, die wir in den drei Welten begangen haben, werden mit uns verschwinden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ikky\u00fb S\u00f4jun starb im Alter von 88 Jahren an einem hitzigen Fieber. <a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/der-alte-Ikkyu.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2744 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/der-alte-Ikkyu.jpg\" alt=\"der alte Ikkyu\" width=\"201\" height=\"187\" \/><\/a> Er war schon zu Lebzeiten so ber\u00fchmt wie umstritten, und seine Popularit\u00e4t in Japan h\u00e4lt bis heute an. Dazu hat besonders eine Manga-Serie des ber\u00fchmten K\u00fcnstlers Hisashi Sakaguchi aus den Jahren 1993 -1995 beigetragen <sup class='footnote'><a href='#fn-2709-7' id='fnref-2709-7' onclick='return fdfootnote_show(2709)'>7<\/a><\/sup>.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-2709'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-2709-1'> eine Kurzzusammenfassung \u00fcber sein Leben und Werk gibt es z.B. unter: <a href=\"http:\/\/buddhism.about.com\/od\/whoswhoinbuddhism\/fl\/Ikkyu-Sojun.htm\">http:\/\/buddhism.about.com\/od\/whoswhoinbuddhism\/fl\/Ikkyu-Sojun.htm<\/a>  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2709-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2709-2'> das erinnert stark an den Ablasshandel, der ungef\u00e4hr gleichzeitig im christlichen Europa grassierte und zu einem wichtigen Ansto\u00df f\u00fcr Martin Luthers Reformbestrebungen wurde  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2709-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2709-3'> Eine Auswahl ist unter dem Titel: <em>Ikky\u00fb S\u00f4jun &#8211; Gedichte von der verr\u00fcckten Wolke <\/em>im Angkor-Verlag 2007 erschienen <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2709-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2709-4'> so hat Ikky<em>\u00fb <\/em>sich selbst genannt  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2709-4'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2709-5'> nach anderen Quellen: Mori <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2709-5'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2709-6'> In der erw\u00e4hnten Sammlung gibt es viele Texte unverh\u00fcllt sexuellen Inhalts  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2709-6'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2709-7'> s.: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ikkyu_%28Manga%29\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ikkyu_%28Manga%29<\/a>. Die Mangas sind in vier Folgen in deutscher \u00dcbersetzung erh\u00e4ltlich: Ikky\u00fb, Bd. 1-4, Carlsen-Verlag 2008  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2709-7'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur ein K\u00f4an ist wichtig &#8211; Du. Getreu diesem Satz- der traditionsbewusste Lehrer irritieren musste &#8211; hat der zen-buddhistische M\u00f6nch und K\u00fcnstler Ikky\u00fb S\u00f4jun 1 im 15. Jahrhundert u. Z. in Japan sein Leben gef\u00fchrt. Ikky\u00fb war der illegitime Sohn einer Hofdame, sein Vater war wahrscheinlich der Kaiser. Im Alter von f\u00fcnf Jahren kam er &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=2709\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWer war blo\u00df Ikky\u00fb S\u00f4jun?\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"aside","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2709"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2709"}],"version-history":[{"count":38,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2709\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5278,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2709\/revisions\/5278"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2709"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}