{"id":1596,"date":"2013-06-29T14:27:39","date_gmt":"2013-06-29T12:27:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=1596"},"modified":"2019-08-19T16:02:25","modified_gmt":"2019-08-19T14:02:25","slug":"rechtes-bemuehen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=1596","title":{"rendered":"Rechtes Bem\u00fchen"},"content":{"rendered":"<p>Ein gutes Leben wollen wir f\u00fchren. Wie legen wir\u2032s an? Wir strengen uns an. Wir bem\u00fchen uns, freundlich zu unseren Mitmenschen zu sein, konzentriert bei der Arbeit, m\u00e4\u00dfig beim Essen und Trinken, diszipliniert bei der Meditation. Das geht eine Weile gut, bis immer wieder einmal der Faden rei\u00dft. (Warum und unter welchen Bedingungen rei\u00dft der eigentlich? Wir kommen darauf zur\u00fcck.) Wir kennen die Zust\u00e4nde von Unmut, Lustlosigkeit, Sich-Gehen-Lassen und Zerfahrenheit. Irgendwann, von Unzufriedenheit und vielleicht von Selbstvorw\u00fcrfen begleitet, versuchen wir es mit noch mehr Disziplin, und der Kreislauf beginnt von neuem. Buddhas Sch\u00fcler Sona, der in meditativer Abgeschiedenheit lebte, hatte &#8211; in seiner Welt &#8211; das gleiche Problem. Als sein Lehrer davon erfuhr, antwortete er darauf mit einem Gleichnis:<\/p>\n<style type=\"text\/css\"><!-- P { margin-bottom: 0.21cm; }A:link { } --><\/style>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><em>&#8230;Sag, Sona, du hattest dich doch wohl fr\u00fcher, als du noch im Hause lebtest, auf den Saitenklang im Lautenspiel verstanden?<\/em> <em> Ja, o Herr.<\/em> <em> Sag, Sona, wenn die Saiten deiner Laute zu straff gespannt waren, gab dann wohl deine Laute einen vollen Klang und war sie zu gebrauchen?<\/em> <em> Nein, o Herr.<\/em> <em> Wenn nun aber die Saiten deiner Laute zu lose gespannt waren, gab dann wohl deine Laute einen vollen Klang und war sie zu gebrauchen?<\/em> <em> Nein, o Herr.<\/em> <em> Wenn nun aber, Sona, die Saiten deiner Laute weder zu straff noch zu lose gespannt, sondern auf mittlere Tonh\u00f6he abgestimmt waren, gab dann wohl deine Laute einen vollen Klang und war sie zu gebrauchen?<\/em> <em> Ja, o Herr.<\/em> <em> Ebenso auch, Sona, f\u00fchrt allzu straffe Anspannung der Willenskraft zur Aufregung, allzu schlaffe Anspannung aber zur Tr\u00e4gheit. Darum, Sona, halte dich an ein Ebenma\u00df deiner Willenskraft, erwirb dir ein Ebenma\u00df deiner F\u00e4higkeiten und strebe dann nach dem Ziel&#8230;<\/em><sup class='footnote'><a href='#fn-1596-1' id='fnref-1596-1' onclick='return fdfootnote_show(1596)'>1<\/a><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/sitar-stimmen1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1629\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/sitar-stimmen1-300x226.jpg\" alt=\"sitar stimmen\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/sitar-stimmen1-300x226.jpg 300w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/sitar-stimmen1.jpg 478w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dieses Bild f\u00fcr den<em> Mittleren Weg<\/em> leuchtet ein, aber mir reicht es nicht aus. Wie kann ich das <em>Ebenma\u00df der Willenskraft<\/em> finden und beurteilen? Und dann: nicht jede Saitenspannung kann f\u00fcr jede Lebenssituation gleich gut geeignet sein. Wer in ein Fitnesscenter geht, \u00fcbt sich im Erreichen bestimmter Ziele. Er will Muskelmasse aufbauen, Fett abbauen usw., und er tut das durch diszipliniertes und routiniertes Wiederholen vorgegebener \u00dcbungen. Erw\u00fcnschte Resultate zu erlangen, bringt dann eine gewisse Befriedigung, und neue Ziele tauchen auf. Wer Feldenkrais-\u00dcbungen macht, versucht, jede einzelne Bewegung mit dem genau angemessenen Energieaufwand durchzuf\u00fchren, und dem bis in feine Details nachzusp\u00fcren. Ein Gradmesser f\u00fcr die Qualit\u00e4t der Praxis ist dabei die Freude daran. <sup class='footnote'><a href='#fn-1596-2' id='fnref-1596-2' onclick='return fdfootnote_show(1596)'>2<\/a><\/sup> Zwischen \u00e4hnlichen Varianten von <em>Willenskraft <\/em>bewegen wir uns immer wieder in unserem Leben und unserer Praxis. Stellen wir die ernsthafte Anstrengung in den Vordergrund, oder halten wir es mit Shantideva, der den Zustand rechten Bem\u00fchens mit dem eines Kindes vergleicht, das zum Spielen ins Freie geht, oder auch mit einem von der Mittagssonne gequ\u00e4lten Elefanten, der in einen k\u00fchlen, erfrischenden See eintaucht? <sup class='footnote'><a href='#fn-1596-3' id='fnref-1596-3' onclick='return fdfootnote_show(1596)'>3<\/a><\/sup> Unser menschliches Verhalten ist abh\u00e4ngig von den kulturellen Bedingungen, die uns umgeben. <sup class='footnote'><a href='#fn-1596-4' id='fnref-1596-4' onclick='return fdfootnote_show(1596)'>4<\/a><\/sup> Das gilt auch f\u00fcr Buddha, und es gilt auch zum Zeitpunkt seines Erwachens. Bis dahin hatte er viele Jahre in der Umgebung von Extrem-Asketen verbracht, f\u00fcr die es von entscheidender Bedeutung war, gerade nur so viel zu sich zu nehmen, dass sie nicht verhungerten: auf diese Weise meinten sie, alle irdischen Begierden hinter sich lassen zu k\u00f6nnen. In diesem f\u00fcr uns Heutige kaum vorstellbaren Umfeld zu erkennen, dass nur ein Mittlerer Weg zwischen Selbstkasteiung und Luxus heilsam sein k\u00f6nne, war ein echter Durchbruch. <sup class='footnote'><a href='#fn-1596-5' id='fnref-1596-5' onclick='return fdfootnote_show(1596)'>5<\/a><\/sup> Wie steht es denn mit unseren heutigen kulturellen Bedingungen bei der Suche nach dem rechten Bem\u00fchen, der angemessenen Spannung der Saiten? Zumindest die \u00c4lteren unter uns sind &#8211; explizit oder implizit &#8211; nachhaltig gepr\u00e4gt von christlichen Moralvorstellungen mit ihrer \u00dcberbetonung von Schuld und Strafe. Systematisch \u00fcbersch\u00e4tzen wir die Wirksamkeit von Disziplin und Selbstdisziplin und untersch\u00e4tzen, wie sehr die Entwicklung unserer positiven Seiten uns bereichern kann. Dass hier ein Bias besteht, k\u00f6nnten wir getrost im Auge behalten, und im Zweifelsfall Freundlichkeit mit uns selber pflegen. In der Geschichte der gro\u00dfen buddhistischen Traditionen finden wir \u00e4hnliche Muster wie im Christentum. Buddhas Lehren wurden in den Jahrhunderten nach seinem Tod in den religi\u00f6sen Institutionen patriarchal organisierter M\u00f6nchsorden tradiert; dort war &#8211; und ist teilweise noch &#8211; das Leben durch autorit\u00e4re Vorgaben streng normiert, harte asketische Arbeit an sich selbst ist ein Eckpfeiler der Regeln f\u00fcr den Alltag. Nun sind sich alle Weisheitstraditionen darin einig, dass es sinnvoll und wichtig f\u00fcr das innere Wachstum von Menschen sei, auf Dinge verzichten zu k\u00f6nnen, die Vergn\u00fcgen machen. Wenn wir nicht ge\u00fcbt haben, loszulassen, wird uns das fehlen, wenn wir es brauchen. Aber: wer das \u00fcbertreibt, l\u00e4uft Gefahr, sich mehr mit Askese zu besch\u00e4ftigen, als gut tut. Dann k\u00f6nnen Dinge wie die Freude an Wachstum durch Arbeit, Freundschaft und soziales Engagement in den Hintergrund geraten. <sup class='footnote'><a href='#fn-1596-6' id='fnref-1596-6' onclick='return fdfootnote_show(1596)'>6<\/a><\/sup> Entsagung ist ein relatives Konzept, wie Higgins feststellt. Ob wir f\u00fcr lange Zeit in schmerzhafter K\u00f6rperhaltung meditierend aushalten wollen, muss jede\/r f\u00fcr sich selbst entscheiden, und dies wird von den Umweltbedingungen mitbestimmt sein. Jahrhundertealte M\u00f6nchsregeln lassen sich hinterfragen, und neue, der Gegenwart von Laien im 21. Jahrhundert angemessene Leitlinien k\u00f6nnen sich anbieten, wie etwa solche \u00fcber den \u00fcberlegten und sparsamen Umgang mit Produkten moderner Technologie. Wir k\u00f6nnten uns im Einzelfall klar machen, was wir uns aus welchem Grund versagen wollen: Inaktivit\u00e4t, weil sie uns tr\u00e4ge macht, Unm\u00e4\u00dfigkeit im Essen und Trinken, weil sie uns abh\u00e4ngig werden l\u00e4sst, zorniges Reagieren, weil es uns von Menschen trennt. Dann l\u00f6st sich vielleicht der Gegensatz zwischen zu straffer oder zu loser Spannung der Saiten als ein Scheinproblem auf. So verstehe ich Buddhas Anregung im Sattipatth\u00e2na-Sutta <sup class='footnote'><a href='#fn-1596-7' id='fnref-1596-7' onclick='return fdfootnote_show(1596)'>7<\/a><\/sup>, wenn er von der rechten Achtsamkeit spricht, die der einzige Weg zum Schwinden von Schmerz, Tr\u00fcbsal und Klage sei: es geht darum, uns in jedem Moment bewusst zu machen, was soeben geschieht, was wir dabei empfinden und tun. Dann k\u00f6nnen wir vielleicht auch besser verstehen, unter welchen Bedingungen wir immer wieder mal gute Vors\u00e4tze ignorieren und die Z\u00fcgel schie\u00dfen lassen, und was uns hilft, zu dem, was wir f\u00fcr heilsam halten, zur\u00fcckzukehren. Achtsamkeit hilft, die Saiten so zu spannen, dass sie klingen.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-1596'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-1596-1'> Sona-Sutta, Pali-Kanon AN 6.55, dt. \u00dcbersetzung: <a href=\"http:\/\/vanaradari.blogspot.co.at\/p\/rechte-geschickte-anstrengung-der-noble.html\">http:\/\/vanaradari.blogspot.co.at\/p\/rechte-geschickte-anstrengung-der-noble.html<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1596-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-1596-2'> N\u00e4heres \u00fcber diese von Moshe Feldenkrais entwickelte Form differenzierter K\u00f6rper\u00fcbungen unter: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Feldenkrais-Methode\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Feldenkrais-Methode<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1596-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-1596-3'> s. Shantidevas Bodhicharyavatara: in S<span id=\"Entstehung_des_Bodhicharyavatara\" class=\"mw-headline\"><\/span>tephen Batchelors \u00dcbersetzung: A-Guide-to-the-Bodhisattvas-Way-of-Life, Abschnitt 7: Enthusiasm: <a href=\"http:\/\/server.dream-fusion.net\/jamchen\/files\/PDF%20Files\/19361420-A-Guide-to-the-Bodhisattvas-Way-of-Life.pdf\">http:\/\/server.dream-fusion.net\/jamchen\/files\/PDF%20Files\/19361420-A-Guide-to-the-Bodhisattvas-Way-of-Life.pdf<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1596-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-1596-4'> Mit diesem Thema besch\u00e4ftigt sich Winton Higgins ausf\u00fchrlich in seinem Artikel &#8222;Die Quellen von s\u00e4kularem Buddhismus&#8220; auf dieser Website. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1596-4'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-1596-5'> Dies analysiert Bhikku An\u00e2layo im Detail in seinem Werk: Der direkte Weg &#8211; Sattipatth\u00e2na, als PDF zug\u00e4nglich unter: <a href=\"http:\/\/www.buddhismuskunde.uni-hamburg.de\/fileadmin\/pdf\/analayo\/DirekteWeg.pdf\">http:\/\/www.buddhismuskunde.uni-hamburg.de\/fileadmin\/pdf\/analayo\/DirekteWeg.pdf,<\/a> S 47ff. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1596-5'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-1596-6'> Dar\u00fcber schreibt Winton Higgins ausf\u00fchrlich in dem unver\u00f6ffentlichten Text: Disrobing the Dharma: Practising and teaching it free of the male monastic norm, 2010 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1596-6'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-1596-7'> Lehrrede von den Grundlagen der Achtsamkeit, in deutscher \u00dcbersetzung:<a href=\" http:\/\/www.satinanda.de\/thema-01\/satipatthana-sutta.htm\"> http:\/\/www.satinanda.de\/thema-01\/satipatthana-sutta.htm<\/a> <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1596-7'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gutes Leben wollen wir f\u00fchren. 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