{"id":1222,"date":"2013-06-23T17:28:01","date_gmt":"2013-06-23T15:28:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=1222"},"modified":"2019-08-19T16:18:17","modified_gmt":"2019-08-19T14:18:17","slug":"den-schmerz-umarmenuber-joanna-macy-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?p=1222","title":{"rendered":"Den Schmerz umarmen<br \/>Joanna Macy I"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Joanna-Macy.jpeg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1228 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/Joanna-Macy.jpeg\" alt=\"Joanna Macy\" width=\"275\" height=\"183\" \/><\/a> Die US-Amerikanerin Joanna Macy geboren 1929, ist \u00d6ko-Philosophin und Buddhistin, Systemtheoretikerin und Aktivistin der Bewegung f\u00fcr Tiefen\u00f6kologie. Seit mehr als 40 Jahren schreibt und handelt sie in zahlreichen B\u00fcchern und Workshops f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und nachhaltige \u00d6kologie. Mehrere Jahre nach der Reaktorkatastrophe von 1986 in Tschernobyl leitete sie mit ihrem Ehemann und russischen Freunden einen Workshop in Nowosybkow, einer Stadt von 40.000 Einwohner unweit des Ungl\u00fccksortes, wo die Folgen des massiven Austritts von Radioaktivit\u00e4t bis heute massiv sind. Es gibt zahlreiche Fehlgeburten, Missbildungen bei S\u00e4uglingen und Krebsf\u00e4lle unter Erwachsenen und Kindern. In der Wohnung der Familie, bei der Joanna untergebracht war, war eine Zimmerwand mit der Fototapete eines dichten Waldes geschm\u00fcckt. Der Familienvater zeigte ihr seinen Geigerz\u00e4hler und erkl\u00e4rte, dass der Wald, der unmittelbar hinter dem Stadtgebiet l\u00e4ge, so kontaminiert sei, dass weder er selbst noch seine Enkelkinder ihn zu ihren Lebzeiten je betreten w\u00fcrden k\u00f6nnen. So m\u00fcssten sie sich mit der Tapete begn\u00fcgen. An dem Workshop nahmen 50 Menschen teil. Im Gegensatz zu Personen in weniger betroffenen Gebieten, die detailliert \u00fcber ihre chronische Ersch\u00f6pfung, die geh\u00e4uften Infektionen und die vielen Krebsf\u00e4lle erz\u00e4hlt hatten, schwiegen die Menschen in Nowosybkow \u00fcber das Elend, in dem sie den Rest ihres Lebens verbringen w\u00fcrden m\u00fcssen. Sie erz\u00e4hlten von ihrem Familienleben und teilten Erinnerungen aus den Jahren vor der Atomkatastrophe. Vom Horror des Jahres 1986 wollten sie nicht sprechen, bis es schlie\u00dflich doch aus ihnen heraus brach: der hei\u00dfe S\u00fcdwestwind in jenem furchtbaren Fr\u00fchling, die wei\u00dfe Asche, die vom klaren Himmel fiel, die Kinder, die darin spielten, der dichte Regen, der folgte, die Ger\u00fcchte, die Angst. Beim Erz\u00e4hlen flossen viele Tr\u00e4nen, gleichzeitig kam auch die Frage an Joanna und ihre Freunde: warum tut ihr uns das an, wenn ihr uns nicht befreien k\u00f6nnt von dem, was hier immer noch geschieht? Joanna, selbst betroffen und ratlos, antwortete mit der Schilderung des nach dem Krieg zerst\u00f6rten Deutschland, als die Menschen alles darangesetzt h\u00e4tten, das Land so schnell wie m\u00f6glich wieder aufzubauen und ihren Kindern das Leid zu ersparen, das sie erlebt hatten. Sie h\u00e4tten ihnen im Wirtschaftswunderland alles f\u00fcr ein Leben in Wohlstand und Sicherheit geboten, aber eines h\u00e4tten sie ihnen vorenthalten: ihren Schmerz. Das h\u00e4tten ihnen die Kinder nicht verziehen. MIt dieser Erz\u00e4hlung ber\u00fchrte sie die Menschen in Nowosybkow; einige sprachen davon, dass es jetzt zwar erneut weh t\u00e4te, aber dass sich das richtig anf\u00fchle, und sie h\u00f6rten ihr zu, als sie von Gruppen und Initiativen auf der ganzen Welt sprach, die sich daf\u00fcr einsetzten, dass derartige Katastrophen sich nicht wieder ereigneten. Denen wollte sie von ihnen &#8211; mit denen sie sich jetzt eng verbunden f\u00fchlte &#8211; erz\u00e4hlen. Das hat sie auch getan. <sup class='footnote'><a href='#fn-1222-1' id='fnref-1222-1' onclick='return fdfootnote_show(1222)'>1<\/a><\/sup> In einem anderen Zusammenhang sagt Joanna Macy: Es herrscht riesige Angst, und das ist keine individuelle Angelegenheit. Wir sind in der Seele krank. Wir haben Schmerz pathologisiert, wir haben ihn zu etwas Falschem gemacht, zu einem Fehler, anstatt zur Kenntnis zu nehmen, dass wir Schmerz n\u00f6tig haben, um uns wach zu machen f\u00fcr das, was Aufmerksamkeit braucht. Aber wir behandeln ihn wie einen Feind&#8230; Es gibt Schmerz. Und wenn du irgendwo hinkommen willst, meine Liebe, wenn du wachsen, wenn du dein Leben \u00f6ffnen willst, wenn du erleuchtet werden willst oder wie immer du den Zustand beschreibst, den du suchst, musst du dich dem stellen. Wie in dem Gedicht von Mary Oliver:<em> Erz\u00e4hl mir von deiner Verzweiflung, und ich erz\u00e4hl dir von meiner.<\/em> Das erlaubt der Welt, lebendiger zu werden &#8211; wenn wir den Mut und die St\u00e4rke haben, von unserer Verzweiflung zu sprechen. Wenn wir dar\u00fcber reden, bleiben wir nicht darin stecken. Verzweiflung ist die H\u00fclle um unsere Liebe zur Welt, und wenn wir dar\u00fcber sprechen, brechen wir sie auf, sodass die Liebe handeln kann. Der Schl\u00fcssel liegt darin, keine Angst zu haben vor unserem Schmerz und vor dem Leiden in der Welt. Und wenn du keine Angst davor hast, kann nichts dich aufhalten.<\/p>\n<div class='footnotes' id='footnotes-1222'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-1222-1'> die Geschichte entstammt dem Buch: Macy, Joanna und Gahbler, Norbert: Pass it on. Five Stories that can change the world, Berkeley 2010 <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1222-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die US-Amerikanerin Joanna Macy geboren 1929, ist \u00d6ko-Philosophin und Buddhistin, Systemtheoretikerin und Aktivistin der Bewegung f\u00fcr Tiefen\u00f6kologie. Seit mehr als 40 Jahren schreibt und handelt sie in zahlreichen B\u00fcchern und Workshops f\u00fcr Frieden, Gerechtigkeit und nachhaltige \u00d6kologie. 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