{"id":3813,"date":"2016-02-01T09:20:25","date_gmt":"2016-02-01T08:20:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?page_id=3813"},"modified":"2016-02-01T10:10:17","modified_gmt":"2016-02-01T09:10:17","slug":"der-direkte-weg-einfuehrung-in-die-sattipatthana-sutta-von-winton-higgins","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?page_id=3813","title":{"rendered":"Der direkte Weg &#8211; Einf\u00fchrung in die Sattipatthana-Sutta <\/br> von Winton Higgins"},"content":{"rendered":"<p>Diese Lehrrede \u00fcber die Achtsamkeit wird als ein grundlegender Text f\u00fcr die Praxis der Meditation angesehen. Der australische Dharma-Lehrer Winton Higgins hat sich intensiv damit auseinandergesetzt <sup class='footnote'><a href='#fn-3813-1' id='fnref-3813-1' onclick='return fdfootnote_show(3813)'>1<\/a><\/sup>:<\/p>\n<blockquote><p>Vor Jahren besuchte ich den Vortrags eines hochrangigen Theravada-M\u00f6nchs. Da sa\u00df er mit gekreuzten Beinen in seiner Robe, sein Haar und seine Augenbrauen ordnungsgem\u00e4\u00df rasiert, und erkl\u00e4rte: &#8218;Ich bin kein Buddhist. Auch andere Kennzeichnungen passen nicht f\u00fcr mich. Ich bin nur einer, der die Satipattana Sutta studiert und praktiziert.&#8216;<\/p>\n<p>Ich hatte einiges an Sympathie f\u00fcr diese Einstellung. Aber die Sutta komprimiert wesentliche Punkte des Dharma und spielt auf sie an, einschlie\u00dflich der meisten der klassischen Listen, und f\u00fcgt noch drei weitere hinzu. Wenn sich also dein Leben um diese Sutta dreht, stehst du wohl in einer vertrauten Beziehung zur Lehre des Buddha.<\/p>\n<p>Wenn wir annehmen, dass der Buddha diese Lehre in einer einzigen Sitzung verk\u00fcndet hat, dann\u00a0 hat er das sp\u00e4t in seiner Laufbahn getan. Sie st\u00fctzt sich auf seine lange Erfahrung als Praktizierender und als Lehrer. Seine Lehren sind hier verdichtet und f\u00fcr den Gebrauch in der Meditation operationalisiert. Vielleicht war auch er kein Buddhist &#8211; diese Bezeichnung wurde schlie\u00dflich erst vor 200 Jahren erfunden. Gro\u00dfe Erneuerer sehen sich oft vor der Notwendigkeit, die minderwertige Orthodoxie zu verleugnen, die ihre Nachfolger aus ihren Gedanken destilliert haben. Karl Marx zum Beispiel sagte ausdr\u00fccklich, er sei kein Marxist.<\/p>\n<p>Ein kurzer Blick in die Sutta:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3817\" rel=\"attachment wp-att-3817\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3817 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/winton_higgins-210x300.png\" alt=\"winton_higgins\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/winton_higgins-210x300.png 210w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/winton_higgins.png 234w\" sizes=\"(max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Die wichtigste und bekannteste der erw\u00e4hnten neuen Listen legt die vier Schwerpunkte von Bewusstheit fest, \u00fcblicherweise bekannt als die vier Grundlagen der Achtsamkeit:<\/p>\n<ul>\n<li>K\u00f6rpererfahrungen &#8211; ausgehend von unserer unausweichlichen Natur als k\u00f6rperliche Wesen<\/li>\n<li>Gef\u00fchlst\u00f6nungen, die mit jeder Sinneswahrnehmung entstehen<\/li>\n<li>Geisteszust\u00e4nde &#8211; Stimmungen und Emotionen; und schlie\u00dflich<\/li>\n<li>&#8218;dhammas&#8216; &#8211; Ph\u00e4nomene, kognitive Inhalte des Geistes<\/li>\n<\/ul>\n<p>In dieser vierten Grundlage der Achtsamkeit fasst der Buddha seine wesentlichen Lehren zusammen, von den &#8222;f\u00fcnf Hindernissen&#8220; bis zu dem, was manche s\u00e4kulare Buddhistinnen und Buddhisten &#8222;die vier Aufgaben&#8220; oder die &#8222;vierfache Aufgabe&#8220; (auch bekannt als &#8222;die vier edlen Wahrheiten&#8220;) nennen.<\/p>\n<p>Allgemein bietet uns die Sutta die Wahl, welchen dieser Schwerpunkte (oder Unter-Schwerpunkte oder Unter-Unterschwerpunkte) wir beim Sitzen oder w\u00e4hrend eines Teils des Sitzens herausgreifen wollen, oder ob wir f\u00fcr alle vier auf einmal offen sein wollen. Und der Rat ist nicht auf formale Meditation beschr\u00e4nkt &#8211; er ist etwas, was wir in unser Alltagsleben mitnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die erste der weniger bekannten Listen ist die der vier geistigen Qualit\u00e4ten, die wir kultivieren und in unsere Achtsamkeitspraxis einbauen sollen:<\/p>\n<ul>\n<li>Sorgfalt<\/li>\n<li>klares Wissen<\/li>\n<li>Freisein von weltlichem Verlangen und Unzufriedenheit<\/li>\n<li>Achtsamkeit<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese geistigen Qualit\u00e4ten werden gest\u00e4rkt, wenn wir in der Praxis voranschreiten.<\/p>\n<p>Die dritte neue Liste liegt in den wiederkehrenden &#8218;Refrains&#8216;\u00a0 nach der Einf\u00fchrung eines jeden Schwerpunkts der Achtsamkeit. Hier hebt die Sutta hervor:<\/p>\n<ul>\n<li>die Wahl zwischen dem innerlichen oder \u00e4u\u00dferlichen Betrachten von Erfahrung, oder beidem<\/li>\n<li>Beobachtung des Entstehens und Vergehens (d.h., der Unbest\u00e4ndigkeit) der Elemente der Erfahrung, oder einfach<\/li>\n<li>das Beobachten der Existenz des Wahrnehmungsfeldes, um das es geht, um so &#8218;blo\u00dfes Wissen&#8216; und &#8218;best\u00e4ndige Aufmerksamkeit&#8216; zu unterst\u00fctzen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Insgesamt bietet uns die Sutta eine Menge an Wahlm\u00f6glichkeiten, wohin wir unsere Praxis zu jedem einzelnen Zeitpunkt entwickeln k\u00f6nnen. Das Sortiment an Wahlm\u00f6glichkeiten wird durch die zahlreichen \u00dcbungen, die unter jedem der vier Schwerpunkte zusammengefasst sind, noch deutlich vergr\u00f6\u00dfert. Die Betonung von &#8218;Wahl&#8216; im Prozess der Meditation (bei v\u00f6lliger Abwesenheit formelhafter Vorschriften) k\u00f6nnte uns ein Gef\u00fchl daf\u00fcr vermitteln, dass wohl\u00fcberlegter und kreativer Fortschritt ins Herz der Praxis f\u00fchrt, die f\u00fcr autonome, sich selbst steuernde Praktizierende gedacht ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Sutta stellt uns also nicht eine Wegskizze f\u00fcr eine Reise von A nach B entlang eines einzigen ausgetretenen Pfades zur Verf\u00fcgung. Anstatt dessen bietet sie eine sehr detaillierte Karte einer ganzen inneren Topographie, die wir entlang einer Unzahl von Alternativrouten erkunden k\u00f6nnen. Wir k\u00f6nnen der Nase nachgehen, oder bestimmte Bereiche anderen vorziehen.<a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?attachment_id=3821\" rel=\"attachment wp-att-3821\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3821 alignright\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Landkarte-300x213.jpg\" alt=\"Landkarte\" width=\"300\" height=\"213\" srcset=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Landkarte-300x213.jpg 300w, http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Landkarte.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<\/blockquote>\n<blockquote><p>Die Karte ist da, um uns bei der Orientierung in unserer komplexen inneren Welt zu helfen und die beste Auswahl zu treffen bei unserer Bem\u00fchung um die Praxis der alten transkulturellen Weisheit &#8218;uns selbst zu erkennen&#8216;.<\/p>\n<p>Pragmatismus im philosophischen Sinn und nicht Metaphysik steht hinter der Kartographie. Dieser und die Wahlm\u00f6glichkeiten sind hilfreich und weisen nicht auf irgendeine Art h\u00f6chster Wirklichkeit. Diese Betonung der N\u00fctzlichkeit f\u00e4rbt wiederum die Wahl der vier Schwerpunkte der Achtsamkeit. Sie weisen auch nicht auf irgendeine Art absoluter Realit\u00e4t hin, sondern dienen eher einem Zweck, als dass sie Offenbarungen bieten.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, in welchem Ausma\u00df die Sutta nach dem Todes des Buddha vervielf\u00e4ltigt und verf\u00e4lscht worden ist &#8211; w\u00e4hrend der ca. 400 Jahre, in denen der Text des Palikanon noch im Flu\u00df war, und zwar f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil dieser Zeit in m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung. Aber wir k\u00f6nnen festhalten, dass die Sutta &#8211; in ihrer jetzigen Form &#8211; implizit zwei divergierende Zug\u00e4nge vorschl\u00e4gt:<\/p>\n<ul>\n<li>die Erkundung und Vertiefung unserer subjektiven Erfahrung &#8211; mit offenem Ende<\/li>\n<li>das Erreichen einer Art Endzustand von &#8218;Erkenntnis&#8217;\/&#8217;endg\u00fcltigem Wissen&#8216;, verstanden als Erl\u00f6sung oder Befreiung, durch die die &#8218;conditio humana&#8216; transzendiert wird.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn wir diesen zweiten Zugang folgten, w\u00fcrden wir die gro\u00dfe Landkarte, die die Sutta entfaltet, auf eine Wegskizze reduzieren, die uns entlang einer ausgetretenen Spur zu einer konkreten Ziellinie f\u00fchrt. Wir w\u00fcrden sie in ergebnisorientierter Weise gebrauchen.<\/p>\n<p>Sehr schematisch gesprochen, sind die im buddhistischen Klerus entwickelten Zug\u00e4nge zur Vipassanameditation, die wir von Burma, Thailand und Sri Lanka geerbt haben, diesem zweiten Verst\u00e4ndnis gefolgt und haben es den grundlegenden Theravadakommentaren &#8211; dem Abidhamma und dem Visuddhimagga &#8211; erm\u00f6glicht, der Sutta selbst die Schau zu stehlen.<\/p>\n<p>Das hat die Praxis technisch und formelhaft gemacht. So wird die urspr\u00fcngliche Karte zu einer Wegskizze, wobei einer gro\u00dfer Teil unserer tats\u00e4chlichen Erfahrung in der Meditation als &#8218;Nicht-Meditation&#8216;, als Nebenprodukt, abgeschrieben wird.<\/p>\n<p>Zweifellos haben diese Praktiken ihrem urspr\u00fcnglichen Zweck gut gedient: z\u00f6libat\u00e4re M\u00e4nner, beschr\u00e4nkt durch totale hierarchische Institutionen, auszubilden. Aber f\u00fcr moderne Frauen und M\u00e4nner, die weit komplexere Leben f\u00fchren, m\u00f6gen sie weniger zweckentsprechend sein. Und wenn Meditation auf die Entwicklung einer Technik beschr\u00e4nkt ist, werden viele sich mit einem Gef\u00fchl des Scheiterns abwenden.<\/p>\n<p>Die Alternative ist, das ganze Gebiet, das die Sutta kartiert, neu zu besetzen. Alles, was wir erfahren, wenn wir uns mit einem nicht formelhaften Zugang zur Meditation niedersetzen, oder was wir im Alltag erleben, wird dann relevant, Teil unserer meditativen Erfahrung. Diese Art der Meditation l\u00e4sst die Zielgerichtetheit hinter sich und konzentriert sich statt dessen auf den Prozess, was seinen Lohn in sich tr\u00e4gt.<\/p><\/blockquote>\n<div class='footnotes' id='footnotes-3813'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-3813-1'> Der hier gek\u00fcrzt ins Deutsche \u00fcbertragene Text seines Vortrags vom November 2015 wurde erstmals auf unserer neuseel\u00e4ndischen Schwester-Website\u00a0 <a href=\"http:\/\/secularbuddhism.org.nz\">http:\/\/secularbuddhism.org.nz <\/a>ver\u00f6ffentlicht. Dem Abdruck in deutscher Sprache hat Winton zugestimmt. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-3813-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Lehrrede \u00fcber die Achtsamkeit wird als ein grundlegender Text f\u00fcr die Praxis der Meditation angesehen. Der australische Dharma-Lehrer Winton Higgins hat sich intensiv damit auseinandergesetzt 1: Vor Jahren besuchte ich den Vortrags eines hochrangigen Theravada-M\u00f6nchs. 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