{"id":30,"date":"2012-08-08T12:28:03","date_gmt":"2012-08-08T10:28:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?page_id=30"},"modified":"2013-07-29T10:06:03","modified_gmt":"2013-07-29T08:06:03","slug":"sakularer-buddhismus","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?page_id=30","title":{"rendered":"Was ist s\u00e4kularer Buddhismus?"},"content":{"rendered":"<p>S\u00e4kularer Buddhismus\u00a0versucht eine radikale Neuinterpretation der \u00fcberlieferten Lehren Buddhas in der und f\u00fcr die heutige s\u00e4kulare Gesellschaft. Radikal insofern, dass nicht einfach eine oder mehrere der bestehenden buddhistischen Schulen mit all ihren Traditionen in ein moderneres Gewand gekleidet werden, sondern dass die vermutlich zentralen und origin\u00e4ren Ideen des historischen Buddha mittels kritischer Analyse der althergebrachten Texte und der historischen Zusammenh\u00e4nge herausgearbeitet werden. Im Kontext zeitgen\u00f6ssischer philosophischer und wissenschaftlicher Erkenntnisse werden diese Ideen neu interpretiert, mit dem Ziel der Formulierung einer Praxis-Anleitung f\u00fcr ein gelungenes Leben in der heutigen Zeit.<\/p>\n<h2>Warum s\u00e4kular?<\/h2>\n<p>\u201cS\u00e4kular\u201d wird\u00a0 hier bewusst in der Mehrdeutigkeit des Wortes verwendet: (1) in der Alltagssprache steht \u201es\u00e4kular\u201c im Allgemeinen im Gegensatz zu \u201ereligi\u00f6s\u201c, das h\u00e4ufig als \u201edogmatisch\u201c oder \u201eim (vermeintlichen) Besitz ewiger Wahrheiten\u201c verstanden wird. Ein s\u00e4kularer Ansatz beansprucht hingegen keine absolute Wahrheit, sondern sucht pragmatisch nach Wegen, einem bestimmten Ziel n\u00e4her zu kommen. Dabei geht es nicht um wahr oder falsch, sondern ob etwas funktioniert oder nicht. (2) im Sinne des lateinischen Ursprungs des Wortes bedeutet \u201es\u00e4kular\u201c \u201eauf dieses Zeitalter\/Jahrhundert bzw. diese Generation bezogen\u201c. \u201eS\u00e4kular\u201c bezieht sich damit auf <i>diese<\/i> (soll auch hei\u00dfen: <i>diesseitige<\/i>) Welt, d.h. auf alles was mit der Qualit\u00e4t unserer pers\u00f6nlichen und sozialen Erfahrung des Lebens auf der Erde zu tun hat. Gleicherma\u00dfen bedeutet es aber auch, jede und jeden als Kind ihrer und seiner Zeit zu betrachten, auch Buddha selbst. (3) in einem historisch-gesellschaftlichen Sinn meint \u201eS\u00e4kularisierung\u201c auch den \u00dcbergang von kirchlicher und sonstiger religi\u00f6s-institutioneller Autorit\u00e4t an staatliche und andere weltliche Einrichtungen. Dieser Prozess, der vor zwei- bis dreihundert Jahren begonnen hat, ver\u00e4ndert langsam aber stetig unsere Kultur, indem der religi\u00f6se Bereich mehr und mehr zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wird, bis schlie\u00dflich die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ihr ganzes Leben fast ohne Gedanken an institutionelle Religion leben kann und will.<\/p>\n<p>Wenn man zu den \u00e4ltesten vorhandenen Quellen zur\u00fcckgeht, zeigen sich bei Buddha Charakteristika von S\u00e4kularisierung in allen diesen drei Bedeutungen, auch wenn damals dieser Begriff nicht existierte: Er rebellierte gegen das religi\u00f6se Establishment seiner Zeit, die Brahmanen, lehnte deren privilegierte Vermittlerrolle zur Wahrheit und jegliche Spekulation \u00fcber die Welt jenseits der unmittelbaren Erfahrbarkeit kategorisch ab, und wandte sich vielmehr, wie an vielen Stellen dokumentiert, ganz pragmatisch den allt\u00e4glichen, diesseitigen Problemen der Menschen zu.<\/p>\n<h2>\u00a0Warum Buddhismus?<\/h2>\n<p>Dennoch hat sich nach Buddhas Tod die von ihm angesto\u00dfene Bewegung schon sehr bald wieder in religi\u00f6sen Hierarchien mit ihren jeweiligen Dogmen verfestigt. Diesen ist zweifelslos zu verdanken, dass wir heute \u00fcberhaupt noch etwas von Buddha wissen. Andererseits haben sich im Lauf der Jahrhunderte um den Kern von Buddhas Lehre herum aber auch viele Buddhismen entwickelt, die jeweils bestimmte Aspekte herausgegriffen und betont und andere in den Hintergrund gedr\u00e4ngt oder \u00fcberhaupt \u00fcber Bord geworfen haben. Diese Entwicklungen sind sehr stark von ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld gepr\u00e4gt worden, haben meist bereits vorhandene regionale religi\u00f6se Traditionen \u00fcbernommen und sich philosophisch auch wieder mehr mit spekulativen Fragen auseinandergesetzt. Und obwohl es in der Geschichte immer wieder einzelne Ausnahmen (wie Nagarjuna, Candrakirti, Milarepa oder Bodhidharma) gegeben hat, sind die heute noch lebendigen Buddhismen im Allgemeinen religi\u00f6s gepr\u00e4gt. Einem s\u00e4kularen Buddhismus geht es um den Versuch, einen s\u00e4kularen Kern von Buddhas Lehre herauszusch\u00e4len.<\/p>\n<p>Der Ansatz daf\u00fcr ist aber nicht die modernistische Neugestaltung einer traditionellen Form des asiatischen Buddhismus. Es ist weder ein reformierter Theravada-Buddhismus (wie die Vipassana-Bewegung), noch eine reformierte tibetische Tradition (wie Shambala-Buddhismus), noch eine reformierte Nichiren-Schule (wie Soka Gakkai), noch eine reformierte Zen-Linie (wie der Intersein-Orden), noch eine Mischung aus allen oder einigen von diesen (wie der Triratna-Orden). Der Ansatz ist radikaler als das: Er versucht, zum Ausgangspunkt der buddhistischen Tradition zur\u00fcckzukehren und Buddhismus mit dem heutigen Wissen von Grund auf neu zu denken.<\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, ob man diesen Prozess dann \u00fcberhaupt noch mit dem Etikett \u201eBuddhismus\u201c versehen kann und soll. Dagegen spricht, dass die im allgemeinen Verst\u00e4ndnis doch eher religi\u00f6se Konnotation des Begriffs \u201eBuddhismus\u201c s\u00e4kular orientierte Personen von vornherein abschrecken k\u00f6nnte, sich \u00fcberhaupt mit diesen Gedanken n\u00e4her zu besch\u00e4ftigen. Dagegen spricht auch, dass stark in den Traditionen verwurzelte Buddhisten zu Diskussionen \u00fcber den \u201ewahren\u201c Buddhismus provoziert werden k\u00f6nnten, die viel Energie binden und trotzdem nicht fruchtbringend sind. Andererseits l\u00e4sst sich Buddhas Lehre nicht leicht in einem einzigen Begriff fassen, der sowohl passend als auch einigerma\u00dfen handlich w\u00e4re, sodass eine Bezeichnung nach dem Urheber der Lehren doch als am Ehesten angebracht erscheint.<\/p>\n<h2>Was behalten, was weglassen?<\/h2>\n<p>Dass Siddhattha Gotama, der sp\u00e4ter der Buddha genannt wurde, tats\u00e4chlich gelebt hat, kann man als historisch einigerma\u00dfen gesichert annehmen. Was er gelehrt hat, wurde schon einige Monate nach seinem Tod in einem ersten Konzil und 60 bis 100 Jahre sp\u00e4ter in einem zweiten in einer kanonischen Sammlung von Lehrreden und Regeln f\u00fcr die Gemeinschaft erfasst, memoriert und m\u00fcndlich \u00fcbertragen. Die erste schriftliche Aufzeichnung entstand rund um die Zeitenwende, also etwa 400 Jahre nach Buddhas Tod, in einer Sprache namens Pali. Im Gegensatz zur Gelehrtensprache Sanskrit (\u00e4hnlich dem Latein im mittelalterlichen Europa) war Pali n\u00e4her an den Umgangssprachen, die zu Buddhas Zeiten gesprochen wurden. Jedenfalls ist aber der nach dieser Sprache benannte Pali-Kanon die \u00e4lteste verf\u00fcgbare Quelle und damit der Ausgangspunkt der Betrachtungen f\u00fcr einen s\u00e4kularen Buddhismus.<\/p>\n<p>Die verschiedenen buddhistischen Traditionen, die sich schon ab dem zweiten Konzil aufgrund abweichender Interpretationen der Texte gebildet haben, haben sich im Lauf ihrer Geschichte mehr und mehr vom Pali-Kanon entfernt, indem sie nur noch mehr oder weniger kleine Teile \u00fcberhaupt in ihren jeweiligen Kanon \u00fcbernommen haben, daf\u00fcr aber neuere Texte und Interpretationen aufgenommen und st\u00e4rker betont haben, die oft wieder stark hinduistische Z\u00fcge zeigen. Diese Texte sind daher nicht im Fokus des s\u00e4kularen Buddhismus.<\/p>\n<p>Und auch schon bis zur ersten Niederschrift des Pali-Kanons sind einige Stellen eingef\u00fcgt worden, die wahrscheinlich in den urspr\u00fcnglichen Versionen so nicht enthalten waren, wie die \u00dcberh\u00f6hung der Person Buddhas oder spekulative Beschreibungen. Als zus\u00e4tzliche Schwierigkeit kommt hinzu, dass Buddha gerne gel\u00e4ufige brahmanische Begriffe verwendet hat, manchmal um sich dar\u00fcber lustig zu machen, aber oft auch, um ihnen eine ganz andere Bedeutung zu geben. Die gerade erst beginnende wissenschaftlich-kritische Auseinandersetzung mit den Texten hilft uns dabei, die Dinge auseinander zu halten, die sp\u00e4teren von den fr\u00fcheren Teilen zu trennen, und passendere \u00dcbersetzungen von schwierigen und mehrdeutigen W\u00f6rtern zu finden. Ein zunehmendes historisches Verst\u00e4ndnis der sozialen, politischen, religi\u00f6sen und philosophischen Bedingungen, die zu Buddhas Lebzeiten und seither vorherrschten, erleichtert es uns zudem, die Texte und ihre Ver\u00e4nderungen als Reaktion der jeweiligen Autoren auf ihre konkreten historischen Umst\u00e4nde zu verstehen, und nicht als kontextfreie zeitlose Wahrheiten. Auch Buddha als Person stellt sich so nicht als religi\u00f6ser Messias dar, sondern vielmehr wie einer jener griechischen Philosophen, die in etwa seine Zeitgenossen waren und sich ebenfalls mit menschlichen Schwierigkeiten in turbulenten Zeiten besch\u00e4ftigt haben.<\/p>\n<p>Ziel ist es also, all jene Lehren zu identifizieren und in den Sprachen unserer Zeit auszudr\u00fccken, bei denen es sich vermutlich um origin\u00e4re Ideen Buddhas handelt, und nicht um allgemeines Gedankengut seiner Zeit, d.h. nichts, das nicht genau so gut von einem brahmanischen Priester oder Jain-M\u00f6nch Indiens im f\u00fcnften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gesagt h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Wenn man so vorgeht, bleibt interessanterweise nicht nur ein fragmentarisches und verst\u00fcmmeltes Sammelsurium \u00fcbrig, sondern ein ad\u00e4quater ethischer, philosophischer und praktischer Rahmen von Empfehlungen f\u00fcr das Leben in dieser Welt. Auch wenn in der Geschichte verschiedenste Personen zu \u00e4hnlichen Ergebnissen in manchen Bereichen gekommen sind, ist gerade die Reichhaltigkeit an konkreten, praktischen \u00dcbungsanleitungen zur Ethik und zum Geistestraining nach wie vor ein guter Grund, sich ausgerechnet mit den Lehren dieses Inders auseinanderzusetzen, der zweieinhalbtausend Jahre vor uns gelebt hat. S\u00e4kularer Buddhismus bedeutet letztlich, etwas zu tun, nicht etwas zu glauben.<\/p>\n<p>An dieser Stelle soll explizit darauf hingewiesen sein, dass jede Auswahl der Lehren, wie immer sie im Detail auch aussieht, wieder die von Buddha formulierten Charakteristika des Lebens aufweist: Sie ist bedingt entstanden, wird immer unvollkommen sein, und hat keinen festen Kern. Letztlich kann und soll sie auch f\u00fcr jede und jeden anderes aussehen. Speziell gilt es auch, nicht in die Falle des Fundamentalismus zu tappen und zu glauben, man k\u00f6nnte genau das ausw\u00e4hlen, was Buddha \u201ewirklich\u201c gelehrt oder \u201ewirklich\u201c gemeint hat. Das werden wir bei allem wissenschaftlichen Bem\u00fchen nie wissen, wir k\u00f6nnen es bestenfalls erahnen. Ganz im Sinne des italienischen Philosophen Gianni Vattimo entsteht der Wert der Lehren erst durch die \u201eProduktivit\u00e4t der Interpretation\u201c, durch das in Beziehung Setzen mit, und das Anwenden in, unserer ganz konkreten, ganz pers\u00f6nlichen Situation. Es ist nicht entscheidend, ob es sich um \u201edie Wahrheit\u201c handelt, die immer und f\u00fcr alle und in jeder Situation gilt, sondern ob sie als Gebrauchsanleitung f\u00fcr das Leben f\u00fcr uns funktioniert oder nicht.<\/p>\n<p>Spannenderweise ist in der heutigen Zeit eine Reihe von Leuten dabei, solche Gebrauchsanleitungen f\u00fcr das Leben aus dem Pali-Kanon zu destillieren. Als einer davon wollen wir uns im Folgenden an jener orientieren, die Stephen Batchelor formuliert hat und deren Kernpunkte sind: (1) das Prinzip der Bedingtheit, (2) der Prozess der vier Aufgaben, (3) die Praxis der Achtsamkeit, und (4) der Primat der Eigenst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-217 aligncenter\" alt=\"Alles ist verbunden\" src=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/P1010850.jpg\" \/><\/p>\n<h2>\u00a0Prinzip der Bedingtheit<\/h2>\n<p>Wie zahlreiche Passagen im Pali-Kanon belegen, vermeidet Buddha kategorisch, Aussagen \u00fcber die Natur der Welt zu machen, so wie: Ist das Universum endlich oder unendlich, ewig oder nicht? Sind Geist und K\u00f6rper dasselbe oder verschieden? Existiert man nach dem Tod weiter oder nicht, oder weder noch, oder beides? Buddhas zentrale Lehre, jene der Bedingtheit bzw. des bedingten Entstehens, erscheint auf den ersten Blick wie eine solche metaphysische Aussage. Und in der Tat bezieht sich das Prinzip der Bedingtheit auf alle Ph\u00e4nomene. Im Gegensatz zu fr\u00fcheren vedischen und brahmanischen Traditionen, und auch dem Christentum und sogar manchen sp\u00e4teren buddhistischen Str\u00f6mungen, kann es f\u00fcr Buddha jedoch gar nichts geben, das vom sonst allgemein akzeptierten Prinzip der dauernden Ver\u00e4nderung und Bedingtheit ausgenommen, also unver\u00e4nderlich und unbedingt, ist, wie beispielsweise eine Seele oder Gott. Aber die metaphysischen Implikationen sind quasi nur nebens\u00e4chlich, es geht Buddha hier in erster Linie um das Erfahren von, und die Arbeit mit, Bedingtheit am eigenen Leib, und genau genommen im Prozess der Wahrnehmung.<\/p>\n<p>Sehr minuti\u00f6s hat Buddha beobachtet und beschrieben, wie unser Erleben jedes einzelnen Sinneseindrucks und unsere Reaktion darauf bedingt sind von den Mustern, die wir uns im Laufe unseres Lebens durch zahllose Wiederholungen angeeignet haben, und die ganz automatisch und blitzschnell ablaufen. Wie wir heute wissen, ist das ein ganz normaler Mechanismus, der sich beim Menschen im Lauf der Evolution herausgebildet hat, f\u00fcr das Individuum im t\u00e4glichen Leben sehr n\u00fctzlich ist, und letztlich (bisher) auch zum \u00dcberleben der Spezies beigetragen hat. Allerdings hat er auch Nebenwirkungen: Wir vereinfachen sehr stark und nehmen die dauernde Ver\u00e4nderung, die Prozesshaftigkeit und die gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit aller Ph\u00e4nomene nicht mehr wahr. Wir entwickeln vielmehr eine starke Tendenz zur Verdinglichung und Starrheit. Das f\u00fchrt unter Anderem dazu, dass wir uns als isoliertes und unver\u00e4nderliches Selbst erleben, das es aber so nicht gibt; dass wir dauernd Dingen nachjagen, von denen wir uns dauerhafte Befriedigung erhoffen, die aber nie eintritt; dass wir an Dingen festhalten, die sich nicht festhalten lassen.<\/p>\n<p>Das hat als ganz praktische Konsequenz, dass wir uns, den Menschen um uns, und der Umwelt das Leben unn\u00f6tig schwer machen. Die Erkenntnis Buddhas \u2013 lange vor der Entdeckung des Ph\u00e4nomens der Neuroplastizit\u00e4t &#8211; lautet aber: Diese Muster sind ver\u00e4nderbar. Wenn wir die Bedingungen \u00e4ndern, kommen auch andere Ergebnisse heraus, und wir k\u00f6nnen wiederum unsere eingefahrenen Reaktionen und Gewohnheiten \u00e4ndern. Und Buddha gibt uns Hinweise, wo wir zur Ver\u00e4nderung ansetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Prozess der vier Aufgaben<\/h2>\n<p>Wie wir unsere weniger hilfreichen Gewohnheiten \u00e4ndern k\u00f6nnen, hat Buddha ausf\u00fchrlich und detailreich erl\u00e4utert, wie viele Stellen des Pali-Kanons belegen. Eine Art Zusammenfassung davon stellen die vier Aufgaben dar, die in den buddhistischen Traditionen als die \u201eVier Edlen Wahrheiten\u201c bekannt sind. Diese Bezeichnung ist aber sehr irref\u00fchrend, weil sie Aussagen \u00fcber die Wirklichkeit suggeriert und gleichzeitig nach Glaubenss\u00e4tzen klingt, die nicht weiter hinterfragt werden. Wie aber die moderne Textkritik zeigt, ist das Wort \u201eWahrheit\u201c vermutlich erst nachtr\u00e4glich in die Texte eingebaut worden, wahrscheinlich um ihnen in der Auseinandersetzung mit religi\u00f6sen Glaubenssystemen mehr Gewicht zu verleihen. Es handelt sich aber vielmehr um Aufgaben, zu denen uns Buddha herausfordert, um unser Leben grundlegend zu \u00e4ndern. Es sind dies:<\/p>\n<h3>1.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sich auf das einlassen, was gerade passiert (dukkha)<\/h3>\n<p>Die meiste Zeit verbringen wir in einem Zustand, den man Alltagstrance nennen k\u00f6nnte, wir sind in Gedanken versunken oder lenken uns sonst auf irgendeine Weise ab, und eine Art Autopilot steuert uns durch unser Leben. Die erste Aufgabe fordert uns auf, da zu sein, wach zu sein, und wieder selbst am Steuer stehend durch Wind und Wetter des Lebens zu segeln. Das ist nicht immer nur angenehm, aber wenn wir etwas \u00e4ndern wollen, m\u00fcssen wir \u00fcberhaupt erst einmal mitbekommen, was eigentlich gerade passiert. Sich angenehmen Situationen zuzuwenden, f\u00e4llt uns ja noch relativ leichter, obwohl auch hier die Reizschwelle immer h\u00f6her wird, und auch angenehmen Erfahrungen schon der Samen einer gewissen Frustration \u00fcber ihr Ende innewohnt. Noch herausfordernder ist es aber bei offensichtlich unangenehmen und schmerzlichen Erfahrungen, und auch auf diese gilt es sich einzulassen. Letztlich kann man negativen Erfahrungen nicht entkommen, und gerade sie und die Suche nach einem guten Umgang mit ihnen sind oft die Motivation, sich \u00fcberhaupt erst mit einer Lebenspraxis zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<h3>2.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das Verlangen loslassen (samudaya)<\/h3>\n<p>Wenn wir einmal unser Verhalten genau beobachten, dann k\u00f6nnen wir feststellen, dass wir auf angenehme (biologische) Impulse mit Verlangen reagieren, und auf unangenehme mit Ablehnung oder Verdr\u00e4ngung. Diese Prozesse laufen meist sehr schnell und automatisch ab, und wir glauben, wir k\u00f6nnten gar nicht anders reagieren. Mit etwas \u00dcbung k\u00f6nnen wir uns aber sehr wohl eine gewisse Freiheit von diesen Automatismen erarbeiten, und diese Aufgabe fordert uns dazu auf.<\/p>\n<h3>3.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Das Stoppen erfahren (nirodha)<\/h3>\n<p>Wenn wir kontinuierlich am Unterbrechen unserer Automatismen arbeiten, k\u00f6nnen wir Momente erleben, in denen wir nicht verwirrt oder von unseren Begierden oder Aversionen getrieben sind. In diesen Momenten des Ausstiegs aus dem mentalen Hamsterrad k\u00f6nnen wir dem Leben wirklich unvoreingenommen begegnen und es aktiv und kreativ, und nicht nur reaktiv, gestalten.<\/p>\n<h3>4.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Einen Lebensweg gestalten (magga)<\/h3>\n<p>Die vierte Aufgabe ist es, solche Momente der Freiheit mehr und mehr auszudehnen und in alle Lebensbereiche hinein zu tragen, und umgekehrt sein Leben so zu gestalten, dass die Bedingungen f\u00fcr diese Erfahrungen geschaffen werden.<\/p>\n<h2>\u00a0Praxis der Achtsamkeit<\/h2>\n<p>Buddhas spezifische \u00dcbung, um mit den vier Aufgaben zu arbeiten, ist die Praxis der Achtsamkeit. Achtsamkeit hat viele verschiedene Aspekte, beginnt aber gewisserma\u00dfen bei der Konzentration auf das, was man gerade macht. Das bedeutet, sich immer wieder daran zu erinnern, dass man auch pr\u00e4sent sein k\u00f6nnte, anstatt sich in Gedanken und Tagtr\u00e4umen zu verlieren. Wenn man von diesen fortgetragen wird, ist die \u00dcbung, sie immer wieder loszulassen und zur Konzentration auf die momentane T\u00e4tigkeit zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Die traditionelle Methode zur Schulung der Achtsamkeit ist die Meditation, bei der die Komplexit\u00e4t allt\u00e4glicher Lebenssituationen soweit reduziert wird, auf z.B. nur Sitzen und Konzentration auf den Atem, sodass es leichter m\u00f6glich wird, Achtsamkeit zu entwickeln und \u00fcber l\u00e4ngere Zeit zu halten. Meditation an sich ist aber nicht das h\u00f6chste Ziel der Praxis, wozu sie in den verschiedenen Traditionen \u2013 und besonders im Westen \u2013 oft stilisiert wird, sie ist vielmehr einfach eine Art Trockentraining, das es erm\u00f6glichen soll, dass wir dann auch den Turbulenzen des Lebens mit einem achtsamen Geist begegnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Insbesondere sind einzelne ungew\u00f6hnliche Erfahrungen, die in der Meditation auftreten k\u00f6nnen, wie das Erleben einer Einheit mit dem Universum oder einer Einsicht in das Absolute, die von manchen buddhistischen Schulen fast schon gewaltsam forciert werden, f\u00fcr Buddha keine \u201eErleuchtung\u201c. Sein Aufwachen definiert er vielmehr als komplexe Reihe von vielen kleinen, aber wiederholten, eng miteinander verbundenen Fortschritten in den vier Aufgaben, die auf der Basis der Achtsamkeit erfolgen k\u00f6nnen. Dies deckt sich auch mit den Erkenntnissen der modernen Neurowissenschaft, nach denen Neuroplastizit\u00e4t, also die Ausformung neuer oder anderer \u201eVerdrahtungen\u201c im Hirn, nur durch h\u00e4ufige Wiederholung erreicht werden kann.<\/p>\n<h2>Primat der Eigenst\u00e4ndigkeit<\/h2>\n<p>Klarerweise m\u00fcssen wir den Weg der vier Aufgaben selber gehen, wenn wir das wollen. Auch der gr\u00f6\u00dfte Guru kann das nicht f\u00fcr uns tun. Daher hat Buddha immer die Selbstverantwortung betont und seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aufgefordert, auch seine Lehren kritisch zu hinterfragen. Am Ende seines Lebens hat es Buddha abgelehnt, einen Nachfolger zu bestimmen und eine Tradition zu begr\u00fcnden. Vielmehr ermunterte er seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dazu, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.<\/p>\n<p>Dass sich nach seinem Tod dennoch Traditionen mit Autorit\u00e4ten und letztlich auch Machtstrukturen entwickelt haben, ist fast schon ironisch und zeugt wohl vom tief verwurzelten Drang in uns, Verantwortung abzuschieben. Ein s\u00e4kularer Buddhismus versucht jedoch, diesem Drang zu widerstehen und keine Schulen und Autorit\u00e4ten zu begr\u00fcnden und vielmehr jede und jeden dabei zu best\u00e4rken, selbst die Verantwortung f\u00fcr ihr oder sein Leben zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz ist es nicht immer leicht das zu tun, und wir k\u00f6nnen jede Unterst\u00fctzung brauchen, die sich uns bietet. Deshalb hat Buddha auch so die Bedeutung der Freundschaft hervorgehoben, die Unterst\u00fctzung (mehr oder weniger) Gleichgesinnter, aber allerdings immer auf gleicher Augenh\u00f6he.<\/p>\n<h2>Was ist der Zweck von s\u00e4kularem Buddhismus und diesem Blog?<\/h2>\n<p>Ein s\u00e4kularer Buddhismus und damit auch dieser Blog m\u00f6chten zur Entwicklung individueller Formen von Lebenspraxis ermuntern und beitragen. Eine individuelle Form von Praxis entsteht immer dann, wenn der Aufl\u00f6sung eines pers\u00f6nlichen existenziellen Dilemmas Vorrang gegeben wird vor dem Zwang, einer buddhistischen oder sonstigen Orthodoxie entsprechen zu m\u00fcssen. Es ist ein Prozess der (Wieder-)Gewinnung von pers\u00f6nlicher Autorit\u00e4t durch Befreiung von kollektiven Glaubenssystemen.<\/p>\n<p>S\u00e4kularer Buddhismus soll nicht noch ein weiteres kollektives Glaubenssystem werden. Wenn Leserinnen und Leser hier Dinge finden, die sie zur Gestaltung ihrer pers\u00f6nlichen Praxis motivieren und sie dabei unterst\u00fctzen, dann ist das Ziel schon erreicht. Es geht uns nicht darum, eine Wahrheit zu verk\u00fcnden und diese zu verteidigen. Wir sind uns bewusst, dass Antworten auch im besten Fall immer nur tempor\u00e4re und kontextbezogene G\u00fcltigkeit haben k\u00f6nnen. Es geht uns vielmehr darum, den kritisch fragenden Geist zu kultivieren, wie auch den Gleichmut, um ohne das Halteger\u00fcst von vermeintlich letztg\u00fcltigen Antworten leben zu k\u00f6nnen. Wenn es also Kritikpunkte gibt, bitte diese nach Herzenslust zu \u00e4u\u00dfern. Wir wollen voneinander lernen und diese Plattform als Forum des freundschaftlichen Austausches \u00fcber diese Themen nutzen, und als eine M\u00f6glichkeit, dass sich Gleichgesinnte auch zu gemeinsamer Praxis zusammenfinden k\u00f6nnen. Gleicherma\u00dfen verstehen wir uns selbst nicht als Sprachrohr einer Schule oder einzelner Denkerinnen oder Denker, deren oder dessen Erkenntnisse wir unreflektiert \u00fcbernehmen w\u00fcrden. Dennoch sch\u00e4tzen wir die Inspiration durch und die Auseinandersetzung mit der Arbeit von Pionieren eines s\u00e4kularen Buddhismus wie Martine und Stephen Batchelor, John Peacock, Stephen Schettini, und anderen au\u00dferordentlich, aber auch Kritikern wie Alan Wallace oder Bikkhu Bodhi. Wie diese paar Namen zeigen, findet diese Arbeit aber bisher fast ausschlie\u00dflich im englischsprachigen Raum statt. Wir w\u00fcrden gerne einen Beitrag dazu leisten, dass sie auch im deutschsprachigen Raum eine breitere Basis findet.<\/p>\n<p>Wir wollen uns auch von anderen, nicht-buddhistischen Quellen inspirieren lassen. Das k\u00f6nnen Erkenntnisse aus der aktuellen Bewusstseins- und Hirnforschung sein, der Psychologie oder westliche philosophische \u00dcberlegungen. Und hier gibt es spannende und gegenseitig befruchtende Entwicklungen: Zwar sehen wir erst die Anf\u00e4nge, aber es gibt immer mehr Ergebnisse aus der wissenschaftlichen, und speziell der neurowissenschaftlichen, Erforschung der Auswirkungen von meditativer Praxis. Und auch die Psychologie nimmt Anregungen aus der Achtsamkeitspraxis in Methoden wie Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) oder Mindfullness-Based Cognitive Therapy (MBCT) auf, und dokumentiert umgekehrt eine F\u00fclle von Erfahrungen und Datenmaterial, die unsere pers\u00f6nliche Praxis bereichern k\u00f6nnen. Und auch in der Philosophie gibt es \u00dcberschneidungen, die zunehmend diskutiert und erforscht werden: So gab es schon im alten Griechenland ganz praktische Philosophen wie Epikur oder Pyrrho, deren Lehren Parallelen zu jenen Buddhas aufweisen (und m\u00f6glicherweise sogar von diesen beeinflusst waren), ebenso im alten Rom bei Denkern wie Seneca oder Marc Aurel. Aber auch in der j\u00fcngeren Geschichte gibt es in der Philosophie seit Nietzsche \u00fcber Heidegger bis hin zu amerikanischen Pragmatikern wie Rorty ganz unabh\u00e4ngige Entwicklungen, die zu \u00e4hnlichen Teilergebnissen kommen wie Buddha. In einzelnen Beitr\u00e4gen wollen wir uns mit vielen dieser unterschiedlichen Aspekte auseinandersetzen und diese weiter vertiefen.<\/p>\n<p>Alles ist uns willkommen, was die Zuwendung zum Leben und kreatives Engagement damit f\u00f6rdert, was die Pr\u00e4zision im Erleben wie im Denken sch\u00e4rft, und was letztlich der Kultivierung von Freundlichkeit und Verstehen dient.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00e4kularer Buddhismus\u00a0versucht eine radikale Neuinterpretation der \u00fcberlieferten Lehren Buddhas in der und f\u00fcr die heutige s\u00e4kulare Gesellschaft. Radikal insofern, dass nicht einfach eine oder mehrere der bestehenden buddhistischen Schulen mit all ihren Traditionen in ein moderneres Gewand gekleidet werden, sondern dass die vermutlich zentralen und origin\u00e4ren Ideen des historischen Buddha mittels kritischer Analyse der althergebrachten &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/?page_id=30\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eWas ist s\u00e4kularer Buddhismus?\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"page-templates\/full-width.php","meta":{"_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/30"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30"}],"version-history":[{"count":22,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/30\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35,"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/30\/revisions\/35"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.saekularerbuddhismus.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}